# taz.de -- So regiert Frank Schirrmacher
Er ist einer der fünf Herausgeber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. Er
schreibt einen Bestseller nach dem nächsten. Er gilt als Meinungsführer
Nummer eins in Deutschland. Wie mächtig ist Frank Schirrmacher tatsächlich?
VON SUSANNE LANG
Hamburg, Mitte Mai 2006. Als das Podest mit den Jurymitgliedern endlich aus
dem Untergrund auf die Theaterbühne gefahren ist, versucht der mächtigste
Feuilletonist dieser Republik ein Lächeln. Etwas schief sieht es aus, aber
es gelingt. Frank Schirrmacher, der fürs Feuilleton zuständige
Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, steht ganz außen in der
Reihe, links außen aus der Perspektive auf die Bühne, rechts außen aus
seiner eigenen.
Eine perfekte Position für den Mann, der von ideologischen Lagern nie viel
hielt, es sei denn, um die Fronten wechseln und die Lager gegeneinander
ausspielen zu können. Je nachdem, welche Perspektive Lohn und
Unterhaltungswert verspricht. Eine passende Position, ganz außen und doch
dabei – für den Künstler unter den Chefredakteuren.
46 Jahre ist Schirrmacher nun alt, und dass er, damals mit 34 Jahren
jüngster je inthronisierter Mitherausgeber aller FAZ-Zeiten, hier, bei
dieser jährlichen Selbstpreisung der Branche, bei der Verleihung des
Henri-Nannen-Preises in Hamburg, ganz selbstverständlich in der Reihe all
der anderen Chefredakteure und Herausgeberinnen stehen würde, mit seinem
schiefen Lächeln und seinem Smoking, daran hätte vor genau zehn Jahren
niemand mehr geglaubt.
In jenem Mai 1996, zwei Jahre nach Schirrmachers Wahl zum Herausgeber,
hatte der Spiegel die Seriosität seiner Doktorarbeit angezweifelt und eine
FAZ-Führungskrise heraufbeschworen. Seither hat Schirrmacher nicht nur die
schwerste Zeitungskrise der Bundesrepublik 2002 mit dem daraus
resultierenden Ende seines Prestigeprojekts, der Berliner Seiten,
überstanden, seither hat er auch intellektuelle Größen in Deutschland wie
Martin Walser oder Ignatz Bubis desavouiert und seinen eigenen Namen mit
Penetranz in den Bestsellerlisten als Marke etabliert. Nun steht der
intellektuelle Marktschreier also hier, auf der Bühne des Deutschen
Schauspielhauses, und überreicht den Preis für den besten Reporter der
Branche.
Und so wie er ungeduldig von den Fußsohlen auf die Zehenspitzen wippt und
wieder zurück, wie er den Preis, die Henri-Nannen-Büste, fest umgriffen
hält, macht er wieder einmal eher die Figur des Schuljungen, der sich
gerade selbst ein Sonderlob abholt. Das unbewegliche Lächeln bleibt, auch
als er zur Laudatio anhebt und es Zeit wird für eine seiner legendären
Übertreibungen, als er von der Mehrheit stottert, die alle eingereichten
Reportagen problemlos hätten bekommen können. Aber diese eine habe doch die
„überwältigende Mehrheit“ sofort ergattert.
Dieser Auftritt, die offiziöse Bühne und das glamouröse Event der Branche
liegen ihm immer noch nicht. Frank Schirrmacher, der noch vor acht Jahren
im letzten der Langzeitinterviews mit der Fotografin Herlinde Koelbl
(„Spuren der Macht“), betont hatte: „Es bleibt bei der Regel: Wenn da
steht, man muss im Smoking kommen, gehe ich nicht hin.“ Ebenso wenig wie
er, Frank Schirrmacher, ins Fernsehen gehe, weil er sich nicht
inflationieren wolle, weil er hier, in der FAZ, sein Forum habe, das er
beherrsche, „das andere beherrsche ich nicht, da werde ich beherrscht“.
Heute, im Frühsommer 2006, beherrscht er es problemlos. Er ist zu Gast in
seriösen Talkshows bei Phönix ebenso wie bei der Intimkuschelei von
ARD-„Beckmann“, wo er im März auch seinen zweiten Bestseller „Minimum“ der
Erregungsöffentlichkeit antrug. 150.000 Exemplare sind nach Auskunft des
Karl Blessing Verlags bislang verkauft worden, von seinem ersten
Bestseller, „Methusalem-Komplott“, mittlerweile insgesamt eine halbe
Million Hardcoverausgaben und zweihunderttausend Taschenbücher.
Mit der ihm qua Amt übertragenen Macht bestimmt er das Feuilleton und seine
entideologisierten Gefechte. Sein popkulturelles Projekt, das Feuilleton
der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, gilt als Leitmedium des
Wochenendes. Die Bild-Zeitung druckt seine Bücher vorab und adelt ihn seit
sechs Jahren regelmäßig in ihrer Rubrik zu den „Gewinnern des Tages“. In
diesem Jahr wurde er im März für den Bestseller „Minimum“ auf deren Seite
eins platziert, im Jahr 2004 insgesamt fünfmal für „Methusalem-Komplott“
und seine Folgen.
Er beeinflusst, so suggeriert es zumindest der Meinungsmarkt, das Leben im
Alter, die „umprogrammierte“ Gesellschaft und das Gebärverhalten der Frauen
– sogar den familienpolitischen Richtungsstreit zwischen den Flügeln der
CDU, wie Mitstreiter im Kollegium seines Hauses ernsthaft glauben machen
wollen.
Heute also sieht es ganz so aus, als wäre dieser Frank Schirrmacher dort
angekommen, wo er, wie sich Weggefährten aus Studienzeiten erinnern, immer
schon ankommen wollte: an der Macht oder was so viele Medienmachermenschen
für sie halten, der Meinungsführerschaft. Wer sie innehat, bestimmt,
worüber die Gesellschaft debattiert. Was bei ihr zählt, ist auch die
Performance, der Coup, der krachende Auftritt – nicht notwendig das
Interesse an Erkenntnis.
Viele beneiden ihn, ebenso viele bewundern ihn, einige sind ihm in
glühendem Hass verbunden, viele in existenzieller Angst vor dem Mann, der
über Karrieren, über Geburt und Tod von Autoren, über Starfeuilletonisten
und solche, die es werden wollen, entscheide. Der in einer in der
Medienlandschaft neuartigen Allianz mit Spiegel und Springer-Verlag kurz
davor gestanden habe, die Rechtschreibreform zu verhindern, wie man es im
Männerbund Stefan Aust, Chefredakteur des Spiegels, Mathias Döpfner,
Springer-Vorstand, und Frank Schirrmacher forciert habe.
