# taz.de -- Bremer V-Mann-Skandal: Wie Spiegel und CDU die Gewaltenteilung angreifen
> Medien und Politik drängen in Bremen einen linken Rechtsanwalt zum
> Rücktritt von seinem Amt als stellvertretender Richter. Der hatte nur
> seine Arbeit gemacht.
(IMG) Bild: Aktionen wie diese vor dem ehemaligen Hamburger Kohlekraftwerk Moorburg gehen auf das Konto der Interventionistischen Linken
Wie war das mit der Gewaltenteilung und der Unabhängigkeit der Justiz? Im
rot-grün-rot regierten Bremen [1][wird dieser Verfassungsgrundsatz gerade
trumpmäßig als Auslegungssache] interpretiert: Exekutive und Legislative
greifen beherzt in die Judikative ein, unterstützt von Medien, die auch als
„vierte Gewalt“ bezeichnet werden, weil sie die anderen drei kontrollieren
sollen. Von Kontrolle kann gerade keine Rede sein, von Gewalt umso mehr.
Was ist passiert? Alle Fraktionen der Bremischen Bürgerschaft sowie [2][der
Präsident des Senats], der Volljurist Andreas Bovenschulte, hatten einen
Bremer Rechtsanwalt gedrängt, von seinem Ehrenamt als stellvertretender
Richter am Bremer Staatsgerichtshof, dem Landesverfassungsgericht,
zurückzutreten. Anatol Anuschewski, Fachgebiet Migrationsrecht, kam dem am
Dienstag nach. Zuvor hatten Medien sechs Tage atemlos über seinen „Fall“
berichtet, ohne die Lesart der Bremer CDU infrage zu stellen. Die tut so,
als sei der Staatsgerichtshof mit Anatol Anuschewski von Linksextremisten
unterwandert.
Auf die Idee gebracht hatte sie ein Artikel des [3][Spiegel] von
vergangener Woche. In diesem geht es um die mutmaßliche Anwesenheit des
Rechtsanwalts bei der Enttarnung eines Mannes, der für den
Verfassungsschutz mehr als acht Jahre Bremer linke Gruppen ausspioniert
haben soll, darunter die Interventionistische Linke (IL).
Deren Mitglieder konfrontierten den V-Mann am 6. Januar in seiner Wohnung
mit ihrem Verdacht, den er bestätigte, wie sie auf ihrer [4][Website]
schreiben. Die IL ist ein bundesweiter Zusammenschluss von „radikalen
Linken“, die den Kapitalismus nicht verbessern, sondern abschaffen wollen.
Sie beteiligen sich an Protesten gegen Kohleabbau, setzen sich für
Geflüchtete und gegen Nazis ein.
Weil sie zwar nicht zu Gewalt aufruft, diese aber auch nicht pauschal
ablehnt, nennt der Bremer Verfassungsschutz die IL „gewaltorientiert“. Eine
Beteiligung an Straftaten kann er der Gruppe nicht nachweisen, auch nicht
nach jahrelangem Einsatz des V-Manns. Zu wie viel Gewalt jede Person, die
schon einmal ein IL-Plenum besucht hat, bereit wäre, ist aber nicht
entscheidend für den Vorwurf, den zuerst der Spiegel Anatol Anuschewski
gemacht hat. Das Medium skandalisiert, dass er bei der Konfrontation des
V-Manns dabei gewesen sein könnte.
## Verstoß gegen die Schweigepflicht
Gesteckt hatte das vermutlich der Verfassungsschutz zwei
Spiegel-Journalisten, als Rache für den aufgeflogenen Spitzel. Die beiden
hatten Anuschewski nach eigener Darstellung in seiner Kanzlei heimgesucht
und Auskunft begehrt über seine Rolle bei der Enttarnung. Und was macht ein
Anwalt, der ohne Einverständnis der Mandant:innen über sie reden soll?
Genau, er hält die Klappe, weil ein Verstoß gegen die Schweigepflicht eine
Straftat wäre.
Aber die Bremer Politiker:innen nehmen ihm nicht krumm, dass er sich
ans Strafgesetzbuch gehalten hat, sondern vielmehr die Auswahl seiner
Mandanten. Das wiederum alarmierte Jurist:innen aus Bremen und anderen
Orten.
In gleich drei offenen Briefen warnten sie am Dienstag davor,
Rechtsanwält:innen vorzuschreiben, wen sie zu vertreten haben – denn
das wäre [5][ein Verfassungsbruch]. Weil sie ihre anwaltliche
Unabhängigkeit in Bremen für gefährdet hält, trat am Donnerstag eine
weitere stellvertretende Richterin am Staatsgerichtshof zurück, die
Fachanwältin für Strafrecht [6][Lea Voigt] aus einer der renommiertesten
Kanzleien der Stadt.
Die Bremer CDU hat unterdessen Misstrauensanträge gegen die beiden linken
Senator:innen in der Regierung gestellt, weil die Linke Anatol
Anuschewski zwar jetzt auch den Rücktritt nahegelegt, ihn aber 2019 für das
Amt des Verfassungsrichters vorgeschlagen hatte. Das geht sogar den
Rechtspopulisten vom Bündnis Deutschland im Landtag zu weit. Sie würden die
Anträge anders als die FDP nicht unterstützen, schreiben sie in einer
Pressemitteilung. Den Senatorinnen sei persönlich nichts vorzuwerfen.
13 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ablenkungsmanoever-im-V-Mann-Skandal/!6152220
(DIR) [2] https://www.weser-kurier.de/bremen/bremer-richter-in-v-mann-affaere-verwickelt-cdu-fordert-konsequenzen-doc84ghpzivdn91jsnw2gfs
(DIR) [3] https://www.spiegel.de/panorama/bremen-ex-mitglied-des-verfassungsgerichts-half-offenbar-bei-enttarnung-von-v-mann-a-068be66f-b60b-4ff0-b5f5-8fb906e8588c?giftToken=2c5c9167-e569-4e26-bf1d-adf1f4366c27
(DIR) [4] https://interventionistische-linke.org/beitrag/bremer-spitzel-enttarnt
(DIR) [5] https://verfassungsblog.de/bremen-staatsgerichtshof-enttarnung-v-mann/
(DIR) [6] https://strafverteidiger-bremen.de/rain-voigt-tritt-als-stellv-mitglied-des-staatsgerichtshofs-zurueck/
## AUTOREN
(DIR) Eiken Bruhn
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