# taz.de -- Daniel Cohn-Bendit über Terror in Paris: „Wir müssen die Angst überwinden“
       
       > Der Politiker spricht über die „Generation Bataclan“ und die richtige
       > Strategie im Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“.
       
 (IMG) Bild: Ein selbst gebastelter Altar für die Opfer des Anschlags in Paris
       
       taz: Herr Cohn-Bendit, wie geht es Ihnen? 
       
       Daniel Cohn-Bendit: Na ja, wir sind hier in Paris, in der „Hauptstadt des
       Krieges“. Im Stadtteil Saint-Denis ist die Schießerei unter der Woche
       weitergegangen, da kann noch einiges auf uns zukommen.
       
       Nach dem Attentat auf Charlie Hebdo im Januar sagten Sie uns: Wir müssen
       jetzt rationalisieren, nicht emotionalisieren. Bevor wir das hier tun, die
       Frage: Wie erleben Sie derzeit die Stimmung in Paris, wenige Tage nach der
       Anschlagsserie? 
       
       Gemischt. Die Leute, die ich treffe oder auf der Straße spreche, sagen
       einerseits: Wir lassen uns unsere Art, zu leben, nicht wegnehmen. Wenn wir
       jetzt klein beigeben, uns verkriechen, dann haben die Terroristen gewonnen.
       Andererseits gibt es eine große Angst. Ich habe gerade mit dem früheren
       französischen Fußballnationalspieler Vikash Dhorasoo gesprochen. 42 Jahre
       alt, ein Linker. Er betreibt über den Fußball viele Initiativen für
       Jugendliche in den Stadtteilen. Und Vikash Dhorasoo sagt: Ich gehe derzeit
       nicht aus dem Haus; und ich werde am Wochenende mit meiner Frau und meinen
       Kindern ganz sicher nirgendwo auf der Terrasse eines Cafés sitzen. Letzten
       Mittwoch waren die Kinos leer. In einer Nachmittagsvorstellung der „Neuen
       Abenteuer Aladins“, zu der normalerweise Hunderte Eltern mit ihren Kindern
       kämen, saßen ganze sieben Zuschauer.
       
       Nachvollziehbar. 
       
       Klar. Also es gibt beides: die positive Trotzreaktion und eine große
       Furcht. Wenn man auch bedenkt, wie lange das Feuergefecht unter der Woche
       in Saint-Denis mit der IS-Zelle gedauert hat, dann sind die Leute natürlich
       zusätzlich schockiert. Dazu die Länderspielabsage in Deutschland, auch wenn
       wir über die tatsächliche Gefährdung dieses Fußballspiels wenig wissen. In
       der Realität ist es aber eine weitere Terrormeldung. Und dann wissen die
       Menschen in Paris auch: In zwei Wochen wollen wir 90 Staatschefs hier zum
       Klimagipfel empfangen.
       
       Schwierig. 
       
       Ja, die Diskussion ist schon im Gange. Wahrscheinlich wird es keine
       Demonstrationen und öffentlichen Kundgebungen geben. Der Klimagipfel und
       die Proteste dagegen werden in klar definierten Räumen stattfinden. Darüber
       kann man streiten, soll man diskutieren. Das Beispiel des Anschlags auf die
       Friedensdemo in Ankara, bei dem es 109 Tote gab, ist jedoch in aller
       Köpfen. Tatsache ist, dass nicht nur die Behörden, sondern die Franzosen
       vor einem riesigen Dilemma stehen: Weiterleben, weitermachen und in Kauf
       nehmen, dass erneut etwas Schreckliches passieren kann – oder nachgeben, um
       sich in Sicherheit zu bringen?
       
       Haben Sie oder Freunde von Ihnen persönlich Opfer unter den vielen Toten
       und Verletzten zu beklagen? 
       
