# taz.de -- Über den Müll und die Demokratie: Ich-Kränkungen an der Altkleidertonne
       
       > Die Klage über die grassierende Verwahrlosung urbaner Räume ist
       > unüberhörbar. Sollte man jetzt nach den zarten Pflanzen des Gelingens
       > suchen?
       
 (IMG) Bild: Müll wird zum Demokratieproblem hochgerechnet: Hinterhof in Berlin
       
       Die Zeit uneingeschränkter Freiheitssuche war vorbei. In dem Film „Alice’s
       Restaurant“ aus dem Jahr 1969 besucht der Sänger Arlo Guthrie eine in
       Auflösung befindliche Hippiekommune. Der Regisseur Arthur Penn („Bonnie &
       Clyde“) hatte den Stoff nach einer Geschichte Guthries entwickelt, die
       dieser zuvor als sogenannten Talkin' Blues unter dem Titel „Alice’s
       Restaurant Massacree“ aufgenommen hatte. Ein fast vergessenes Stück
       Popgeschichte.
       
       Es handelt davon, wie das lyrische Ich bei seiner Musterung wegen eines in
       den Akten festgehaltenen Müllvergehens in der Gruppe der Schwerverbrecher
       landete. Dabei habe er doch bloß aufräumen wollen und sich spontan
       entschieden, den Abfall auf einen Haufen zu werfen, den er im Wald bereits
       vorgefunden hatte.
       
       Penns Film karikiert die Doppelmoral und Ängste der US-amerikanischen
       Gesellschaft zu Zeiten des Vietnamkriegs, beschreibt aber auch die
       wachsende Desillusionierung innerhalb der sogenannten Gegenkultur.
       
       An den Film muss ich denken, wenn ich an sorglos [1][vollgestopften
       Altkleidercontainern] vorbeikomme. Jacken, Hosen und T-Shirts quellen aus
       den Klappen hervor, und vor den Behältnissen türmen sich aufgerissene
       Plastiktüten und weitere Müllreste. Das Guthrie-Prinzip, einem großen
       Haufen mehreren kleinen den Vorzug zu geben, scheint virulenter denn je.
       
       ## Mülltrennung lustvoll verworfen
       
       Das Lächeln jedoch, mit dem man die spontane Müllentsorgung im Film
       amüsiert hinnahm, ist längst einem verzweifelten Staunen gewichen. Meist
       ziehen urbane Müllhaufen weiteren Müll an, und man meint, Menschen dabei
       zusehen zu können, wie sie ihre eben noch vorhandenen guten Vorsätze
       buchstäblich über den Haufen werfen.
       
       Anders ausgedrückt: In der Dämmerung vollzieht sich an den
       Altkleidercontainern eine Art gesellschaftliche Verwahrlosung. Die
       Prinzipien der Mülltrennung und -entsorgung mögen noch gelten. Vorm
       Container aber werden sie lustvoll verworfen, als gelte es, die Gebote der
       Rücksichtnahme und der Partizipation in Gestalt einer gesellschaftlichen
       Entladung gleich mit zu torpedieren.
       
       Ganz so banal verhält es sich mit der Enthemmung, die immer den anderen
       widerfährt, allerdings nicht. Untergründig scheint ein verschämtes Wir am
       Werk. Fast meint man, das Anschwellen jener Wut erspüren zu können, die mit
       der unausgesprochenen Erwartung verbunden ist, die sorgsam befüllten
       Kleidertüten wegen Überfüllung unverrichteter Dinge wieder mitnehmen zu
       sollen. Die gemeinschaftliche Pflicht wird in diesem Moment als
       Einschränkung der individuellen Freiheit wahrgenommen, und wenn dabei eine
       innere Stimme ertönt, ruft sie empört: „Wer bin ich denn?“ oder: „Mit mir
       doch nicht“.
       
       ## Das Leben in Zwischenräumen
       
       Wie auch immer: Die Klage über die Verwahrlosung urbaner Räume ist
       unüberhörbar, in den sozialen Medien vervielfältigen sich Fotos von wild
       abgestellten Couchgarnituren und Glascontainern, die von Tausenden Flaschen
       umstellt sind, als handele es sich um eine soziale Skulptur der
       Verelendung.
       
       Passend dazu ist in den Feuilletons eine Textsorte wiederbelebt worden, die
       als elegant geschriebene Enttäuschungsouvertüren über den bevorstehenden
       [2][Abschied von Berlin] als Stellvertreterin eines viel größeren Elends
       daherkommen. Ging vom Leben in Zwischenräumen und Provisorien einst eine
       verführerische Anziehungskraft für das eigene Aufbruchsbegehren aus, so
       tönen nun die Signale: „Nichts wie weg“ – weitgehend ohne die lange gültige
       Befürchtung, damit bloß spießig zu wirken.
       
       Trotz und Zwang zu demonstrativer Selbstbehauptung äußern sich nicht nur in
       der Szenerie vor der Altkleiderabgabe. Eine gesteigerte Lust am Durchbruch
       des Asozialen zeigt sich anhand der verweigerten Bildung einer Staugasse
       auf der Autobahn ebenso wie in der Notaufnahme von Krankenhäusern, in der
       lange Wartezeiten als mutwillige Gängelung empfunden werden.
       
