# taz.de -- Fitness und Literatur in Berlin: „Hier kann man sich ein sehr eigenes Selbst erschaffen“
> Im Literarischen Colloquium sprechen beim „Kraftsportabend“
> Autor*innen über Körperbilder und Fremdzuschreibung im Gym. Eine
> davon: Verena Keßler.
(IMG) Bild: „Mir war bis dahin kein Roman bekannt, der fast nur im Fitnessstudio spielt“, sagt Verena Keßler – und hat so einen geschrieben
taz: Frau Keßler, am Freitag unterhalten Sie sich mit anderen Schreibenden
im [1][Literarischen Colloquium Berlin] über das Thema Kraftsport. Die
Heldin Ihres Romans „Gym“ sucht anfangs scheinbar nur einen anspruchslosen
Brotjob und landet ausgerechnet im Fitnessstudio. Was hat Sie in diesem
vermeintlich anspruchslosen Ort literarisch interessiert?
Verena Keßler: Also erst einmal fand ich es spannend, dass es das so noch
nicht gegeben hat. Jedenfalls noch nicht in der Form. Mir war bis dahin
kein Roman bekannt, der fast nur im Fitnessstudio spielt, obwohl das ja im
Alltag vieler Menschen ein wichtiger Ort ist. Es hat mich auch gereizt, den
Text dort kammerspielartig anlegen zu können, weil es ein abgeschlossener
Raum ist, mit relativ übersichtlichem Personal. Dass die Figuren dem
Literarischen scheinbar fern sind, zum Beispiel in der Art, wie sie
sprechen, fand ich eine schöne Herausforderung.
taz: Ihre Heldin macht sich zunächst nur lustig über diese Welt. Für sie
ist es das Gym nur ein Ort, an dem sie sich wie ein Fremdkörper fühlt.
Warum?
Keßler: Meine Protagonistin kommt aus einer Welt, in der man sich über
geistige Leistung profiliert hat, mit ihrer Bildung und Intelligenz ist sie
da weit gekommen. Im Fitnessstudio zählt das auf einmal nichts mehr, das
fand ich reizvoll. Es ist außerdem fürs Erzählen interessant, wenn die
Figur eine Außenperspektive auf die Welt hat, in der sie sich aufhält, weil
sich so das Besondere daran beschreiben lässt.
taz: Die Lüge, sie sei gerade Mutter geworden, entsteht sehr früh – aus
Scham über den eigenen Körper und dem Gefühl, zu dick für diese Welt zu
sein. Ist diese Notlüge für sie eher ein Schutzmechanismus oder bereits der
erste Schritt in eine Selbstverstrickung?
Keßler: Also eigentlich schämt sie sich gar nicht so sehr für ihren Körper.
Aber in dem Moment, wo sie darauf hingewiesen wird, dass sie so, wie sie
aussieht, dort nicht so gut reinpasst, kann sie mit der Kritik nicht
umgehen. Sie hat ein Problem damit, Schwächen zuzugeben. Also liefert sie
eine Begründung, gegen die man nichts sagen kann. Dass es ein Problem
werden könnte, diese Lüge aufrechtzuerhalten, denkt sie nicht. Sie hält
sich für klüger als alle anderen und meint, diese kleine Aufgabe, die Leute
davon zu überzeugen, dass sie ein Kind hat, könnte sie einfach nebenbei
bewältigen.
taz: Mutterschaft ist eines der beiden großen Weiblichkeitsideale
schlechthin. Warum ausgerechnet dieses Alibi?
Keßler: Für mich war es erst mal das Naheliegendste. Also vielleicht ist
kurz nach der Entbindung der einzige Moment, in dem es gesellschaftlich
akzeptiert ist, dass man einen Bauch hat, wo es wirklich niemanden gibt,
der das kritisiert, zumindest für einen kurzen Zeitraum. Das kam beim
Schreiben instinktiv und kommt für die Figur vielleicht auch instinktiv.
Als ich mir das ausgedacht habe, war mir auch noch nicht ganz klar, was ich
dann daraus alles machen kann.
taz: Ich weiß gar nicht, ob ich das glauben darf! Denn im Grunde passt dann
alles immer besser zusammen. Wie sie anfängt zu trainieren. Wie sie immer
süchtiger danach wird. Mit der Bodybuilderin Vick tritt schließlich ein
völlig anderes Körperideal auf. Verkörpert sie für die Erzählerin eine
Möglichkeit, stereotype Weiblichkeitsbilder hinter sich zu lassen – oder
nur eine neue, ebenso rigide Norm?
Keßler: Ich habe mir relativ früh überlegt, dass eine Bodybuilderin eine
Rolle spielen wird, auch wenn ich nicht von Anfang an wusste, welche. Und
im Buch ist das auch nicht gleich klar, aus Faszination und Anziehung wird
irgendwann Konkurrenz. Vick ist eine Person, die sich überhaupt nicht
einfügt in das, was üblicherweise von Frauen verlangt wird. Sie ist weder
Mutter noch hat sie einen Körper, der im herkömmlichen Sinne als besonders
attraktiv gesehen wird. Sie hat einfach ein sehr eigenes Selbst erschaffen.
