# taz.de -- Warum schreibt niemand mehr Verrisse?: Schuld sind auch wir selbst
> Die Kulturkritik ist in der Krise. Was tun dagegen? Wo bleibt die
> rebellische Dissidenz der jungen Generation?
(IMG) Bild: Angsthase, schüttel dein Phlegma ab. Filmstill aus Harmony Korines „Gummo“, 1997
Lesen Sie eigentlich noch gerne das Feuilleton? Nein? Ich verstehe Sie.
Wochenlange Debatten, früher so spannend wie heute eine Netflix-Serie, gibt
es dort schon lange nicht mehr. Rezensionen finden Sie inzwischen auf
Onlineplattformen – nur kürzer, vielfältiger und kostenlos.
Ja, die klassische Kulturkritik steckt in der Krise. Genauso der
Journalismus und unsere liberale Demokratie. Aber halt, nicht wegrennen!
Ich verrate Ihnen, warum das so ist und wie wir da vielleicht wieder
rauskommen. Leichter wird dadurch allerdings nichts.
Fangen wir mit der Selbsterkenntnis an. Wie das im deutschen
„Kulturjournalismus“ so ist – ein Managerwort, das vielleicht schon alles
über die Streber-Verschulung des Metiers sagt – kommen die besten Ideen aus
den USA. Auch im Fall der Kunstkritik. Genauer gesagt, aus einer kleinen
verrauchten Bar namens Seaport, die im Schatten der Brooklyn Bridge in New
York liegt.
2023 trafen sich dort Kunstkritikstars wie [1][Dean Kissick], [2][Roberta
Smith] und [3][Jason Farago], aber auch hippe Ostküsten-Künstler wie
[4][Seth Price], [5][Joshua Citarella] und [6][Alvaro Barrington], um
mehrere salonartige Talks abzuhalten. Diskutiert wurde, was diese schwer zu
definierende Gegenwartskunst eigentlich sein soll. Es ging also um das
Formulieren klarer, aufregender Thesen und darum, entschlossen Urteile zu
fällen; ergo, um alles, was gute Kritik, ob an Kunst, Literatur oder Pop
ausmacht, aber eben heute oft fehlt.
Auch deshalb klangen viele der Seaport-Takes – die dann 2025 in einer
schönen, schlichten Anthologie erschienen –, wie eine Selbstkritik der
Kritiker. Frustriert fragen die ausgebrannten Kollegen da: Wie sind wir
hier gelandet? Will uns noch wer? Und warum sind wir so langweilig, während
unsere Tiktok-Trump-Gegenwart so spektakulär ist? Müssten unsere
Kritikerworte nicht genauso fesselnd sein, um ihr überhaupt noch
hinterherzukommen?
## Betagte Gardesoldaten des Geschmacks
Dasselbe sollten wir uns auch hier in Deutschland fragen. Das Magazin Texte
zur Kunst, dieser betagte Gardesoldat des guten Geschmacks, tut das gerade
[7][in seiner aktuellen Ausgabe]. Sie trägt den englischen Titel „System
Change: Art Market and Criticism“. Die darin gestellte Fatal-Diagnose:
Kunstkritik ist nicht mehr fesselnd, sondern zahnlos, weil ihr für den
nötigen Biss schlichtweg das Kapital fehlt.
Und deshalb, so die Idee der Ausgabe, bestimme allein der Kunstmarkt mit
seinem Schmiergeld, welche Kunst gut und welche schlecht, welche überhaupt
zeigenswert ist. Kritik sei heute also abhängig von Marktmacht. Autonomie,
Glaubwürdigkeit und Einfluss der Kritiker damit passé. Ein Riesenproblem.
Aber ist es wirklich nur das böse Marktmonster, das uns Kritikern an die
Substanz geht? Nein, ein Fall aus der Popkritik zeigt, wer noch.