Der es nicht dulde, wenn in anderen Zeitungen wie der Welt am Sonntag in
einer Beilage zur Frankfurter Buchmesse 2005 seiner Lebensgefährtin Rebecca
Casati, stellvertretender Leiterin der Wochenendbeilage der Süddeutschen
Zeitung, ein Satz aus ihrem Roman („Ich fick mich durchs Alphabet“) als
Originalzitat untergejubelt wird. Seither vermissen Leser beider Zeitungen
einige Namen freier Autoren, die noch im Impressum der Buchmessenbeilage
aufgelistet waren.
Diese und andere, sehr viele andere Geschichten sind es, die man sich über
Frank Schirrmacher erzählt. Die seine Wirkungsmacht mit jeder neuen
Erzählung ein wenig größer, beängstigender und willkürlicher erscheinen
lassen.
Politiker müssen sich an Wahlergebnissen messen lassen, Manager an
Unternehmensgewinnen. Und Meinungsführer? Ihr Erfolg lebt davon, dass die
Gesellschaft, in der sie agieren, an sie glaubt.
An Frank Schirrmacher jedenfalls glaubt sie. An den Aufsteiger, der einst
von seiner Geburtsstadt Wiesbaden auszog, um die Welt, also Frankfurt am
Main, und die intellektuelle Macht, also das Feuilleton der FAZ, zu
erobern. Die Gesellschaft glaubt an den biografischen Künstler, dessen
Eintrag zu seiner Person im Onlinelexikon Wikipedia sich zeitweise geschönt
las – etwa mit Auszeichnungen, die später wieder gelöscht waren.
Die Gesellschaft glaubt an den Literaturliebhaber und Autofantasten, der es
von Beginn an mit Größen wie Thomas Mann hielt, über den Schirrmacher im
August 2005 in der FAZ schrieb: „Er hat die deutsche Geistes- und
Bildungsgeschichte mit Helden und Bösen versehen, er hat sehr viel
weggelassen und sehr viel dazuerfunden – und das ist alles, was noch da
ist.“ Helden und Böse, erfinden und weglassen – ein erster Schlüssel zu
jenem Mann, der die deutsche Feuilletongeschichte wie keiner zuvor
umgeschrieben hat.
Eine persönliche Gesprächsanfrage läuft Mitte Mai, als sich die Branche im
Deutschen Schauspielhaus trifft, seit gut zwei Wochen. Die Sekretärin,
Monika Stützel, verspricht, Tag für Tag, sich um den Wunsch zu kümmern. Bis
dahin lässt sich die professionell inszenierte Warteschleife gut
überbrücken. Frank Schirrmacher, der „Felix Krull“ unter den Mächtigen, wie
ihn unter anderem Klaus Harpprecht, ehemaliger Redenschreiber von Willy
Brandt und einer seiner gepflegten Exklusivfeinde, bezeichnet, ein
einnehmender Trickser also, hat genügend Fährten gelegt für eine
Annäherung. Es sind die Spuren eines Aufsteigers, dessen Werdegang ohne den
Bedeutungsverlust von Intellektuellen in den vergangenen zwanzig Jahren
nicht denkbar wäre.
Heidelberg, Anfang der Achtzigerjahre. Der Sturm, der seit den späten
Sechzigerjahren durch die Universitäten fegte, hat sich nach und nach
gelegt, jetzt sitzen andere Professoren auf den Lehrstühlen – jedoch keine
besseren aus der Sicht des Germanistikstudenten, der seinen Frust über die
Betonköpfe in Grün aus der Universität mit ins Leben tragen wird. Den
politisch korrekten Diskurs, hier die Guten, dort die Schlechten, hier die
Progressiven, dort die Reaktionären, empfindet er als langweilend und
unergiebig – wie so viele aus der nachfolgenden Generation. Der
kulturkritischen Pose kann er nichts abgewinnen.
Frank Schirrmacher verliert sich lieber in Literatur. Liest, bis die Seiten
aus den Büchern fallen. Ernst Jünger, Gottfried Benn, Stefan George, Thomas
Mann, Franz Kafka – und Joachim Fests Hitler-Biografie, die rasch zum
Standardwerk avanciert. Ein sehr ausgewählter Kanon, den er noch heute
zelebriert. „Man hatte keine Lust, in der Germanistik die Zwischenprüfung
über Habermas zu machen, sondern interessierte sich für Thomas Mann“, so
beschreibt er die eigene Motivation, als er längst FAZ-Literaturchef ist.
Als Lebensprinzip entdeckt Schirrmacher bereits in der Jugend die
literarische Überformung der eigenen Biografie. „Ich habe wie in einem
Bildungsroman gelebt. Das konstituierte mein Bewusstsein. Schon in sehr
jungen Jahren habe ich mich aufgemacht und mir Vaterfiguren
zusammengesucht. Früher habe ich mein Selbstbewusstsein von diesen Figuren
abgeleitet.“ 1991 wird er diese Fährte legen, im ersten Interview mit
Herlinde Koelbl über die Spuren der Macht. Seine Antworten aus dieser Zeit
sind eine aufschlussreiche Quelle für den Code Schirrmacher, der
mittlerweile über seine Person samt Privatleben nur noch selten spricht.
Als unseriös empfinde er dies, wie es in einem Porträt des Deutschen
Allgemeinen Sonntagsblatts heißt.
Schirrmachers fasziniertes Interesse gilt neben Ernst Jüngers „In
Stahlgewittern“ dem George-Kreis, der sich aus Künstlern und
Wissenschaftlern um Stefan George in männerbündischer und autoritärer
Hierarchie sammelte. Ihr Podium sind die 1892 gegründeten Blätter für die
Kunst, die unter strenger Aufsicht von George bis 1919 publiziert wurden
und sich laut literaturtheoretischem Programm der „künstlerischen Umformung
des Lebens“ widmen sollten. Strenger Ästhetizismus hatte über allen
politischen oder sozialen „Weltverbesserungen“ zu stehen.
Der Dichter als Führer mit seinen Blättern als Podium – heute hieße das
wohl Meinungsführer mit den Blättern des FAZ-Feuilletons.
Dass Schirrmacher später vehement mit Dichterinnen wie Christa Wolf
abrechnet und Günter Grass bis heute zu seinen intellektuellen Intimfeinden
zählt, ist da nur konsequent. An einem wie Grass muss er sich abarbeiten,
an dem späteren Nobelpreisträger, dem Literaten aus Danzig, der in den
Fünfzigerjahren zunächst einen Bonus hatte: Er verkörpert einen neuen Typus
des Intellektuellen. Im Gegensatz zum großbürgerlichen Dandy, wie ihn etwa
Joachim Fest repräsentiert, steht Grass für den nahbaren Rotweintrinker,
der sich bis heute, als kämpferischer Sozialdemokrat, unermüdlich in den
politischen Diskurs einmischt. Figuren wie Grass müssen bei einem
Ästhetizisten wie Schirrmacher auf Verachtung stoßen – gerade weil er
selbst mit seiner so oft als kindlich beschriebenen Statur, über die schon
so viele hilflos gespottet haben, dem asketischen Ideal des George-Bundes
kaum entspricht und die ersehnte intellektuelle Aura beim öffentlichen
Auftritt vermissen lässt.