       Zwei Tage nach der Attentatsserie war ich bei sehr guten Bekannten beim
       Essen. Ihr Sohn war in einem der Restaurants, wo es allein 19 Tote gab, in
       der Rue Charonne. Sie feierten dort am 13. November einen Geburtstag. Sie
       tranken, und dann haben einige seiner Freunde gesagt, wir gehen jetzt eine
       rauchen. Er, auch Raucher, ist nicht rausgegangen. Dann kam der Angriff.
       Zwei der Freunde von ihm starben. Eine Freundin hat ein Bein verloren,
       erlitt einen Bauchschuss. Er hat sie rausgezogen unter all den Leichen. Das
       ist schrecklich, traumatisierend. Seit den Ereignissen vom Freitag leben
       die Überlebenden dieser Gruppe wie ein kleiner Stamm zusammen. Sie ziehen
       von Wohnung zu Wohnung, diese zehn oder zwölf Menschen. Sie trösten sich,
       versuchen über die Ereignisse zu sprechen. Es traf in Paris überwiegend die
       Generation zwischen 20 und 40 Jahren. Weltoffene Menschen. Das 11.
       Arrondissement, wo die Massaker stattfanden, die Konzerthalle Bataclan, das
       ist die kosmopolitische, offene Stadt.
       
       Die Zeitung Libération spricht von der „Generation Bataclan“. 
       
       Ja, es ist die urbane französische Gesellschaft, die kosmopolitische, die
       gemischte, die unmittelbar ins Herz getroffen wurde. Der Angriff galt den
       Franzosen und diesem Lebensstil.
       
       Ist es ein elitärer Lebensstil, der da angegriffen wurde? 
       
       Unsinn. Es ist ein Lebensstil unterschiedlicher Schichten, der da
       angegriffen wurde. Also, man muss jetzt mal aufpassen, was man so sagt. Wir
       wissen vieles noch nicht, aber die Islamisten behaupten doch ganz offen,
       dass sie in Paris die Dekadenz der hedonistischen Gesellschaft attackiert
       haben. Bei dem Angriff auf das Bataclan können zudem antisemitische Motive
       eine Rolle gespielt haben. Der vorige jüdische Besitzer wurde bedroht. Die
       Ermittler schließen dies als zusätzliches Motiv nicht aus. Alljährlich fand
       im Bataclan eine Benefizveranstaltung für Israel statt, organisiert von
       einer jüdischen Initiative.
       
       Neben den Hedonisten im 11. Arrondissement wurde auch das Stade de France
       und das Länderspiel Frankreich – Deutschland attackiert. Wie würden Sie die
       neue Qualität der Anschlagsserie vom 13. November charakterisieren? 
       
       Die Anschläge im Januar auf Charlie Hebdo und den koscheren Supermarkt
       waren noch relativ zielgerichtet. Auf Intellektuelle, Zeichner, die den
       Propheten beleidigt haben sollen. Gegen Polizisten, die sie schützen, oder
       Putzfrauen, die für sie arbeiten. Und gegen Juden, die für sie Feinde sind.
       Die Attentate vom Freitag, den 13. November beinhalten nun eine weitere
       Dimension des Schreckens. Jede und jeder, der in Frankreich lebt, sich mit
       dem hiesigen Lebensstil identifiziert, ins Fußballstadion geht, in eine
       Kneipe, ins Konzert, ist Teil eines höllischen Lasters und ein Feind, den
       man ermorden darf.
       
       Wie kann man diesen Terror in Worte fassen? Ein neuer faschistischer
       Volkskrieg? 
       
       Es ist ein islamischer Faschismus. Es ist nicht der Islam, der faschistisch
       ist, aber es gibt den Islamofaschismus. Sie berufen sich auf einen Islam
       und handeln wie Faschisten. Da muss man nicht drum herumreden: Wir haben es
       mit einer aktiven terroristischen und faschistischen Mörderbande zu tun,
       einem Mörder"staat“ in Anführungsstrichen, dem „Islamischen Staat“.
       
       Präsident Hollande sagt, Frankreich befinde sich im Krieg. Hat er damit
       recht? 
       
       Nein. Krieg gibt es in Syrien. Wenn ich mit jungen Menschen spreche, die
       den Freitag überlebt haben, beschreiben sie den Angriff als kriegerischen
       Moment. Die Kugeln, die auf sie abgefeuert wurden, kamen aus Kalaschnikows.
       Die Wucht, das Schreckliche, es war ein kriegerischer Moment. Das Massaker
       in der Konzerthalle Bataclan, wo sie töteten und töteten, auf eine Menge
       von Menschen in einem geschlossen Raum immer wieder schießen. Die
       Konzertbesucher liegen auf dem Boden, schreien: Nein, nein! Und wieder und
       wieder schießen die Attentäter da hinein. Das sind Momente von Krieg und
       Vernichtung.
       
       Also nennen wir es doch Krieg? 
       
