# taz.de -- Männer und Feminismus: Seid gerne Feministen – aber bitte leise!
> Warum Autorin Jacinta Nandi ihrem Sohn nur noch eingeschränkt raten
> würde, sich einen Feministen zu nennen.
(IMG) Bild: Fake-Feminist Justin Baldoni
„Bist du eigentlich Feminist?“, fragte eine Freundin neulich meinen
erwachsenen Sohn. Er guckte ein bisschen verlegen und antwortete dann: „Ich
glaube ja? Mit einer Mutter wie meiner ist es schwer, kein Feminist zu
werden.“
Ich habe mich zwar immer als Feministin identifiziert, sogar als
Teenagerin, jedoch finde ich meinen Feminismus manchmal sehr basic, ein
bisschen banal. Meine Mama war Feministin, also war ich auch eine. Ich
dachte nicht besonders viel darüber nach: Ich glaubte, dass Frauen Menschen
waren, Vergewaltigung schlimm ist und Männer oft scheiße. Und deswegen war
ich halt Feministin.
Diese banale Haltung hat mich sehr lange mitgeprägt bei der Frage: „Dürfen
sich Männer Feministen nennen?“ Wir wollen doch alle, dachte ich, dass die
Männer aufhören, Sexisten zu sein. Wie soll das gehen, wenn sie sich nicht
Feministen nennen dürfen? Wir brauchen euch, Jungs, Männer, dachte ich, und
ihr braucht uns auch – lasst uns also zusammen kämpfen, [1][für eine
bessere Welt], voller Gendergleichberechtigung!
Ich bin stolz, dass meine Söhne Feministen sein wollen. In den vergangenen
Jahren ist mir aber klargeworden: Ein männlicher Feminist kann auch
gefährlich sein. Männer wie der Schauspieler Justin Baldoni, die sich als
Feministen geben, sind mitunter genauso gefährlich wie offene
Antifeministen à la Donald Trump.
## Solidarität mit Blake Lively
Baldoni hat seine Karriere darauf gebaut, andere Männer in Podcasts und
Talks davon zu überzeugen, dass sie den Frauen in deren Leben zuhören
sollen. Sei Mann genug, um den Frauen in deinem Leben zuzuhören, war dabei
immer sein Motto. Seit ihm seine Kollegin Blake Lively vor über einem Jahr
nach der gemeinsamen [2][Produktion des Films „Nur noch ein einziges Mal“]
sexuelle Belästigung vorgeworfen hat, war Baldoni auf jeden Fall männlich
genug, um zu akzeptieren, dass die Frauen in seinem Leben – eine Armee von
weiblichen Fans – seine Co-Schauspielerin belästigen und schikanieren.
Der Hass, mit dem seine Fans Blake Lively überschütteten, war dabei oft
sexualisierend konnotiert. Livelys Social Media Accounts wurden überflutet
mit Pornobildern, sie erhielt Vergewaltigungswünsche und Todesdrohungen.
Sie mache das alles nur deswegen, weil sie auf Baldoni scharf wäre oder
weil sie traurig ist, dass sie zu hässlich war, um von Weinstein
vergewaltigt zu werden, hieß es im Netz.
Ich habe mich vergangenes Jahr einmal solidarisch zu Lively geäußert – und
gar nicht mit Bezug auf die Gerichtsverhandlung zwischen Baldoni und
Lively. Es ging mir bloß um die Hasskommentare, die sie im Netz bekam.
Daraufhin fand ein weiblicher Fan von Baldoni meine Instagramseite und
kommentierte unter ein Video mit meinem jüngsten Sohn, ich würde ihn
„wahrscheinlich missbrauchen“.
## #JusticeforJustin und der Wunsch nach virtueller Lynchjustiz
Obwohl Baldonis Anklage gegen Lively abgelehnt wurde, verlangen seine
loyalen Unterstützerinnen immer noch #JusticeforJustin. Aber was könnten
sie damit meinen? Schließlich hat die Justiz über den Fall längst
entschieden. Im Juni 2025 wies das zuständige Gericht die
400-Millionen-Dollar-Klage von Baldoni gegen Lively ab. Was eigentlich
hinter dem Hashtag #JusticeforJustin steht, ist wohl der Wunsch nach einer
virtuellen Lynchjustiz, die Lively für die Sünde der Anschuldigung gegen
Baldoni mit mentaler Belastung bestrafen soll. Oder die Fans treibt die
Lust nach einer Welt an, in der nicht nur sexuelle Belästigung
entkriminalisiert ist, sondern es strafbar ist, dass Frauen überhaupt
solche Vorwürfe äußern.
Dabei leben wir längst und immer mehr in dieser Welt. Denken wir an Trumps
USA – noch sind sexuelle Belästigung oder sexualisierte und häusliche
Gewalt in den Vereinigten Staaten nicht legalisiert. Noch nicht. Doch schon
jetzt gibt es praktisch keine Konsequenzen für die Vergewaltiger in den
Epstein Files oder für ICE-Agenten, denen weibliche Gefangene
Vergewaltigung und sexuelle Belästigung vorwerfen.
Und hier in Deutschland? Femizide und andere Formen von Gewalt gegen Frauen
sind alltäglich. Gleichzeitig ist es schwieriger denn je für Opfer
häuslicher Gewalt, ihrem gewalttätigen Partner zu entkommen. Frauenhäuser
sind unterfinanziert und überbelegt. Und wie soll eine Arbeiterklassefrau
einen Mann verlassen können, wenn alle Wohnungen, die auf dem Markt stehen,
unfinanzierbar sind?
Anders als ein Donald Trump oder ein Jonny Depp, die gar nicht erst so tun,
als seien ihnen Frauenrechte wichtig, nutzen Männer wie Baldoni ihren
vermeintlichen Feminismus, also ihre Feminismus-Performance gezielt dazu
aus, um Frauen ihrer Rechte zu berauben. Auf eine gewisse Art ist ein
Baldoni sogar noch gefährlicher ist als Depp.
Wie kann ein Mann, der sich mal Feminist nannte, es okay finden, dass
Frauen mundtot gemacht werden? Das Problem ist nicht nur, dass Baldoni sich
als Feminist ausgegeben hat. Er war ein stolzer Feminist. Er war laut. Er
sprach gern, er redete viel. Er redete über Feminismus, statt Frauen
zuzuhören. Er redete über feministische Themen, ohne wirklich darüber
nachzudenken, einfach, um darüber zu reden.
Was wir brauchen, ist etwas anderes: [3][Männer, die sich als Feministen
verstehen], gern auch auf Nachfrage so bezeichnen – aber bitte leise.
Männer, die wissen, wann sie schweigen können. Männer die zuhören können,
und dann auch über das Gehörte nachdenken. Männer, die mehr nachdenken
wollen, als sie reden.
Darf ein Mann sich Feminist nennen? Ja. Aber leise, bitte. Und niemals in
einem Podcast.
8 Mar 2026
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