Umso glücklicher fügt sich die Öffnung der deutschen Germanistik in den
Achtzigerjahren für den Dekonstruktivismus. Franz Kafka, über den
Schirrmacher seine Magisterarbeit verfasst und 1988 promoviert, wird völlig
neu erschlossen. Der Prozess des Schreibens als selbstschöpferischer
Lebensakt, als Ersatz und gleichsam Tod des realen Ichs – ein Faszinosum
für Schirrmacher.
Also studiert Schirrmacher mit Verve, tummelt sich im Kreis der
Studienstiftung des Deutschen Volkes und macht sich bei seinen Professoren
einen Namen als Vorzeigestudent und Ausnahmetalent. Bei einem seiner
Literaturprofessoren zählt er schnell zu den Freunden des Hauses.
Vor allem beeindruckt der Student Schirrmacher schon damals mit seiner
Begeisterungsfähigkeit und Neugier, die viele ansteckt. Als die neue
Computergeneration mit Basic-Programmiersprache aufkommt, sitzt
Schirrmacher stundenlang vor seinem Armstrat, programmiert und
programmiert, bis so mancher Zigarettenbrandfleck die Tastatur ziert. Das
Neue beherrschen, die neue Technik, das ist es, was zählt.
Ein Emphatiker sei er, sagen Menschen, die ihm nahe stehen, eine
Kategorisierung, die erst jüngst heftig diskutiert wurde in einer Debatte
über Literaturkritik und wie sie sich zu positionieren habe, am Beispiel
des stellvertretenden Leiters des FAS-Feuilletons Volker Weidermann und
dessen Literaturgeschichte von 1945 bis heute. Begeisterung statt geistiger
Askese. Schirrmacher gibt den Emphatiker, der jedoch nie sein eigentliches
Ziel aus den Augen verliert: Spuren zu hinterlassen. Schon früh beschäftigt
Schirrmacher der Topos der Vergänglichkeit, wie er in den Interviews mit
Herlinde Koelbl beschreibt: „Was mich immer schon geängstigt hat, ist das
Problem der Vanitas, der Vergänglichkeit. Es ist der Tod, der alles in
Bewegung setzt. Ein Nie-da-gewesen-Sein, darauf läuft es hinaus. Nicht
nichts zu sein, sondern nie da gewesen zu sein.“
Im Umkehrschluss sind es die Spuren der Unvergänglichkeit, die ihn auch in
nichtliterarischen Bereichen faszinieren. Als er die Noten einiger der
verschollen geglaubten 109 Flötensonaten von Friedrich dem Großen zu sehen
bekommt, die ein Freund und Musiker in einem Archiv in Ostberlin entdeckt
und abgeschrieben hat, pocht er mit Vehemenz darauf, dass die Sonaten doch
auch unbedingt aufgeführt werden müssten. Als größte Genugtuung wird er
1997 einen Tagebucheintrag von Ernst Jünger beschreiben, der ihn, Frank
Schirrmacher, in sein biografisches Werk aufnahm. „Es war immer ein
infantiler Traum von mir“, gesteht Schirrmacher, „jetzt ist ein Fäserchen
meiner Existenz in dieses Werk eingewoben.“
Aus Sicht des Mittzwanzigers kann es in den Achtzigerjahren kaum eine
angemessenere biografische Möglichkeit zur geistigen Unsterblichkeit geben
als die Eroberung des FAZ-Feuilletons, das zu dieser Zeit wie kein anderes
das intellektuelle Leben in Deutschland bestimmt. 1984 bietet Joachim Fest,
damaliger Mitherausgeber der Zeitung, auf Empfehlung des Heidelberger
Politologen Dolf Sternberger Schirrmacher eine Hospitanz an. Im Juli 1985
ist er Feuilletonredakteur. Mit 26 Jahren. Jetzt beginnt der Kampf nach
oben.
Frankfurt, Ende der Achtzigerjahre. Man muss nur kurz die Augen schließen,
einmal tief einatmen, die klare Luft zwischen den grünen Bäumen, die neben
all den Kaffeehaustischen am Rande der kopfsteingepflasterten
Fußgängerzonen in dieser BRD-Kuschelstube Frankfurt am Main gepflanzt sind.
Man muss nur einmal das Vogelzwitschern um die roten Sandsteinfassaden der
übrig geblieben Altbauten und der vielen grauen Nachkriegsbauten
ausblenden, kurz die Familienchinarestaurants und die grell blinkenden
„Erotic Center“-Schriftzüge in den Straßen am Bahnhof vergessen und sagen:
Das ist Frankfurt. Aber uns gehört die Welt.
Plötzlich ist das Gefühl nachvollziehbar, das die Clique der jungen
FAZ-Feuilletonredakteure antreibt, als sie abends nach Redaktionsschluss
durch die Straßen Frankfurts laufen. „Wir“, das sind die Jungen, der
Nachwuchs, den Herausgeber Joachim Fest nach und nach in sein Feuilleton
geholt hat, in erster Linie aus dem Umfeld der Studienstiftung des
Deutschen Volkes. Frank Schirrmacher, Gustav Seibt, Jens Jessen, Jan Roß,
Stephan Speicher, Patrick Bahners. Die Rebellen im lange Zeit
nationalbürgerlich ausgerichteten Feuilleton, die für ein modernes
zeitgenössisches Feuilleton stehen und die Achtundsechzigergeneration im
Haus gezielt überspringen sollen. Die Selbstbewussten, die das Benjamin-
und Kracauer-Feuilleton der Zwanzigerjahre in einem Verbund ausdrücklich
ohne Frauen wiederbeleben wollen. Die aus Übermut gerne in so mancher
Redaktionskonferenz mit den Fingern Vögelchen hinter den Köpfen der
Altgedienten zeigen oder Scherzanrufe aus der Redaktion bei diversen
Professoren tätigen.
Jungs, von denen einer von Anfang an mehr wollte: den Stuhl von Marcel
Reich-Ranicki. Er setzt alles daran, den Literaturchef zu beerben, der auf
die FAZ-übliche Altersgrenze von 68 Jahren zuschreitet. Schirrmacher, der
kleine George im jungen Männerbund. Das „Benjamin-Aufbackbrötchen“, wie sie
ihn später nennen werden. Ein Publizist im Umfeld der Zeitschrift Merkur
beschreibt die Konstellation mit einem psychoanalytischen Szenarium, der
Freud‘schen Brüderhorde: Einer wird sich hervorheben und die Horde
zerstören, die Brüder ermorden.
