# taz.de -- Autofiktionale Literatur: Das kauf ich dir nicht ab
       
       > Autofiktionale Literatur liegt im Trend: Nur im Konkreten scheint die
       > Welt noch erfassbar. Warum lesen wir so gern Geschichten der
       > Betroffenheit?
       
 (IMG) Bild: Der Literatur mangelt es nicht an Beispielen, in denen aus Eintönigkeit oder Privileg Großes entstand: Virginia Woolf (im eigenen Zimmer?)
       
       Seit Jahrzehnten bereits wabert ein zur Genrebezeichnung avancierter
       Begriff herum: Autofiktion. Etwas uneindeutig, aber gern verwendet, wird
       damit alles bezeichnet, was irgendwie den Anschein erweckt, dass der oder
       die Autorin es selbst erlebt hat. In Interviews wird gerade darauf gern
       Bezug genommen: „Wie war es für Sie?“ „Wie fühlen Sie sich heute?“
       
       Zwischen Erzähler:in und Autor:in wird selten noch getrennt. Autor:innen
       werden dadurch zu Brücken zwischen Wirklichkeit und Literatur. Besondere
       Begeisterung kommt beim Publikum auf, wenn es um die Betroffenheit der
       Erzählenden geht.
       
       Autofiktion, ernst genommen als Verbindung von Selbst und Fiktion, bedeutet
       Ermächtigung und die Rückgewinnung einer zerstörten Autonomie.
       Bemerkenswert ist jedoch weniger der Impuls, solche Erzählungen zu
       schreiben, als das breite Bedürfnis, selbige zu konsumieren.
       
       Geschichten, die Identifikation mit Opfern erlauben, haben Konjunktur. Doch
       oft ist die eigene Geschichte das Letzte, was Betroffenen bleibt. Trotz der
       Hoffnung, sich so davon zu lösen, lässt sich die Erfahrung von Leid und
       Gewalt nicht wirklich verkaufen. Was sagt es über eine Gesellschaft aus,
       dass sie die dringende Sehnsucht hat, sich mit den Opfern zu
       identifizieren?
       
       ## Kritik mit misogynem Unterton
       
       Wer meinte, mit [1][dem Literaturnobelpreis für Annie Ernaux] sei der
       Höhepunkt erfahrungsbasierter Literatur erreicht, wird durch die Programme
       deutscher Verlage und die Shortlists vieler Preise eines Besseren belehrt.
       Nicht allen gefällt dieser Boom – Kritik erfolgt jedoch häufig mit
       misogynem Unterton. Nicole Seifert hat 2021 [2][in ihrem Buch
       „FrauenLiteratur“] eindrücklich gezeigt, wie Autorinnen und vermeintlich
       weibliche Themen im Literaturbetrieb abgewertet werden. Denn wird die
       Losung „Das Private ist politisch“ ernst genommen und die Trennung zwischen
       privatem und öffentlichem Raum aufgelöst, folgt oft die Herabwertung der
       Texte.
       
       Dahinter steht die Annahme, echte Literatur schrieben ohnehin nur Männer –
       Männer, die keine privaten Probleme hätten oder zumindest nicht darüber
       schreiben müssten. [3][Karl Ove Knausgård bildet eine der wenigen
       Ausnahmen:] ein Holzfäller mit Gefühl, dessen selbst- (und andere)
       entblößende Bücher sich trotz innerfamiliärer Widerstände millionenfach
       verkaufen. Bei Autorinnen jedoch gilt das Schreiben über sich selbst
       schnell als Ausdruck eines schwachen Subjekts.
       
       Folgt man der Spur der Autofiktion, führt sie direkt in Debatten um
       Identitätspolitik. Schon Ende der 1990er Jahre kritisierte [4][Maxim
       Biller] die Homogenität der deutschen Gegenwartsliteratur und verzweifelte
       an der selbstbezogenen, kleinbürgerlichen Langeweile angesichts
       ausschließlich weißer, nichtjüdischer Autoren. Seitdem hat sich der
       Literaturbetrieb erfreulicherweise geöffnet: Themen, Erfahrungen und
       Erzählweisen sind vielfältiger geworden.
       
       Gleichzeitig hat die Betonung eigener Zugehörigkeiten zugenommen. Während
       gestritten wird, wer über Rassismus, Antisemitismus oder Klassismus
       schreiben dürfe, gewinnt die identitäre Selbstverortung an Bedeutung. In
       unregelmäßigen Abständen wird das eine oder andere identitäre Merkmal
       jeweils zur Voraussetzung für spannende Perspektiven und Geschichten. Für
       alle anderen Erzählungen wird auf den Vorwurf der „Erfahrungsarmut“
       zurückgegriffen: Ob das Studium an einer Schreibschule, die bürgerliche
       Herkunft oder das Alter – alles Marker, dass hier kaum spannende
       Geschichten zu erwarten seien. Was aber soll „Erfahrungsarmut“ überhaupt
       bedeuten?
       
       ## Tod des Autors?
       
       Nun hat Roland Barthes den Autor als Subjekt schon vor beinahe 60 Jahren
       begraben. Wer will, könnte auch bei Walter Benjamin nachlesen, wie er 1933
       das Verhältnis von Erlebnis und Erfahrung auszuloten versuchte. Benjamin
       aber bezog sich in „Erfahrung und Armut“ auf die Erlebnisse der deutschen
       Soldaten im Ersten Weltkrieg. Überlegungen zur Kategorie der
       Erfahrungsarmut bräuchten daher ein notwendiges Update.
       
