# taz.de -- Ehrung für Künstlerin Gabriele Stötzer: „Kein Schwein hat sich für mich interessiert“
       
       > Als erste ostdeutsche Künstlerin erhält Gabriele Stötzer den Goslarer
       > Kaiserring. Ein Gespräch über späte Anerkennung und die Kraft der Frauen.
       
 (IMG) Bild: Mächtige Frau: Stötzers „Die große Schwester“ entstand 2022 (Ausschnitt)
       
       taz: Frau Stötzer, Sie bekommen im Herbst 2026 den Goslarer Kaiserring
       verliehen, einen der weltweit wichtigsten Kunstpreise. Wie hat Sie die
       Nachricht erreicht? 
       
       Gabriele Stötzer: Ich wurde von Marion Ackermann im Namen der Jury
       angerufen und gefragt, ob ich den Preis annehmen möchte. Ich kannte den
       Preis gar nicht. Als ich las, wer den schon alles bekommen hat – Henry
       Moore, Joseph Beuys, Rebecca Horn und Miriam Cahn –, alles Menschen, für
       die ich mal geschwärmt habe und sehr bewundere, lag ich erst mal im Bett
       wie eine Leiche. Ich dachte, die Jury hat mich verwechselt. Doch dann sagte
       ich mir: [1][Gabi], du bist jetzt 72 Jahre, da kann auch so ein Preis
       kommen! Ich durfte es niemandem erzählen, konnte es verdauen und nun freue
       ich mich sehr! Alle, die ich kenne, freuen sich mit. Gerade die Frauen
       sagen: Eine von uns muss es schaffen!
       
       taz: Sie sind die erste ostdeutsche Künstlerin, die den Preis bekommt und
       auch die erste, die eine Einzelausstellung im Gropius Bau in Berlin hat,
       die im Juni 2026 eröffnet. 2013 erhielten Sie das Bundesverdienstkreuz für
       Ihr politisches und künstlerisches Engagement in der DDR, 2024 den
       renommierten Pauli-Preis. Wie blicken Sie auf diese späte Anerkennung?
       
       Stötzer: Ob in der DDR oder später im Ausland, ich habe nie etwas anderes
       gemacht als Kunst. Ich war unentdeckt und das war für mich ganz normal.
       Kein Schwein hat sich für mich interessiert. Nach 1989 musste ich schauen,
       dass ich nicht untergehe. Die ersten, die mich richtig ausgegraben und in
       alle meine Kartons geschaut haben, waren Franciska Zólyom und Vera Lauf von
       der Galerie für Zeitgenössische Kunst, wo ich 2019 eine Einzelausstellung
       hatte. So wurden die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden auf mich
       aufmerksam. Die damalige Generaldirektorin Marion Ackermann hat gesagt:
       „Wenn Stötzer bleiben soll, muss jedes Museum was von Stötzer haben!“ Das
       leuchtete mir ein. Meine Kunstwerke sind meine Kinder und die müssen in die
       Welt. Dresden hat dann ein Modeobjekt von mir gekauft, und zwei von
       [2][Verena Kyselka] und Monika Andres, die für die Mode-Objekt-Shows
       unserer Künstlerinnengruppe Erfurt stehen.
       
       taz: Was waren das für Kostüme? 
       
       Stötzer: Ein Antennenkostüm und ein Kleid aus Zeitung, eingenäht in
       durchsichtige Folie. Wir haben [3][in der DDR] ja vor allem versucht,
       zwischen den Zeilen zu lesen. Wir waren junge Frauen, haben unsere Träume
       und Sehnsüchte vernäht und sind damit aufgetreten. Wir wollten das
       menschliche Dasein spüren. Aber wir wurden immer auf ein menschliches
       Abseits gedrängt. Das war eine Macho-Gesellschaft. Da musste man sich als
       Frau schon durchsetzen, um wahrgenommen zu werden. Ich habe immer alles
       mitgemacht, weil ich wusste: Ich muss meinen Namen streuen, sonst gehe ich
       unter. Dabei war ich immer solidarisch mit anderen Künstlerinnen. Auch
       schon im Untergrund in der DDR habe ich die verrücktesten Dinge für unsere
       illegalen Zeitschriften, die Männer, teils IMs und Machos, leiteten,
       abgegeben, damit die sich ärgern. Heute denke ich: Ich bin doch zäh und
       streitbar!
       
