# taz.de -- Über Phrasen in aktuellen Debatten: Die Kunst, nicht recht haben zu wollen
       
       > In den Arenen der Meinungsbildung herrscht eine Art Bürgerkrieg. Gibt es
       > denn kein Serum gegen ansteckende Phrasen und andere populistische Gifte?
       
 (IMG) Bild: Auf den Bolzplätzen der Besserwisserei nicht recht haben zu wollen, scheint nahezu unmöglich
       
       Mit dem Unbehagen an der Gesellschaft steigen auch die Pegel der
       Geschwätzigkeit. So war es unlängst Herbert Grönemeyer vorbehalten, der
       politischen Elite einmal kräftig die Leviten zu lesen. Der Boomer, [1][auf
       den sich alle verständigen können,] befand in einer populären
       Fernsehsendung, dass die da oben sich zu wenig um die Regierten scheren.
       „Dass mit dem Volk gesprochen wird, ist in den letzten 10 Jahren nicht
       passiert.“ Es herrsche das Gefühl vor, dass sich die aus Berlin für die
       Menschen nicht interessieren und um die wirklichen Probleme nicht kümmern.
       
       Ansprache? Unterweisung? Pädagogisch wertvolle Ratschläge? Der Volkssänger
       ließ offen, wie es denn aussehen könne oder solle, mit dem Volk zu
       sprechen. Als tönendes Lamento ging das unter Beifall durch. Tatsächlich
       aber dürften die meisten sich indigniert verbitten, derart plump
       angesprochen zu werden.
       
       Einen Volkswillen, der bevorzugt nach Wahlentscheidungen als kollektives
       Votum aufgerufen wird, gibt es nicht. Ein Wille, so sah es unlängst der
       [2][Verfassungsrechtler Oliver Lepsius] (in der Zeitschrift Merkur), „muss
       immer einem Subjekt zugerechnet werden. Kollektive, aber auch Organe haben
       keinen Willen. Sie erzeugen einen Willen: durch Wahl, durch Repräsentation.
       (…) Die Rede vom Volkswillen hat nichts Basisdemokratisches, sondern ist
       latent totalitär“.
       
       Lepsius' Überlegungen legen nahe, dass selbst der gute Wille, den wir
       Herbert Grönemeyer unbedingt unterstellen, nicht davor gefeit ist, auf
       illiberale Gemeinplätze und totalitäre Strategien hereinzufallen. So
       reizvoll und erstrebenswert es in offenen Gesellschaften sein mag, sich
       darüber zu verständigen, was die anderen denken und wollen, so anmaßend ist
       es doch auch, generös deren Willen zu antizipieren. In paternalistischem
       Duktus operieren Wortmeldungen à la Grönemeyer fast immer mit der
       Gewissheit, den Volkscharakter, eine Art kollektives Meinen, zu kennen und
       in dessen Sinne zu sprechen.
       
       ## Das Geschäwtz von gestern
       
       In den Meinungsarenen aber herrscht Bürgerkrieg, und die Kampfhandlungen
       wären letztlich wohl nur durch die lebenspraktische Erkenntnis zu
       befrieden, der zufolge der Einzelne schon bald nach einem
       leidenschaftlichen Vortrag nicht darauf verpflichtet werden kann, für immer
       und ewig einer und seiner Meinung zu bleiben.
       
       Galt Adenauers Satz – „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“ – einst
       als Indiz für Eigensinn und spröde Launenhaftigkeit, so wäre das
       dahinterstehende Prinzip gerade jetzt als Kernoperation der
       Kompromissbildung zu rehabilitieren, die Lepsius als Voraussetzung für die
       Handlungsfähigkeit des politischen Systems beschreibt. Entgegen alle
       negativen Konnotationen, so Lepsius, mache der Kompromiss aus Überzeugungen
       Entscheidungen, die das System Politik überhaupt erst am Laufen halten.
       