Frank Schirrmacher weiß als an Literatur geschulter Realist, dass Macht nie
ein reiner Selbstläufer ist. Er buhlt um die Gunst von Joachim Fest, der
1986 in dem von ihm verantworteten FAZ-Feuilleton den Historikerstreit
nicht nur um Ernst Nolte und seine provozierenden vergangenheitspolitischen
Thesen austrägt, sondern auch um einen nationalen Patriotismus versus den
von Jürgen Habermas in Anschlag gebrachten Verfassungspatriotismus.
Noltes vergleichende Pointierung, der Holocaust sei als eine abwehrende
Reaktion auf die „Vernichtungsvorgänge der Russische Revolution“ und somit
als nicht einzigartiges Ereignis zu werten, spaltet auch das Feuilleton der
FAZ. Fest und die so genannte Viererbande, unter anderem der Historiker
Michael Stürmer, damaliger Berater von Helmut Kohl, gegen den Rest. Aber
auch gegen Reich-Ranicki, der sich als Auschwitz-Überlebender heftig gegen
die Position Noltes verwahrt.
Schirrmacher, der 1994 im Interview mit Herlinde Koelbl betonen wird, dass
er „den Historikerstreit nicht für eine Sternstunde der Menschheit halte“,
speziell das Debattenniveau bestimmter „falscher Freunde“, die dachten,
„mit dieser Zeitung könne man ganz besonders schön in nationalistischen
Träumen schwelgen“, dieser Schirrmacher hält sich damals bedeckt und macht
den Streit kurzerhand zu seiner persönlichen Sternstunde. Er nutzt die wohl
einmalige Gelegenheit, die Differenz zwischen Fest und Reich-Ranicki, und
positioniert sich zwischen den ideologischen Lagern.
Den Instinkt für den richtigen Moment, das vorausschauende Gespür für den
idealen Zeitpunkt – diese Gabe besitzen nicht viele. Frank Schirrmacher hat
sie und wird sie bis heute, bei jedem noch so kleinen vermeintlichen Coup,
erneut beweisen. Schneller, geschickter, konsequenter und mitunter brutaler
als die anderen.
Als der Zeitpunkt günstig scheint, bittet Schirrmacher Joachim Fest, eine
Rede gegenzulesen, die er nach eigener Aussage auf Wunsch der Society of
Fellows an der amerikanischen Harvard University halten solle, anlässlich
der geschichtspolitischen Debatte in Deutschland, am Beispiel eines
epochenprägenden Werkes: Fests Hitler-Biografie, die er in der
Rezeptionsbedeutung zu einem Generationenprojekt, seinem
Generationenprojekt, stilisiert.
Im Skript der mündlichen Fassung, das der taz vorliegt, führt er es so aus:
„Und hier muss ich mit einem persönlichen Geständnis beginnen, ein
Geständnis, das ich im Augenblick in Deutschland noch nicht so ohne
weiteres ablegen könnte, weil ich gewissermaßen in Berufsbeziehung zum
Verfasser stehe und man mir deshalb die Objektivität bestritte: Joachim
Fests ‚Hitler‘-Biografie gehört zu meinen großen, unübertroffenen
Lektüreerfahrungen. Das Werk, von dem noch methodische Gegner wie
Hans-Ulrich Wehler sagen, es gehöre zu den bedeutendsten Analysen Hitlers
und des Dritten Reichs, hat eine Wirkung nicht nur über meine Generation
erlangt, eine Wirkung, die in allen Debatten noch nicht erklärlich ist
[...].“
Bis heute ist ungeklärt, ob Schirrmacher diese Rede tatsächlich gehalten
hat, ob es überhaupt einen entsprechenden Auftrag und eine Einladung gab.
Die Society selbst hat es nie bestätigt, Schirrmacher dagegen findet einen
gewichtigen Zeugen: den Kunsthistoriker und Freund Joseph Koerner, der
seine Aussage bestätigt. Sein Ziel hatte Schirrmacher mit der Vorlage des
Manuskripts indes erreicht: Fest durfte eine Lobhudelei auf sich selbst
erfahren, die Schirrmacher über seinen unmittelbaren Vorgesetzten sonst
schwerlich offiziell hätte halten können.
Der Kniff ist genial, gerade weil er so platt inszeniert wird. Damit hätte
in der elitären und auf Understatement getrimmten FAZ so schnell wohl
niemand gerechnet. Er kommt damit durch.
Am 1. Januar 1989 übernimmt Schirrmacher die Leitung der FAZ-Redaktion
„Literatur und Literarisches Leben“. Fest spricht sich dezidiert gegen die
Generation der Achtundsechziger in seinem Haus aus, die natürlicherweise am
Zug gewesen wäre. Ab jetzt geht es Schirrmacher ums Ganze, um die Formung
eines Feuilletons nach seinem Bilde. Um den Weg zur Herausgeberschaft. Und
um die Wiederannäherung an Marcel Reich-Ranicki, den selbst ein Frank
Schirrmacher nicht als Feind wissen möchte, wie er lange vor seiner
Verteidigung von Martin Walsers Paulskirchenrede 1998, dem Lamento über die
„moralische Keule Auschwitz“, ahnt.
Und lange bevor er jenen Martin Walser 2002 mit einem öffentlichen Brief
anlässlich des noch unveröffentlichten Buches „Tod eines Kritikers“ mit
schweren Antisemitismus-Vorwürfen, gegen die er ihn zuvor verteidigt hatte,
gleichsam selbst hinzurichten versucht. Eine Debatte, die wegen ihres
Tabubruchs einschlug: Zum ersten Mal in der deutschen Verlagsgeschichte
wurde ein noch unveröffentlichtes Buch heftig diskutiert. Ein Coup. Aus
seiner, aus Schirrmachers Sicht.
Hamburg, Mitte Mai 2006. Was Frank Schirrmacher heute wie damals wirklich
liegt, ist die Party nach jeder offiziösen Feierlichkeit, wie auch diese in
der Kantine, im Keller des Deutschen Schauspielhauses, wo beim Dinner
Kerzenleuchter künstlichen Glanz auf so manch schweißperlende Stirn
zaubern. Von jetzt an wird es auch sein Abend sein, auf der inoffiziellen
Bühne, zwischen den runden Tischen, an denen nun die Mitglieder der
Mediengesellschaft ihre Plätze einnehmen. Nur einer wird beständig zwischen
allen Tischen herumflitzen, die aus der Vogelperspektive wie die
Knotenpunkte eines Netzwerks aussehen, das sich informell über den Abend
spannt. Frank Schirrmacher wird seine Reise nach Jerusalem spielen. An
jedem Tisch ein Stuhl, der frei ist, kurz auch für ihn.
Als Helmut Markwort, Focus-Chefredakteur, vom Buffet zurückkehrt und seinen
Platz einnehmen will, steht Schirrmacher auf. Die Männer lachen.
Selbstverständlich dürfe Schirrmacher seinen Stuhl kurz haben.
