# taz.de -- Kiezcafé in Kreuzberg: „Jammern ist nicht“
> Karin Lücker-Aleman verliert nicht viele Worte. Dafür packt sie umso mehr
> an. Heute reicht ihre Solidarität von ihrem Café aus in die ganze Welt.
Karin Lücker-Aleman traut sich. Ständig hat sie in ihrem Leben
Entscheidungen getroffen, Experimente gewagt, ist ins Risiko gegangen.
Immer im Zeichen der Solidarität mit anderen. Passend also, dass sie nun
auch der Anfang einer kleinen feministischen Weltreise ist.
Seit 2010 betreibt Lücker-Aleman das Café Madame in Berlin-Kreuzberg. Vor
Kurzem hat sie ihren 70. Geburtstag gefeiert. Kaum einer nennt sie bei
ihrem Nachnamen, bekannt ist sie als Karin. Täglich kommt sie ins Café,
kümmert sich um Bestellungen, die Buchhaltung und um die Gäste natürlich.
„Ohne Karin geht hier nichts“, erzählen die Leute, die hinterm Tresen
stehen. Und dass sie immer ein offenes Ohr hat, wenn gerade was nicht
passt. Selbst für die irrsten Lebenslagen, wenn manchmal einfach gar nichts
mehr geht.
Ob sie Feministin ist? Den Begriff würde Karin für sich eigentlich nicht
benutzen. Sie habe sich nie in die feministische Bewegung eingereiht, sagt
sie. „Aber bestimmte Sachen sind einfach klar.“ Gewalt gegen Frauen geht
überhaupt nicht. Gleicher Lohn für Frauen und Männer? Muss
selbstverständlich sein. Und natürlich soll man all denen zur Seite stehen,
die von männlicher Dominanz betroffen sind. „Du agierst, wie du agierst,
und überlegst dir nicht – jetzt bin ich solidarisch – sondern du machst
halt die Sachen, die du machst“, sagt Karin.
Karin braucht keine Begriffe wie Solidarität oder Feminismus. Aber fragt
man sie nach Leuten, die sie für solidarisch hält, muss sie nicht lange
nachdenken. Da ist die eine, die in Berlin spanischsprachige Menschen
unterstützt, damit sie sich in Deutschland gut zurechtfinden. Oder die Frau
aus der [1][Nicaragua-Solidarität], die in Berlin immer noch weitermacht.
„Das ist lange her“, sagt Karin. Ihre Stimme rau, bestimmt und niemals
unfreundlich.
## Da ist der Betrieb, da sind die Gäste
Und dann fällt ihr Constanza Moreira ein. Eine Frau, die Karin aus einem
ganz anderen Leben kennt. Damals, vor rund 40 Jahren, war Karin zum ersten
Mal in Uruguay – später hat sie sogar eine Tango-Bar in der Hauptstadt
Montevideo eröffnet. Erst ging es um politische Projekte. Und dann, in der
Bar, wollten sie Räume für Diskussionen schaffen, für soziale Gerechtigkeit
einstehen – und natürlich Spaß haben nach Feierabend, mit dem sich
idealerweise auch noch Geld verdienen lässt. Dort haben sich auch Moreira
und Karin getroffen. „Wir haben viel diskutiert. Aber vor allem viel
gemacht“, erzählt sie. Constanza Moreira ging schließlich in die Politik,
Karin betreibt das Kiezcafé in Kreuzberg.
„Ja, das wäre wirklich schön, wenn wir uns wieder treffen würden“, sagt
sie, als sie erfährt, dass Moreira durch ihre Empfehlung tatsächlich
[2][Teil des Netzwerks geworden ist]. „Das war damals eine gute Zeit. Ganz
anders als jetzt.“ Warum? „Wir waren jung“, sagt sie, streicht sich die
Haare aus dem Gesicht und stützt sich auf dem Tisch ab. Heute schmerzt das
Bein mal wieder. Aber jammern ist nicht. Da ist der Betrieb, da sind die
Gäste.
„So wie immer“, sagt eine Frau Anfang 60. Rosa Hut, geblümter Schal, der
Rock reicht ihr bis zum Knöchel. So wie immer, wiederholt Karin leise. Die
Frau ist Stammgast im Café Madame. Laut ist sie manchmal, eine
DDR-Nostalgikerin, die zu jeder Nachrichtenlage ihre Meinung abgibt.
Während sie sich noch über Merz und Trump und überhaupt aufregt, bringt
Karin ihr ein gezapftes Bier. So wie immer eben.
Dass Karin einmal in der Gastronomie arbeiten würde, war quasi vorbestimmt.