       Umso unverständlicher ist es, dass Abwägen und Aushandeln eine anhaltend
       schlechte Presse haben, es stand schon mal besser um die Techniken des
       Dafür- und Dagegenseins. Das gute Argument und die Methoden, es zu
       behaupten, sind selbst unter Druck geraten.
       
       In den Trollfabriken wird massenhaft bloßes Meinen generiert, und es kann
       kein gutes Zeichen sein, wenn sich ausgerechnet der meinungsversessene
       Journalist Jakob Augstein ob der wachsenden Spaltung der Gesellschaft
       besorgt zeigt und „Rechthaber-Denken“ und „Ausschließer-Denken“ beklagt.
       Bis auf Weiteres jedenfalls ist nicht zu erwarten, dass aus dem Schreddern
       der politischen Diskurse eine Gesellschaft erwächst, die zu konstruktiven
       Lösungen zu kommen in der Lage ist.
       
       ## Ideologische Kampfbegriffe
       
       Genozid, Staatsräson, Remigration – das Vokabelheft ideologischer
       Kampfbegriffe wird immer dicker, auswendig gelernt von Akteurinnen und
       Akteuren einer illustren Querfront, die von Sahra Wagenknecht über
       [3][Richard David Precht] zu Alice Weidel und Eva Menasse reicht, die
       wortreich davon beseelt sind, nicht mehr alles sagen zu dürfen. (In der
       Kulisse wartet breit grinsend J.D. Vance.)
       
       Die beachtliche Zustimmung erzielende Annahme, mit frank und frei
       geäußerten Überzeugungen womöglich anzuecken, spricht nicht gerade für die
       Konsistenz derselben. Unterdessen wird lustvoll ein Klima der Angst
       beschworen, in dem der mächtige Zensor als Sehnsuchtsfigur umgeht, vor der
       man dissidentisch gestimmt in den Schutzraum einer benachbarten
       Kulturmetropole Reißaus nimmt.
       
       So wählte unlängst eine mit akademischen Titeln und entsprechenden
       Positionen hoch dekorierte Verständigungsgruppe Zürich als Tagungsort, um
       das gemeinsame Leiden an einer abnehmend offenen Gesellschaft zu
       bearbeiten. „The Rise and Fall of the BRD“. Echt jetzt?
       
       Von der verweigerten Annahme eines Artikels in den ersehnten Leitmedien des
       Landes ist es ein kurzer Weg zur Selbststigmatisierung als Opfer der
       Meinungsfreiheit. Aber haben sie vielleicht recht? Wenigstens ein bisschen?
       Die Grenzen der Meinungsfreiheit sind keine Fiktion. Anstand und Taktgefühl
       wirken seit jeher wie die Torwächter einer hinterhältigen Zensurbehörde,
       der man nur schwer entkommt.
       
       ## Das Schweigen nach einer verletzenden Bemerkung
       
       Wer schon einmal eisiges Schweigen nach einer verletzenden oder bloß
       flapsigen Bemerkung geerntet hat, wird beim nächsten Mal die Wahl der Worte
       sorgfältig wägen. Nichts treibt den Verdacht, nicht alles sagen zu dürfen,
       stärker hervor als das Empfinden, von den anderen als peinlich wahrgenommen
       zu werden.
       
       Wenn das Selbstwertgefühl Gefahr läuft, beschädigt zu werden, tritt der
       Zensor mitunter als nobler Retter in Erscheinung. Von Bertolt Brecht wissen
       wir, dass er an McCarthy seine rhetorische Brillanz erprobte, und in
       weniger heroischen Konstellationen ermöglicht die Reibung an einem
       imaginierten Inquisitor eine Art Probehandeln gegen die Zumutungen der
       eigenen Behaglichkeit. Eine durch den Karneval der Disruption erschütterte
       Weltordnung hat eine beißende Angstlust zum Vorschein gebracht, in der
       immer mehr gebannt danach trachten, die funktionierenden Reste der alten
       Welt genüsslich den Bach runtergehen zu sehen.
       
