# taz.de -- Streit um Verantwortung für Israel: Achtung, Staatsräson!
> Merkel sprach von der Verantwortung für die Sicherheit Israels als Teil
> deutscher Staatsräson. Eine Tagung widmete sich dem schillernden Begriff.
(IMG) Bild: Auch Teil der Staatsräson: Das Treffen von Brandt und Arafat 1979 ärgerte die israelische Regierung
Ob im Deutschlandfunk, auf der Demo oder in der taz, seit geraumer Zeit
wird ihre ominöse Gestalt beschworen. Oft wird ihr Name nur geraunt. Von
besonders Mutigen wird sie indes auch lautstark angeklagt. Die Form
changiert, die Botschaft bleibt dieselbe: Wer ihr nicht folgt, muss
Konsequenzen fürchten, ihre Agenten lauern überall.
Als Rebell hingegen darf sich fühlen, wer sie als das benennt, was sie
angeblich ist – perfides Werkzeug staatlicher Unterdrückung abweichender
Meinungen zum Kampf zweier Nationalbewegungen auf einem schmalen Streifen
Land. Achtung, hier kommt die Staatsräson! Man könnte es dabei belassen,
sich über das rebellische Raunen lustig zu machen. Rechte haben ihre
Chemtrails, linksautoritär Gestrickte halt die Staatsräson. [1][Dass wir
alle angeblich in „Meinungskorridore“ gezwängt werden sollen, darüber sind
sich die einen mit den anderen einig].
Inzwischen aber ist das Raunen zu weit verbreitet, um es zu ignorieren,
wenn nicht längst im Mainstream angekommen. Während manche deutsche
Bürokraten zu meinen scheinen, gesellschaftliche Debatten mit
Sprachregelungen in die „richtige“ Bahn lenken zu können, greifen
BDS-Aktivisten linke, subkulturelle Räume an.
## Angebliche Erinnerungsweltmeister
Grund genug also, sich kritisch mit dem Begriff der Staatsräson zu
befassen. Dazu lud die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der
Wannsee-Konferenz ein – am 20. Januar, dem 84. Jahrestag ebenjener
Wannsee-Konferenz, bei der deutsche Juristen und Bürokraten die bereits in
Gang gesetzte „Endlösung der Judenfrage“ administrativ zu fixieren suchten.
Überschrieben war die Tagung der Gedenkstätte mit der Frage: „Erinnern als
Staatsräson?“
Die Staatsräson des NS-Staats sei der eliminatorische Antisemitismus
gewesen, sagte eingangs die Leiterin des Hauses, Deborah Hartmann. Es
erscheine paradox, dass diese Staatsräson von einer anderen abgelöst worden
sei, die nicht Erinnerung, aber „Wiedergutmachung“ zum Inhalt gehabt habe –
„eine abgeklärte Haltung zur eigenen Geschichte, die das Beunruhigende
daran längst ruhiggestellt hat“.
Obwohl man sich als Erinnerungsweltmeister wähnt, meinen viele junge
Deutsche heute ja in der Tat, in ihren eigenen Familien habe es
selbstredend keine Täter gegeben, derweil die Arbeit der Gedenkstätten
nicht nur von der AfD, sondern auch von links angegriffen wird.
Hartmann verwies auf einen jüngst im Neuen Deutschland erschienenen
Artikel, in dem Gedenkstätten und Erinnerungsorten vorgeworfen wurde, ihre
Autorität zu nutzen, um eine kritische Haltung Israel gegenüber unmöglich
zu machen. Für Hartmann ein verschwörungstheoretisches Narrativ, das
behaupte, „die Erinnerung an den Holocaust werde dafür benutzt, kritische
Positionen zum Schweigen zu bringen“.
[2][In diese Kerbe schlägt auch die linke Variante des rechtsradikalen
„Schuldkult“-Vorwurfs, „Free Palestine from German Guilt“.] Hartmann
erinnerte daran, dass dieser Slogan nach dem 7. Oktober auf Demonstrationen
zu hören und auf Universitätswänden zu lesen war – „und zuletzt auch
vermehrt an jenen Orten sichtbar, die an nationalsozialistische
Gewaltverbrechen erinnern“.
