# taz.de -- Feminismus in der Politik: „Geschlecht spielt leider sehr wohl eine Rolle“
       
       > Sanna Marin wurde 2019 mit 34 finnische Regierungschefin. Ein Partyvideo
       > sorgte für einen Skandal. Ein Gespräch über Solidarität in der Politik.
       
 (IMG) Bild: Wissen teilen und zusammen halten – nur so können wir uns gegen Antifeminismus wehren, findet Sanna Marin
       
       taz: Frau Marin, im Sommer 2022 dominierten Sie die Schlagzeilen, [1][weil
       Sie bei einer Party tanzten] und Alkohol tranken. Ärgert Sie das heute
       noch? 
       
       Sanna Marin: Meine sogenannten Skandale waren alle moralischer Natur. Also
       nichts wirklich Ernstes wie Machtmissbrauch oder Veruntreuung öffentlicher
       Gelder oder Ähnliches.
       
       taz: [2][Später sind Sie aber zurückgetreten]. 
       
       Marin: 2023 haben wir die Wahlen in Finnland verloren. Deshalb bin ich
       zurückgetreten.
       
       taz: Politik ist ein hartes Geschäft. Erfuhren Sie dennoch Solidarität
       während des Medienrummels? 
       
       Marin: Ja, zum Beispiel von Hillary Clinton, aber auch von vielen
       Politikerinnen in anderen Ländern. Und es gab den Hashtag #keepondancing,
       den viele verbreiteten. Ich glaube, die Unterstützung war so breit, weil
       die Kritik an dem Video so unverhältnismäßig war. Es wurde ja ernsthaft
       debattiert: Ist sie in der Lage, ihren Job zu machen, wenn sie Freunde hat
       und ihre Freizeit so verbringt?
       
       taz: Also spielt Geschlecht nach wie vor eine große Rolle in der Politik? 
       
       Marin: Ich dachte immer, dass es keine Rolle spielen sollte. Aber nachdem
       ich mehrere Jahre in der Politik tätig und Regierungschefin meines Landes
       war, erkenne ich, dass das Geschlecht leider sehr wohl eine Rolle spielt.
       Jetzt sehe ich mich nicht mehr nur als Feministin in dem Sinne, dass das
       Geschlecht keine Rolle spielen sollte, sondern auch als Feministin, die
       Frauen und andere Minderheiten aktiv unterstützen möchte, weil ich sehe,
       wie schwer es für sie ist. Es gibt keine gleichen Wettbewerbsbedingungen.
       Warum sollten wir also so tun, als gäbe es sie?
       
       taz: Brauchen wir dann den Begriff einer feministischen Politik? Die
       ehemalige deutsche Außenministerin Annalena Baerbock [3][hat den Begriff in
       der Außenpolitik] stark geprägt. 
       
       Marin: Vielleicht sollten wir unsere Energie nicht darauf verwenden, um
       jede Formulierung zu kämpfen. Finnland hat zum Beispiel immer feministische
       Ziele verfolgt, die Unterstützung von Frauen und Mädchen, insbesondere im
       Bereich Bildung, aber auch zunehmend im Bereich Technik. Ich denke, dass
       der Inhalt wichtiger ist als die Formulierung.
       
       taz: Der Begriff Feminismus wird in der Politik heute oft als Provokation
       gewertet. Also lieber nicht nennen? 
       
       Marin: Das sagt etwas über unsere Zeit aus. Vor zehn Jahren hätte ich mir
       das nicht vorstellen können. Jetzt ist eine frauenfeindliche Sprache wieder
       so normal geworden. Menschen werden bewertet nach dem, woher sie kommen,
       wie sie aussehen. Die Idee eines Kollektivs, dass es eine gleichberechtigte
       Welt für alle Menschen geben sollte, wird immer weniger unterstützt. Es
       gibt immer mehr Stimmen in unseren Gesellschaften, die sagen: Ja,
       vielleicht sollten Frauen an ihrem Platz bleiben und vielleicht sollten
       Männer die Macht haben. Ich finde das sehr beunruhigend. Dagegen sollten
       wir uns wehren.
       
       taz: Wie erklären Sie sich diesen Rückschritt und diese Attacken auf
       feministische Bewegungen? 
       
       Marin: Wenn man Gleichberechtigung schaffen will und es eine Gruppe gibt,
       die fast die gesamte Macht und alle Ressourcen hat, dann bedeutet das, dass
       man der Gruppe etwas wegnehmen muss. Natürlich gibt es Widerstand dagegen,
       natürlich wollen sie ihre Privilegien nicht aufgeben. Das sollte uns nicht
       überraschen. Aber das bedeutet nicht, dass wir das akzeptieren sollten.
       
       taz: Sie sagen, wir sollten uns wehren. Wie? 
       