       Gibt es denn kein Serum gegen ansteckende Phrasen und andere populistische
       Gifte? Es kann ja nicht ratsam sein, auf den Bolzplätzen der Besserwisserei
       auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments zu verzichten, auf dem
       Jürgen Habermas so überzeugend beharrt hat. Oder doch?
       
       „Ich möchte nicht recht haben wollen“, lautet der Leitsatz von
       Gedankenspielen, zu denen der Philosoph Martin Seel in einem
       essayistisch-aphoristischen Buch eingeladen hat. Die spielerische Form
       schlägt einen beschwingten Ton an. Sie will nicht überzeugen, sondern
       mitnehmen.
       
       ## Anspruch auf Wahrheit
       
       Nicht recht haben zu wollen markiert natürlich ein Paradox.
       Unwahrscheinlich, dass Leserinnen und Leser begierig zu einem Buch mit dem
       sperrigen Titel „Nichtrechthabenwollen“ greifen, obwohl die zersetzende
       Wirkung zahlreicher gesellschaftspolitischer Debatte immer öfter einen
       derartigen Stoßseufzer abzusetzen scheint. Strenggenommen ist es unmöglich,
       nicht recht haben zu wollen. Wer zu sprechen beginnt, erwartet, dass andere
       zuhören. Mehr noch: Der Anspruch auf Wahrheit, so Seel, ist ein
       unentbehrliches Gelenk unserer Art zu leben. „Wir müssen annehmen, dass
       viele unserer Überzeugungen wahr sind, andernfalls kämen wir nirgends
       zurecht.“
       
       Das gilt sogar für die Absicht, die Wahrheitsansprüche der anderen zu
       hintertreiben. Wir könnten nicht heucheln, lügen und betrügen, so Seel,
       „wenn wir nicht zu wissen glauben, wie es wirklich um die fraglichen Dinge
       steht“. Selbst im Siegeszug von Fake News sind deren Propagandisten auf
       Geltung von Fakten angewiesen, die sie zu erschüttern trachten. Die
       Orientierung auf Wahrheit ist jedoch ein fragiles Gut. Sie verkomme, so
       Seel, wenn wir uns auf unser Rechthaben versteifen. „Niemand hat überall
       recht. Niemand kann es überall recht machen (…).“
       
       Sein Faible fürs Nichtrechthabenwollen, erklärt Seel, beruhe auf dem
       Glauben, dass es im Denken und Schreiben auch anders geht. Im Alltag tun
       wir das Naheliegende vorm Horizont der Kontingenz, der Annahme, dass es
       auch ganz anders kommen könnte und uns die Möglichkeit gegeben ist, eine
       andere Richtung einzuschlagen. Seels Überlegungen zum Nichtrechthabenwollen
       bieten Wege an, über die man den Zwängen des Rechthabenwollens und -müssens
       zumindest versuchsweise entkommen kann.
       
       ## Die Kunst, sich unterbrechen zu können
       
       Positionen der Schwäche werden nicht nur in Kauf, sondern ganz gezielt
       eingenommen. Dabei geht es nicht einmal darum, das Nichtrechthabenwollen zu
       propagieren. „Eher wollte ich das Propagieren verabschieden, ein
       Propagieren, das sich in ein Entweder-oder verrennt und in ihm verbrennt,
       ein Auftrumpfen, das unbedingt radikal sein möchte, wo doch das Moderate
       das Allerradikalste ist, weil es seine höchste Tugend in einem
       Sichunterbrechenkönnen beweist (…).“
       
       Wer bereit ist, in der Kunst, sich unterbrechen zu können, eine gewisse
       Routine zu erwerben, wird auch in der Lage sein, die feinen Unterschiede
       herauszuarbeiten zwischen dem Unbehagen, nicht alles sagen zu dürfen, und
       dem wohltuenden Selbstverständnis, nicht alles sagen zu müssen.
       
       5 Jan 2026
       
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