# taz.de -- Verhaltensweisen der Gegenwart: Mut zu Lässigkeit und Schwäche
       
       > Obszöne Gesten der Stärke beherrschen die internationale Politik. Was
       > wurde aus der Coolness? Über Gefühle an der Schwelle zu einer neuen
       > Weltordnung.
       
 (IMG) Bild: Franz Beckenbauer bei Muhammad Ali: Lässigkeit ist die Haltung derer, die nichts zu verlieren und das meiste noch vor sich haben
       
       Als Foto und im Bewegtbild war in den Nachrufen auf das Fußballidol
       [1][Franz Beckenbauer] vielfach eine Szene wiedergegeben, in der dieser
       1977 in New York auf [2][Muhammad Ali] traf. Der Box-Champion lag auf einem
       Hotelbett und befragte Beckenbauer nach dessen Trainingsmethoden. „Mit dem
       Ball?“, fragte der verdutzt und in holprigem Englisch zurück. Nein, ohne.
       Der Boxer wollte wissen, wie er seinen Körper bewege.
       
       Galten die beiden hinsichtlich ihrer Erfolge als die Größten ihres
       jeweiligen Fachs, so schienen sie habituell durch ihre Lässigkeit
       verbunden. Bei Beckenbauer war es die Leichtigkeit im Umgang mit dem Ball.
       Der Kopf blieb dabei stets oben, als ginge es darum, die Ausführung der
       nächsten Finte zu planen. Anerkennend attestierte man seiner Art zu spielen
       Eleganz, von Überheblichkeit und Arroganz war ebenfalls die Rede.
       Beckenbauer war schnell, schön und populär. Es sind die Merkmale der
       Lässigkeit als ästhetische Kategorie.
       
       Lässigkeit ist die Haltung derer, die nichts zu verlieren und das meiste
       noch vor sich haben. Imposant verkörpert wurde sie durch den jungen
       Muhammad Ali, der boxerisches Talent mit Schönheit und Intelligenz
       vereinte. Seine Schnelligkeit, sein Tänzeln und seine herunterhängenden
       Arme, die ihn als einen Boxer ohne Deckung erscheinen ließen, machten ihn
       zu einer Ikone nicht nur der schwarzen Rebellion, sondern des jugendlichen
       Aufbegehrens insgesamt.
       
       Der Schriftstellerin Joyce Carol Oates war nicht entgangen, was hinter
       Muhammad Alis oft zur Schau getragenem Unernst steckte. „Die süße Kunst zu
       verletzen ist ein Hohelied auf den männlichen Körper“, schreibt sie.
       „Obwohl männliche Zuschauer sich mit dem Boxen identifizieren, verhält sich
       kein Boxer, sobald er im Ring ist, je wie ein normaler Mann, und keine
       Kombination von Schlägen ist natürlich. Alles ist Stil.“
       
       ## Des Narzissmus verdächtigt
       
       Lässigkeit birgt die Gefahr des Misslingens, die demonstrative Lockerheit
       des jeweiligen Akteurs scheint ein Verhängnis geradewegs herausfordern zu
       wollen. Ist aber offen von Lässigkeit die Rede, schwingt meistens ein Ton
       von Bewunderung mit.
       
       Allerdings kann der Lässige kein Vorbild abgeben, es fehlt ihm dazu die
       Tugendhaftigkeit. Er scheint von einer Art radikalen Egoismus beseelt,
       schon deshalb galt Lässigkeit als auffälliges Merkmal in der Hochphase des
       Neoliberalismus, in der Risiko und Arglosigkeit als Schlüssel zur
       Erschließung neuer Märkte galten. Der Lässige war seit jeher ein des
       Narzissmus verdächtiger Persönlichkeitstyp. Bei aller ästhetischen
       Attraktivität wird Lässigkeit primär als Abweichung wahrgenommen.
       
       Als Geste und Variante der Selbstgestaltung gehört sie zum
       Verhaltensrepertoire der Coolness, die besonders in Jugendkulturen seit
       Beginn des 20. Jahrhunderts einen erstrebenswerten Zustand darstellt. Man
       ist bemüht, kühl zu bleiben, gelassen, nonchalant, souverän, kontrolliert.
       