In der [8][Zeit resümierte neulich der scharfsinnige, aber manchmal etwas
zu verständnisvolle Kritiker Jens Balzer], dass es nicht mehr die
beleidigten Künstler seien, die ihre vermeintlich fiesen Kritiker
diffamierten, sondern deren enthemmte Fans. Ein Kommentarspaltenmob, so
könnte man sagen, der nicht einmal mehr vor Mordaufrufen zurückschreckt.
Balzers Text-Aufhänger: ein Albumverriss [9][der Kritikerin Juliane Liebert
in der Zeit].
Von dem war nämlich nicht die Kritisierte genervt – die deutsche
Pop-Prinzessin [10][Nina Chuba] –, sondern der YouTuber und Wichtigtuer
Rezo, der daraufhin online über Liebert und eigentlich über alle
Zeitungskritiker im Allgemeinen herzog. Worum es Rezo ging? Ärger machen,
also Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Wie blöd! Sollten die nicht richtige
Kritiker für ihre genialen Ideen zu Filmen, Büchern und Kunstwerken
bekommen? Müssten wir uns nicht gegen marodierende Fans und Vulgärkritiker
wie Rezo wehren?
Ja! Aber wie? Zum Beispiel, indem wir Kritikerinnen und Kritiker insgesamt
wieder mehr Verrisse schreiben. Selbstbewusste, elegant geschriebene, mit
unerwarteten Thesen. Nur so können wir uns gegen unsere gut klickenden
Todfeinde behaupten. Jeder, der Plattform-Algorithmen aus eigener Erfahrung
und nicht nur aus Fortbildungsseminaren kennt, weiß, dass diese am liebsten
dahin steuern, wo die Kontroverse am spannendsten ist.
## Müssen wir intellektuelle Marktschreier werden?
Und genau deshalb müssen wir wieder „intellektuelle Marktschreier“ werden.
So hatte die Journalistin Susanne Lang den Erfinder der großdeutschen
Großdebatte, Frank Schirrmacher, 2006 [11][in ihrem taz-Porträt] genannt.
Jemand wie Rezo allerdings, der nur Clickbait-Meinungen, aber keine
Argumente hat, kann für uns kein Vorbild sein. Genauso wenig
Heldendenkmäler wie Frank Schirrmacher, denn auch die Boys-Club-Nostalgie
wird uns nicht retten. Die katzengoldenen Zeiten des Journalismus sind
generell vorbei. Schuld daran sind aber nicht nur der Markt, aufgehetzte
Fan-Mobs oder Rezo. Nein, auch wir selbst.
Dem Journalismus – ganz besonders den Feuilletons – geht es nämlich wie der
deutschen Autoindustrie: Jahrelang regnete es steigende Einkommen für
Manager mit idiotischen Ideen, dann ist plötzlich kein Geld mehr da, um die
eigene Existenz zu sichern. Strukturwandel, Stellenabbau, KI. Und wie das
mit Untergangsszenarien wie diesen so ist, klammern sich die meisten dabei
an das, was ihnen noch ein bisschen vergangenes Bling-Bling oder einen
rasanten Wiederaufstieg verspricht.
In den Kulturteilen der größten deutschen Zeitungen zeigt sich beides in
oft unlesbarer Peinlichkeit. Die auf jung machenden Doyens der Zeit
beispielsweise bitten ständig irgendwelche Meme-Künstler, billige Gags über
Friedrich Merz zu produzieren – auch wenn es die politische Schieflage mal
nicht hergibt. Ihre Feuilletonisten werden dazu animiert, Tiktok-Trends vor
der Kamera auszuprobieren, müssen sich jedes Stück Content überziehen, das
nach algorithmischem Coup aussieht, krampfhaft, so, als wolle man die
eigenen Problemzonen – lahme Lifestyletexte und die nächste
Service-Sonderbeilage – verstecken. Nur die FAZ, das alte Schlachtschiff,
bleibt ganz sie selbst und tuckert beim Trendhopping auf Social Media
meistens drei Wochen hinterher.