       Marin: Erstens mit Zusammenhalt. Wir können nichts alleine erreichen,
       sondern nur indem wir andere finden, die die gleichen Ziele und Werte
       teilen. Zweitens: Wissen teilen, vor allem glaubwürdiges Wissen, denn die
       Welt ist voller Desinformation. Das ist eine echte Herausforderung in
       unseren Demokratien. Es wird immer schwieriger, sich in der Menge und auch
       in der Qualität des Informationsflusses zurechtzufinden. Und drittens: Mut.
       Besonders Menschen aus Minderheitengruppen und Frauen, die sich in
       öffentlichen Debatten äußern, sind mit Hass konfrontiert. Und das nur, weil
       sie ihre Stimme erheben, sich an Diskussionen beteiligen oder für ein
       politisches Amt kandidieren.
       
       taz: Das ist die Analyse. Was heißt das konkret? 
       
       Marin: Wir brauchen Frauen und Männer, die andere Frauen unterstützen. Wir
       müssen Orte schaffen, an denen es sicher ist, sich zu beteiligen. Wir
       brauchen aktiven Schutz für diejenigen, die sich in dieses Umfeld und
       dieses Risiko begeben. Das bedeutet auch, dass wir Gesetze brauchen.
       
       taz: Welche Gesetze? 
       
       Marin: Große Techunternehmen sollten per Gesetz dazu gebracht werden, Hass
       und bösartige Angriffe wirksam einzudämmen. Wir brauchen echte Maßnahmen,
       um engagierte Menschen zu schützen.
       
       taz: Wünschen Sie sich das auch für sich selbst? 
       
       Marin: Ich glaube, für mich war es einfacher, als ich meine politische
       Karriere 2007 begann. Als ich 2008 zum ersten Mal für ein Amt kandidierte,
       gab es noch nicht die Transformation durch die sozialen Medien. Ich habe
       mich mit den Menschen in echten Diskussionen ausgetauscht, und wenn man
       Menschen so trifft, sagen sie einem nicht die Dinge ins Gesicht, die sie
       online sagen. Ich konnte mir nach und nach eine dicke Haut zulegen. Aber
       für Personen, die sich jetzt zum ersten Mal in der Politik engagieren, ist
       das ganz anders. Und das könnte sie abschrecken.
       
       taz: Welche Person auf dem internationalen Parkett steht für Sie besonders
       für feministische Solidarität? 
       
       Marin: Es gibt viele Frauen da draußen, die ich nennen oder beschreiben
       könnte. Wenn Sie einen Namen wollen, dann wähle ich Ursula von der Leyen.
       
       taz: Wirklich? 
       
       Marin: Sie ist vielleicht keine feministische Ikone, aber sie ist eine
       äußerst fähige und starke Führungskraft. Und sie hat eine unglaubliche
       Widerstandsfähigkeit. Sie hat das als Präsidentin der Europäischen
       Kommission während der Covidpandemie bewiesen. Sie zeigt dies im Krieg in
       der Ukraine, während der Energiekrise und der hohen Inflation. Und vor
       allem in dieser neuen alten Weltordnung, in der Stärke und Macht wichtiger
       sind als die internationalen Regeln, die wir aufgebaut haben.
       
       taz: Ist in dieser neuen Weltordnung das Konzept einer solidarischen Welt
       nicht hinfällig geworden? 
       
       Marin: Ganz und gar nicht. Ich glaube, wir brauchen es dringender denn je
       zuvor. Und wenn wir die derzeitige Lage betrachten, finde ich es auch
       wichtig, sich daran zu erinnern, wie es vorher war.
       
       taz: Nämlich? 
       
       Marin: Es gab eine Ordnung, die auf internationalen Regeln basierte. Die
       Souveränität einzelner Länder wurde geachtet. Es war Konsens, dass Frauen
       und Männer die gleichen politischen und gesellschaftlichen Rechte haben und
       haben sollten. Das war nicht immer so, das haben die Generationen vor uns
       für uns erkämpft. Das alles wird gerade infrage gestellt. Aber wir sollten
       jetzt auch nicht in Verzweiflung verfallen. Wir alle können unseren Teil
       dazu beitragen, egal ob groß oder klein, dass es wieder besser wird.
       
       7 Mar 2026
       
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