       taz: Als junge Frau haben Sie 1976 die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf
       Biermanns unterschrieben. In der Nacht, bevor Sie die Liste nach Ostberlin
       bringen wollten, wurden Sie verhaftet. 12 Monate saßen Sie im
       Frauengefängnis Hoheneck. Sie haben darüber das Buch „Der lange Arm der
       Stasi“ geschrieben, das meiner Meinung nach Pflichtlektüre in deutschen
       Schulen werden sollte.
       
       Stötzer: Das sehe ich auch so! Es wird gerade noch einmal aufgelegt.
       
       taz: Wie blicken Sie heute auf die Aufarbeitung dieser Zeit? 
       
       Stötzer: Es gibt natürlich noch blinde Flecken. Jeder muss auf seine Art
       daran arbeiten. Ich mache, was ich kann. Ich habe bisher alle Anfragen
       angenommen, Filme, Zeitzeugenberichte, Interviews für Master- und
       Doktorarbeiten. Ich habe sofort nach dem Knast darüber geschrieben und
       geredet. Viele Frauen konnten das nicht. Viele sind aus dem Knast in den
       Westen und schweigen bis heute darüber.
       
       taz: Als politische Gefangene hätten auch Sie die Chance gehabt, in die BRD
       zu kommen. Sie haben sich bewusst dafür entschieden, in der DDR zu bleiben.
       Warum? 
       
       Stötzer: Hoheneck war tatsächlich das Tor zum Westen. Dort waren die
       Schwerverbrecherinnen. Die Bürgerinnen, die die DDR verlassen wollten,
       gehörten dazu. Viele wurden für 30.000 bis 100.000 West-Mark in den Westen
       verkauft. Ich wollte nicht, dass die Arschlöcher Geld für mich bekommen.
       Ich wollte auch nicht in den Westen. Ich war in der DDR geboren, hatte
       Familie und FreundInnen. Wir haben geglaubt, dass der Sozialismus
       reformierbar ist. Im Knast wusste ich: Das ist er nicht mehr! Ich habe
       gesehen, wie dieses Volk regiert wurde: mit Hass, mit Machtmissbrauch. Ich
       habe die Folterwerkzeuge gesehen.
       
       taz: Sie waren damals erst 23 Jahre alt, sind in den Hungerstreik getreten,
       wurden zwangsoperiert. Wie schafft man das als junger Mensch? 
       
       Stötzer: In einem Land, das eingemauert war, kam ich hinter andere Mauern.
       Ich war jung genug, das interessant zu finden. Ich dachte auch, dass ich
       ein Stück deutsche Schuld mit absitze. Im Knast fiel mir wieder ein, dass
       ich als Kind Künstlerin werden wollte. Wir waren 20 Frauen in einer Zelle.
       Ich hatte nachts die Weltprobleme zu lösen und dann mussten wir im
       Dreischichtsystem arbeiten. Am schlimmsten war die Frühschicht. Ich habe
       Strumpfhosen für „Esda“ genäht und bin fast zusammengebrochen. Ich konnte
       nicht mehr. Da hatte ich Todesgedanken. Im Leiden bin ich Eins A.
       
       taz: Sie sagten, im Knast haben Sie alles über Frauen gelernt, was Ihre
       Mutter Ihnen nicht erzählt hat. 
       
