# taz.de -- Forderung des CDU-Wirtschaftsrats: Kassen sollen keine Zahnbehandlung mehr bezahlen
       
       > Der CDU-Wirtschaftsrat fordert, Zahnarztbesuche zur Privatleistung zu
       > machen. Empörung dafür kommt von allen Seiten – selbst von der CDU.
       
 (IMG) Bild: Glücklicherweise weiterhin eine Kassenleistung: der Zahnarztbesuch
       
       epd/dpa/afp | Der Wirtschaftsrat der CDU fordert deutliche Einschnitte in
       den Sozialstaat. Um einen weiteren Anstieg der Sozialabgaben zu verhindern,
       sollten unter anderem [1][die Mütterrente], die Rente mit 63 und die
       Grundrente gestrichen werden, heißt es in einem Reformpapier, das der
       Verband am Sonntag veröffentlichte. Auch solle das Arbeitslosengeld künftig
       grundsätzlich nur noch für ein Jahr ausgezahlt werden. Bei SPD, Linken und
       dem Sozialverband Deutschland stieß der Vorstoß des Verbandes, der formell
       von der CDU unabhängig ist, auf klare Ablehnung.
       
       Ausdrücklich nannte der Verein etwa [2][Zahnarztbehandlungen]. Diese
       sollten „nicht länger im Umlageverfahren den Beitragszahlern zur Last
       fallen“. Der Generalsekretär des Wirtschaftsrats, Wolfgang Steiger, sagte
       der dpa: „Ausdruck einer verantwortungsvollen Politik gegenüber
       Arbeitnehmern ist es auch, dafür zu sorgen, dass Sozialabgaben nicht immer
       weiter ansteigen und so immer weniger Netto vom Brutto bleibt.“ Der
       Leistungskatalog der Krankenkassen sei „einer von mehreren möglichen
       Ansatzpunkten, über die es eine ehrliche Debatte braucht“.
       
       Heute werden die meisten Maßnahmen zur Verhütung, Früherkennung und
       Behandlung von Zahn-, Mund- und Kieferkrankheiten von den Krankenkassen
       bezahlt. Wie bei den anderen Versicherungsleistungen gilt das
       Umlageprinzip. Die anfallenden Kosten werden durch die laufenden
       Beitragseinnahmen gedeckt. Zahnarztleistungen sind heute laut Regierung
       zuzahlungsfrei, sofern sie nicht über die als nötig anerkannte Versorgung
       hinausgehen. Vieles bezahlen die Patientinnen und Patienten aber bereits
       aus eigener Tasche, beispielsweise Inlays. In den ersten drei Quartalen
       2025 gaben die gesetzlichen Krankenkassen für Zahnbehandlungen rund 10,5
       Milliarden Euro aus.
       
       „Verschiedene Leistungen, etwa Zahnarztbehandlungen, lassen sich generell
       gut privat absichern und sollten nicht länger im Umlageverfahren den
       Beitragszahlern zur Last fallen“, heißt es in einem Passus zu den
       Leistungen der Krankenkassen.
       
       ## Steuersenkungen gefordert
       
       Zudem macht der Rat, der sich als Interessenvertretung der
       unternehmerischen Wirtschaft versteht, zahlreiche Vorschläge zur Minderung
       der „überbordenden“ Steuerlast. Unter anderem solle die Unternehmenssteuer
       auf 25 Prozent gesenkt und der Solidaritätszuschlag auch für Gutverdiener
       abgeschafft werden. Auch eine „spürbare Anhebung“ des Grundfreibetrags in
       der Einkommensteuer wird gefordert.
       
       Das Papier, über das zuerst die Bild am Sonntag berichtete, trägt die
       Überschrift „Agenda für die Arbeitnehmer in Deutschland“. „Mehr als drei
       Millionen Arbeitslose sind ein unmissverständliches Signal, dass die
       Politik jetzt endlich alles tun muss, um das Aufstiegsversprechen zu
       erneuern und Wachstumskräfte zu entfesseln“, begründete der Generalsekretär
       des Wirtschaftsrats, Wolfgang Steiger, den Vorstoß in der Bild am Sonntag.
       
