# taz.de -- Michael Hampes „Krise der Aufklärung“: Überleben geht nur gemeinsam
       
       > Michael Hampe sucht in seinem neuen Essay „Krise der Aufklärung“ nach
       > dem, was vom Versprechen der Aufklärung bleibt – und findet es in neuen
       > Schulen.
       
 (IMG) Bild: Es geht nur gemeinsam: Kinder versuchen, mit einem Holzfloß weiterzukommen
       
       Was als visionäre Idee begann, hat für manche längst eine fratzenhafte
       Gestalt angenommen. Die Rede ist von der Aufklärung. Im 18. Jahrhundert
       wurde sie zur Wende in der europäischen Kulturgeschichte. Nachdem sich der
       Mensch im Sinne Immanuel Kants aus seiner „selbst verschuldeten
       Unmündigkeit“ befreien sollte, war der Weg zu den modernen Wissenschaften
       und zur Demokratie geebnet. Geschichte als Erfolgsprojekt könnte man sagen.
       
       Doch der damit einhergehende Fortschritt brachte bald ebenso neue Formen
       der Unterdrückung hervor. Den Kolonialismus und die Umweltzerstörung sehen
       heute viele als Kehrseite jener einst gefeierten Emanzipation an.
       Angesichts dessen plädiert Michael Hampe in seinem neuen Essay „Krise der
       Aufklärung“ für deren „antianthropozentrisch[e]“ Erneuerung. Denn „das
       Überleben der Menschheit scheint also davon abzuhängen, ob sie es schafft,
       eine ethisch-politische Gemeinschaft zu bilden, die sich mit den anderen
       Wesen dieser Welt solidarisch fühlt und sich als planetarisches Kollektiv
       normativ selbst steuern kann.“
       
       Die Herausforderungen dafür sind gewaltig. Bevor der Hochschullehrer aus
       Zürich seine Lösungsvorschläge konkretisiert, betreibt er eine breit
       angelegte Ursachenforschung. Auf welche Weise konnten Vernunft sowie
       Argumentations- und Dialogbereitschaft verloren gehen? Zum einen macht der
       1961 in Hannover geborene Autor Medienplattformen wie X und [1][Tiktok]
       dafür verantwortlich, die uns permanent mit „Illusionen“ befeuern würden
       und dadurch zur Auflösung unseres Wahrheitsbegriffs beitrügen.
       
       Zum anderen führt er „die soziale Verallgemeinerung der Konkurrenz, die
       Erhebung des Kapitalismus zu einer Art ‚Marktreligion‘“ an, die „die
       gesamte Gesellschaft infantilisiert, in der kompetitiven Lebensphase
       eingefroren“ habe. Will heißen: Wir alle werden in unserem
       Wirtschaftssystem zu Egoplayern erzogen. Alles richtet sich auf den eigenen
       Triumph im Wettbewerb aus, sodass Zeit und Raum für eine kritische und
       gemeinschaftsorientierte Entwicklung fehlen. Auch wenn Hampe seine
       Gegenwartsanalyse präzise und sprachlich elegant entfaltet, bringt sie
       wenig Neues hervor.
       
       Wichtig erscheint an seiner Studie hingegen die Darstellung der Aufklärung
       als eine (übrigens nicht allein europäische) Bewegung und nicht nur eine
       Epoche. Ihr neue Schubkraft zu geben, bedeutet aus Sicht des Philosophen,
       insbesondere an der Bildung anzusetzen. Sie sollte dazu beitragen,
       Konflikte durch produktiven Streit statt durch Gewalt zu lösen, ein Umbau
       des Lehrplans und des Schulunterrichts sei vonnöten. Neben einem Akzent auf
       Erzählungen zur Einbettung „kollektive[r] Lebenserfahrung in einer
       Erziehung für die Zukunft“ sei die Umwandlung von „schulischen
       Selektionsanstalten [zu] sozialen Versuchslabore[n]“ vielversprechend. Das
       Gegeneinander gelte es durch eine [2][Kultur des Austauschs] zu ersetzen.
       
       Als Plädoyer kann man dieser Schrift einiges abgewinnen. Sie sucht die
       größer werdenden Gräben in der Gesellschaft zu schließen, wozu sie auf die
       Kraft des lernenden und reflexiven Subjekts vertraut. Von innovativen
       Gedankengängen rührt dieser Ansatz allerdings nicht her. Auch gereichen dem
       Text seine zahlreichen Abschweifungen und teils mäßig begründeten Thesen
       nicht zum Vorteil. So deutet Hampe die zunehmenden Kriege als Ventil
       unserer Sehnsucht nach Intensität. Das darf man bezweifeln. Genauso wie die
       Annahme, die Sorge zum Beispiel um Sicherheit sei einer der Hauptgründe für
       unsere egoistische Ausbeutung des Planeten. Unausgegoren klingen diese und
       manch andere Thesen. Mehr Konzentration und weniger luftig-philosophische
       Pirouetten hätten diesem Band daher durchaus gutgetan.
       
       Nichtsdestotrotz stößt er eine überfällige Debatte an, die zur Besinnung
       anregt. Was wir dazu benötigen? Sicherlich die zentrale Kategorie der
       Aufklärung, nämlich die Vernunft. Sie sollte, so das Plädoyer, kein
       Auslaufmodell sein.
       
       13 Jan 2026
       
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