       Nein. Denn was bringt uns das? Wenn wir jetzt sagen, es ist Krieg, dann
       gehen unsere Kinder nicht mehr raus. Nicht mehr in die Schule. Sie bleiben
       zu Hause und verstecken sich unterm Bett. Wir müssen unsere Angst
       überwinden. Und das kann man nicht, wenn man von Krieg redet. Das ist das
       Erste. Und das Zweite: Der Islamofaschismus hat natürlich ein politisches
       Ziel. Sie wollen die muslimischen und nichtmuslimischen Menschen in Europa
       gegeneinander aufhetzen. Triumphiert als Reaktion darauf jetzt die
       Islamophobie, hätten sie gewonnen. Dann müssten sich die Muslime gegen den
       Rest der Gesellschaft verteidigen. Wir wollen aber weder Rassismus noch
       Bürgerkrieg.
       
       Und dennoch: Der IS führt Krieg im Nahen Osten, und er rekrutiert Leute in
       Europa. Die Attentate sind zwischen Frankreich und Syrien verlinkt. 
       
       Richtig. Der IS führt Krieg in Syrien und Irak. Und sagt, Frankreich, ist
       Teil dieses Krieges. Und deswegen ist Frankreich im Moment die
       Hauptzielscheibe in Europa. Er hat aber auch andere im Visier. In
       Frankreich ereigneten sich grauenhafte Anschläge, aber das ist noch kein
       Krieg.
       
       Der IS zielt auf Frankreich auch wegen seiner vielen Einwanderer aus
       Nordafrika. Er hofft, in den muslimischen Migrationsmilieus Unterstützung
       zu finden. Nicht ganz unberechtigt, oder? 
       
       Moment, Moment. 30 Prozent der jungen Franzosen, die nach Syrien in den
       heiligen Krieg ziehen, sind laut offiziellen Erkenntnissen Konvertiten.
       
       Das weiß man sicher? 
       
       Ja. Die Sicherheitskreise reden darüber nicht gern öffentlich. Sie wollen
       nicht zusätzlich Angst machen. Zuständig für das Waffenarsenal des IS im
       Ausland, des „Islamischen Staat“ in Rakka, ist zum Beispiel ein
       konvertierter Bretone. Die Audiobotschaft des IS zu den Anschlägen vom
       Freitag sprach ein konvertierter Franzose. Neben diesen Konvertiten kommt
       aber ein weiteres gefährliches Moment beim IS hinzu. Hinter dem IS stehen
       auch Strategen aus Saddams Husseins altem irakischem Machtapparat –
       früherer Geheimdienst, Militär plus Baath-Partei.
       
       Wir müssen also stärker über Politik und die wirkliche Struktur des IS
       sprechen, die Religion dient nur als Maske? 
       
       Im IS kommen verschiedene Negativkräfte zusammen. Im Irak hat man über die
       Intervention gegen Diktator Saddam Hussein ein Machtgefüge gesprengt und
       eine Gesellschaft in ihre Einzelteile zerlegt. Mit all den nun absolut
       auftretenden Widersprüchen.
       
       Das hilft uns jetzt aber auch nicht weiter. Wie al-Qaida vorher in
       Afghanistan nutzt der IS nun Syrien und Irak als Symbol und
       Aufmarschgebiet, um weltweit Anschläge zu verüben. 
       
       Deswegen sage ich ja auch nicht, dass die Intervention gegen den IS in
       Syrien falsch ist. Aber man muss sich auch politische Fragen stellen, wie
       ein neues stabiles Machtgefüge dort aussehen könnte. Ohne einen Teil des
       alten zu übernehmen, wird es kaum eine Lösung geben. Ein offen
       ausgetragener Kampf zwischen Schiiten und Sunniten hat Auswirkungen bis
       nach Europa, kann in Ländern wie Frankreich zur Radikalisierung unter
       einem Teil der Jugendlichen führen und zu Attentaten wie dem am 13. 11.
       
       Gut, man muss die Lage in Syrien politisch und militärisch stabilisieren.
       Aber das kann dauern. Unabhängig davon: Was kann, was muss man in
       Frankreich nun tun? 
       
