# taz.de -- Neujahrsansprache des Bundeskanzlers: Kein Wort über die wirtschaftlichen Sorgen der Bürger
> Bundeskanzler Friedrich Merz redet in seiner Neujahrsansprache viel über
> Wirtschaft. Er kündigt „grundlegende Reformen“ an. Das ist eine Drohung.
(IMG) Bild: Friedrich Merz mit Fahne
Friedrich Merz hat in den ersten Monaten seiner Kanzlerschaft bewiesen,
dass er kein Talent fürs Treffen des richtigen Tons hat. Und das ist auch
in [1][seiner ersten Neujahrsansprache] so. Statt wie ein Regierungschef zu
den Bürger:innen, spricht er wie ein Firmenvorstand zu seiner Belegschaft.
Diese Ansprache ist nicht dazu angetan, seine schlechten Umfragewerte zu
heben. Im Gegenteil.
Merz streift die großen Themen der Gegenwart: den Krieg Russlands [2][gegen
die Ukraine], das gewandelte Verhältnis zu den USA, Europa, Migration, die
Rente, den Sozialstaat. Die Klimakrise ist für ihn hingegen nicht mehr als
eine Fußnote. Seine Priorität: Immer wieder kommt er auf die deutsche
Wirtschaft zu sprechen, die unter Druck stehe.
Nur an einer einzigen Stelle kommt er auf die Sorgen der Menschen im Land
zu sprechen: die Sorge um den Frieden. Die räumt er mit [3][dem lapidaren
Satz ab]: „Ich sage Ihnen: Wir sorgen für Frieden“ – ohne zu erklären, wie
das denn gehen könnte. Jeden Tag kündigen Unternehmen den Abbau von Jobs
an, viele Haushalte leiden unter den gestiegenen Preisen. Die anhaltende
Rezession macht eben nicht nur Unternehmen zu schaffen. Aber dazu verliert
er kein einziges Wort.
Das war nicht nur bei seinen sozialdemokratischen, sondern auch bei seinen
christdemokratischen Vorgänger:innen Helmut Kohl und Angela Merkel –
erst seit 1970 halten Regierungschef:innen die Neujahrsansprache –
noch anders. Auch ihre Antrittsjahre 1982 und 2005 waren ökonomisch
schwierig. Beide benannten in ihren Ansprachen zu Silvester die Furcht der
Bürger:innen vor Arbeitsplatzverlust und Betriebspleiten. „Ihre Sorgen
sind auch meine Sorgen“, sagte Kohl 1982, der wie Merz in viele
Fettnäpfchen tappte, aber anders als der Privatflieger aus dem Sauerland
als bodenständig und volksnah galt.
Die Sorgen von Merz sind nicht die der Bürger:innen, sondern der
Unternehmen, das wird in seiner Ansprache immer wieder deutlich. Etwa wenn
er darauf verweist, dass „einige“ Recht hätten, wenn ihnen die
beschlossenen Reformen wie die „neue Grundsicherung“ und die begonnene
Debatte über die Zukunft des Sozialstaats nicht reichen. „Einige“, das sind
die Verbandsvertreter:innen und Manager:innen, die am liebsten den
Sozialstaat bis zur Unkenntlichkeit schleifen würden. Die anderen, die
Bürger:innen, sollten Merz' Ankündigung, „grundlegende Reformen“ angehen zu
wollen, als Drohung verstehen. Das sind schlechte Ausichten für 2026.
1 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.ardmediathek.de/video/ard-sondersendung/neujahrsansprache-des-bundeskanzlers/das-erste/Y3JpZDovL2FyZC5kZS9wbGFuQVJEXzY2YjFkMzA1LTI1ODctNGFlNy1iMmM1LTJkOWUxNDYyNTJjM19nYW56ZVNlbmR1bmc
(DIR) [2] /Orthodoxe-Kirche-der-Ukraine/!6141636
(DIR) [3] /Merz-Neujahrsansprache/!6141980
## AUTOREN
(DIR) Anja Krüger
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