Die Eltern betrieben verschiedene Gaststätten in Mühlheim an der Ruhr, wo
Karin aufgewachsen ist. „Als Kind musst du da auch mithelfen, auch bei
diesem komischen Sonntagsfrühschoppen.“ Sie sei damals eher schüchtern
gewesen und die Arbeit in der Kneipe habe ihr eigentlich keinen Spaß
gemacht. „Nur abends, da musste ich nicht ins Bett“, sagt sie und lacht.
Karin hat viele Sprünge gemacht in ihrem Leben. Nach dem Abitur in Mülheim
an der Ruhr wollte sie nicht im Ruhrgebiet bleiben, Bochum war keine
Option, also ging es nach Berlin. Mehr Luft zum atmen, weniger
Engstirnigkeit als in ihrer Heimat. Sie studierte Politikwissenschaften und
ging dann nach Nicaragua zur Brigade, so wie viele aus der linken
Lateinamerika-Bewegung in den 1980er Jahren. „Politisiert hat mich der
Putsch in Chile“, sagt Karin. [3][Das war am 11. September 1973]. Sie war
damals 18 Jahre alt.
Von Nicaragua nach Uruguay, dann nach Deutschland und wieder zurück. Sie
lebte mit dem Vater ihrer beiden Kinder, wurde dann alleinerziehend. Mit
einer akademischen Karriere hat sie es auch einmal versucht und eine
Doktorarbeit geschrieben, die aber nie veröffentlicht wurde. Und immer
wieder hat Karin Projekte gemacht und sich eingesetzt. Zum Beispiel für
sinnvolle Arbeitsplätze für Menschen in schwierigen Lebenslagen oder für
Lernwerkstätten für Kinder. Und sie hat genossenschaftliche Netzwerke für
fairen Handel gegründet.
## Spielregeln der parteipolitischen Machtarbeit
Karins Leben ist voller Aufbrüche, Umbrüche und Neuanfänge. Und bis heute
hat sie immer wieder mit Personen zu tun, die irgendwie nicht so richtig
passen zu den Anforderungen, die eine neoliberale Leistungsgesellschaft an
sie stellt. Ihr ist wichtig, dass diese Menschen wieder spüren, wie
wertvoll sie für die Gesellschaft sind. „Das sind Menschen, die irgendwie
anders aufgestellt sind und nicht einfach so Karriere machen können“, sagt
Karin. „Und die auch bestimmte Vorstellungen von Arbeit haben, von
solidarischer Arbeit.“
Weil sie sich politisch engagieren wollte, ist Karin bei den Grünen in
Berlin-Schöneberg eingetreten. „War auch eine ganz witzige Erfahrung, wobei
ich mich da halt auch nicht so verbiegen kann“, sagt sie heute, und meint
damit die Spielregeln der parteipolitischen Machtarbeit. Offiziell bekämpft
man den politischen Gegner – aber damit Allianzen entstehen, landet man am
Abend nach einer Sitzung dann doch gemeinsam in der Kneipe. Für Karin passt
das nicht zusammen. Bei den Grünen ist sie schon lange nicht mehr.
Insofern hat Karins Solidarität auch Grenzen. Und die sind für sie heute
wie so oft in ihrem Leben ganz praktischer Art. Als kurz vor Weihnachten
2025 ein Markt mit Kunsthandwerk und Kinderkarussell vor ihrem Café
aufgebaut wird, ist sie nicht die Erste, die ihre Türen öffnet, um die
Standmitarbeiter mit Strom zu versorgen. Jetzt sind mal andere dran, fand
Karin. „Mit Soli ist auch mal Schluss.“ Warum? Karin hat mit den
Zuständigen des Kiezes mehrfach den Austausch gesucht. Die sind zu
bürokratisch, sagt sie, mehr nicht. Vielleicht stimmt die Chemie nicht,
oder sie sind nicht in diesem Machermodus, in dem sich Karin Zeit ihres
Lebens befindet. Am liebsten verbündet sie sich jedenfalls mit denen, die
ehrlich sind. „Und lustig müssen sie sein, nicht so total ernst.“
Ihr Café liegt an einem Ort, den viele wohl als Brennpunkt bezeichnen
würden. „Wir haben jede Menge Durchgeknallte“, sagt sie. Karin meint das
liebevoll, weil sie die Menschen so nimmt, wie sie sind. Da ist die Frau,
die regelmäßig in einer Ecke des Cafés einschläft. Oder der Bäcker mit dem
Alkoholproblem, der guten Kuchen macht und Bilder malt. „Bisschen düster
alles. Aber schön“, sagt Karin.
Hier im Kiez, in den Wohnungen, die von außen alle gleich aussehen, leben
viele Menschen aus aller Welt. Und in den Abendstunden messen Jugendliche
lautstark ihre Kräfte. Karin kennt viele von ihnen, seit sie klein sind.