## Den Ego-Boost liefert der Ich-Essay
Klar, für mich ist es bequem, die Alten und ihre Transformationsneurosen zu
kritisieren. Deshalb sind jetzt wir, die Jungen, dran. Von uns sollte man
eigentlich das Gegenteil erwarten: rebellische Dissidenz, vergnügtes
Austeilen gegen die Chefs und elektrisierende Artikel über das, was in der
Kultur wirklich neu ist – nicht nur über das, was uns Plattformgiganten
oder PRs als neu verkaufen.
Das Problem: Wir tun’s nicht. Die meisten jungen Autoren im Feuilleton
finden gerade cool, andere, erfolgreichere, aber mindestens genauso
uninspirierte Kollegen in den Luxusurlaub zu begleiten – Sonnenmilch und
Ruhmesglanz teilen. Gute Texte über schlechte Kunst zu schreiben ist nicht
hot genug. Den Ego-Boost [12][liefert der triviale Ich-Essay]: meist ohne
Urteile, dafür voller oberflächlicher mikrosoziologischer Beobachtungen zu
Konsum, Dating und Promi-Buchclubs oder floskelhafter Reflexionen über die
eigenen Gefühle.
Warum? Weil man glaubt, dass es das ist, was der Verleger des Buches, das
man gerade besprochen hat, gerne hören würde. Man weiß ja nie, vielleicht
schreibt man bald selbst einen Roman.
Manchmal verirrt sich in dieses Ödland dann ein Text, der sich für kritisch
hält. Zum Beispiel neulich, [13][in der Zeit], als eine junge Autorin
versuchte, den Senioren-Debütroman des fast 90-jährigen, leicht zu
schmähenden Filmemachers Woody Allen zu rezensieren. Endlos erzählt sie in
ihrem Text den Buchinhalt nach, wertet alle Zeitgeist-Verweise streberhaft
aus und formuliert ihre Deutungen auffällig vage, nur um am Ende das
Wichtigste auszusparen: die Kritik am Buch.
Ähnliche Probleme hat auch die Zeit-Literaturkritikerin Iris Radisch
festgestellt, im Oktober 2025, beim Frankfurter-Buchmessen-Talk der
SWR-Bestenliste. Anlass zu ihrer Sorge um die Literaturkritik war der lange
unwidersprochen [14][gebliebene Hype um die Erfolgsautorin Caroline Wahl].
Was Radisch da bemängelte, waren die „Scheu vor Kontroversen“ und der
„reine Inhaltismus“ heutiger Rezensionen. Eine wirkliche Lösung boten sie
und ihre Jury-Kollegen auf der Bühne aber auch nicht an. Es blieb beim
Wunsch nach „mehr Nachwuchsförderung“.
## Geformt von einem Buckel-Betrieb
Mit dieser werden wir, die jungen Autoren, allerdings nicht weit kommen.
Klar, angemessene Honorare, nicht nur für die glücklichen Alten, sondern
für die unglücklichen Jungen, wären ein Anfang. Aber mit Geld allein lässt
sich die Mutlosigkeit dieser Autoren-Generation, der auch ich angehöre,
nicht abschütteln. Diese Last kann uns keiner nehmen, das Problem geht
tiefer. Zu viele von uns sagen eigentlich zu allem ja, danke, bitte, toll,
toll, toll, was ihnen in diesem Ruinenbetrieb nur irgendwie das Image
poliert.
Verständnisvollerweise sind sie Opportunisten. Auf Instagram schreiben sie
untertänig „heute durfte ich …“, wenn sie Promi-Philosophen wie Slavoj
Žižek getroffen oder eine Doppelseite im SZ-Magazin bekommen haben. In
Gesprächen unter Freunden lamentieren sie dann, dass der Chef sie trotz
ihrer Schmeicheleien bei der Besetzung der Redakteursstelle mal wieder
übersehen habe. „Wie frech! Du hast doch einen Abschluss von der Deutschen
Journalistenschule!“
Aber wer will es ihnen übelnehmen? Geformt hat diese jungen Autoren ein
Buckel-Betrieb, der den eigenen Untergang ohnmächtig verwaltet; Redakteure,
die zwischen Anzeigenstress und Spardelirium all jene Texte wegredigieren,
die ihnen und uns Ärger bereiten könnten – was eigentlich der Sinn des
kritischen Schreibens wäre und, wie gesagt, gut klicken würde.
