# taz.de -- Bremer V-Mann-Affäre: Der Rechtsstaat schlägt zurück
> Wer gab Geheiminformationen des Verfassungsschutzes weiter? Und hat der
> V-Mann-Einsatz gegen Recht verstoßen? Gericht und Staatsanwaltschaft
> prüfen.
(IMG) Bild: Mustafa Güngör (SPD) sitzt der Parlamentarischen Kontrollkommission in Bremen vor. Ein Mitglied soll Straftaten begangen haben
Die V-Mann-Affäre beschäftigt die Bremer Justiz. In zwei Fällen geht es um
die Weitergabe geheimer Informationen an die Medien: Es gibt erstens eine
Strafanzeige und zweitens prüft die Staatsanwaltschaft von Amts wegen den
Anfangsverdacht einer Straftat. Im dritten Fall geht es um die
Rechtmäßigkeit des Einsatzes eines Vertrauensmanns (V-Manns) selbst: Ein
von der Überwachung Betroffener hat am Dienstag Klage vor dem
Verwaltungsgericht eingereicht. Das teilte dessen Anwalt mit.
Der Hintergrund: Über acht Jahre soll der heute 31-jährige Dilan S. linke
Gruppen in Bremen [1][für den Verfassungsschutz] bespitzelt haben. Das hat
eine dieser Gruppen, die Interventionistische Linke (IL), Anfang des Jahres
öffentlich gemacht. Laut Klagevertreter Sven Adam habe Dilan S. über
mehrere Jahre eine freundschaftliche Verbindung zu seinem Mandanten
aufgebaut. Dilan S. sei so an hochsensible Daten, wie etwa Informationen
über die Gesundheit des heute 35-Jährigen, gelangt.
Außerdem will der Kläger die Art und Weise des Einsatzes auf ihre
Rechtmäßigkeit prüfen lassen. Der V-Mann habe über Jahre enge Beziehungen
zu seinem Mandanten und anderen Personen im Umfeld der IL geführt. Dabei
habe er auch Informationen aus dem besonders geschützten privaten
Kernbereich erhoben.
Eine solch eingriffsintensive Maßnahme, so Rechtsanwalt Adam, müsse nach
Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts von 2022 unter einem
„Richtervorbehalt“ stehen, also gerichtlich kontrolliert werden. Beantragt
ist im Rahmen der Klage auch eine Einsicht in die Akten des
Verfassungsschutzes. Der Kläger erwarte sich davon eine umfassende
Aufklärung des Einsatzes. Denn geklärt werden solle vor Gericht auch, ob
die Bespitzelung an sich rechtmäßig war.
Der Verfassungsschutz bezeichnet die IL als „gewaltorientiert“, weil sie
sich nicht eindeutig genug von Gewalt abgrenze. Belege für die
Gewaltorientierung oder gar -bereitschaft der IL hat aber auch der Einsatz
des V-Manns nicht zutage gefördert. Die IL ist eine bundesweit agierende
Gruppe, die den Kapitalismus nicht verbessern, sondern abschaffen will. Sie
beteiligen sich an Protesten gegen Kohleabbau und Nazis, setzen sich für
Geflüchtete und den sozial gerechten Ausbau des ÖPNV ein. In Bremen hat sie
eine Mitgliederzahl im mittleren zweistelligen Bereich, wie sie der taz
sagte.
## Ermittlungen wegen Geheimnisverrats
In den anderen beiden Fragen, die nun juristisch geprüft werden, geht es um
die Weitergabe geheimer Informationen an Medien im Nachgang der Bremer
V-Mann-Affäre. Den Anfangsverdacht einer Straftat gegen einen oder mehrere
Teilnehmende einer Sitzung [2][der Parlamentarischen Kontrollkommission]
prüft die Bremer Staatsanwaltschaft, wie sie am Montag der taz mitteilte.
Zudem ging am Dienstag eine Strafanzeige gegen unbekannt bei der
Staatsanwaltschaft ein.
Zum einen waren aus der Parlamentarischen Kontrollkommission Informationen
„durchgesickert“, wie es vor zwei Wochen [3][in einem Beitrag des
Regionalmagazins „Buten un Binnen“ von Radio Bremen] hieß. Die Kommission
soll die Arbeit des Bremer Verfassungsschutzes kontrollieren und unterliegt
der Geheimhaltung.
