# taz.de -- Müttersterblichkeit in Somaliland: „Meine Klinik ist unter einem Baum“
       
       > In Somaliland hat Ifrah Yousuf schon viele Frauen sterben sehen. Die
       > Hebamme arbeitet daran, das zu verändern.
       
 (IMG) Bild: „Dass die Gesellschaft und dass Männer Frauen sterben lassen, das muss aufhören“, sagt Ifrah Yousuf aus Somaliland
       
       Als wir im Januar zum ersten Mal mit Ifrah Yousuf sprechen, wissen wir nur,
       dass sie Hebamme ist und in Somaliland lebt. „Ifrah muss unbedingt in
       dieses Netzwerk“, hatte die Abtreibungsaktivistin Ana Cristina González
       Vélez in Bogotà über ihre Freundin gesagt. „Ifrah ist unglaublich.“ Also
       kontaktieren wir sie und schilderten unser ambitioniertes Anliegen: Wir,
       eine Gruppe Journalistinnen aus Deutschland, wollten ein Netzwerk der
       Solidarität um die Welt spannen – und sie solle Teil davon sein.
       
       „Viele schwangere Frauen auf dem Land erhalten weder eine Vor- noch eine
       Nachsorge“, erklärt Yousuf bei unserem ersten Telefonat. Somaliland habe
       eine der höchsten Müttersterblichkeitsraten der Welt. Seit vier Jahren
       fahre sie zweimal wöchentlich raus aus der Hauptstadt Hargeisa, wo sie mit
       ihrer Familie wohnt. In den Dörfern setze sie sich neben ihr Auto und
       warte.
       
       „Ich sage immer: Meine Klinik ist unter einem Baum“, erzählt Yousuf. Alle
       Mütter und Kinder, die zu ihr kommen, versucht die 41-Jährige zu behandeln
       – immer kostenlos. Eine medizinische Behandlung könnten sich diese Frauen
       aus dem ländlichen Somaliland sonst nicht leisten, sagt Yousuf. Das Land im
       nördlichen Winkel des Horns von Afrika hat hohe Armutsraten und eine
       niedrige Lebenserwartung.
       
       Yousuf wird 1985 in unruhige Zeiten hineingeboren. Nach dem Ende der
       britisch-italienischen Kolonialherrschaft im Jahr 1960 wird Somalia
       autoritär regiert. Der damalige Diktator führt einen brutalen Krieg gegen
       die Bevölkerung im Norden. Viele Menschen flüchten in den Kriegswirren oder
       sterben, Yousuf und ihre Familie bleiben in Hargeisa. Als Somaliland 1991
       [1][einseitig seine Unabhängigkeit] erklärt, ist sie sechs Jahre alt. Sie
       beendet die Schule und lässt sich zur Hebamme ausbilden. Eigentlich wollte
       sie Ärztin werden, wie viele in ihrer Familie, doch das war damals nicht
       möglich. „Also war Hebamme das Nächstbeste.“
       
       ## Ausgerechnet Minnesota
       
       Nach dem Studium heiratet Yousuf, bekommt sechs Kinder, lässt sich
       scheiden. 15 Jahre arbeitet sie als Hebamme, als sie 2019
       Harvard-Studierende trifft und diese sie auf neue Gedanken bringen. Aus
       Neugier bewirbt sie sich auf ein Stipendium für einen zweiwöchigen
       Harvard-Intensivkurs und wird angenommen. In Boston überzeugt ein Professor
       sie, weiterzustudieren, und so beginnt Yousuf 2020 mit einem Stipendium ein
       Masterstudium in Globaler Hebammenhilfe – wegen Corona erst online aus
       Hargeisa, dann vor Ort in Boston. Es folgt ein Leadership-Kurs an der
       Harvard Kennedy School, dort lernt sie auch [2][Ana Cristina González Vélez
       kennen].
       
       Für ihre Masterarbeit beschäftigt sich Yousuf tiefergehend mit
       Müttergesundheit in Somaliland. Sie beginnt die ehrenamtliche Arbeit, die
       sie bis heute weiterführt. Von Anfang ist das ein Kraftakt. Vieles fehlt –
       Medikamente, Ausrüstung, auch Benzin, um überhaupt auf die Dörfer zu
       fahren. „Manchmal habe ich nur mein Wissen“, sagt Yousuf. Aber die
       Verbindung, die sie dafür mit anderen Frauen habe, sei etwas wirklich
       Gutes.
       
       „Wir müssen unbedingt eine Reportage über Ifrah Yousuf machen“, beschließen
       wir nach diesem Telefonat. In den nächsten Wochen wird alles in die Wege
       geleitet, Reporterin und Fotograf sind organisiert. Doch dann kommt es
       anders. Wegen eines Krankheitsfalls in ihrer Familie muss Yousuf in die USA
       reisen. Und so bleiben uns nur weitere Telefonate.
       