Und das findet die Protagonistin natürlich anziehend, weil sie ja mit den
üblichen Weiblichkeitsbildern auch nie so richtig klargekommen ist.
taz: Angedeutet wird, dass Ihre Protagonistin in ihrer ersten Karriere auch
an sozialen Unterschieden zerbrochen ist – an einer Konkurrentin mit
Stipendien, makelloser Bildung, internationalem Lebensstil. Welche Rolle
spielt Klassenherkunft für dieses Scheitern und dann vielleicht auch für
die Faszination am Fitnessstudio?
Keßler: Ich glaube, es spielt vor allem für ihren Ehrgeiz eine große Rolle.
Dass sie was aus sich machen will, dass sie besonderen Erfolg haben will,
um ihre Herkunft hinter sich zu lassen. Und dass sie aber auch permanent
diese Angst hat, wieder zurückzufallen, weil sie eben nicht
selbstverständlich in diese höheren Kreise gehört. Sie hat sich das
erarbeitet. Und ihre Zugehörigkeit hängt immer an der Leistung, die sie
erbringt. Deswegen ist sie so verbissen. Das Fitnessstudio dagegen ist ihr
zwar als Ort fremd, aber die Leute da sind ihr eigentlich viel näher, als
sie vielleicht glaubt.
taz: Sie mag diese Leute eigentlich auch?
Keßler: Zumindest einige (lacht). Also zum Beispiel die Schwester des
Studiobetreibers, mit der sie eigentlich gerne befreundet wäre, wenn sie
denn die Fähigkeit dazu hätte, sich überhaupt mit jemandem anzufreunden.
taz: Je stärker sich die Erzählerin in Disziplin und Training
hineinsteigert, desto komischer – und zugleich unheimlicher – wird der
Text. War Humor für Sie ein Mittel, diesen Kontrollverlust sichtbar zu
machen?
Keßler: Der Humor ist auch erst beim Schreiben reingekommen. Das
funktioniert in dieser Welt, in der es oft wahnsinnig ernst zugeht, gut,
solange die Protagonistin das alles nicht so ernst nimmt. Aber in dem
Moment, in dem sich ihre eigene Einstellung ändert, kippt es in etwas
anderes, dann wird es weniger lustig und stattdessen ein bisschen eklig und
horrorartig.
taz: Am Ende entlädt sich diese ganze Anspannung in einer Art Gewaltrausch.
Ist das eher eine Eskalation oder eine logische Konsequenz des
übersteigerten Selbstoptimierungswahns?
Keßler: Ich glaube, die Eskalation ist die logische Konsequenz, weil diese
Figur keine innere Bremse hat. Also, weil sie eben nicht von allein
aufhören wird. Weil sie so eindimensional fixiert ist.
taz: Heute sehen viele junge Menschen das Fitnessstudio ganz anders als die
Heldin Ihres Buches: nicht als Ort der Selbstdisziplinierung, sondern als
sozialen Ort nach Corona, vielleicht auch als Gegenraum zu Social Media.
Steht diese Lesart für Sie im Kontrast zur Welt von „Gym“ – oder ergänzt
sie diese?
Keßler: Ich glaube, das Fitnessstudio kann beides sein, ein einsamer Ort
der Selbstoptimierung oder eine soziale Begegnungsstätte. Meiner
persönlichen Beobachtung nach trainieren viele Leute eher für sich und das
macht diesen Sport sicher auch so beliebt. Man kann einfach hingehen, wann
es einem passt, muss sich nach niemandem richten, das ist natürlich viel
einfacher in den Alltag zu integrieren als zum Beispiel Mannschaftssport.
Ich sehe aber auch Menschen, die sich da treffen, einander Hilfestellungen
bei Übungen geben oder ihren Drink danach zusammen nehmen. Also, ich denke,
die Leute gehen aus sehr unterschiedlichen Gründen ins Fitnessstudio. Da
ist irgendwie alles dabei.
taz: Ist es vielleicht ein Ort geworden, der klassenübergreifender geworden
ist?
Keßler: Mag sein. Dazu muss man aber auch sagen, dass es sehr
unterschiedliche Studios und Preisklassen gibt (lacht).
taz: Das stimmt natürlich. Trotzdem nehme ich wahr, dass junge Leute Sport
mit weniger Leistungsdruck und eher als Selfcare betreiben, bei der man
auch mal aufhören kann, wenn es anfängt wehzutun, ohne dafür ausgelacht zu
werden.
Keßler: Das ist, glaube ich, sehr individuell. Ich habe aber eher nicht den
Eindruck, dass Leistungsdruck und der Wunsch nach Selbstoptimierung für
junge Leute keine Rolle spielen, im Gegenteil. Die ganze Gym-Welt findet
sehr stark auch auf Social Media statt, wer da unterwegs ist, hat extrem
viel Gelegenheit, sich zu vergleichen und irgendwelchen Idealen und
Körpertrends hinterherzurennen.
15 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Susanne Messmer
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