Manche haben in der Schule Probleme, finden keine Ausbildungsplätze, einige
haben [4][Jugendstrafen wegen Drogendelikten]. An diesem Abend nimmt eine
Gruppe junger Männer johlend einen in den Schwitzkasten, wenige Meter vom
Café entfernt. Soll man helfen? „Lass mal“, sagt Karin. „Die kennen sich.“
Karin ist eine Frau, die nicht viele Worte verliert. Und der man irgendwie
sofort vertrauen kann. Die jungen Männer laufen später an den Außentischen
des Cafés vorbei. Still sind sie und grüßen. Karin nickt ihnen zu und geht
wieder ins Café. Die Buchhaltung muss noch gemacht werden.
Karin ist eine, die gern eingebunden ist, die dabei sein will, wenn Dinge
geplant und besprochen werden. Damit sie ihre Türen öffnen kann. Ja, auch
für ihre Sache, für ihre Gruppen, denen sie einen Raum geben will. Da ist
zum Beispiel die Lateinamerika-Runde, die regelmäßig einen Filmabend
anbietet und über Menschenrechte in Chile oder [5][Argentinien] diskutiert.
Da kann es schon mal hitzig werden. Einig ist man sich in der Sache. Aber
wie – aus Berlin heraus – etwas Sinnvolles tun? Widerstand organisieren?
Kapitulieren und nie mehr zurückkehren? Karin schreitet nie ein. Die
Gespräche entsprechen an vielen Tagen etwa dem, was viele an einem
Arbeitstag mitten in der Woche mal brauchen: eine Möglichkeit Dampf
abzulassen. Bevor es am nächsten Tag wieder weitergeht. Am Schluss
verabschieden sich die Veranstalter mit Küsschen von ihr. Vertraut eben.
Man wird sich wiedersehen, ziemlich sicher schon in der kommenden Woche.
An einem Abend im Februar stellt Karin ein rotes Schweinchen auf einen
Tisch neben der Eingangstür. Spenden für die Veranstalter sollen da rein.
Es wird Poesie geben, Diskussionen und vor allem viel Schnaps. Den braucht
es vielleicht auch gerade, denn es soll an diesem Abend um die Ukraine
gehen, um den [6][4. Jahrestag der russischen Vollinvasion]. Doch zunächst
herrscht Chaos. Die Technik streikt, die Teilnehmer:innen machen nicht
so recht das, was die Moderatorin des Abends will. Etliche Gäste
diskutieren lieber draußen über den Krieg und das Leben, als drinnen still
auf den Beginn der Reden zu warten. „Wie soll es auch anders sein“, sagt
Karin. Während andere in Hektik ausbrechen, bleibt sie ruhig. „Ich stresse
mich nicht mehr. Das habe ich mein Leben lang gemacht.“ Und stapelt
gleichzeitig ein paar Stühle ab. Die, die müssen, sollen schließlich sitzen
können.
Von Karin aus zieht unser Netzwerk seine Fäden. Wir berichten ihr davon,
wie wir per Zufall – so will es das Konzept – bei einer „Superspreaderin“
gelandet sind, einer Person für die Austausch und Verbundenheit zum Job
gehört, deren Anliegen es ist, feministische Arbeit sichtbar zu machen.
Sambia, Kenia, Kanada sind jetzt mit dabei. Und in Kolumbien sind wir auch
schon. Von Kreuzberg aus in die weite Welt. Von Karin aus. Sie lächelt.
„Und wer kommt aus Kolumbien?“, fragt sie. Wir erzählen ihr von einer
Ärztin, die sich für das Recht auf Abtreibung einsetzt. „Klar.“
Und dann sprechen wir über Italien und darüber, wie die Frauen in ihrer
erweiterten Verwandtschaft eigentlich immer nur ans Putzen denken. Und dass
es dort doch vor allem die Frauen sind, die solidarisch im Dorf mit
anpacken, wenn es ein Fest gibt, oder die Kinder betreut werden müssen,
oder wenn heulende Mütter Trost brauchen, weil es Ärger mit ihrem Mann gab.
„Passiert ja alles gleichzeitig“, sagt Karin.
Eben. Eigentlich hat sie sich auch schon verabschiedet. Und taucht dann
nach wenigen Minuten doch wieder bei ihren Gästen auf. Der
Wohnungsschlüssel fehlt, und das um diese Uhrzeit. Sofort zücken zwei Leute
ihre Handys und rufen Bekannte an, die auch zu später Stunde an einem
Werktag noch eine Wohnungstür öffnen könnten. „Kein Problem, das kriegen
wir hin“, heißt es.
Und so ist es auch. Glücklicherweise taucht der Schlüssel wieder auf. Karin
kann sich auf ihre Gäste verlassen. Genau wie andersherum.
6 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Tanja Tricarico
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