# taz.de -- „Fake Jews“ am DT in Berlin: Nicht der Erste, nicht der Letzte
> Es ist eine knallharte Bestandsanalyse. Noam Brusilovsky geht am
> Deutschen Theater mit Humor dem Phänomen des eingebildeten Jüdischseins
> nach.
(IMG) Bild: Zwischen den Stühlen: Max Kienemann in Noam Brusilovskys „Fake Jews“
„Ob mit Gas oder mit liebender Umarmung – die Kartoffeln wollen dich im
Endeffekt nur ersticken.“ Moritz Kienemann knallt dem Publikum im engen
Zeitintervall schwer verdauliche Sentenzen aufs Tablett. In einem furiosen
Solo spielt er einen Ich-Erzähler, der sich als jüdisch verortet und aus
dieser Perspektive der deutschen Mehrheitsgesellschaft die Leviten liest.
Und sich gleichzeitig mit jedem Satz, der seine eigene Familiengeschichte
betrifft, immer mehr demaskiert bis zum Grande Finale, als herauskommt,
dass seine jüdische Identität reine Behauptung war.
[1][Noam Brusilovsky] baut in seinem Text direkte Verweise [2][auf den Fall
des Journalisten Fabian Wolff] ein, der für sich beanspruchte, aus
dezidiert jüdischer Perspektive zu berichten und so u.a. beim Spiegel und
bei Zeit online reüssierte. Bis Recherchen ans Licht brachten, dass er
seinen jüdischen Background einfach erfunden hatte.
Wolff ist nicht der erste, nicht der einzige und wird wahrscheinlich auch
nicht der letzte sein, der sich über diese Schiene einen Wettbewerbsvorteil
verschaffen will. Längst gibt es dafür in der Psychologie eine Schublade:
das Wilkomirski-Syndrom, benannt nach einem der ersten aufgedeckten Fälle.
Und den Terminus Fake Jews.
Brusilovsky nennt seinen Abend in der Box des Deutschen Theaters Berlin
genau so. Er unterfüttert seinen eigenen Text mit eingespielten
Audio-Interviews, die dieses Phänomen aus unterschiedlichen Perspektiven
beleuchten. Und Bezug nehmen auf konkrete Personen wie die Bloggerin Marie
Sophie Hingst, die sich 2019 das Leben nahm, nachdem bekannt wurde, dass
sie ihre Opfer-Biografie gefälscht hatte.
## Gnadenlos in alle Richtungen
Diese Einspieler sind informative Ruheinseln in einem rasanten Spiel, in
dem Moritz Kienemann neben dem Fake Jew auch noch dessen Freund Daniel
verkörpert, der sich als nicht-jüdischer Schauspieler auf das „Rollenfach
Jude“ eingeschossen hat. Brusilovskys Text ist gnadenlos in alle
Richtungen. Als Regisseur lässt er Kienemann die Box mit süffisanter Ironie
und Lust an der Situationskomik fluten. Kienemann schmeißt sich in die
kabarettartigen Szenen, wechselt wie ein Gummiball zwischen Ich-Figur und
Daniel und stürzt sich mit seinen Tiraden gerne auf das Publikum.
Es ist die Messerspitze Humor in Text, Regie und Spiel, die diesen Abend
schweben lässt trotz knallharter Bestandsanalyse. Punktgenau
runtergebrochen in ein Bild von einem Besuch auf dem Jüdischen Friedhof
Berlin-Weissensee. Wie Kienemanns Daniel sich dort an Brandts Kniefall
versucht, ist zum Schießen und entlarvt gleichzeitig eine ganze
„Gedenkkultur“.
Die bissige Gesellschaftsanalyse in Bezug auf das deutsch-jüdische
Verhältnis haftet sich unabhängig von der Dekonstruktion der Fake-Identität
fest. Kienemanns Fake Jew liegt am Schluss im Retrosessel, als hätte er
sich das Leben genommen. Der Plattenspieler in der Ecke rotiert und leise
ertönt „Mütterlein“ von Georg Kreisler: „Es war dein stiller Brauch, was
benötigt wird zu stehlen – was nicht benötigt wird, auch.“
Und die kurze Szene kommt wieder vors innere Auge, in der Kienemanns
Ich-Erzähler die eigene Mutter so weit manipuliert, dass sie jüdische
Vorfahren imaginiert. Obwohl Kienemann diesem ungleichen Dialog mit zwei
Standmikrofonen Geschwindigkeit gibt, ist genug Zeit da, um die
Verlorenheit der Ich-Figur und seine Suche nach Identität zu erahnen. Der
Marginalisierte kann sich durch die Zugehörigkeit zum Judentum aufwerten –
nach innen und nach außen. Und er ist fassungslos, als ihm das genommen
wird: „Alle schreiben über mich auf Twitter. Ich sei ein Hochstapler. Sie
nennen mich Kostümjude. Fake Jew. Dann verstehe ich auf einmal – ich bin
ein fucking Goj. Ich werde kein Wort mehr schreiben können.“
Im Programmheft beschreibt Noam Brusilovsky, dass er sich als Israeli
während seines Studiums an der HfS Ernst Busch fühlte wie ein „Affe in der
Hochburg des Regietheaters, der ständig daran scheitert, seine Kommilitonen
zu imitieren.“ Dass er in guter Gesellschaft ist, fand er bald heraus:
Maximilian Goldmann, der sich in Max Reinhardt umbenannte, lässt grüßen und
Alexander Granach auch. Anpassungsprozesse interessieren ihn nach beiden
Seiten. Oskar Panizzas Groteske „Der operirte Jud`“ aus dem Jahr 1893 hat
er schon inszeniert. Salomo Friedlaenders satirische Replik „Der operierte
Goj“ aus dem Jahr 1922 wäre ein weiterer Anknüpfungspunkt.
1 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katja Kollmann
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