# taz.de -- Tour des Literaturhauses geht zu Ende: Literatur ohne Haus
> 18 Monate war das Li-Be wegen Umbaus geschlossen und sein Team nebst
> Gästen unterwegs in der ganzen Stadt. Jetzt geht die Reise – leider – zu
> Ende.
(IMG) Bild: Da war Sommer: Lesung und Gespräch im Prinzenbad – Ozan Zakariya Keskinkılıç stellt sein Buch „Prinzenbad“ vor
142 Veranstaltungen an 72 Orten in 18 Stadtteilen: Das ist die Bilanz des
Literaturhauses Berlin bis Ende 2025, das seit dem September 2024 unter dem
charmanten Motto „Li-Be für die Stadt“ kreuz und quer durch Berlin
getingelt ist. Der Grund: Das angestammte Haus, also die berühmte gediegene
Immobilie in der bestbürgerlichen Fasanenstraße 24, wird seitdem saniert
und barrierefrei gemacht. „Na ja, barrierefrei“, sagt Janika Gelinek bei
einem Pressefrühstück am Dienstagvormittag im Interimsbüro des
Literaturhauses in Moabit. „So sehr wir uns auf unser altes Zuhause freuen,
es wird eine Hürde für viele bleiben“, fügt sie an.
Insofern war die Tour das Beste, was dem Literaturhaus passieren konnte,
seit es die Co-Chefinnen Janika Gelinek und Sonja Longolius im Jahr 2018
übernommen – und darin seither für viel frischen Wind gesorgt haben. Denn
auf ihrer Tour haben sie die abenteuerlichsten Orte erfolgreich bespielt:
von der Gemäldegalerie bis zum Tieranatomischen Theater, vom Prinzenbad bis
hin zur Grünen Bühne in Hellersdorf.
„Wir hatten dieselbe Publikumszahl bei weniger Veranstaltungen“, sagt
Gelinek und freut sich offenbar vor allem auf den Neustart im alten Haus,
der noch diesen Sommer erfolgen soll. Denn erst dann wird sich erweisen:
„Haben wir Publikum verloren? Kommen neue dazu? Oder wird es nach einiger
Zeit sein, als sei nie was gewesen?“
Wer auch nur eine der Veranstaltungen des Li-Be in den letzten anderthalb
Jahren live oder im Stream verfolgt hat, der wird das Ende der Zeit des
Hauses ohne Haus bedauern. Denn egal, ob der Rapper AMEFU am Tag der
Bücherverbrennung im SO36 Paul Celans „Todesfuge“ las oder ob Mikael Ross
seine Graphic Novel „Der verkehrte Himmel“ mitten in jenem Wohngebiet in
Lichtenberg vorstellen konnte, wo sie spielt: Literatur wartet meist viel
zu lang darauf, entdeckt zu werden, statt selbst vor die Tür zu gehen.
Auf die Frage allerdings, ob ein Literaturhaus ohne Haus nicht eigentlich
eine Idee fürs Patentamt wäre, antwortet die stets beschwingte Janika
Gelinek dann doch mit einem tiefen Seufzer. Wie viele andere
Kulturinstitutionen hatte auch das Li-Be unter den Sparmaßnahmen des Senats
zu leiden – und das, obwohl so eine Tour in Sachen Logistik, Personal und
Geld natürlich weitaus aufwendiger ist als der normale Betrieb am festen
Ort.
„Wussten Sie, dass es in der Gemäldegalerie keine Steckdosen gibt?“, lacht
sie, und erwähnt dann noch die 1.800 Kilometer, die der Leihwagen des
Hauses inzwischen „auf dem Tacho“ hat.
Das Wort Erschöpfung braucht es nach diesen Sätzen gar nicht mehr. Insofern
sei es dem Team des Literaturhauses natürlich vergönnt, dass die Exilzeit
zu Ende geht.
Bis Ende Februar sind sie noch auf Tour, danach geht es bis zur Sommerpause
in den Zirkus Cabuwazi aufs Tempelhofer Feld – ein Ort, der das Programm
sicher so stark beeinflussen wird wie andere Orte davor auch. Und dann ist
die Sanierung beendet. Den 40. Geburtstag des Hauses, so hoffen sie, werden
sie im September wieder in der alten Villa in der Fasanenstraße feiern. Mal
sehen, was von der großen Wanderung bleibt.
14 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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