# taz.de -- Erpenbeck am Deutschen Theater Berlin: Zugriff aus der Halbdistanz
       
       > Jenny Erpenbecks Roman „Heimsuchung“ ist nicht nur beliebter Abiturstoff,
       > auch auf die Bühne drängt er. Am DT versucht sich Alexander Eisenach
       > daran.
       
 (IMG) Bild: Sommerfrische am Scharmützelsee: eine Szene aus „Heimsuchung“ am DT Berlin
       
       Am Anfang brütet sie still am Rand. Im schweren Ledermantel und mit
       Cowboyhut ähnelt die Schauspielerin Almut Zilcher einem Ranger aus dem
       Wilden Westen – tatsächlich spielt sie den Gärtner im Osten, der Haus und
       Grundstück am Scharmützelsee ein deutsches Jahrhundert lang begleitet. Mit
       märchenonkelnder Emphase berichtet Zilcher, wie er das Land kultiviert und
       den Zug des Kartoffelkäfers verfolgt, als sei das der entscheidende
       Frontverlauf einer aus den Fugen geratenen Welt.
       
       In [1][Jenny Erpenbecks] Roman „Heimsuchung“ von 2008 ist der Gärtner nicht
       nur Zeuge der wechselnden Besitzverhältnisse von Grundstück und Immobilie
       sondern auch Bindeglied zwischen Fragmenten, in denen Erpenbeck aus den
       Perspektiven verschiedener Eigentümer, Pächter und Erben erzählt. Ihre
       eigene Familiengeschichte spielt hinein: „Die Schriftstellerin“ hat wie
       ihre Großmutter, die Schriftstellerin Hedda Zinner, im Moskauer Exil
       gelebt, sie selbst könnte die „unberechtigte Eigenbesitzerin“ sein, die am
       Ende das Haus verliert. Das Buch ist auch eine Erinnerungsarbeit auf der
       Basis von Recherchen, etwa zum im Holocaust ermordeten jüdischen Mädchen
       Doris Kaplan, das sich möglicherweise in der Nachbarschaft versteckte.
       
       Der Guardian wählte „[2][Heimsuchung“] 2019 unter die 100 besten Bücher des
       21. Jahrhunderts, in den kommenden drei Jahren ist es in fast allen
       Bundesländern Abiturstoff. Prompt steht es auf den Theaterspielplänen: In
       Hannover machte Anfang der Spielzeit Regisseur Adrian Figueroa das Haus
       selbst zum Protagonisten einer bildstarken Inszenierung. Jetzt rückt
       Alexander Eisenach am Deutschen Theater Berlin Figuren und Sprache stärker
       in den Mittelpunkt.
       
       Daniel Wollenzin hat eine Metallskulptur in einen Halbkreis aus
       Papierwänden gestellt. Sie könnte die Gletscherzunge sein, vor der Siri
       Carla Brodowsky anfangs vom Entstehen der Endmoränenlandschaft spricht,
       während das Ensemble Kies schippt und Wassereimer schleppt. Später schwebt
       das Gebilde wie eine Wolke über der Bühne, während unten die Liegestühle
       ausgeklappt werden. Zu diesem Setting passt Eisenachs Zugriff aus der
       Halbdistanz: Die Spieler:innen erzählen den Roman nach, ohne ihn plump
       zu bebildern, sie sprechen in der dritten Person über Figuren, die sie
       zugleich in Schlüsselmomenten hochemotional verkörpern.
       
       ## Sozialer und wirtschaftlicher Druck
       
       Wenn Julischka Eichel als eine von vier Bauerntöchtern atemlos
       Hochzeitsregeln herunterrattert, schwingt der soziale und wirtschaftliche
       Druck mit, an dem die Familie samt Besitz zerbricht. Felix Gösers
       Architekt, der in den 1930ern einen Teil des Grundstücks kauft und bebaut,
       verdrängt euphorisch seine Mittäterschaft: Selbst als er das See-Grundstück
       der benachbarten jüdischen Tuchfabrikanten zum Schnäppchenpreis kauft,
       glaubt er noch, dem Paar damit die Flucht ermöglicht zu haben. Tatsächlich
       wurden sie in Kulmhof ermordet, berichtet Peter-René Lüdicke nüchtern. In
       einer der stärksten Szene treffen Anja Schneider als Architektengattin und
       Benjamin Lillies traumatisierter Rotarmist im Wandschrank des 1945
       besetzten Hauses aufeinander. Aug in Auge, aber ohne sich zu berühren,
       erzählen beide von einer Vergewaltigung – und verwischen bewusst, wer
       Täter, wer Opfer ist.
       
       Doch „Heimsuchung“ ist nicht nur ein deutscher, sondern auch ein
       ostdeutscher Roman. [3][Erpenbeck] kontrastiert die privilegierte Familie
       der sozialistischen Schriftstellerin, die das Haus erst vom DDR-Staat
       pachtet, dann erwirbt, mit der weniger Begünstigten der Unterpächter, die
       einen Fluchtversuch wagen: Ausgerechnet letztere finden Eisenach und Team
       verzichtbar. Stattdessen springt die Inszenierung direkt aus der mondänen
       Künstlerfrische in die Nachwendezeit. Dort packt Enkelin Svenja Liesau in
       heiligem Zorn ihre Sachen, als der Rückforderung durch westdeutsche Erben
       stattgegeben wird. Waidwund zieht sie sich auf die Gletscherskulptur
       zurück, während bereits ein Makler der beeindruckten Kundschaft erzählt,
       der Architekt des Hauses habe bei Albert Speer gearbeitet. Schließt sich
       der Kreis, wenn Nazis und Wessis unschuldige Ostler über den Tisch ziehen?
       
       Erst neulich erntete Claudia Bossard für ihre „Räuber“-Dekonstruktion am
       selben Haus heftige Verrisse. Man müsse Schulklassen davor warnen, hieß es
       in einem, ein Satz, mit dem das DT-Marketing seither offensiv wirbt. Im
       Fall der „Heimsuchung“ ist solcher Alarm überflüssig – umso mehr lässt sich
       über die Ostverklärung streiten, die Eisenachs Fassung nahelegt.
       
       25 Jan 2026
       
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