# taz.de -- „Publikumsbeschimpfung“ in Frankfurt: Von Bratzen und Glotzaugen
       
       > In Peter Handkes Stück „Publikumsbeschimpfung“ ist nichts normal. Derart
       > furios und geistreich wie am Schauspiel Frankfurt erlebt man Theater
       > selten.
       
 (IMG) Bild: Peter Handkes „Publikumsbeschimpfungen“ in einer Inszenierung von Claudia Bauer
       
       Wir haben es bequem, nehmen unsere Plätze ein und erwarten die große und
       ergreifende Show. Normalerweise! Doch in [1][Peter Handkes] Stück
       „Publikumsbeschimpfung“ ist nichts normal. Vor allem, weil das Publikum
       unversehens selbst im Fokus steht, rege beobachtet und bewertet vom
       Ensemble auf der Bühne. Dass dieses experimentelle Werk bereits bei seiner
       Uraufführung 1966 durch Claus Peymann für Staunen sorgte, kann man sich gut
       vorstellen.
       
       Und auch heute hat es nichts von seiner Wirkmacht eingebüßt, zumal sich das
       Theater der Gegenwart mit [2][Kritik von unterschiedlichen Seiten]
       konfrontiert sieht. Den einen zu „woke“, den anderen zu brav, scheint es
       sich in einer Dauerselbstsuche zu befinden. Claudia Bauer führt die
       Diskussion indessen mit ihrer Wiederentdeckung des Klassikers am Schauspiel
       Frankfurt auf essenzielle und philosophische Fragen zurück: Was soll und
       kann Bühnenkunst?
       
       Die Spieler:innen (u. a. Anna Kubin, Sebastian Kuschmann, Lotte
       Schubert) sind sich einig. „Es soll keine Symbolik entstehen“, „hier ist
       keine andere Welt“, ruft man uns frontal zu. Ebenso wenig übernähme man
       Rollen oder wolle irgendwelche Empfindungen erzeugen. Fast 90 Minuten nimmt
       man an Handkes Hauptsatzfest teil, das nichts anders will, als alle
       Konventionen des Theaters zu unterlaufen.
       
       Eine fade Suppe, meinen später sogar die Protagonist:innen, wenn sie in
       einer Stuhlreihe uns gegenübersitzen und dabei kurzzeitig in ein imaginäres
       Publikum schlüpfen. Die eine sinniert darüber, wo die Exzellenz bleibe.
       Daneben klagt eine andere: „Da geh' ich einmal ins Theater und nichts ist
       los in der Hose!“ Wofür bezahlt man hier eigentlich Steuergeld?, raunt es
       im Ensemble.
       
       ## Anlehnung an Brecht
       
       Uns amüsiert die eigene Karikatur, entlässt sie uns doch für einen kurzen
       Augenblick aus der anspruchsvollen Reflexionshaltung, in die uns dieser
       Abend versetzt. Letztlich haben wir es mit einer Abrechnung mit dem
       aristotelischen Drama zu tun. Statt uns einzulullen, rüttelt uns Handke mit
       Anlehnung an Brechts politische Verfremdungsästhetik wach. Wir sollen nicht
       glauben, was wir sehen. So lautet die Warnung eines Spielers in einem
       Glaskasten am rechten Bühnenrand.
       
       Er sagt uns, dass es keine Tür gäbe, durch die wir blicken könnten –
       während sie und nach ihr noch weitere unversehens auf die Mitte des
       Parketts geschoben werden. Sie öffnen sich und weiße Harlekine mit Masken
       treten aus ihnen hervor. Die durchaus utopische Botschaft: Selbst wo sich
       Theater verleugnet, erweist es sich als präsent. Es ist Wirklichkeit und
       Vorstellung zugleich, ist in und doch außerhalb der Zeit.
       
       Um dieser Ambivalenz gerecht zu werden, hat sich [3][Regisseurin Claudia
       Bauer] dazu entschieden, weitestgehend auf Effekte oder eine schmuckvolle
       Kulisse zu verzichten. Wir schauen daher auf eine sich fluchtpunktartig
       verengende Bühne. Mehrere beige, hintereinander positionierte Holzwände mit
       Baumarktflair rahmen sie und fahren mal hoch, mal runter. Illusionen sollen
       sich angesichts dieses Minimalismus allein im Kopf entwickeln. Gleiches
       gilt für Sinnkonstruktionen. Tragen die Spieler:innen mitunter
       Giftpilzhüte und Krähenfüße, Ballkleider oder Dinosaurierschwänze, laufen
       sämtliche Versuche zur Psychologisierung und Logik herrlich ins Leere.
       
       Aber einem Plan folgt die Premiere schon, und zwar einem überzeugenden. Mit
       der Dirigentin Salome Niedecken in der ersten Reihe und einer Musikcombo im
       linken Glaskasten, erinnert die Inszenierung an eine Komposition. Zum
       häufigen Gesang der Darsteller:innen kommen skurrile, komische und
       bisweilen wuchtige Sounds hinzu. Mit feinem Gespür gelingen der Aufführung
       dadurch eine wechselvolle Stimmungsdynamik und genaue dramatische
       Zuspitzungen.
       
       Besonders stark mutet im letzten Teil die Auseinandersetzung mit dem Tod
       an. Ein Protagonist macht uns – wiederum aus dem Glaskasten – auf unser
       Leiblichsein aufmerksam, auf unseren Herzschlag und unseren Atem, derweil
       wir auf einer Minibühne im Zentrum einer barock gekleideten Todesallegorie
       gewahr werden. Theater scheint nun mehr als Schein, es vermag uns der
       Endlichkeit auszusetzen und im selben Moment den Schrecken des Daseins als
       Bühnentrick fortzuführen. Der Tod ist real und irreal. Alles synchron!
       
       Entsprechend gesellt sich ebenfalls die Ironie zum Ernst. Die titelgebende
       Beschimpfung der Zuschauer:innen als Bratzen und Glotzaugen ist daher
       ein Muss, genauso wie der antiquierte goldene Vorhang. Derart furios und
       geistreich, zudem mit virtuoser Leichtigkeit erlebt man Theater selten, das
       in Frankfurt allen aktuellen Nörgler:innen zum Trotz seine Bedeutung
       unter Beweis stellt.
       
       26 Jan 2026
       
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