# taz.de -- „Ukrainomania“ am Wiener Volkstheater: Glotzt nicht so neutral
> In seiner Revue „Ukrainomania“ am Wiener Volkstheater sucht Jan-Christoph
> Gockel nach Joseph Roth. Dabei findet er ungebrochenen Überlebenswillen.
(IMG) Bild: Joseph Roth (links, Bernardo Arias Porras) steht kurz aus seinem Grab wieder auf in Jan-Christoph Gockels „Ukrainomania“
Bevor es richtig losgeht, eröffnet ein alter Kühlschrank die Szene. Er
stamme aus der Ukraine, mit seinen abgeplatzten Emailecken habe er aber
eine andere Funktion, erklärt Solomiia Kyrylova in ihrer Stand-up-Nummer
zum Aufwärmen für die Revue „Ukrainomania“ dem Wiener Publikum, nicht ohne
zuvor das ukrainische in steigernder Wechselrede zu begrüßen.
Um Joseph Roth soll es gehen in dieser Inszenierung von Jan-Christoph
Gockel. 1894 geboren im galizischen Brody, heute Ukraine, schrieb Roth auf
Deutsch, der lingua franca Mitteleuropas, das damals nicht nur Geografie,
[1][sondern kultureller Imaginationsraum war.] Seine Romane
„Radetzkymarsch“ oder „Kapuzinergruft“ beschreiben den langen Niedergang
des Habsburgerreichs. Der erklärte Linke betrauerte es dennoch als
Bezugsrahmen jüdischer Emanzipation.
1939, noch vor der Shoah, stirbt er im Pariser Exil – „Ich habe keine
Heimat, wenn ich von der Tatsache absehe, daß ich in mir selbst zu Hause
bin“. Aber was lässt sich mit seiner Lektüre über die Ukraine von heute in
Erfahrung bringen?
Weiß geschminkt mit zurückgegeltem Haar und abgetragen schwarz gekleidet,
könnte Solomiia Kyrylovas Bühnenpersona genauso gut in einer
Beckett-Inszenierung des vergangenen Jahrhunderts stecken. [2][Das
Jahrhundert der Genozide] ist für die Ukraine noch nicht vorbei. Im
Kühlschrank liegen Bücher, Dokumente, Fotografien, alles, was für Besatzer
im russischen Angriffskrieg zu ukrainisch aussehen könnte. Auf dem Land
werden sie vor möglichem Feindkontakt vergraben, in den Städten hält
Küchengerät als Schrein kultureller Identität her.
## In einem multinationalen Staatsgebilde
Die Worte fallen schnell – englisch, ukrainisch, später auch bulgarisch. In
einem Haus, das 1889 als „Deutsches Volkstheater“ gegründet wurde, um in
einem multinationalen Staatsgebilde den Vorrang des Deutschen zu stützen,
kein schlechter Moment. Sofiia Melnyk kommt auf die Bühne und übersetzt
dann doch ein paar Punchlines.
Sie ist Animationsfilmerin, ihre Zeichnungen werden live auf die Bühne
projiziert, wie zuvor in Gockels Inszenierung „Green Corridors“ von Natalka
Vorozhbyt an den Münchner Kammerspielen und gemeinsamen Arbeiten in Lviv.
Was sie auf dem Tablet eingibt, illuminiert die rückwärtige Fläche, ein
Relief aus Kreisscheiben, das wie ein Vorhang mit übergroßen Pailletten
wirkt.
Die Projektion taucht das Bühnengeschehen in leichte Unschärfen, enthebt es
ins Konditionale, vom „ist“ ins „würde“. Theater reißt nicht nur die vierte
Wand ein, auch die hintere zweite, die als Bildebene in eine Welt blickt,
die die Bühne nicht mehr repräsentiert, sondern kommentiert. Nicht mehr
dichten soll Literatur, hatte Joseph Roth gefordert, sondern beobachten.
In einer Art Mockumentary bricht das Ensemble auf oder aus nach Lviv,
vormals Lemberg. Sechs Schauspieler:innen suchen einen Autor, finden
ihn aber ebenso wenig, wie Wiener Sehnsüchte das alte Lemberg, obwohl die
Gründerzeitfassaden hier ganz ähnlich aussehen.
## Eine mobile App mit Luke Skywalker
Sie besuchen ihre Kolleg:innen im Nationaltheater, das auch an das
Volkstheater erinnert, nur weit mehr Publikum fasst, lernen über Theater im
Krieg, mit vollen Häusern, Stromausfällen und einer mobilen App, die mit
Mark Hamill (Luke Skywalker) vor russischen Luftangriffen warnt.
Sechs Schauspieler:innen arbeiten hier an einer Lviver Fassung der
„Ukrainomania“. Was interessiert sie an Joseph Roth, der erst jetzt wieder
entdeckt wird? Zu ukrainischen Emanzipationsbestrebungen in den 1920er
Jahren verhielt er sich ambivalent.
„Who the Fuck is Joseph Roth?“ – die Frage einer Arbeit in Lviv nimmt
Gockel nach Wien mit und setzt die traditionelle Wahrheitsdroge des
Theaters darauf an, der Totengräberszene. Hier trifft Solomiia Kyrylova mit
Samouil Stoyanow auf ihren kongenialen Clownszwilling. Sie treiben auch
sonst die Revuenummern und das gesamte Ensemble in die Höhen spielerischen
Ernsts, wo sich die Aufführung vom Text- und Tatsachensubstrat entfernt.
Am offenen Grab bricht der historisch verbürgte Streit aus, ob der
Verstorbene in erster Linie Jude, linker Atheist oder Monarchist mit
klerikalen Sympathien war. Joseph Roth (Bernardo Arias Porras) fährt aus
der Grube und das war's.
## Clownerie und Vaudeville
Die Revue, die mit Clownerie, Vaudeville und allerlei absurden Wendungen so
virtuos mit Formen eines Theaters spielt, wie man es einmal kannte, fällt
hier in die fade Ironie der Gegenwart zurück. Die weiß sich schon durch das
Stellen von Fragen wissend, ohne die Mühen einer Antwort und der Gefahr,
daran zu scheitern. Wo Identität eine Frage der Selbstdeklaration ist, wird
Roths Begräbnisszene lustig ohne Konsequenz.
Ansonsten erfährt man Anekdotisches über seine Frauen, seine Körpergröße,
seinen Alkoholismus. Die Suppe bleibt erstaunlich dünn. Dabei gibt es
jenseits einer kanonischen Brauchtumspflege noch immer Aspekte, die an
Joseph Roth interessieren, seine postnationale Perspektive auf Europa etwa.
Der Umstand, dass sich das Deutsche [3][von der Nischensprache biodeutscher
Stadtbildbeschreibungen] wieder zur lingua franca der
Einwanderungsgesellschaft entwickelt, macht Roths Lektüre wieder lohnend.
Manchmal ist das Theater schlauer als sein Text. Aber das ist nur ein
halber Trost.
18 Jan 2026
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## AUTOREN
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