Machtkoketterie. Schirrmacher stromert weiter. An den Nebentisch, an dem
Joachim Fest mit Tischgesellschaft residiert, der an diesem Abend zuvor für
sein Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Schirrmacher begrüßt seinen lange Zeit
bewunderten Vorgänger mit einem Händedruck. Fest bleibt sitzen. Sie reden.
Schirrmacher steht. Und leiht sich dann einen freien Stuhl vom Nebentisch.
Als sich Joachim Fest auf der offiziellen Bühne zuvor für die Auszeichnung
seines Lebenswerks bedankt, zieht er ein schönes Lebensfazit: Gelassener
sei er geworden im Alter, nun ertrage er die Clowns, von denen es sehr viel
mehr unter den Menschen gebe, als man vermutet hätte. „Man muss sie als
solche erkennen.“
Der Bruch mit Fests ehemaligem Schützling Schirrmacher habe sich bereits
Anfang der Neunzigerjahre abgezeichnet, erzählt ein enger Vertrauter von
Fest, der 1994 als FAZ-Mitherausgeber ausscheidet. Von nun an zählen für
Schirrmacher andere: Hugo Müller-Vogg, damaliger CDU-naher Mitherausgeber
der FAZ, zuständig für den Regionalteil und später die Frankfurter
Allgemeine Sonntagszeitung. Und Helmut Kohl, Bundeskanzler mit Wendebonus.
Frankfurt, Mitte der Neunzigerjahre. Die Redaktion der FAZ, dieser
vermeintlich unbeweglichen Institution, wechselt ihr Gesicht. Sie zieht in
einen Neubau auf der gegenüber liegenden Seite der Hellerhofstraße, mitten
im Gallusviertel, einem Arbeiterviertel mit damals vielen leer stehenden
Lagerhallen und schmutzigen Fassaden. Nun residiert sie in einem hellen
Bau, in der Form eines lang gezogenen L, wie am Modell gut zu erkennen ist.
Das Tageslicht fällt durch ein Glasdach in den Empfangsraum. Es ist still,
ab und an verlassen Mitarbeiter zum Feierabend das Gebäude. Man grüßt,
freundlich. Von der so oft beschriebenen Trutzburg ist wenig zu spüren.
Im Trakt des vierten Stockes, wo nach klarer Hierarchie das Feuilleton
residiert – die Wirtschaft im dritten und die Politik im zweiten –,
arbeitet zum damaligen Zeitpunkt einer an einer noch bedeutenderen
Veränderung des Hauses. Frank Schirrmacher wird sich nicht mit dem Posten
des Literaturchefs begnügen, den er zum damaligen Zeitpunkt nach eigenem
Empfinden immer noch als „Ausnahmezustand“ erlebe, wie er im Gespräch mit
Herlinde Koelbl bekennt.
Es ist sein Hang zur Koketterie, den Schirrmacher bei Bekundungen dieser
Art ausspielt, nicht etwa Selbstironie. Er inszeniert sein Amt und seine
Person als zu wichtig, als dass er sie tatsächlich hinterfragen wollte. So
habe die „Vorstellung, dass ich vierzig Jahre lang Literaturchef der FAZ
bleiben könnte, ja durchaus etwas Beängstigendes, vielleicht nicht nur für
mich, auch für meine Umwelt.“
Wie sehr er damit Recht haben sollte, zeigt sich 1996, als er seit zwei
Jahren Mitherausgeber der FAZ ist und der Spiegel über den „Überflieger im
Abwind“ schreibt. Schirrmachers Doktorarbeit, die formalen
Universitätsregeln angeblich nicht genüge, weil sie bereits im Suhrkamp
Verlag publiziert war, ist nur der Aufhänger für die Spiegel-Geschichte,
die ein klares Ziel hat: seinen Sturz. Das FAZ-interne Unbehagen an
Schirrmacher ist zu groß geworden.
Schirrmacher gibt den Chef nach allen Regeln der Führungskunst; ein
Tabubruch im bis dahin bis zur Selbstverleugnung beherrschten Umgang
innerhalb der FAZ. Schirrmacher lebt von der Aura, die eine Institution wie
die „Zeitung für Deutschland“ (FAZ-Selbstverständnis) und ein Amt wie das
des Herausgebers auf seine Person übertragen, und reizt sie aus. Gerade
weil ihm das natürliche Charisma eines Chefs fehlt.
Was Schirrmacher rettet, ist ein Statement, das ihn nach außen hin
absichert. Von jenem Mann, der 1994, unter anderem mit Unterstützung von
Helmut Kohl, Schirrmachers Inthronisierung als Herausgeber forciert hat.
Gegenüber dem Magazin Focus lässt Hugo Müller-Vogg am 20. Mai 1996 wissen,
dass die Herausgeber der FAZ natürlich zu Frank Schirrmacher stünden. „Das
sollten alle Spiegel-IMs genau wissen.“
Fünf Jahre später wird Hugo Müller-Voggs Arbeitsverhältnis in einem ebenso
Aufsehen erregenden Zug beendet, unter Zustimmung aller Herausgeber.
Schirrmacher macht von seinem Vetorecht keinen Gebrauch. „Ohne mich wäre
Schirrmacher nicht Herausgeber geworden“, betont Müller-Vogg. Bis heute
nimmt er, mittlerweile bei der Bild-Zeitung als Kolumnist tätig,
Schirrmacher das damalige Verhalten übel.
Was Schirrmacher bleibt, ist nicht nur die Herausgeberschaft. Menschen, die
ihn damals erlebt haben, sprechen von einem tiefen Trauma, von Psychoszenen
und Besserungsgelöbnissen. Es ist der Moment, von dem an Schirrmacher sein
Augenmerk sehr genau auf seine Feinde und jene, die er als solche ausmacht,
richten und gegebenenfalls mit aller Härte zurückschlagen wird. In den
folgenden Jahren verlassen nach und nach Feuilletonmitarbeiter das Blatt –
ein bis dahin undenkbarer Vorgang.
Eine FAZ-Anstellung, das bedeutete lebenslänglich. Bis heute ziehen sich
die Spuren jener alten Feindschaften durch die Feuilletons, wenn etwa ein
Buch eines Abtrünnigen von Schirrmachers Doktorvater und Förderer Hans
Ulrich Gumbrecht mit persönlicher Verve statt mit Augenmaß im
FAZ-Feuilleton verrissen wird.
Nach der Krise legt Schirrmacher alle Kraft in die konzeptionelle
Neuausrichtung des Feuilletons, die ebenfalls einem Tabubruch innerhalb der
FAZ gleichkommt. Er öffnet es für die Naturwissenschaften, denen er im Jahr
2000 besondere Aufmerksamkeit verschaffen wird, als er den gesamten Code
des entschlüsselten menschlichen Genoms mit weitgehendem Verzicht auf
Kommentar oder Einordnung im Feuilleton abdrucken wird – und wieder einmal
für eine aufgeregte Kurzweildebatte sorgt.