       Eine verschärfte Sicherheitspolitik allein wird kaum erfolgreich sein.
       Natürlich ist die Situation gefährlich, und die Polizei muss diese
       faschistischen, mörderischen Angriffe abwehren. Man muss über einzelne
       Bestimmungen des Ausnahmezustands diskutieren. Aber man hüte sich davor,
       mit dem Gestus der Besserwisserei, wie es die taz auch manchmal tut,
       daherzukommen. Die französische Gesellschaft ist derzeit sehr labil. Sie
       erwartet zu Recht, dass Staat, Polizei und Geheimdienste sie schützen.
       Versagt in ihren Augen die Regierung Hollande, weil sie zu weich ist, steht
       Marine Le Pen schon in den Startlöchern. Gleichzeitig stellt sich die
       Frage: Warum ziehen Konvertiten in den Krieg und warum gibt es Menschen,
       oft junge aus der Banlieue, die der Propaganda des IS folgen?
       
       Und, warum? 
       
       Es gibt viele Gründe der Desorientierung wie die hohe
       Jugendarbeitslosenquote, 25 Prozent in Frankreich, in Belgien kaum weniger.
       Ganze Gruppen junger Menschen fühlen sich als Muslime abgelehnt. Manche
       wachsen in mehreren Generationen der Arbeitslosigkeit in weitgehend
       abgehängten Stadtvierteln heran. Die begreifen das als eine Art von
       sozialer Stadtviertel-Apartheid. Denen müssen wir bessere Perspektiven
       geben. Früher orientierte man sich als Klasse eher nach links (Kommunismus)
       oder rechts (Faschismus). Heute wird die bestimmende Ideologie dort über
       die Religion, den Islamismus formuliert. Das ist nicht der Islam, ich weiß
       auch gar nicht, was der Islam ist. Aber die Interpretation des Islam hat
       eine sonderbar faszinierende Wirkung auf viele Menschen.
       
       Können Sie das konkretisieren? 
       
       Ich habe im Radiosender Europe 1, für den ich ja auch arbeite, eine
       Aufnahme gehört. Eine Predigt in einer Moschee für Kinder in Frankreich,
       die in den Islam eingeführt werden. Da sagt der Prediger in Französisch:
       „Wenn du eine Geige, eine Trompete, eine Elektrogitarre hörst, was ist
       das?“ Darauf antworten die Kinder im Chor und auf Arabisch: „Das ist des
       Teufels.“ Die Rekrutierung findet auch andere Wege als über solche
       Moscheen. Aber das ist trotzdem unfassbar und gruselig. Es muss auch einen
       Kampf der Muslime um einen aufgeklärten Islam geben.
       
       Warum wird ein solcher Schuppen nicht sofort dichtgemacht? 
       
       Gute Frage. Nach den Anschlägen wurde er es jetzt gerade. Die französische
       Justizministerin gab bekannt, dass sie zuletzt 30 extremistisch orientierte
       Moscheen geschlossen haben. Das ist oft kompliziert, wir leben in einem
       Rechtsstaat. 20 bis 30 Prozent der Moscheen in Frankreich sollen unter
       Einfluss der Salafisten stehen. Für die Behörden ist es vielleicht sogar
       besser, sie nicht zu schließen. So können sie die Szene leichter
       beobachten.
       
       Sind diese Prediger Franzosen, oder werden sie aus dem Ausland geschickt? 
       
       Teils, teils. Problematisch ist, dass viel aus dem Ausland finanziert wird.
       Saudi-Arabien, Katar. Aber um das deutlich zu sagen: Zum Glück wollen die
       meisten Jugendlichen muslimischer Herkunft, auch wenn sie arbeitslos sind,
       nicht in den Dschihad ziehen. Die Biografien derjenigen, die als
       Konvertiten oder geborene Muslime den Schritt zum Islamofaschismus gehen,
       die müssen wir genau anschauen. Auch die Faszination, die der IS auf manch
       junge Frau ausübt. Bei dem Feuergefecht im Pariser Stadtteil Saint-Denis
       hat sich jetzt erstmals in Frankreich eine junge Frau selbst in die Luft
       gesprengt. Sie galt lange als Partyqueen und hat sehr gerne Wodka
       getrunken.
       
       Das offizielle Frankreich scheint hilf- und sprachlos. 
       
