# taz.de -- Debatte um Arbeit: Doch, Teilzeit ist ein Lifestyle
       
       > Die Union hat eine emotionale Debatte um das Recht auf Teilzeit
       > ausgelöst. Der Kampf um die Arbeitszeit ist eine komplexe
       > Verteilungsfrage.
       
 (IMG) Bild: Zu glauben, der Gipfel der Gleichberechtigung sei erreicht, wenn alle gemeinsam noch mehr schufteten, ist eine Falle
       
       Hier soll jetzt gleich eine fluffige Kolumne über Teilzeit und Lifestyle
       stehen. Und das in einer Vollzeitwoche, in der die Kinder krank sind, die
       Wärmepumpe streikt (danke, Robert Habeck) und die Schule bestreikt wird
       (danke, Gewerkschaften). Also wieder Überstunden am späten Abend. In der
       taz haben wir die Worte des Bundeskanzlers vernommen, und als fleißiger
       Bürger wird nun in die Hände gespuckt und auf die Tastatur und alles
       gegeben, um den Standort mit einem weiteren neunmalklugen Text
       voranzubringen.
       
       Zum Thema: In Deutschland gibt es (noch?) ein [1][Recht auf Teilzeit].
       Sprechen keine betrieblichen Gründe dagegen, muss der Arbeitgeber sie
       erlauben. Und so viele Menschen wie noch nie, 29 Prozent der
       Erwerbstätigen, machen davon Gebrauch. Jeder neunte Mann und fast jede
       zweite Frau.
       
       Die Mittelstandsunion (Triggerwort Nummer eins) fordert deshalb, das Recht
       auf Teilzeit als „Lifestyle“ (Triggerwort zwei) einzuschränken. Und wie das
       so ist mit Triggerwörtern und den Debatten, die auf sie folgen: Sie
       verlaufen reflexhaft.
       
       Das fängt damit an, dass Lifestyle so klingt, als hätte jemand in der Union
       das Wort im Lexikon für Jugendsprache gefunden. Aber auch viele
       vermeintlich linke und liberale Reaktionen auf den Vorschlag waren
       erwartbar. Eine Unverschämtheit sei der Vorstoß, hieß es, und dann kamen
       die bekannten Argumente: die Teilzeitfalle der Frauen, die fehlende
       Kinderbetreuung und so weiter und so fort. Das ist alles nicht falsch und
       doch ein bisschen unehrlich.
       
       ## Kita, Care und Katzen
       
       Ja, es gibt viele Menschen, die gern mehr arbeiten würden, aber nicht
       können – weil es ihre Lebensumstände nicht zulassen oder ihr Arbeitgeber
       sie nicht lässt. Es gibt aber ebenso viele Menschen, die nicht mehr
       arbeiten wollen oder [2][am liebsten weniger arbeiten würden] als bisher.
       Weil sie lieber auf Geld verzichten als auf Zeit. Weil sie die Nasen ihrer
       Kinder lieber sehen als die ihrer KollegInnen.
       
       Es ist deshalb defensiv und etwas scheinheilig, so zu tun, als würden ja
       alle liebend gern 40 Stunden arbeiten, nur – leider, leider – ginge das
       nicht, weil: Kita, Care, Katzen. Denn mit dieser Argumentation
       unhinterfragt übernommen wird das Ideal der Vollzeitarbeit. Zu glauben, der
       Gipfel der Gleichberechtigung sei erreicht, wenn alle gemeinsam noch mehr
       schufteten, ist eine Falle.
       
       Besser wäre es doch, offensiv dagegenzuhalten. Ob man das nun Lifestyle
       oder Work-Life-Balance nennt oder schlicht Freizeit. Wie viel davon zur
       Verfügung steht, ist schließlich nicht gegeben, sondern wurde von
       Gewerkschaften und Arbeiterinnen erkämpft. Das gilt für die
       40-Stunden-Woche wie für das Recht auf Teilzeit. Statt sich über sie zu
       empören, kann man der [3][Mittelstandsunion] dankbar sein und ihr
       selbstbewusst zustimmen: Ja, Teilzeit ist oft eine bewusste Entscheidung,
       ist auch Ausdruck von Wohlstand in einer Gesellschaft, ist Lifestyle. Und
       wenn Arbeitgeber und Bundesregierung wollen, dass mehr gearbeitet wird,
       müssen sie dafür etwas bieten.
       
       Letztlich ist der Kampf um die Arbeitszeit dann eine dreifache
       Verteilungsfrage: zwischen Unternehmen und Angestellten zur Höhe des Lohns,
       zwischen Staat und Bürgern zu Arbeitnehmerrechten und einer öffentliche
       Infrastruktur, die das Arbeiten erst möglich macht – und nicht zuletzt ein
       Kampf zwischen Männern und Frauen.
       
       Denn wenn weniger Frauen in Teilzeit arbeiten sollen, kann das nur
       funktionieren, wenn Männer Arbeit abgeben und stattdessen andere Aufgaben
       übernehmen. Solche, die sinnvoller sind, als nachts Welterklärerkolumnen zu
       schreiben.
       
       Vollzeit für alle? Ja, aber mit 30 Stunden, bitte. Das wäre ein guter
       Lifestyle.
       
       2 Feb 2026
       
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