# taz.de -- Verfassungsschutz in Österreich: Spionagefall der Superlative
> Egisto Ott, einst Spitzenbeamter beim Verfassungsschutz, soll jahrelang
> Staatsgeheimnisse an Russland verkauft haben. Ab Donnerstag steht er vor
> Gericht.
(IMG) Bild: Egisto Ott (r) mit seinem Anwalt in einem Wiener Gerichtssaal, Österreich, am 8. 11. 2024
Es ist der wohl wichtigste Gerichtsprozess des Jahres, der am Donnerstag in
Österreichs Hauptstadt Wien beginnt: Auf der Anklagebank sitzt [1][Egisto
Ott], einst Chefinspektor beim Bundesamt für Verfassungsschutz und
Terrorismusbekämpfung.
Die Staatsanwaltschaft wirft dem 63-Jährigen vor, über Jahre hinweg als
russischer Spion tätig gewesen zu sein und dabei die nationale Sicherheit
massiv gefährdet zu haben. Ott bestreitet alle Anschuldigungen.
Die Vorwürfe erinnern an Hollywood oder wenigstens den „Tatort“: Zwischen
2015 und 2021 soll Ott systematisch sensible Daten aus Polizeidatenbanken
abgefragt und an den russischen Geheimdienst weitergeleitet haben – unter
anderem Aufenthaltsorte, Kfz-Kennzeichen und Reisebewegungen. Zu seinen
mutmaßlichen Opfern zählte der damals in Wien lebende
Investigativjournalist Christo Grozew. Er ist dem Kreml seit Langem ein
Dorn im Auge.
Besonders brisant: Otts mutmaßliche Verbindung zum untergetauchten
[2][Ex-Wirecard-Manager Jan Marsalek], der selbst als russischer Agent für
den FSB tätig gewesen sein soll. Für ihn soll Ott im Juni 2022 Diensthandys
eines ehemaligen Kabinettschefs und zweier Mitarbeiter des
Innenministeriums organisiert haben.
## Ins Wasser gefallen
Die Geräte, die 2017 bei einem Bootsausflug ins Wasser gefallen waren,
gelangten laut Anklägern an einen mutmaßlichen Mittelsmann Otts zur
Datenrettung. Über diesen sollen die Handys, samt heikler Daten, weiter
nach Moskau befördert worden sein.
Damit nicht genug: Im November 2022 soll Ott einen hochsensiblen
SINA-Laptop mit geheimdienstlichen Informationen russischen Agenten
zugespielt haben. Er soll dafür 20.000 Euro bekommen haben. Auch eine
Verletzung des Amtsgeheimnisses wird Ott zur Last gelegt: 2019 soll er dem
damaligen Generalsekretär im Außenamt personenbezogene Daten von
BVT-Beamten mitgeteilt haben, die er mit der [3][Erstellung des
Ibiza-Videos] in Verbindung brachte.
Besonders schockiert ein weiterer Vorwurf: Nach dem sogenannten
[4][Berliner Tiergartenmord 2019], bei dem ein russischer Agent einen
tschetschenischen Dissidenten erschoss, soll Ott eine „Fehleranalyse“ für
den russischen Geheimdienst verfasst haben.
Er habe Schwachstellen bei der Tatbegehung aufgezeigt und damit laut
Anklage eine „Handlungsanleitung für Auftragsmorde“ geliefert. Die Ankläger
vermuten finanzielle Gründe sowie Frustrationen mit Vorgesetzten als Motive
für Otts mutmaßliche Zusammenarbeit mit Russland.
## Dauerhaft suspendiert
Im November 2017 wurde Ott erstmalig suspendiert, weil US-Geheimdienste
Hinweise auf die mutmaßlichen Spionagetätigkeiten gegeben hatten. Er wurde
2018 an die Sicherheitsakademie versetzt, soll von dort aus aber weiterhin
Datenabfragen veranlasst haben. Erst Anfang 2021 kam es zu einer
dauerhaften Suspendierung.
Dass Ott so lange weitermachen konnte, liegt auch an österreichischen
Eigenheiten. Spionage ist hierzulande nur strafbar, wenn sie sich direkt
gegen Österreich richtet. Der maximale Strafrahmen von fünf Jahren liegt
zudem deutlich unter jenem in Deutschland.
Von einer „laxen Rechtslage“ und einer „personell schwach aufgestellten
Spionageabwehr“ spricht etwa [5][Geheimdienst-Experte Thomas Riegler]. Die
kurzen Verjährungsfristen und das komplizierte Beweisverfahren bei
Geheimdienstfällen erschweren zudem die Arbeit der Behörden. Hinzu kommt
[6][Österreichs jahrzehntelang gewachsene Russlandnähe] einflussreicher
politischer und wirtschaftlicher Kreise.
Die Ermittlungen gegen ihn seien allesamt „konstruiert“, sagte Ott im
Vorfeld des Prozesses. Auch ein mitangeklagter IT-Spezialist im
Polizeidienst weist die Vorwürfe zurück. Ob die Geschworenen den beiden
glauben, entscheidet sich nach zehn geplanten Verhandlungstagen frühestens
im März.
22 Jan 2026
## LINKS
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(DIR) [2] /Ermittlungen-zu-Wirecard-Skandal/!5743140
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(DIR) [4] /Politischer-Mord-in-Berlin-Tiergarten/!5716096
(DIR) [5] https://materie.at/gb/das-schwaechste-glied-warum-gerade-oesterreich-ins-visier-russischer-geheimdienste-geriet/
(DIR) [6] /Oesterreich-russische-Beziehungen/!5959246
## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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