## Israelpolitik war immer Interessenpolitik
Dass der Begriff der Staatsräson Mitte der 1960er Jahre polemisch ins Spiel
gebracht worden war, merkte der Historiker Jacob Eder an. Die 1938 aus
Deutschland geflohene Politologin Eleonore Sterling befand damals, der
„Philosemitismus“ der Westdeutschen habe „weniger mit den Juden“ als „mit
Staatsräson und Außenpolitik zu tun“.
Diese Polemik war nicht falsch. Bekanntlich war die westdeutsche
Außenpolitik seit 1949 vor allem um gute Beziehungen zum jungen Israel
bemüht, weil man so die Vergangenheit ad acta legen und sich um die
Mitgliedschaft im Club der westlichen Demokratien bemühen konnte. Deutsche
Israelpolitik war immer Interessenpolitik. Dass westdeutsche Politiker und
Diplomaten damals weiterhin vom „Weltjudentum“ sprachen, um dessen Gunst
man buhlen müsse, ist keine Fußnote, sondern bezeichnend für das Wirken
antisemitischer Prägungen im postnazistischen Deutschland.
Eder blickte noch weiter zurück: Seit Macchiavelli habe sich der Begriff
der „Staatsraison“ auf die antidemokratische Idee bezogen, „dass die
Interessen des Staates über den Rechten des Einzelnen und den Gesetzen
stehen“, in der Bundesrepublik sei er auf wenig Resonanz gestoßen. Seit
Merkels Rede zum 60. Jahrestag der israelischen Staatsgründung sei der
Begriff jedoch gesetzt – und alsbald gedehnt und instrumentalisiert worden.
Nun überlagere und polarisiere er beinahe jede Debatte.
Für die einen stehe „Staatsräson“ positiv als Ergebnis eines Lernprozesses.
Für viele sei sie zum Mantra geworden, um unverbrüchliche Solidarität mit
Israel, „ja der israelischen Regierungspolitik“ einzufordern. Andere
verwendeten den Begriff „abschätzig und teils vulgär“ als Kampfbegriff für
alles, was in der Vergangenheitsbewältigung angeblich schiefgelaufen sei.
Gegen „die Staatsräson“ zu agitieren, bedeute hier auch, gegen Israel zu
sein. Antisemiten schließlich sähen in „der Staatsräson“ den Beweis, dass
Deutschland von dunklen Mächten gesteuert werde.
Wenig überraschend kam Eder zum Schluss, dass der Kampf um Symbole und
Bekenntnisse wenig mit den Realitäten in Israel und Palästina zu tun habe
und kaum hilfreich im Vorgehen gegen Antisemitismus und Rassismus sei. Das
zentrale Problem des Begriffs der Staatsräson sieht Eder nicht in Merkels
Intention, sondern darin, dass „ein politisch und juristisch umstrittenes
und nie endgültig definiertes Konzept zu einem Schlüsselbegriff der
‚historischen Verantwortung‘“ avanciert sei: Wenn etwas zur Staatsräson
erklärt wird, gebe es nichts mehr zu erklären, vermitteln oder diskutieren.
## Die historische Verantwortung
Eders Historikerkollegin Anne Rethmann betonte demgegenüber, dass
„Staatsräson“ zu einem Affektcode geworden sei. Das ist richtig, denn in
der Tat wird aus Merkels Rede vor der Knesset im Jahr 2008 meist nicht
einmal korrekt zitiert, und wenn, dann stark verkürzt. Sie sagte: „Jede
Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen
historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels
verpflichtet. Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der
Staatsräson meines Landes.“
Diese historische Verantwortung ist kaum von der Hand zu weisen: Als Israel
gegründet wurde, waren die Hälfte der dort lebenden Jüdinnen und Juden
Überlebende der am Wannsee bürokratisch geregelten „Endlösung der
Judenfrage“ durch die Deutschen. Man sollte hinzufügen, dass es seit 1974
keine westdeutsche Regierung gab, die sich nicht für das palästinensische
Recht auf Selbstbestimmung eingesetzt hat.