       So verstanden ist Coolness die antizipierte Unabhängigkeit derer, die
       gesellschaftlich auf der Schwelle stehen. Man gehört noch nicht dazu, sei
       es durch Ausschluss oder durch Selbstausgrenzung. Lässigkeit und Coolness
       sind stets auch Abwehrgesten. Allerdings zielt Coolness keineswegs auf
       einen stillgestellten Zustand, etwas, in das man sich dauerhaft
       einzurichten hofft. Coolness ist nicht auf materialistische Werte
       ausgerichtet, sondern vom Augenblick beherrscht.
       
       Coolness ist durchdrungen von retardierenden Elementen. Man muss abwarten
       können, und es kommt auf das Gespür für den richtigen Augenblick an.
       Andererseits gilt: Wer nicht heiß gewesen ist, kann nicht cool werden. So
       gesehen gehören Coolness und Lässigkeit zum Abc der reduzierten Gefühle und
       kennzeichnen nicht zuletzt einen allgemeinen Umgang mit emotionaler
       Verletzlichkeit.
       
       ## Prepper im Vorkrieg
       
       Es spricht einiges dafür, dass es sich um auslaufende Verhaltensformen
       handelt. Das Kokettieren mit Schwäche ist nicht mehr gefragt, obszöne
       Gesten der Stärke beherrschen die Szene. In psychologischer Hinsicht ist
       der sogenannte Prepper, der in unwegsamem Gelände den Ernstfall antizipiert
       und deshalb bereit ist, die Existenz eines Bunkerwesens zu führen, keine
       gesellschaftliche Randfigur mehr.
       
       Prepper wähnen sich im Vorkrieg, und es scheint nicht länger nur eine
       düstere Prognose von Militärexperten, dass die lange Friedensphase in der
       westlichen Welt an ihr Ende gelangt ist. Stromausfälle, Schneekatastrophen
       – es kommt zunehmend darauf an, vorbereitet zu sein, mögen sich die Arten,
       die Konservenbüchsen zu stapeln, auch unterscheiden.
       
       Für Prepperpioniere hat der Überlebenskampf längst begonnen, ihr Dasein ist
       ein Leben zum Tode. Auch wenn der Prepper – eine keineswegs ausschließlich
       männliche Figur – nicht cool ist, fühlt er sich durch die Todesnähe mit der
       Coolness verbunden.
       
       An die Stelle der Coolness scheinen unterdessen die Begleiterscheinungen
       einer politischen Ökonomie der Disruption getreten, als dessen lärmender
       Götterbote sich der aus Südafrika stammende amerikanische Entrepreneur Elon
       Musk inszeniert.
       
       ## Vorm Mutwillen nirgends sicher
       
       Als dieser im Oktober 2022 mit einem Waschbecken in die Twitter-Zentrale
       einmarschierte, ging es ihm nicht darum, die Hygienebedingungen des
       Betriebs zu verbessern. Vielmehr wollte er wahrgenommen werden als einer,
       der anpackt. Wenig später machten die Mitarbeiter der bald danach in X
       umbenannten Plattform die Erfahrung, vorm Mutwillen des neuen Eigentümers
       nirgends sicher zu sein.
       
       Das Waschbecken veranschaulichte keineswegs, dass alles fließt. Vielmehr
       signalisierte es Musks Bereitschaft, alles herauszureißen, eine Haltung, in
       der er als Chef der von US-Präsident Donald Trump eingesetzten Organisation
       DOGE, die vorgeblich die Regierungseffizienz und -produktivität erhöhen
       sollte, der liberalen US-Gesellschaft das Fürchten lehrte.
       