       Aus den Reihen der Sozialdemokraten kam scharfe Kritik. Der Vorsitzende des
       Ausschusses für Arbeit und Soziales im Bundestag, Bernd Rützel (SPD),
       bezeichnete die Forderungen als „Eiszeit pur“. Die Reichsten zu entlasten,
       Mütter- und Grundrente zu streichen und das Arbeitslosengeld zu kürzen, sei
       „ein Schlag ins Gesicht von 90 Prozent der Deutschen“, sagte Rützel der
       Augsburger Allgemeinen (Montag).
       
       Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen hat den Vorstoß des
       CDU-Wirtschaftsrates zu Einschnitten für gesetzlich Krankenversicherte beim
       Zahnarzt zurückgewiesen. „Zahnmedizin aus der gesetzlichen
       Krankenversicherung zu streichen, ist ein gesundheitspolitischer Irrweg.
       Das ist medizinisch falsch, sozial brandgefährlich und ökonomisch
       kurzsichtig“, sagte Dahmen der Deutschen Presse-Agentur in Berlin.
       Zahngesundheit sei kein Luxus, sondern Voraussetzung für allgemeine
       Gesundheit. „Wer hier spart, produziert morgen Herzinfarkte,
       Diabetes-Komplikationen und schwere Infektionen und damit explodierende
       Folgekosten für das Gesundheitssystem.“
       
       Der BSW-Politiker Fabio De Masi erklärte: „Wer den Zahnarztbesuch nicht
       mehr erstattet, wird nur mehr Folgekosten verursachen und die private
       Kaufkraft weiter schwächen.“ Eine Regierung, „die die Wirtschaft ins Koma
       versetzt und nicht einmal die Absenkung der Stromsteuer oder mehr
       Investitionen in die Infrastruktur auf die Reihe bekommt, sollte zum
       Zahnarzt schweigen“, riet er. Auch der CDU-Arbeitnehmerflügel (CDA) hat die
       jüngsten Sparvorschläge des CDU-Wirtschaftsrats kritisiert. „Hier erklärt
       eine Gruppe von Superprivilegierten anderen Leuten, auf was diese
       verzichten sollen“, sagte der CDA-Vorsitzende Dennis Radtke am Sonntag der
       Süddeutschen Zeitung.
       
       ## „Füllung beim Zahnarzt oder Mittagessen für die Kinder?“
       
       Linken-Chefin Ines Schwerdtner erklärte, der Vorstoß sei ein Beleg für „die
       schöne neue Welt der Wirtschafts-Union“. Menschen, die jeden Tag
       schufteten, müssten sich demnach bald entscheiden: „Füllung beim Zahnarzt
       oder Mittagessen für die Kinder?“
       
       Der Sozialverband Deutschland wies das Papier des Wirtschaftsrats als
       „verstörend“ zurück. „Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht aus der Union
       Bürgerinnen und Bürger verunglimpft und damit verunsichert werden“, sagte
       die Vorstandsvorsitzende des Verbandes, Michaela Engelmeier, den Zeitungen
       der Funke Mediengruppe: „Der Kanzler behauptet, alle feierten zu viel
       krank, die Mittelstandsunion glaubt, dass Millionen aus lauter Jux Teilzeit
       arbeiten wollen, und nun kommt der CDU-Wirtschaftsrat mit der nächsten
       verstörenden Idee um die Ecke.“
       
       Die vorgeschlagene Senkung des Arbeitslosengeldes von zwei auf nur noch ein
       Jahr etwa würde Millionen Menschen, die unverschuldet ihren Job verlieren,
       in Existenznöte bringen, sagte Engelmeier. Das Exkludieren der
       Zahnversorgung aus der Krankenversicherung würde zudem die „bereits
       bestehende Zwei-Klassen-Medizin“ noch befeuern: „Vermögende hätten schöne
       Zähne, Bedürftige noch mehr Lücken.“
       
       2 Feb 2026
       
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