# taz.de -- Staatsschauspiel Dresden: Zumindest das Theater kann die Welt noch retten
       
       > Volker Lösch führt in Dresden Voltaires einfältigen „Candide“ als Anwalt
       > der Apokalypsebewussten vor.
       
 (IMG) Bild: Haben sie diesen Optimismus gefunden? Nahuel Häfliger, Philipp Grimm, Nihan Kirmanoğlu und Gerriet Schwen in Löschs „Candide“
       
       [1][Aus der SPD] austreten und den Mitgliedsbeitrag an [2][Klimaretter] und
       Hilfsorganisationen spenden: Diesen Entschluss habe er gefasst, gesteht ein
       Genosse auf der Premierenfeier. Eine beabsichtigte Sofortwirkung der
       „Candide“-Inszenierung von Volker Lösch am Dresdner Schauspielhaus?
       
       Denn in seiner stets unvermeidlichen Schlusspredigt findet der Regisseur zu
       jenem Optimismus, nach dem der einfältige Candide in der brutalen Welt
       vergeblich sucht, in die er wider Willen geworfen wird: nicht die
       Weltrettung von oben erwarten, sondern selbst „einfach machen“. Das meint
       auch Unterstützung einer ganzen Liste konkret genannter Initiativen,
       Vereine und Häuser.
       
       Die Hartnäckigkeit, mit der [3][der 62-jährige Lösch] seit 30 Jahren
       leidenschaftlich die Weltübel anprangert, ist nur zu bewundern. Im Dresdner
       Premierenpublikum applaudierte auch eine Gruppe junger Zuschauer*innen
       auffallend intensiv. Doch Löschs Ausdruck von Empathie schrammt regelmäßig
       am Missionarischen, an der Agitation entlang.
       
       Das Staatsschauspiel und der Regisseur greifen treffend einen Voltaire von
       1759 auf, der sich wiederum auf das Universalgenie Leibniz und dessen
       Theodizee bezieht. Also die Frage nach Qualität und Gerechtigkeit eines
       imaginierten Gottes angesichts der Erbärmlichkeit der Welt. In [4][„Candide
       oder der Optimismus“] macht der naive „Held“ diese Erfahrung, als er aus
       seinem wohlbehüteten adligen Paradies vertrieben wird.
       
       Auch die Idee von Texter Soeren Voima, diesen Candide im Wendejahr 1990
       ausgerechnet aus dem meist zuerst mit [5][Karl May] assoziierten Radebeul
       in Sachsen aufbrechen zu lassen, hat noch Witz, wenn auch nicht immer
       Logik. Die geradezu militant nach Beitritt zum westdeutschen Paradies
       rufenden Ossis schwelgten ebenfalls in naivem Optimismus. 1990 erschien der
       Zusammenbruch des Ostblocks als ein Endsieg von Demokratie und
       Marktwirtschaft. Francis Fukuyama verstieg sich zur These vom „Ende der
       Geschichte“.
       
       ## Zerbröckeltes Fundament
       
       Aber schon der Prolog springt sofort in die deprimierende Gegenwart. Da
       wird der „kollektive Optimismus“ vermisst und festgestellt, dass „unser
       gemeinsames Fundament zerbröckelt“. Das Bühnenbild, einmal mehr von Gary
       Gayler entworfen, führt das augenfällig vor. Ein mehrteiliger Felsblock,
       TÜV-gerecht mit Treppen und Geländern gesichert, verliert nach und nach
       immer mehr seine Elemente und damit den Boden des Handelns.
       
       Der [6][Lösch-typische Bürgerchor] ist auf die neun Darsteller*innen
       geschrumpft. Alternierend mit langen Monologen, Deklamationen, Berichten
       Einzelner, denen jeweils alle acht anderen andächtig zuhören. Als sollte
       dieses permanente Wortdiktat vorab gerechtfertigt werden, ermuntern die
       Akteure sich und ihre Gäste gleich anfangs mit dem bekundeten „Glauben an
       die Kraft des Theaters“.
       
       Die nachfolgende Jagd durch verschiedene Erdteile muss in der Tat
       aufrütteln. Klimafolgen, Kriege, Despotismus in Diktaturen, die halbe
       Menschheit auf der Flucht, dramatische Seenotrettung von Migranten,
       Afghanistan, die Perversionen des amerikanischen Brutalkapitalismus, ein
       „Boss“ mit einem roten Basecap. Das weiß man aber eigentlich längst. Was
       erschreckt uns noch?
       
       Mittel, die das Theater böte, werden allein schon durch die geradezu
       protestantische Wortlastigkeit verschenkt. Durchweg forciert, imperativ
       vorgetragen. „Lecture Performance“ träfe diese Inszenierung besser.
       Sinnlich passiert nicht viel. Die persönliche Wegsuche dieses Candide, an
       die gleichfalls irritierte Zuschauer andocken könnten, wird nicht
       nachvollziehbar gezeichnet. Erschwert noch dadurch, dass er ständig von
       anderen und nur an einer Bubikopfperücke erkennbar gespielt wird.
       
       Drei mitspielende Aktivist*innen zeigen sich hand- und mundwerklich
       beachtlich fit. Den Eindruck, diesmal einen un-schlüssigen Lösch gesehen zu
       haben, können sie nicht verhindern.
       
       26 Jan 2026
       
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