# taz.de -- Wie Frauen sich gegenseitig behindern: Wenn Solidarität toxisch wird
> Weibliche Solidarität klingt nicht nur gut, sie ist es auch. Es gibt aber
> auch das Gegenteil davon, gerade in Top-Positionen.
(IMG) Bild: Szene aus dem Film über Lydia Tár – sie ist Täterin und Opfer zugleich
Die junge Kollegin würde gern eine Stufe in der Hierarchieleiter nach oben
klettern. Ich habe eine Chefin, denkt sie, eine Frau, die weiß, wie hart es
ist, sich nach oben zu arbeiten. Sie wird mir helfen, in diesem Laden
voller Männer weiterzukommen. Denn wenn Frauen solidarisch miteinander
sind, sind sie stärker und überwinden (männliche) Grenzen.
Doch was so logisch und so schön klingt in diesem fiktiv-realen Beispiel,
existiert in der Berufswelt vielfach leider nicht. Statt weiblicher
Solidarität, Gemeinsamkeit, Sich-aufeinander-verlassen-Können herrscht
vielfach das Gegenteil vor: toxische Solidarität. Diese wird vermehrt
beklagt, seit es Frauen in höhere Führungsgremien geschafft haben. Und doch
ist toxische Solidarität nicht immer leicht zu erkennen.
Denn sie tarnt sich als Gemeinschafts- und Mitgefühl und kommt in Sätzen
daher wie: „Bist du nicht zu sensibel für diesen Job?“ „Wolltest du dich
nicht mehr um deine Familie kümmern?“ „Diese Aufgabe übernimmt Kollege
Soundso, der kann das, der macht das schon seit Jahren.“ „Du wirst in
deiner Abteilung dringend gebraucht, da kannst du jetzt nicht weg.“
Dahinter stecken weniger Fürsorge und Achtsamkeit, sondern Abwertung und
Abwehrstrategien: Kompetenz wird infrage gestellt, Engagement untergraben,
Erfahrung negiert.
Früher wurde so etwas gern „Stutenbissigkeit“ genannt. Der vielfach
preisgekrönte Film „Tár“ (2022) über die erste Chefdirigentin nimmt sich 2
Stunden und 38 Minuten Zeit, um toxische Solidarität und Machtmissbrauch
durch eine Frau darzustellen. Die Hauptfigur Lydia Tár ist dabei Täterin
und Opfer zugleich. Mit ihrer Omnipotenz und -präsenz fordert und
überfordert sie sich und andere, die sie zudem unterwirft. Das wiederum hat
mit der männlichen Welt zu tun, in der sich die hoch angesehene Musikerin
behaupten muss.
## Niemals sicher sein, dass man es richtig macht
Denn Frauen in der Führungswelt sind ein [1][relativ neues Modell]. Und so
schauen sich Frauen gern von Männern ab, wie man ganz nach oben kommt. An
Männern sehen sie auch, wie sie sich verhalten sollten, um sich oben zu
halten. Und doch können sie sich niemals sicher sein, es richtigzumachen:
Verhalten sie sich wie typischerweise Männer, wird ihnen genau das
vorgeworfen. Verhalten sich Frauen weniger „typisch männlich“, werden sie
als nicht durchsetzungsfähig tituliert und der Führungsposition nicht
gewachsen zu sein.
Sind sie oben angekommen, zahlen viele dafür einen hohen Preis: Verlust von
Privatleben, Freizeit, Lebensqualität. Für diese Härte sich selbst
gegenüber wollen sie einen Lohn: unangefochten bleiben. Es darf also keine
andere Frau neben ihnen geben, keine, die womöglich besser ist und ihr
sogar den Job streitig machen könnte. Dieses Verhalten, Konkurrentinnen
fernzuhalten, nennt die feministische Wissenschaft Queen-Bee-Syndrom.
Und so umgeben sich viele Frauen in Führungspositionen eher vor allem mit
Männern, das Symbol ist deutlich: Ich habe die männliche Welt begriffen,
ich habe mich in ihr ganz nach oben geboxt, weil ich es kann. Damit
reproduzieren Frauen hegemonial-männliche Strategien, von Männern gesetzte
Machtgefüge und Hierarchien. Auch dafür gibt es einen
feministisch-wissenschaftlichen Begriff: Gatekeeper. Man könnte auch sagen:
Es ist ein Verrat an Frauen.
Toxische Weiblichkeit gibt es nicht nur in Toppositionen, auch in unteren
Hierarchieebenen können sich Frauen gegenüber anderen Frauen schäbig
verhalten. Ein Klassiker ist Erfolgsneid: Eine Kollegin macht ihre Arbeit
überaus gut und erhält dafür viel Lob. Eine andere neidet ihr den Erfolg –
und beginnt, gegen sie zu arbeiten. Sie verbreitet Gerüchte über sie,
streut Fake News. Ihrer „Feindin“ gegenüber verhält sie sich allerdings
ausgesprochen freundlich. Diese Dynamik ist zerstörerisch, denn sind
Gerüchte erst einmal verbreitet, gibt es immer Kolleg:innen, die ihnen
Glauben schenken.
## Andere Frauen sichtbar machen
Wie kann toxische Solidarität vermieden werden? Dafür gibt es von
Expertinnen Tipps, so was wie: Als Chefin andere Frauen sichtbar machen,
sie fördern, statt sie zu verhindern. Als Kollegin das Lästern vermeiden,
die Opferrolle verlassen, Bündnisse mit anderen Frauen schmieden. Oder
anders formuliert: Sich von Männern mal etwas Positives abschauen, nämlich
wie man Netzwerke aufbaut und sich gegenseitig erfolgreich fördert.
Doch was in der Theorie so logisch wie leicht klingt, ist im Alltag
[2][schwer mit Leben zu füllen]. Das setzt neben eigener emotionaler Stärke
vor allem voraus, dass andere Frauen mitziehen. Die dann auch den Mut
haben, sich mit Männern anzulegen.
9 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Simone Schmollack
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