Wie, frage ich mich, sollen wir in so einer ängstlichen Atmosphäre die
Zukunft der Kritik, des Journalismus und überhaupt unserer Demokratie, die
doch vom andauernden Widerspruch lebt, gestalten? Müssten wir nicht gegen
diesen Konformismus rebellieren, bevor es die Falschen tun? Nehmen wir zum
Beispiel die kleinbürgerlichen Maulhelden von Nius. So ungern ich das als
Antispießer und Demokratiebesessener sage: deren Pseudoprovokationen
fruchten.
Genauso wie die von nicht-intellektuellen Marktschreiern wie Rezo. Der will
zwar zum Glück kein autoritäres Stahlgewitter wie Nius, sondern nur unser
Geld. Trotzdem müssen wir beides – politischen Einfluss und geldbringende
Aufmerksamkeit – Rezo und Nius wieder streitig machen. Warum, fragen Sie?
Weil sonst meine, ihre, unsere Zukunft so aussehen wird: Vibe Shift über
Vibe Shift formiert sich auf X oder in Thüringen eine neue Hitlerjugend und
der populistische Hexenhammer zerschlägt überall dort unsere demokratische
Öffentlichkeit, wo wir – die vierte Gewalt– zu träge, das heißt, zu
konsensual sind. Und nein, ich halte diese Drohkulisse [15][nicht für
übertrieben]. Sie ist Ausdruck einer nicht neuen, aber schlimmer werdenden
Verzweiflung.
## Wie so ein erschöpfter Sisyphos
Vor ein paar Tagen nämlich las ich einen alten Text von Maxim Biller. Der
Text trug den Titel „Der Gott Holocaust und seine falschen Jünger“. Er war
von 2002 und machte mich sehr traurig. Traurig, auf eine Art, wie man sich
den erschöpften Sisyphos vorstellen muss, kurz nachdem ihn der gleiche
fette Felsen wie immer überrollt hat. Warum ich mich so fühlte? Weil seit
2002 verfluchte 23 Jahre vergangen sind – fast mein ganzes Leben – und
Billers These von damals auch heute noch stimmt.
Biller schrieb: Wenn wir den „Konformisten-Konsens“, der in Redaktionen,
Universitäten und der Politik herrsche, nicht schleunigst mit scharfen und
freien Gedanken zerlegten, dann würden die „rechten Halunken“ – heute
könnten wir sie Populisten nennen – unsere perfekt-unperfekte
Nachkriegsdemokratie im Nu zerlegen. Was in unsere Gegenwart übertragen
hieße, schneller als wir A-f-D sagen können.
Bedeuten kann das für uns junge Autorinnen und Autoren nur eines: Wir
müssen wieder verdammt gute Texte schreiben. Texte, die berauschen, aber
trotzdem klar sagen, was gut und schlecht, was richtig und falsch ist.
Freie Texte, geschrieben ohne Angst, wer sie lesen und wer sie
totredigieren könnte. Schöne und lebendige Texte, mit denen wir in die
Feuilletons hineinschreien und warten, wer zurückschreit. Texte also, die
nicht nur beschreiben, sondern verändern wollen.
Und an meine Altersgenossen gerichtet: Sollten Redakteure, die früher
selbst jung und rebellisch waren, eure verdammt guten Texte mal wieder
nicht drucken wollen, dann pfeift doch auf sie. Dann müssen wir eben unsere
Köpfe zusammenstecken, unsere Stimmen und unsere Portemonnaies in den Ring
schmeißen und eigene Zeitungen, Magazine oder Plattformen gründen. Was
bleibt uns anderes übrig?
13 Jan 2026
## LINKS
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(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Roberta_Smith
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(DIR) Jonathan Guggenberger
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