Auch zur Zeit der Berliner Seiten, seines ehrgeizigen
Hauptstadtkulturprojekts, wird er dieser Linie treu bleiben und
Journalisten wie den Biologen Cord Riechelmann ans Blatt binden, der sich
noch gut an einen seiner ersten Aufträge erinnert: Eines Tages bekam er
einen Anruf von Frank Schirrmacher, der nach diversen Zoobesuchen mit
seinem Sohn das Gefühl habe, dass die Giraffe ihn wiedererkenne. Ob dies
denn wohl sein könne?
Riechelmann schätzt das persönliche Interesse Schirrmachers an Themen. Auch
wenn er von dessen Ansatz, Natur und Biologie metaphorisch auf politische
Verhältnisse zu übertragen, nicht viel hält. „Aber meine Einstellung hat er
immer akzeptiert“, meint Riechelmann, der die Horrorszenarien vom
willkürlichen Eingreifen Schirrmachers in Inhalte des Blattes nicht
bestätigen kann. Schirrmacher schätze Leute, die sich nicht von den
Verhältnissen dominieren ließen, solange dies kompatibel sei mit dem
bürgerlichen Leben. „Er ist ein guter Blattmacher.“
Und als solcher öffnet Schirrmacher auch nach und nach das
Rezensionsfeuilleton für politische Debatten. Joschka Fischer und Gerhard
Schröder sind die neuen Figuren, die seine Neugier geweckt haben. Wieder
einmal setzt er mit seinem Instinkt auf die Richtigen zum richtigen
Zeitpunkt.
Zur vollen Geltung kommt die Neuausrichtung seines Feuilletons allerdings
erst heute, in der Medienrepublik Berlin, in der sich auch in anderen
Zeitungen zunehmend die Grenzen zwischen klassischen Ressorts vermischen
und sich ausgezeichnete Politikredakteure schon mal zu einem Ausflug in die
Magazine ihrer Blätter verführen lassen, mit Geschichten aus der Kindheit
im Keller oder dem ersten Urlaub auf dem Balkan.
Im Feuilleton dagegen finden die oftmals schärferen,
gesellschaftspolitischen Analysen und Auseinandersetzungen statt, auch die
Dramatisierung und Personalisierung der Debatten, ihre Literarisierung.
Helden und Böse. Als Gerhard Schröder 2005 nach der Bundestagswahl in der
Fernsehrunde Angela Merkel den Sieg abspricht, ist es Frank Schirrmacher,
der am nächsten Tag die „Entgleisung des Aufputschers“ kommentiert. Und er
ist es, der im vorausgegangenen Wahlkampf in die Welt des Paul Kirchhof
eintauchte und die CDU-Professoren-Hoffnung einen Tag lang begleitete. Der
diesmal von der Realität geschaffene Ausnahmezustand ist zu gut, als dass
Schirrmacher ihn unkommentiert lassen könnte.
34 Jahre jung war Schirrmacher, als er das Amt übertragen bekam. Viele der
Geschichten und Debatten, die in den bis heute vergangenen zwölf Jahren
stattfanden, folgten dem gleichen Prinzip: der Lust am Tabubruch, an
gedanklicher Unkonventionalität. Dem nie saturierten, napoleonischen
Streben nach Bedeutung, dem unbedingten Willen zur Meinungsführerschaft.
Dem Mut zur Lücke, wie manche aus Erfahrung sagen.
Schirrmacher lebt und genießt die selbst verursachten Stahlgewitterchen.
Berlin, 2006. Auch wenn Menschen, die ihm heute beruflich nahe stehen,
bereits von Altersmilde reden, die im Umgang mit seinen Mitarbeitern
immerhin eingesetzt habe – das Freund-Feind-Schema gilt. Mit einem
Unterschied: Schirrmachers Kreis hat sich für einen intermedialen
Allianzenbund geöffnet, für Männer aus Konkurrenzverlagen und Zeitungen:
Mathias Döpfner, Springer-Vorstand; Stefan Aust, Spiegel-Chefredakteur; Kai
Diekmann, Chefredakteur der Bild-Zeitung; Matthias Matussek, Kulturchef des
Spiegels; Paul Sahner, Chefreporter der Bunten; Helmut Markwort, Focus;
Christoph Keese, Chefredakteur der Welt am Sonntag; Matthias Landwehr, Chef
der Literaturagentur Eggers & Landwehr.
Ein Foto in seinem Herausgeberbüro in Frankfurt symbolisiert sehr schön,
worum es Schirrmacher in diesem neuen Bund geht, gemeinsam mit den neuen
Jungs: Es zeigt ihn mit Stefan Aust und Norbert Körzdörfer, dem
Bild-Reporter, bei einem Ausflug nach Camp David. Mit in der Runde: Bill
Clinton, ehemaliger Präsident der USA.
Heute gilt es, an jedem Tisch der Mächtigen einen freien Stuhl zu wissen,
wenn auch nur kurz. Heute gilt es, die Welt, also den Markt, zu erobern.
Und wie so oft in der Medienbranche sind es informelle Absprachen, die den
Bund zusammenhalten. Selbstverständlich betont ein Alexander Gorkow, Leiter
der SZ-Wochenendbeilage, im Hinblick auf das kolportierte Schreibverbot für
WamS-Autoren nach dem Eklat der Buchmessenbeilage, dass auf sein Ressort
seine SZ-Kollegen und er selbst Einfluss ausübe, niemand sonst. Und
selbstverständlich äußern sich weder Mathias Döpfner noch Matthias Matussek
noch Matthias Landwehr offiziell zu Frank Schirrmacher.
Rückschlüsse lassen sich jedoch aus den Inhalten der Zeitungen und Magazine
ziehen. Dort ist die Kooperation oftmals unmittelbar nachzuvollziehen,
nicht nur anhand der Bild-Zeitung. So auch im Spiegel, der unter Regie von
Matthias Matussek Schirrmachers Buch „Minimum“ ein Forum gibt, in Form
eines wohlgesinnten Interviews, ergänzt mit einer Buchrezension durch den
Kulturchef selbst. Im Gegenzug bezieht sich Matussek in seinem aktuellen
Auchbestseller „Wir Deutschen“ nicht nur einmal auf Schirrmacher und lobt
seinen „kalten soziobiologischen Blick auf die Welt“. Die FAS wiederum
bietet eine Seite im Feuilleton für ein ausführliches Gespräch mit
Matussek, flankiert von einer Werbeanzeige drei Seiten weiter. Mit einem
kleinen Wermutstropfen allerdings: Das Interview fällt kritisch aus, und
Matussek, heißt es, fühlte sich prompt verraten.