       Politik wurde von Musk als Krawall und Party inszeniert, an der er das
       Interesse schnell wieder verlor. Alles an dieser Figur ist anti-cool,
       abwarten bedeutet für sie ein Graus, jeglicher Wille zur Selbstkontrolle
       scheint ihr zu fehlen. Aufgedunsen und übergewichtig macht Musk explizit
       den öffentlich eingestandenen Drogenkonsum sichtbar. Er feiert die
       Attraktivität der Zügellosigkeit. Wenn es dabei doch so etwas wie
       Selbstkontrolle gibt, dann besteht sie im Microdosing, mit dem Musk laut
       Selbstauskunft die jeweiligen Substanzen zu sich nimmt. Diese Art von
       Drogengebrauch ist das Privileg der Reichen.
       
       ## Argumente spiele keine Rolle
       
       Das dazugehörige unternehmerische Leitbild ist seit Kurzem hinlänglich als
       Disruption bekannt. Im „Glossar der Gegenwart 2.0“ (Edition Suhrkamp) hat
       der Soziologe Ulrich Bröckling beschrieben, wie Donald Trump im Verlauf
       seiner ersten Amtszeit sein Verständnis von Disruption als anarchisches und
       anti-institutionalistisches Herrschaftsinstrument im politischen Feld
       implementiert hat. „Wo Argumente keine Rolle spielen, ‚alternative Fakten‘
       die Berufung auf Tatsachen obsolet machen, geregelte Verfahren außer Kraft
       gesetzt werden und die Verwaltungsapparate geschwächt sind, bleibt nur die
       Fixierung auf den starken Mann.“
       
       Schon vor Beginn der zweiten Amtszeit Trumps wurde deutlich, dass die
       Kanäle der gesellschaftlichen Kommunikation nun erneut mit den Mitteln
       disruptiver Destabilisierung geflutet werden. Geschäftspraktiken und
       neoimperialistische Eroberungsfantasien gingen in der obsessiven
       Ausdrucksweise unter, in der Trump davon sprach, Grönland zu kaufen, den
       Panamakanal wieder unter US-Kontrolle zu bringen und Kanada zu einem
       Bundesstaat der USA zu machen.
       
       „Disruptionen werden forciert“, so Bröckling, „um Wettbewerbsvorteile zu
       erlangen, oder strategisch genutzt, um autoritäre Ambitionen durchzusetzen
       – wahrgenommen und traktiert werden sie aber auch als Sicherheitsprobleme.“
       Nun also Disruption im Weltmaßstab geopolitischer Sicherheitsarchitektur.
       
       Was im politischen Raum umgehend als Furor der Entgrenzung betrachtet
       wurde, mit dem der Trumpismus die alte Weltordnung demoliert, folgt einer
       Verhaltensweise, die die Soziologin Stefanie Graefe (ebenfalls im „Glossar
       der Gegenwart 2.0“) als Merkmal eines agilen Managements kenntlich gemacht
       hat.
       
       Ein negativer Bezugspunkt sei dabei das Wasserfallmodell, „bei dem am Ende
       eines detailliert geplanten Arbeitsprozesses ein fertiges Produkt entsteht,
       das nicht mehr verändert werden kann: Die Kundin oder der Kunde wird
       gleichermaßen vom Produkt überschwemmt.“ Das Tech-Unternehmertum fluten den
       Markt mit Einfällen und Störmanövern, sodass diese zumindest vorübergehend
       so wirken, als seien sie in der Lage, kapitalistische Machtstrukturen
       unsichtbar zu machen.
       
       ## Die wilden Kinder des Silicon Valley
       
       Bei allem, was die wilden Kinder des Silicon Valley tun, sind sie bemüht,
       den Gestus des Unkonventionellen und Revolutionären beizubehalten. Dabei
       geht es nicht um Kreativität und Erneuerung, sondern um etwas, das später
       als kreativ gedeutet werden kann. „Auf der politischen Agenda steht nicht,
       was zukünftig anders sein kann oder sollte, sondern was ohnehin anders
       kommen wird als gedacht.“
       
       Graefe beschreibt, wie sich unter dem Gebot der Agilität das Schlechte aus
       zwei Welten miteinander verbindet: „die hierarchische Struktur des
       industriegesellschaftlichen Kommandosystems mit den Entgrenzungszumutungen
       der postfordistischen digitalen Ökonomie“. Falls Politik dann überhaupt
       noch möglich ist, wird sie sich auf einem „Disruptionsbewältigungsparcours“
       (Ulrich Bröckling) zu begeben haben.
       