Gegen diesen Straftatbestand hat offenbar jemand verstoßen. „Nach
Buten-und-Binnen-Informationen wurden die Parlamentarier hier vom
Verfassungsschutz darüber informiert, dass ein Mitarbeiter der
Linken-Fraktion sich innerhalb des linksextremen Milieus engagiert“, sagt
der Reporter in dem Fernsehbeitrag. Er steht im Parlamentsgebäude. Zuvor
war der Raum im Bild zu sehen, in dem die Kommission regelmäßig tagt.
Weitere Quellen, die seine Behauptung belegen können, nennt er nicht. Mit
dem „linksextremen Milieu“ ist ebenfalls die IL gemeint.
Wer die Informationen über den Fraktionsmitarbeiter widerrechtlich an
„Buten un Binnen“ weitergegeben hat, ist unbekannt. Der Staatsanwaltschaft
sei keine Person namentlich bekannt, so der Sprecher zur taz. Die
Kommission hat sechs Mitglieder, Abgeordnete von Grünen, SPD und CDU, sowie
derzeit zwei ständige Gäste von Linken und FDP.
## Strafanzeige wegen Geheimnisverrat
Weil der Journalist sich auf den Quellenschutz berufen kann, bezweifle er,
dass der mutmaßliche Täter ermittelt werden kann, so der Sprecher der
Staatsanwaltschaft.
Das gilt auch für die Strafanzeige wegen des Verdachts auf Geheimnisverrat
gegen unbekannt, die am Dienstag der Republikanische Anwältinnen- und
Anwälteverein mit Sitz in Berlin bei der Bremer Staatsanwaltschaft
erstattete. Sie liegt der taz vor.
Es geht dabei um einen vor knapp drei Wochen erschienenen Spiegel-Bericht.
In diesem behaupten die beiden Journalisten, ein Bremer Rechtsanwalt sei
bei der Enttarnung des V-Manns durch IL-Mitglieder in dessen Wohnung
dabeigewesen. Eine Quelle für die Information nennt der Bericht nicht.
Sie könne nur vom Verfassungsschutz kommen, schreibt der Anwaltsverein.
Daher kämen als Täter in Verdacht: „Amtsträgerinnen und Amtsträger des
Landesamtes für Verfassungsschutz Bremen. Gegebenenfalls sind die
Ermittlungen auch zu erstrecken auf Mitglieder der Parlamentarischen
Kontrollkommission in der Bremischen Bürgerschaft.“
## Fraktionen drängten Richter aus dem Amt
Aufgrund der Berichterstattung hatten sämtliche Fraktionen der Bremischen
Bürgerschaft den Anwalt erfolgreich gedrängt, von seinem Amt als
stellvertretender Richter am Staatsgerichtshof, dem Bremer
Verfassungsgericht, zurückzutreten. Er war auf Vorschlag der Linken von der
Bremischen Bürgerschaft gewählt worden. Mehrere Juristenverbände sowie die
[4][Bremer Rechtsanwaltskammer] hatten den Vorgang scharf kritisiert. Zur
freiheitlich demokratischen Grundordnung gehöre die Gewaltenteilung sowie
die anwaltliche Unabhängigkeit, nach der Rechtsanwälte sich ihre
Mandant:innen selbst aussuchen dürfen.
Diese Grundordnung wollen am Sonntag mehrere Organisationen und Gruppen
verteidigen, darunter der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB), die
Jugendorganisationen von Grünen und SPD und die IL. Sie rufen um 14 Uhr zu
einer Kundgebung auf dem Marktplatz auf: „Grundrechte gegen Geheimdienst
und Rechtsruck verteidigen – Bremen wird kein Trump-Land“.
24 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Verfassungsschutz-ueberwacht-Bremer-IL/!6147879
(DIR) [2] https://www.bremische-buergerschaft.de/index.php?id=255
(DIR) [3] https://www.butenunbinnen.de/videos/eva-hoegl-verfassungschutz-linksextremisten-bremen-100.html
(DIR) [4] /Bremer-V-Mann-Skandal/!6155335
## AUTOREN
(DIR) Eiken Bruhn
(DIR) Lotta Drügemöller
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