Schließlich übernimmt als Vierte im Bunde die Welt am Sonntag die
eigentlich für den Spiegel geplante, dort aber nach Widerstand in der
Chefredaktion abgelehnte Titelgeschichte von Matussek: ein Paket aus
bearbeitetem Buchvorabruck und Umfragen unter Intellektuellen zum
Nationalstolz der Deutschen.
Als heeres Ziel des feuilletonistischen Trommelwirbels, dieses
ausgeklügelten Eigen-PR-Systems, proklamieren die Akteure unter
Federführung von Mathias Döpfner und Frank Schirrmacher indes etwas
anderes, Größeres. Das Feuilleton solle wieder zurückkehren zum klassischen
Kulturjournalismus, zum Genre der Rezension. Der Kritiker brauche folgende
Qualitäten: „Mut, Hybris, einen leichten Hauch von Größenwahn“, so sieht es
Schirrmacher. Und so werde es am Feuilleton liegen, die gesamte Zeitung zu
verbessern, so sieht es Döpfner.
Die Zukunft des Journalismus wiederum liege angesichts des Mediums Internet
in der Autorität der Journalisten, die den Weg durch die neue Dimension von
Öffentlichkeit, die so genannte Informationsflut, weisen müssten. „Wenn
jede Information für jedermann jederzeit überall verfügbar ist, dann wächst
das Bedürfnis nach Orientierung, Auswahl oder dem, was den guten
Zeitungsjournalisten ausmacht: Führung“, schreibt Döpfner in einem Essay in
der Welt am 8. Mai dieses Jahres. Der Journalist als „Führer“. Wieder
einmal diese eine, alte Idee.
Da erstaunt es nicht mehr, dass jemand wie Thierry Chervel, Gründer und
Chef des Metafeuilletons „Perlentaucher“, das täglich im Internet eine
kommentierte Zusammenschau der deutschsprachigen Kulturteile erstellt,
nicht immer gern gesehen wird. „Was die Hierarchen an Perlentaucher stört“,
meint Chervel, „ist, dass wir die Spielchen transparent machen, dass sie
dadurch Macht über Themen einbüßen.“ Ihn stört vor allem, dass die Zeitung
als Institution morsch werde und zu einem Forum der Selbstinszenierung von
Journalismus. „Die Feuilletons haben nicht selten den Wahrheitsanspruch von
Journalismus aufgegeben. Ob Peter Handke tatsächlich historische Tatsachen
leugnet, hat in der jüngsten Debatte um den Heine-Preis niemand gefragt.
Lieber gibt man ihm gleich einen Geniebonus.“ Darum verlieren die
Feuilletons Einfluss aufs Publikum, meint Chervel. „Aber bei den
Institutionen bleibt ihr Einfluss bestehen.“ So erklärt sich Chervel auch,
dass die FAZ den Perlentaucher in dem Moment scharf angriff, als er von der
Bundeskulturstiftung Subventionen für das englischsprachige Magazin
[1][signandsight.com] bekam.
Nicht immer sind Kampagnen dieser Art jedoch erfolgreich. Die
Rechtschreibreform ist das prominenteste Beispiel, an deren Rücknahme sich
der Verbund vergebens abarbeitete. Oftmals reicht jedoch das Fehlen
gegenseitiger Kritik aus, die spürbare Beißhemmung gegenüber den anderen
Medien, um eine ausgewogene öffentliche Meinungsbildung zu erschweren.
Investigativjournalist Hans Leyendecker, der nach Meinungsverschiedenheiten
mit Stefan Aust und der Kündigung beim Spiegel nun für die Süddeutsche
Zeitung arbeitet, beobachtet die Allianz „der jungen Wichtigen“ zwischen
Springer und Spiegel mit Sorge. Die Folgen habe man zuletzt bei der
geplanten Übernahme von ProSieben und Sat.1 durch Spinger erleben können:
„Arschzahme Geschichten im Spiegel, aus Rücksichtnahme“, sagt Leyendecker.
Den Feuilletonisten Frank Schirrmacher jedoch, den er privat sehr schätzt,
unter anderem weil er dessen Vorliebe für Gottfried Benn teile, sieht er
nicht als Gefahr. „Er ist ein wunderbarer Paradiesvogel in dem Zirkus.“ Man
müsse froh sein, wenn er gemeinsam mit Spiegel-Chefredakteur Aust
Interviews führe, wie etwa bei der DVD-Reihe „100 Jahre Deutschland“, dann
stelle wenigstens einer interessante Fragen.
Mit dem Fall der Mauer, dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin und der
Etablierung dessen, was gerne Talkshowrepublik genannt wird, sind
Projektionsflächen wie die Figur Schirrmacher unersetzlich geworden.
Figuren, die Themen nicht erfinden, sondern ihnen einen griffigen Namen
geben, sie mit der nötigen Dramatisierung unterfüttern und dadurch aus den
geschlossenen Zirkeln der Feuilletons hinaustragen auf die Talkshowbühne.
Schirrmacher gibt den Themen Dringlichkeit.
Wie gut sich die Dramaturgie seiner Bücher eignet, um deren Themen der
Öffentlichkeit anzutragen, zeigen auch seine Lesungen vor Publikum. Als
Schirrmacher im Mai bei einer Aufzeichnung für NDR Kultur las, kokettierte
er damit, dass der NDR auf die „etwas dramatischeren“ Passagen in seinem
Buch gedrungen habe, wahrscheinlich auch deshalb, weil man die Hörer am
Radio halten wolle.
Schirrmacher schätzt die Macht des Boulevards, dieser großen Unterhaltungs-
und Skandalmaschine. Und er nutzt sie, nicht zuletzt für sein eigenes
Image. „Unter all den Medienmächtigen“, so erklärt Peoplejournalist Paul
Sahner den Erfolg und die Wirkung Schirrmachers, sei er der volksnächste.
„Als Herausgeber einer der wichtigsten Zeitungen ist er ein ganz normaler
Mensch geblieben.“ Frankie-Boy, wie man ihn unter Freunden nenne.
Paul Sahner selbst gehört zum kollegialen Freundeskreis, nicht zuletzt ein
Resultat der Aufgeschlossenheit von Schirrmacher gegenüber Klatsch- und
Promijournalimus. „Er unterscheidet zwischen Profis und Nichtprofis, er hat
keinen Dünkel“, sagt Sahner. Unter Profis verbringt man denn auch
gemeinsame Grillabende auf dem Land, wo Sahner ein Bauernhäuschen besitzt,
und philosophiert stundenlang, über Literatur und über die jüngere
Geschichte, oft über Hitler. Unter kollegialen Freunden sieht man sich,
wenn Schirrmacher in München sei, im Münchener Lokal „Schumann’s“, gerne
auch mit Alexander Gorkow, erzählt Sahner.
„Schumann’s“, „Borchardt“ und all die anderen Orte der Medienrepublik sind
es, ohne die jene tragenden Netzwerke nicht denkbar wären. Vom George-Bund
zum Sahner-Kreis ist es nur auf den ersten Blick ein seltsamer Schritt.
