# taz.de -- Verfassungsschutz überwachte Bremer IL: Ein psychisch instabiler V-Mann
       
       > Über sieben Jahre hat der Verfassungsschutz Bremens Interventionistische
       > Linke mit einem V-Mann bespitzelt. Die fordert die Abschaffung des
       > Dienstes.
       
 (IMG) Bild: Von Dîlan S. mit organisiert: Proteste gegen den AfD-Parteitag in Gießen im November 2025
       
       [1][Über sieben Jahre lang hat der Verfassungsschutz (VS) die Bremer
       Interventionistische Linke (IL) über einen V-Mann bespitzelt.] Es handelt
       sich um einen der größten Bespitzelungsfälle der letzten Jahre. Neben der
       IL sind weitere Gruppen wie Ende Gelände, Defend Kurdistan, aber auch die
       Linkspartei betroffen.
       
       Wie und warum der Verfassungsschutz Dîlan S. angesprochen hat, darüber
       können Katharina B. und Kati V. nur mutmaßen. Auch über die Frage, ob Dîlan
       S. ein Linker ist, überhaupt: Was an ihm echt war und was nicht. „Es ist
       eine krasse emotionale Betroffenheit“, sagt Kati V.
       
       Erst Anfang des Jahres hatten sie erfahren, dass Dîlan S. als V-Mann die
       Gruppe bespitzelt hatte. „Wir sind zu ihm nachhause gefahren und haben ihn
       mit den Vorwürfen konfrontiert“, sagt Kati V. Er habe seine
       Spitzel-Tätigkeit bestätigt, allerdings nicht erklären können, warum.
       Seitdem gebe es keinen Kontakt mehr, die Telefonnummer von Dîlan S. ist
       abgeschaltet. Vermutlich ist er weggezogen. Vermutlich wird es nie eine
       Antwort auf die Frage geben, warum Dîlan S. seine engsten Freund*innen
       über Jahre hinweg ausspioniert hat.
       
       Was sie bei der IL wissen: Dîlan S. hat sich alle zwei bis vier Wochen für
       oft mehrstündige Gespräche mit dem Verfassungsschutz getroffen. Er hat Geld
       bekommen, mindestens 500 Euro im Monat, vermutlich deutlich mehr. Und er
       wurde vom VS unter Druck gesetzt. Dîlan S. ging es nicht gut mit der
       Arbeit. Er litt unter Angststörungen und Panikattacken, die er selber in
       dem Konfrontationsgespräch auf seine Bespitzelungstätigkeiten zurückgeführt
       habe. Er war in Therapie. Dabei ist psychische Stabilität eine rechtliche
       Voraussetzung dafür, überhaupt als V-Person arbeiten zu dürfen.
       
       ## Bespitzelung in allen Lebensbereichen
       
       „Dîlan hatte wirklich viele extrem enge Beziehungen innerhalb der Gruppe“,
       so Kati V. „Seine engen Freund*innen, das waren wir.“ Er habe mit den
       Menschen, die er bespitzelt hat, zusammengelebt. Habe freundschaftliche,
       aber auch romantische und sexuelle Beziehungen mit ihnen geführt. Habe viel
       eingefordert an Emotionalität, regelmäßig den Austausch über
       Therapieerfahrungen, über Traumata gesucht. „Meine Traumatisierung liegt
       jetzt womöglich beim Verfassungsschutz. Das sind Infos, die darf nicht mal
       unsere Krankenversicherung haben.“
       
       Auch für den Verfassungsschutz gilt der Schutz des „Kernbereichs privater
       Lebensgestaltung“. Verdeckte Ermittler*innen und V-Personen dürfen
       intime Beziehungen nicht zur Informationsbeschaffung nutzen. Entstehen
       dennoch sexuelle oder romantische Beziehungen, muss der Einsatz beendet
       werden, [2][so ein Urteil von 2022.]
       
       Das [3][Verfassungsschutzgesetz] verbietet zudem, dass eine V-Person „die
       Zielsetzung oder die Tätigkeit des Beobachtungsobjektes entscheidend
       bestimmt“. Die IL versteht sich als basisdemokratisch, Entscheidungen
       werden nach Konsensprinzip getroffen. „Natürlich hat Dîlan mitentschieden.
       Er war ein aktiver Teil der Gruppe“, so Katharina B.
       