       Stötzer: Ich habe tätowierte Frauen gesehen. Ich habe Mörderinnen und
       Lesben kennengelernt. Das war im Knast fast normal, weil viele schon direkt
       aus dem Jugendwerkhof weiter ins Gefängnis kamen und also auch ihr
       sexuelles Erwachen mit anderen Frauen hatten.
       
       taz: Frauenfiguren sind bis heute zentral in Ihrem Werk. 
       
       Stötzer: Ich habe mich immer gefragt: Was kannst du in dieser Welt, die von
       Männern dominiert wird, machen? Ich habe schon früh archetypische
       Frauenbilder kreiert, mit denen sich Frauen identifizieren können. Ich habe
       Frauen mit ihren Haaren an die Wand genagelt. Ein Bild, das überall
       entstehen kann. Das kann man auch in Spanien machen oder in anderen
       Ländern. Das ist einfach und klar. Wahrscheinlich ist es doch große Kunst,
       die ich mache, weil ich so einfach bin und über Grenzen gehe.
       
       taz: Woran arbeiten Sie aktuell? 
       
       Stötzer: Ich vermittle die Kraft der Frauen mit monumentalen Frauenbildern.
       Als der Krieg in der Ukraine begann, habe ich eine große Figur
       „Frauenkraft“ gemacht. Als es im Nahen Osten anfing, habe ich eine Figur
       gemacht, die heißt „Undine kommt“. Das bezieht sich auf das Buch von
       Ingeborg Bachmann, „Undine geht“ von 1961, das gab es auch in der DDR. Die
       Urfrau verlässt die Welt der kriegerischen Männer. Jetzt dachte ich, die
       weibliche Urkraft muss wieder kommen und hinsehen lernen. Wir müssen die
       Zerstörung aushalten. So wie die Leute aushalten müssen, dass ich im
       Gefängnis war und darüber rede. Für die Ausstellung in Berlin habe ich
       „Undine kommt und sieht“ gemacht, eine unendlich schöne Frau mit Brüsten,
       Händen und Füßen aus Keramik. Der Rest ist aus Wolle geknüpft, was mir
       wichtig ist. Eine Frau, die haarige Beine und ein haariges Gesicht hat,
       gerade jetzt, wo den Frauen alles abrasiert wird. Diese Figur ist 3,50
       Meter hoch. Jetzt mache ich noch eine neue für Goslar. Eine Sphinx. Eine
       Figur, die ich aus Freude gemacht habe, nicht aus Protest.
       
       taz: Haben Sie je mit Wolf Biermann über Ihre Haft gesprochen? 
       
       Stötzer: Wir haben nicht über meine Inhaftierung gesprochen, aber wir
       kennen uns. Im Herbst 1989 haben sich alle Frauengruppen in Erfurt
       zusammengeschlossen zu „Frauen für Veränderung“. Ich habe auf einer Demo
       gesprochen und habe gesagt: Wenn wir verhindern wollen, dass immer mehr
       Menschen gehen, dann muss Biermann wieder hier singen, bei uns in Erfurt
       auf dem Domplatz. Wenn ihr das wollt, dann ruft es laut! Und das haben die
       Menschen gemacht. Ich habe Biermann nach der Maueröffnung in Hamburg
       besucht und gebeten, dass er nach Erfurt kommt. Er war am 25. Januar 1990
       da und hat auch Konzerte in Jena und Dresden gespielt. Ein Teil des
       Eintrittsgeldes hat er uns gespendet. Davon konnten wir das [4][Kunsthaus
       Erfurt] kaufen. Wir hatten 10.000 Mark von Biermann, 10.000 Mark von
       Christa Wolf und 10.000 Mark von eigenen Auftritten. Wir haben einen Kredit
       bekommen und das Haus ausgebaut. Es existiert noch und wird von Monique
       Förster geleitet. Wenn ich in Berlin im Gropius Bau ausstelle, wird sie
       parallel eine Ausstellung mit Werken unserer Gruppe „ExterraXX“ machen.
       
       27 Jan 2026
       
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