Tatsächlich ist er nur zeitgemäß. Nicht nur die Zeitungskrise 2002 hat aus
ökonomischen Gründen die einst konkurrierenden Verlagshäuser näher
zusammenrücken lassen. Auch der Bedeutungsverlust von ideologischen
Positionen hat den Bedarf an einer unterhaltenden Aufwertung der Themen
forciert.
Und es ist Frank Schirrmacher, der mit dem Nimbus der FAZ meisterhaft auf
allen Boulevards spazieren geht. So war es im Fall seines ersten
Bestsellers „Methusalem-Komplott“, in dem er alarmistisch gegen die
Diskriminierung des Alters in einer demografisch veränderten Gesellschaft
trommelte – zu einem Zeitpunkt, als das Thema bereits gut zwei Jahre die
Debatten- und Kulturteile der Medien beschäftigt hatte. Und so ist es in
„Minimum“, der „Fortsetzung“, wie er sein aktuelles Buch bezeichnet, in dem
er alle momentan ohnehin debattierten Themen – Kinderlosigkeit,
Familienpolitik und Integration – im Bewusstsein hält. „Es hätte schlimmer
kommen können“, meint ein Feuilletonist lapidar, man müsse sich nur die
jüngste Welle von Deutschland- und Nationalbewusstseinsbüchern ansehen.
Wohl gemeinte Ratschläge, sein Buch vom „Minimum“ nicht in der Bild-Zeitung
vorabdrucken zu lassen, schlägt Schirrmacher aus. Zu wichtig ist
mittlerweile das Massenpublikum, als dass er es missachten könnte. Eine
Haltung, die bisweilen auch direkt auf die FAZ Einfluss hat, wenn etwa in
den Wochen vor Schirrmachers Auftritt in der Gesprächssendung „Beckmann“
keine Zeile und schon gar keine kritische über die ARD-Sendung zu lesen
ist. Obwohl er immer wieder und insbesondere vor seinen Redakteuren betont,
dass das Alleinstellungsmerkmal der stiftungsgetragenen FAZ ihre
Unabhängigkeit von Unternehmen oder Parteien sei, von Schirrmacher bleibt
sie abhängig.
Für seine gesellschaftlich relevante Leistung erhält Schirrmacher 2004 die
„Goldene Feder“ des Heinrich-Bauer-Verlags und den „Corine-Sachbuch-Preis“
für sein „Methusalem-Komplott“. Im Dezember des gleichen Jahres wird der
Themensetzer von der Branchenzeitschrift Medium-Magazin zum Journalisten
des Jahres gewählt, nicht ohne die süffisante Anerkennung seiner
„meisterhaften Vermarktungsstrategie des Themas und der eigenen Person“.
Als guten Journalisten und Blattmacher, als originellen Krachmacher sehen
ihn in der Tat auch andere – deren Respekt ihm, dem kleinen George,
eigentlich wichtig sein müsste. Die wie Kurt Scheel, Mitherausgeber der
„Zeitschrift für europäisches Denken“, Merkur, in dem etwas gelasseneren
bürgerlichen Berlin-Charlottenburg residieren, in einem Altbau mit
knarzenden Dielen und einem Berliner Zimmer mit einem großen, runden Tisch
für Gesprächsabende mit ausgewählten Teilnehmern – ohne Kameras.
„Schirrmacher ist ja nicht dumm“, sagt Scheel, „aber er schreibt Bücher
unter seinem Niveau.“ Hysterischen Quatsch.
Scheel findet ein schönes Bild für seinen Unmut angesichts der verhassten
so genannten Debattenkultur: „Aus Luft wird heißer Föhn.“ Dabei betont er:
„Aus Schirrmacher hätte ein Intellektueller werden können“, er habe sich
jedoch für die „Machtmaschine Zeitung“ entschieden. „Und dort füllt er die
Rolle gut aus, die er spielt. Eigentlich“, so Scheels Fantasie, „eigentlich
ist es doch höchste Zeit, dass sich Dieter Wedel in einem Fernsehmehrteiler
oder Helmut Dietl in einer Serie um den Stoff Schirrmacher kümmert.“ Ein
„Kir Royal“-Follow-up in Berlin/Frankfurt. Baby Frankie-Boy.
Hamburg, Mitte Mai 2006. Die Tische im Deutschen Schauspielhaus sind alle
abgeklappert. Frankie-Boy ist in seinem Element. Nun steigt mit
ausgewählten Gesprächspartnern die Verweildauer. Ulrich Wickert,
Noch-„Tagesthemen“-Moderator, Autor und Lebemann. Matthias Matussek.
Zwischendurch Moritz von Uslar, 100-Fragen-Interview-Erfinder und jetzt
Literat. Ab und zu hört man ein „Hey, geil!“. So darf man sich auch das
ausgiebig zelebrierte Berliner Partyleben vorstellen, bei dem lange Zeit
die Literaturagentur „Eggers & Landwehr“ mit Regie führte.
So darf man sich Schirrmacher auf der Berliner Bühne vorstellen, der
Cornelia Pieper, der ehemaligen FDP-Generalsekretärin, schon mal in
ebendiesen Männer-Small-Talks glauben machte, dass seine neue Sekretärin
Traudl Junge wirklich gute Arbeit leiste. Und es ist Cornelia Pieper, die
nicht über den Namen der Sekretärin Adolf Hitlers stolpert – einer der
winzigen Coups.
Als noch einmal Zeit ist für das Buffet, läuft Frank Schirrmacher von einem
Ende zum anderen des Raumes. Unentschlossen. Kein schlechter Moment, um
sich nach der Gesprächsanfrage zu erkundigen. Wo, wenn nicht hier, beim
Branchentreff. Sein Blick wird sofort ernst, das Lächeln verschwindet.
Davon wisse er nichts, er werde sehen, ob er Zeit habe, aber eigentlich
habe er wenig Zeit.
Gleich am folgenden Montag meldet sich die Sekretärin Monika Stützel. Ob
man die Mail noch einmal schicken könne, ein Versehen, manchmal würden
Dinge gelöscht, aber das passiere selten. Man werde sich melden. Gleich
morgen. Selbstverständlich gilt ihr unter anderem Schirrmachers Danksagung
in „Minimum“, für die „organisatorische Unterstützung“.
Drei Tage später übermittelt die Sekretärin des Frank Schirrmacher die
Absage, bis auf weiteres, aus rein terminlichen Gründen. Frank Schirrmacher
hat viel zu tun.
SUSANNE LANG, 29, Germanistin, ist Redakteurin im Gesellschafts- und
Kulturressort taz zwei und lebt in Berlin JULIANE PIEPER, 30, die
Illustratorin dieses Porträts, studiert Kommunikationsdesign und lebt in
Berlin
24 Jun 2006
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(DIR) SUSANNE LANG
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