       Und was wäre denn ihr Gegenteil, was wäre Erfahrungsreichtum? Was für eine
       Sehnsucht wird hier laut, wenn Schreibende für ihre vermeintliche
       Erfahrungsarmut kritisiert werden?
       
       Der Literatur mangelt es nicht an Beispielen, in denen aus Langeweile,
       Eintönigkeit oder Privileg Großes entstand: Franz Kafka arbeitete als
       Prokurist, Virginia Woolf sehnte sich – finanziell abgesichert – nach einem
       eigenen Zimmer, Heike Geißler steckte in der Tristesse einer Woche fest,
       [5][Tonio Schachinger] driftete als Wohlstandsverwahrloster durchs
       Internat.
       
       Aus all dem entstand bewegende Literatur. In der gegenwärtigen Sehnsucht
       nach Erfahrungsreichtum klingt jedoch eher der Wunsch nach Literatur von
       offensichtlich Beschädigten an als Interesse an ihrer Langeweile. Welche
       Beschädigungen aber sind hier erwünscht, hilfreich oder hinderlich für
       Autor:innen? Wie kaputt muss man sein?
       
       ## Krise der Erfahrung
       
       Was sich in der Literatur abzeichnet, wird auch an anderen Stellen
       deutlich. Angesichts dauerhafter Selbstinszenierung auf Social Media
       überhaupt von der Möglichkeit der Erfahrung zu sprechen, erscheint beinahe
       utopisch. Während Menschen im Internet ihren Kurzurlaub livestreamen und
       Tausende ihnen dabei folgen, bleibt kaum Zeit, das Gesehene zu verarbeiten
       oder zu bewerten.
       
       Die mediale Vermittlung, Weiterverbreitung und Überlagerung unserer Welt
       sind längst für fast alle Teile dieser Gesellschaft Realität. Kaum ein
       Bereich, der nicht mehr dauerhaft der Inszenierung, Bebilderung und
       Vermittlung unterliegt. Maxim Biller sprach treffenderweise vom
       Ich-Zeitalter.
       
       Ob auf Social Media oder im Journalismus: Vermehrt wird mit einfachen
       Identifikationsfiguren gearbeitet. Sogenannte „Hosts“ führen durch die
       journalistische Recherche im Radio oder Fernsehen, sollen stets die
       Perspektive offenlegen und so vermeintlich die Meinungsbildung der
       Zuschauenden besser ermöglichen. Hostbasierte Formate haben Hochkonjunktur,
       subjektive Erzählansätze sind omnipräsent. Kaum eine Nachricht kommt ohne
       Protagonist:innen aus. Nur im Konkreten – so scheint es – ist die Welt noch
       erfassbar. Nur durch den ausgestellten Blick anderer ist die Welt noch
       darstellbar.
       
       Und in der Literatur? Auch Verlage gehen mittlerweile und in Zeiten stetig
       sinkender Buchverkaufszahlen mitunter gezielt auf Influencer zu: [6][Wer
       viele Follower hat, erhält einen Vertrag.] Zum einen, weil große Reichweite
       ein geringeres Risiko bedeutet, zum anderen, weil man annimmt, dass ein
       Leben in der Öffentlichkeit viel Unterhaltungswert bietet. Natürlich wurden
       Bücher schon immer auch über die Personality verkauft. Ging es früher
       jedoch häufig um Autobiografien, steht heute mit Autofiktion die
       Bearbeitung, Erweiterung und Fiktionalisierung der eigenen Geschichte mit
       auf der Genrebezeichnung.
       
       ## Opfererzählungen werden zur Ware
       
       Der Erfolg der Autofiktion spiegelt somit eine Gesellschaft, die sich für
       individuelle Leidgeschichten begeistert. Für den gesellschaftlichen
       Kontext, in dem sich diese Geschichten abspielen, interessiert sie sich
       jedoch weniger. Zwar erhalten Opfer von Gewalt mehr Gehör, doch Kämpfe um
       Sichtbarkeit werden individualisiert. Weniger die Auseinandersetzung mit
       einem Themenkomplex steht im Fokus als die personalisierte
       Leidensgeschichte von Einzelpersonen. Wird Aufmerksamkeit an erlittene
       Verletzungen geknüpft, entsteht Erwartungsdruck: Der Fokus auf das
       individuelle Schicksal stellt die Zuschreibung als Opfer in den
       Mittelpunkt. Diese Geschichten der Opfer wollen viele lesen und hören.
       
       Die realen Erfahrungen eines Opfers sollte niemand erleben müssen, doch
       ihre Erzählungen sind längst zur Ware geworden. Das Publikum will Leiden
       nachvollziehen – konsumieren – ohne daraus zwingend Konsequenzen zu ziehen.
       Schaut man zum Beispiel auf erinnerungspolitische Fragestellungen im
       Kontext des Nationalsozialismus, stellt man fest, dass zwar eine Vielzahl
       von Erfahrungsberichten gelesen wird, die Forschung aber zeigt, dass immer
       mehr Nachfahren von nichtjüdischen Deutschen sich und ihre
       Familiengeschichte auf der Seite der Opfer verorten.
       
       Diese Tendenz, sich als Gesellschaft nicht den Tätern zuordnen zu wollen,
       spiegelt sich auch im Boom der Autofiktion. Entsprechende Bücher bedienen
       das Bedürfnis nach Opfererzählungen und berühren Fragen von Schuld, blenden
       aber gesellschaftliche Verantwortung aus: Täter, das sind meist die
       anderen.
       
       9 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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