# taz.de -- Annalena Baerbock über Frauenrechte: Es braucht weiterhin Kraft, Resilienz und Selbstbewusstsein
       
       > Es hat sich durchaus was getan bei den Frauenrechten. Trotz dieser
       > Fortschritte wissen wir, dass die Revolution alles andere als vollendet
       > ist.
       
 (IMG) Bild: Annalena Baerbock am 28. April 2025 bei ihrer letzten Dienstreise als Bundesaußenministerin
       
       Vor etwas mehr als dreißig Jahren trafen sich führende Frauen aus aller
       Welt mit einer klaren Botschaft: „Menschenrechte sind Frauenrechte und
       Frauenrechte sind Menschenrechte – ein für alle Mal.“
       
       Für diejenigen, die nach der Pekinger Weltfrauenkonferenz von 1995 geboren
       wurden und für die Frauen in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft
       selbstverständlich sind, eine Banalität. Damals als weltweiter Konsens eine
       Revolution. Man erinnere sich: Auch in Deutschland gab es zu der Zeit noch
       heftigstes Ringen darüber, ob die Vergewaltigung in der Ehe ein Verbrechen
       sei.
       
       Seitdem wurden weltweit über 1.500 Gesetze in 193 Ländern zur Bekämpfung
       geschlechtsspezifischer Gewalt verabschiedet, der Frauenanteil in
       nationalen Parlamenten hat sich mehr als verdoppelt und Frauen besitzen
       heute weltweit jedes dritte Unternehmen.
       
       Wir Frauen heute stehen auf den Schultern von Gigantinnen und gehen den
       Weg, den Frauen vor uns geebnet haben, hin zu einer Welt, in der unsere
       Töchter heute „Frauenrechte sind Menschenrechte“ als Selbstverständlichkeit
       und nicht als revolutionäre Erkenntnis betrachten können.
       
       Trotz dieser Fortschritte wissen wir, dass die Revolution alles andere als
       vollendet ist. Keines der in den [1][Zielen für nachhaltige Entwicklung
       (SDGs)] festgelegten Ziele zur Geschlechtergleichstellung wird bis 2030
       erreicht werden. In Afghanistan erleben wir die schlimmsten systematischen
       Frauenrechtsverbrechen, was viele mittlerweile als Gender-Apartheidssystem
       bezeichnen.
       
       Im Iran haben insbesondere Frauen unter der systematischen Repression
       gelitten. Und es gibt kein Land auf der Welt, in dem Frauen Männern
       vollständig gleichgestellt sind, insbesondere in Bezug auf Repräsentation
       und Ressourcen. Obwohl Frauen mehr arbeiten, kontrollieren sie nur ein
       Drittel des weltweiten Kapitals und verdienen global 23 Prozent weniger als
       Männer. Im derzeitigen Tempo wird es über 130 Jahre dauern, die Lohnlücke
       zu schließen.
       
       Trotz des Anstiegs der Zahl weiblicher Abgeordneter besetzen sie nach wie
       vor nur 27 Prozent der Parlamentssitze und 30 Prozent der
       Regierungspositionen. In 113 Ländern gab es noch nie eine Staatschefin.
       Auch die Vereinten Nationen bilden keine Ausnahme. In ihrer 80-jährigen
       Geschichte wurde noch nie eine Frau zur Generalsekretärin ernannt – obwohl
       Frauen und Mädchen die Hälfte der Weltbevölkerung ausmachen.
       
       Weltweit erlebt jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens sexuelle Gewalt. Die
       Digitalisierung und künstliche Intelligenz schaffen unglaubliche neue
       Möglichkeiten, aber zugleich verstärken sie bestehende Biases und
       geschlechterspezifische Gewalt, wie beispielsweise die Tatsache zeigt, dass
       über 90 Prozent der Deepfake-Pornovideos im Internet Frauen ins Visier
       nehmen. Offensichtlich kein Zufall, sondern System; und der extreme
       Ausdruck dessen, wie soziale Medien mittlerweile insgesamt gezielt dafür
       genutzt werden, vor allem Frauen wieder in ihre vermeintlich alten
       Schranken zu weisen.
       
       Je sichtbarer, einflussreicher und offensiver Frauen werden, desto schmaler
       der Grad der auf Social Media „akzeptierten“ Verhaltensweisen und desto
       härter die Angriffe. Wenn dann noch weibliche Lebensfreude dazukommt,
       scheint bei manchen die Triggersicherung einfach durchzubrennen, wie wir
       alle bei den Kommentaren über die erfolgreichsten Wintersportlerinnen bei
       Olympia gerade live und in Farbe miterleben mussten.
       
       Zugleich haben Alysa Liu, Francesca Lollobrigida, Elana Meyers Taylor,
       Eileen Gu und Co mehr als verdeutlicht, dass es keine Chance gibt, die Zeit
       zurückzudrehen. Es sind eben nicht mehr nur einzelne, die – wenn es heißt
       Frauen seien zu alt, zu wenig dünn, zu ehrgeizig oder einfach Mutter –
       sagen: Jetzt erst recht.
       
       Es ist im wahrsten Sinne [2][eine ganze
       Fraueneishockey-Nationalmannschaft], die lässig den Sexismusspruch von
       Präsident und Männerteam zum Losermoment werden lässt und deutlich macht,
       wir Frauen nehmen es einfach nicht mehr hin, wenn Frauen und Mädchen
       ausgeschlossen oder abgewertet werden. Wir weichen nicht mehr, wir bleiben.
       Und ziehen daraus unsere ganz eigene weibliche Stärke.
       
       In diesem Sinne feiern wir bei den UN mit der Kampagne #LikeAWoman die
       Kraft, Resilienz und das Selbstbewusstsein von Frauen in allen Bereichen
       der Gesellschaft. Wir nehmen despektierlich gemeinte Aussagen wie „You run
       like a girl“ volley und zeigen, was sie für Millionen Frauen und Mädchen
       mittlerweile sind: Ausdruck und Anreiz zu weiblicher Stärke, Ausdauer und
       Erfolg. So wie Fußball-Weltmeisterin Mia Hamm den Spruch ihres männlichen
       Trainers konterte: „Wenn er ein bisschen schneller laufen würde, könnte er
       das auch.“
       
       Um gemeinsam zu zeigen: Frauen sind keine Opfer, sondern Handelnde. Sie
       sind Aktivistinnen, Aufklärerinnen und Führungskräfte. Sie sind Heldinnen.
       Frauen, ihre Rechte und Repräsentanz, sind der Maßstab für jede
       Gesellschaft. Je stärker die Beteiligung von Frauen, desto freier eine
       Gesellschaft für alle.
       
       Annalena Baerbock, ehemalige Bundesaußenministerin, ist Präsidentin der
       UN-Generalversammlung.
       
       7 Mar 2026
       
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