       Gegen das Ausagieren disruptiver Durchsetzungs- und Herrschaftsfantasien
       scheint derzeit kein Gegengift anzuschlagen. Kältelehren, wie sie
       [3][Helmut Lethen] einst für das frühe 20. Jahrhundert diagnostiziert hat,
       greifen nicht mehr. Wo Regelbruch und Unbeherrschtheit regieren, muss es
       daher kurios erscheinen, auf Schwäche als ästhetische Kategorie und Lösung
       zu verweisen. Die neuen Machtdarsteller haben nicht aus Fehlern gelernt,
       sondern geben vor, keine zu machen.
       
       So ähnlich hat es auch [4][Miley Cyrus] in ihrem Song „Golden G String“
       gesehen. Die „old boys“, singt sie, halten alle Karten in der Hand und sind
       nicht gerade zimperlich, wenn es darum geht, sie auszuspielen. Das Stück
       hatte die unter dem Namen Hannah Montana berühmt gewordene Pop-Rebellin
       ganz ausdrücklich auf Donald Trump bezogen. Der „mad man in the big chair“
       habe ein eisernes Herz und rufe allen zu: „Wenn du nicht über die Runden
       kommst, dann liegt der Fehler vermutlich bei dir.“
       
       ## Im Populismus dreht sich alles um Verluste
       
       Eine Parole, die längst wie ein amtliches Dekret daherkommt, sei es in
       Folge der verheerenden Feuerbrunst von Los Angeles zum Jahresbeginn 2025
       oder nach der willkürlichen Erschießung der Lyrikerin Renee Nicole Good
       durch einen Beamten der Einwanderungs- und Grenzschutzbehörde ICE in
       Minneapolis. Pech gehabt. Alles Weitere wird zynisch zurechtgelogen.
       
       Es gibt gute Gründe, das von Phantasmagorien Einzelner angetriebene Streben
       nach Macht als destruktive Bedrohung zu fürchten. Im Populismus, schreibt
       der Soziologe Andreas Reckwitz in seiner [5][Studie über „Verlust“] als
       Grundproblem der Moderne, drehe sich alles um Verluste. „Die immer neuen
       Verlustängste kommen dem Populismus dabei gerade recht, ja sie werden von
       ihm systematisch genährt. Populismus ist politisches
       Verlustunternehmertum.“
       
       Verlust ist für Reckwitz eine unterschlagene Antriebsfeder moderner
       Gesellschaften. In der alternden Gesellschaft werden deshalb Praktiken
       eines sogenannten „doing loss“ nötig, „eine Verlustkompetenz im Umgang mit
       Fragilität und Endlichkeit, die von Praktiken des Rückzugs über die Sorge
       um den fragilen Anderen bis zum Abschiednehmen reicht“.
       
       In diesem Sinne markiert das Verhaltensrepertoire der Lässigkeit eine
       Kippstellung. Sie behauptet keine Unverwundbarkeit, sondern kokettiert mit
       Verletzlichkeit. Das Spiel mit der Schwäche tendiert nicht zum Aufgeben und
       den Verzicht aufs Gelingen. Vielmehr bereitet es Finten zum Gegenschlag
       vor, Lösungen aus der Erfahrung der Schwäche.
       
       Die Redewendung „Ich habe eine Schwäche für Nougatpralinen oder einen gut
       gereiften Merlot“ wird in der Regel der Bereitschaft zu Verführung und
       Genuss zugeschlagen. In den Arenen der Selbstbehauptung hält sie jedoch
       eine Verletzlichkeit im Spiel, die es nicht primär als Makel zu beheben
       gilt, sondern als Ressource der Freiheit und des „Anders weiter“
       Aufmerksamkeit verdient. Eine erst noch zu entfaltende Würde der Schwäche
       könnte für eine Zukunft sensibilisieren, deren wichtigstes Ziel in der
       Adorno-Maxime aufgeht, ohne Angst verschieden zu sein.
       
       31 Jan 2026
       
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