       Das nächste Mal, als wir mit Yousuf sprechen, ist sie in Minnesota, USA.
       Ausgerechnet. Zu dieser Zeit Mitte Februar sind die brutalen Übergriffe des
       Immigration and Customs Enforcement (ICE) noch in vollem Gang. Während wir
       uns zu einem Telefonat über Solidarität verabreden, werden draußen Menschen
       aus ihren Autos gezogen, [3][zwei werden erschossen]. Doch auch auf den
       Straßen Minnesotas gibt es Solidarität: Menschen, die mit Trillerpfeifen an
       Straßenecken stehen und ihre Nachbar:innen warnen.
       
       ## „Das muss aufhören“
       
       Yousuf wohnt bei ihrer Cousine. „Ich habe Angst rauszugehen, wenn ich nicht
       im Krankenhaus bin, bleibe ich zu Hause“, sagt sie am Telefon, sie klingt
       abgekämpft. Gegen Menschen wie Yousufs Cousine hetzt Donald Trump,
       bezeichnet somalische Migrant:innen als „Müll“.
       
       Bei unserem dritten Telefonat sprechen wir wieder länger. Auch über das,
       was sich nicht so leicht erzählen lässt. Darüber, wie sie sich finanziert.
       Dreimal habe sie Spenden einer philanthropischen Organisation erhalten,
       doch richtig nachhaltig sei das nicht. Im Moment überlege sie, wie sie ihre
       Arbeit auf sichere Beine stellen kann. Auch die in Ostafrika vormals
       weitverbreitete weibliche Genitalverstümmelung kommt zur Sprache. Alle
       Frauen über 30 Jahren, die sie behandle, seien genital verstümmelt, sagt
       Yousuf. Ihre ansonsten ganz ruhige Stimme wird aufgebracht: „Das ist wie
       jemanden umbringen, sie schneiden alle Nerven weg, jegliches Gefühl.“ Die
       Situation werde langsam besser, statt wie früher 90 Prozent seien heute 30
       bis 40 Prozent der Mädchen betroffen.
       
       In der Leitung wird es kurz still, im Hintergrund sind Stimmen zu hören.
       Schließlich reden wir noch darüber, was Yousuf antreibt. „Ich habe so viele
       Frauen sterben sehen, die sechs, acht Kinder zurücklassen. Ich will nicht,
       dass das so weitergeht.“ In ihrer Stimme ist Wut und Nachdruck. „Dass die
       Gesellschaft und dass Männer Frauen sterben lassen, das muss aufhören.“
       
       Ende März will Ifrah Yousuf nach Somaliland zurückkehren.
       
       6 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Was-ist-die-Republik-Somaliland/!6141400
 (DIR) [2] /Abschied-einer-Abtreibungsrechtlerin/!6153079
 (DIR) [3] /Die-USA-unter-Trump/!6146959
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Amelie Sittenauer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Feministaz
 (DIR) Feminismus
 (DIR) Solidarität
 (DIR) Somaliland
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Hebamme
 (DIR) GNS
 (DIR) Feministaz
 (DIR) Solidarität
 (DIR) wochentaz
 (DIR) Feminismus
 (DIR) Programmieren
 (DIR) Social-Auswahl
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Forscherin über Netzwerke: „Wir sind anderen viel näher, als wir denken“
       
       Im Wissen über Netzwerke steckt viel Macht, sagt die Datenwissenschaftlerin
       Fariba Karimi. Wie die Geflechte funktionieren und wie sie diverser werden.
       
 (DIR) Editorial der feministaz: Die Macht eines solidarischen Netzwerks
       
       In Zeiten, in denen Kriege und Krisen wie eine unausweichliche Folge von
       Ereignissen erscheinen, gilt es die zu stärken, die dem entgegenwirken.
       
 (DIR) Zwischen dem Oman und der Welt: Mit Mammas Flügeln
       
       Oman ist nur eine von vielen Stationen im Leben der Italienerin Maria
       Caterina Marra. Das verdankt sie auch ihrer Mutter, die sich zu wehren
       wusste.
       
 (DIR) Abschied einer Abtreibungsrechtlerin: „Schön, dass Sie weiter für uns kämpfen“
       
       Vom Aktivismus für reproduktive Rechte in Kolumbien zur UN in Panama: Ana
       Cristina González Vélez verlässt die Bewegung – für neue große Ziele.
       
 (DIR) Coding-Projekt in Geflüchtetencamps: „Ich möchte, dass eine Million Mädchen Programmieren lernen“
       
       Lady Mariéme Jamme und Chelia Rose Clement wissen, wie eine Kindheit ohne
       Chancen ist. Ihre Mission: Mädchen Zugang zu Technik und Wissen schaffen.
       
 (DIR) Frauenrechtsaktivistin aus Mogadischu: „Wir wurden beschimpft, auch von Frauen“
       
       Muna Ali Abdillahis Vater bestärkte sie schon als Kind, sich für ihre
       Rechte einzusetzen. Die Krankenpflegerin aus Mogadischu spricht über Gewalt
       gegen Frauen.