Merkel äußerte sich in ihrer Rede auch dazu: „Deutschland tritt entschieden
für die Vision von zwei Staaten in sicheren Grenzen und in Frieden ein –
für das jüdische Volk in Israel und das palästinensische in Palästina.“ Von
ihren Gastgebern forderte sie, diese müssten zu „schmerzhaften
Zugeständnissen“ bereit sein.
Mit der Skandalisierung des Begriffs der Staatsräson gehe der Verlust von
Differenzierungen einher, meint Rethmann. Das zeige sich „in der
politischen Funktionalisierung von Elementen der Shoah-Erinnerung durch die
gegenwärtige israelische Regierung“. Problematisch erscheinen ihr auch
„Formen pro-palästinensischer Mobilisierung, in denen NS-Vergleiche und
eine ‚Nie-wieder‘-Rhetorik“ herangezogen würden.
Solche Analogien instrumentalisierten die Shoah für eigene politische oder
moralische Zwecke. Den Krieg verlängernde Akteure wie die Hamas gerieten so
aus dem Blick: „Fragen konkreter Verantwortlichkeit verschwinden hinter
einseitigen, moralisch absolut gesetzten Schuldzuschreibungen gegenüber
Israel.“
## Willy Brandt und Helmut Schmidt
Die ständig wiederholte Behauptung einer uneingeschränkten, bedingungslosen
deutschen Solidarität mit Israel hält der Jurist und Journalist Ronen
Steinke schlicht für albern. Er verwies auf die Politik der
sozialdemokratischen Bundeskanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt. Brandt
habe während des Jom-Kippur-Kriegs 1973 verhindern wollen, dass
amerikanische Waffen über Deutschland an Israel geliefert werden. Helmut
Schmidt geriet mit dem rechten israelischen Premier Menachem Begin in
Streit, weil Schmidt Panzer an Saudi-Arabien verkaufen wollte und, das
erwähnte Steinke nicht, für das Recht der Palästinenser eintrat, sich
„staatlich zu organisieren“.
Vor dem Hintergrund der Staatsräson-Debatte und ihren vielfach
ahistorischen Prämissen lohnt es sich, genauer auf Willy Brandts Rolle zu
blicken: Zum Eklat kam es 1979, als sich Brandt, nun in seiner Funktion als
Vorsitzender der Sozialistischen Internationale, in Wien mit PLO-Chef
Jassir Arafat traf. Danach teilte Brandt laut Bericht des Spiegels dem
Kanzleramt mit, Arafat habe deutlicher als je zuvor eingeräumt, [3][„dass
die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechts für die Palästinenser auch
ohne die Zerstörung des Staates Israel möglich sei“].
Brandts diplomatischer Einsatz folgte der Haltung, die er als Bundeskanzler
eingenommen hatte. Schon 1971 äußerte sich der Sozialdemokrat nicht viel
anders als Merkel 2008. Seine Worte klingen ziemlich aktuell: „Israel ist –
daran ändern auch die Schlagworte radikaler Gruppen nichts – der grandiose
Versuch, einem Volk von weithin Heimatlosen eine gesicherte Heimat zu
verschaffen. Es ist bitter, dass die Geburt dieses Staates den Preis neuer
Opfer und neuer Leiden verlangte. Wer wollte das verschweigen? Wer wollte
das Elend der palästinensischen Araber verschweigen?“
Das Wiedergutmachungsabkommen, das Adenauer mit Ben-Gurion geschlossen
hatte, zählte Brandt zu den Leistungen, „die wir als Grundsteine unseres
staatlichen Selbstverständnisses betrachten“. Grundstein klingt weniger
stramm als Staatsräson, gemeint ist dasselbe. So oder so konnte und kann
man Brandts Sicht der Dinge vernünftigerweise kaum widersprechen.
26 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ueber-Phrasen-in-aktuellen-Debatten/!6142187
(DIR) [2] /Free-Palestine-from-German-Guilt/!5967918
(DIR) [3] https://www.spiegel.de/politik/schaerfere-gangart-a-73e607d8-0002-0001-0000-000040349768
## AUTOREN
(DIR) Ulrich Gutmair
## TAGS
(DIR) Politisches Feuilleton
(DIR) Staatsräson / Staatsraison
(DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
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