       ## Die Gruppe sammelte Geld für sein Fahrrad
       
       Er war mit dabei, als sie 2018 nach Chemnitz fuhren. [4][Dort war es zu
       Hetzjagden von gewalttätigen Neonazis auf Migrant:innen gekommen].
       [5][Die IL war Teil des Gegenprotests.] Dîlan S. hatte sein Fahrrad
       mitgenommen, es wurde ihm dort geklaut. Die Gruppe warf Geld zusammen,
       damit er sich ein neues kaufen konnte. „Wir dachten, dass er kein Geld
       hat“, so Katharina B. Dîlan S. arbeitete zu diesem Zeitpunkt bereits für
       den Verfassungsschutz.
       
       Dîlan S. war 2024/25 an der Vorbereitung der Proteste gegen die AfD in
       Essen, Riesa und Gießen beteiligt. Dort hatte die IL [6][als Teil eines
       bundesweiten Bündnisses Gegendemonstrationen und Blockaden organisiert].
       Mit dabei war auch die Partei Die Linke, welche dadurch zumindest indirekt
       ebenfalls bespitzelt wurde.
       
       Zur selben Zeit wurde in der Bremer Zionsgemeinde das Kirchenasyl
       verteidigt: Über hundert Menschen, darunter Gemeindemitglieder,
       Nachbar*innen, aber eben auch die IL, folgten der Einladung eines Pastors
       und hielten über mehrere Wochen hinweg in einer Kirche Wache. [7][Damit
       verhinderten sie mehrere Abschiebungen erfolgreich.] Dîlan S. war dabei, er
       hat die Aktion mit organisiert.
       
       ## Wie sinnvoll ist der Verfassungsschutz?
       
       Chemnitz, Riesa, Gießen, die Zionsgemeinde: All das waren Formen des
       zivilen Ungehorsams, die so durchgeführt wurden, wie sie vorher angekündigt
       waren. „Diese offene Form der politischen Arbeit mittels V-Personen
       überwachen zu lassen ist absurd“, [8][heißt es in dem ausführlichen
       Statement der IL, in dem sie die Enttarnung öffentlich machen.]
       
       Die Bremer Innensenatorin Eva Högl (SPD) hatte kritisiert, dass die Gruppe
       den Vornamen und ein Foto von Dîlan S. veröffentlicht hatte. Die Enttarnung
       würde „Leib und Leben“ von Dîlan S. gefährden. Absurd, finden Katharina B.
       und Kati S. Schließlich sei es der Verfassungsschutz, der Dîlan S. über
       sieben Jahre lang in die Situation und an psychische Grenzen gebracht habe.
       
       Die Gruppe fordert die Abschaffung des Verfassungsschutzes. Auch wenn es um
       Nazistrukturen geht? „Alles, was wir über Nazis wissen, wissen wir entweder
       über antifaschistische Recherchen oder weil sie es eh offen tun“, sagt
       Katharina B.
       
       ## Linke fordert Aufarbeitung
       
       [9][Auch Linken-Fraktionschef Nelson Janßen kritisiert den Einsatz von
       V-Personen.] „Der Einsatz von V-Leuten hat die extreme Rechte eher
       stabilisiert als untergraben“, sagt er gegenüber der taz. Als Teil des
       parlamentarischen Kontrollgremiums für den Verfassungsschutz fordert er
       eine Aufarbeitung.
       
       Nur: Wie arbeitet man so einen Vertrauensbruch auf? „Es ist ein krasser
       Trauerprozess. Gleichzeitig passiert so viel auf der Welt“, sagt Kati V.
       Man wolle sich in seiner politischen Arbeit nicht aufhalten lassen.
       
       26 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Viele-Fragezeichen-rund-um-einen-enttarnten-V-Mann-in-Bremen/!6145196
 (DIR) [2] /Polizeigesetz-in-Mecklenburg-Vorpommern/!5909460
 (DIR) [3] https://www.transparenz.bremen.de/metainformationen/gesetz-ueber-den-verfassungsschutz-im-lande-bremen-bremisches-verfassungsschutzgesetz-bremverfschg-vom-17-dezember-2013-296586?asl=bremen203_tpgesetz.c.55340.de&template=20_gp_ifg_meta_detail_d
 (DIR) [4] /Hetzjagd-in-Chemnitz/!5978838
 (DIR) [5] https://interventionistische-linke.org/beitrag/dagegenhalten
 (DIR) [6] /Widersetzen-kuendigt-Blockaden-an/!6129831
 (DIR) [7] /Streit-ums-Kirchenasyl/!6076146
 (DIR) [8] https://www.interventionistische-linke.org/beitrag/bremer-spitzel-enttarnt
 (DIR) [9] https://www.dielinke-bremen.de/politik/presse/presse-detail/news/il-enttarnt-v-mann-linke-fordert-aufklaerung-und-stopp-der-v-leute-praxis/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Amanda Böhm
       
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       kritisch.