       Wenn etwas nicht klappt, wird es einer gesellschaftlichen Dysfunktionalität
       zugeschlagen, die sogleich als Angriff auf das eigene Ich gewertet wird.
       Ein Wort gibt dann das andere, und allzu plötzlich findet man sich wieder
       in einer Szenerie der Zuspitzung, die für gewöhnlich anderen zugeschrieben
       wird.
       
       ## Schneisen in die Daseinsvorsorge
       
       Unterdessen ließe sich beobachten, dass die Vokabel „ausrasten“ zu den
       beliebtesten Phrasen in den sozialen Medien gehört. An die Stelle
       gesellschaftlicher Konventionen, aus denen die Befreiung nie leichter
       schien als in der Spätmoderne, ist die unbedingte Erwartung reibungsloser
       Abläufe getreten. Sobald sie gestört werden, lauert der Kränkungsfall.
       
       Im Bemühen, derlei Phänomene einer gesellschaftspolitischen Deutung
       zuzuführen, sind die Ausfälle und Verspätungen der Deutschen Bahn zuletzt
       häufig zu einem Demokratieproblem hochgerechnet worden. Das schwindende
       [3][Vertrauen in den Fahrplan], so die lineare Logik, habe das Misstrauen
       in den Staat befördert.
       
       Völlig abwegig ist der Gedanke nicht. Das neoliberale Freiheitsversprechen
       hat massive Schneisen in die Daseinsvorsorge geschlagen und staatliche
       Institutionen unter erheblichen Rechtfertigungsdruck gesetzt. Den Rest hat
       ein populistisches Grundrauschen besorgt, das längst alle politischen Lager
       durchzieht. Mal abgesehen davon, dass die brachial vereinfachende Metapher
       von der „letzten Patrone der Demokratie“ einiges über jene verrät, die sie
       verwenden, kommt hier ein arg reduziertes Verständnis von Demokratie zum
       Vorschein, in der dieser kaum mehr als die Rolle eines
       Dienstleistungsunternehmens zugewiesen wird.
       
       Zum Drama gegenwärtiger Instabilitätserfahrungen hat sich eine politische
       Rhetorik gesellt, die sich auf beschämende Weise den Zustellungsversprechen
       von Lieferdiensten angenähert hat. Wo „Führung bestellt“ und „geliefert“
       werden muss, bleibt kein Raum mehr für Aushandlungsprozesse im Kleinen, aus
       denen – wenn schon nichts Großes – dann zumindest Gelingendes hervorgehen
       kann.
       
       ## Was die Talkshows erreicht
       
       In den Mühen der Ebene jedoch hat das Misstrauen gegenüber demokratischen
       Prozessen sehr viel mit dem Achtungsverlust kommunaler Politik zu tun. Was
       in Gemeinderäten verhandelt wird, erreicht selten die Talkshows, und die
       sich epidemisch verbreitende Bereitschaft, mit einem radikalisierten
       Populismus zu gehen, fußt zu nicht geringen Teilen darauf, dass die
       alltäglichen Stockungen und Störungen zuletzt allzu leicht zu einem
       allgemeinen Systemversagen hochzurechnen waren.
       
       Nichts leichter als die Ausblendung eigener Verantwortung aus den Zwängen
       des „Systems“. Das Karitative, Gemeinnützige und Solidarische erscheinen
       aus dieser Perspektive bloß noch als Zumutung und Regelerwartung, der man
       sich lustvoll zu widersetzen aufgerufen fühlt, als erfordere sie eine
       überfällige Mut- und Wutprobe.
       
       Und? Kann man gar nichts dagegen tun?
       
       Wie durch ein Wunder gehen mit etwas Geduld und eigenem Zutun zarte
       Pflänzchen des Gelingens aus modrigen Sumpfblüten hervor. So jedenfalls
       widerfuhr es Toni S., nachdem er eines Tages via Internet die Bitte an die
       Berliner Stadtreinigung (BSR) adressiert hatte, in der Nähe einer
       benachbarten Schule wegen starker Verschmutzungstendenzen doch ein paar
       zusätzliche Abfallbehältnisse aufzustellen.
       
       ## Eine verblüffende Antwort
       
       Öffentliche Eingabe, städtische Behörde – man glaubt zu wissen, wie so
       etwas ausgeht im Behördenmikado. Toni S. war vorgewarnt. Wir bitten, hatte
       es in der automatischen Eingangsbestätigung geheißen, von Nachfragen
       abzusehen.
       
       Kurze Wartezeit, fast schon vergessen. Dann aber erhielt er eine
       verblüffende Antwort: „Nach Prüfung der Sachlage haben wir uns dazu
       entschieden, in der Straße […] einen Papierkorb anbringen zu lassen. Der
       Auftrag ist erfolgt und sollte bis Ende der Woche erledigt sein. Wir
       wünschen Ihnen eine angenehme Woche.“
       
       Gesagt, getan. Die Behälter sind angebracht. Okay. Vor überschwänglichen
       Gefühlsausbrüchen wird gewarnt. Wir befinden uns in einem Berliner Bezirk
       in westlicher Randlage. Von dort aber geht, wenn man die amtlichen
       Schreiben nur richtig zu deuten weiß, die Botschaft aus, dass Berlin –
       hallo Kreuzberg, hallo Neukölln – noch immer zu werden verspricht in Zeiten
       desillusionierenden Seins. Das sind sie doch, die guten Nachrichten zum
       Verelendungsblues.
       
       20 May 2026
       
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