       Präsident Hollande hat in einer Rede jetzt gesagt, der Sicherheitspakt
       schlägt den Stabilitätspakt. Also, Frankreich muss jetzt in Sicherheit
       investieren, in Polizei und Nachrichtendienst. Egal ob es damit die
       Kriterien des europäischen Stabilitätspakts erfüllen kann oder nicht. Aber
       er hätte sagen müssen: Der Sicherheitspakt und der Solidarpakt schlagen
       zusammen die Argumente für den Stabilitätspakt. Sicherheit schafft man doch
       nicht allein mit Gewehren. Hollandes Regierung müsste fünf oder zehn
       Milliarden Euro in die Hand nehmen, um zusammen mit den Arbeitgebern sofort
       die Arbeitslosigkeit zu bekämpfen. Wir müssen die jungen Menschen, die sich
       ausgestoßen fühlen, wieder in den sozialen und ökonomischen Prozess
       integrieren. Man muss die soziale Apartheid, die ungleichen Chancen, die du
       hast, je nachdem aus welchem Viertel du stammst, in Frankreich überwinden.
       
       Ist der Begriff der Apartheid für die soziale Beschreibung in Westeuropa
       nicht viel zu stark? 
       
       Wir sollten mal zusammen durch Molenbeek bei Brüssel spazieren gehen.
       
       Machen wir, wir sind dabei. 
       
       Dann würdet ihr sehen, dass es Stadtviertel gibt, die von Verwaltung und
       Polizei teilweise aufgegeben wurden. Und in diesen Stadtvierteln wird nicht
       nur mit Drogen gedealt. Soziale Apartheid nenne ich es, wenn der Staat über
       mehrere Generationen hinweg Familien in ganzen Quartieren vernachlässigt
       und trotz Sozialhilfe, die gibt es natürlich, keinerlei Weg aus der
       Dauerarbeitslosigkeit aufzeigt.
       
       Das ist immer noch von der Beschreibung rassistischer Ordnungen wie im
       früheren Südafrika entfernt. 
       
       Nennt es, wie ihr wollt. Den Apartheidsbegriff hat der französische
       Premierminister nach den Charlie-Hebdo-Anschlägen in die Diskussion
       geworfen. Er meinte, wir müssten Situation und Chancen für Menschen aus
       abgehängten Vierteln verbessern. Der allergrößte Teil der Menschen, die
       dort leben, will nicht in den Dschjihad. Die spielen auch lieber Fußball
       und hören Musik. Doch wir müssen die fünf Prozent im Auge haben, die wegen
       ihrer Perspektivlosigkeit anfällig sind, sie in die Gesellschaft
       integrieren, um den Extremisten das Wasser abzugraben.
       
       Und was bedeutet das jetzt für die Diskussion mit den Flüchtlingen in
       Europa? 
       
       Sicherheitspolitisch sehe ich da überhaupt keinen relevanten Zusammenhang.
       Selbst wenn einer der Attentäter, als Flüchtling getarnt, nach Frankreich
       gekommen wäre. Ein Sicherheitsbeamter hat mit Recht gesagt, der Islamische
       Staat muss nicht als Flüchtling getarnt reisen, um hier rein- und
       rauszukommen. Der Hauptdrahtzieher soll permanent zwischen Rakka, Europa,
       Griechenland, Brüssel und Paris hin und her gereist sein. Nicht als
       Flüchtling getarnt. Also, da sollte man nun wirklich nichts
       durcheinanderbringen. Die vielen Bürgerkriegsflüchtlinge kommen doch auch
       hierher, weil Deutschland und andere Länder nicht genug Geld an das UNHCR
       für die Flüchtlingscamps in Libanon, Jordanien und der Türkei überweisen.
       Die Regierung Merkel hat 2013 und 2014 genauso wie die Hollandes die
       Zuweisungen gekürzt.
       
       Das hat jetzt aber auch nichts mit den Anschlägen zu tun. 
       
       Aber mit der Frage, wie wir solidarisch sein können und dem IS ein anderes
       Weltbild entgegensetzen. Schaut doch: Auch dem einzigen Staat, in dem der
       Arabische Frühling einigermaßen erfolgreich ist, Tunesien, hilft man nicht,
       damit er sich stabilisieren kann. Haben Herr Schäuble und die Europäische
       Union den Tunesiern ihre fünf Milliarden Euro Schulden erlassen? Nein. Das
       haben wir immer noch nicht geschafft. Das wäre ein klares Zeichen der
       Unterstützung, damit nicht die gesamte Region in die Hände der Islamisten
       fällt. Der IS rüstet sich doch längst für die Entscheidungsschlacht um
       Algerien. Daher hat er auch eine gewisse Anziehungskraft für die frühere
       maghrebinische Migration in Frankreich und Belgien, versucht dort unbedingt
       Fuß zu fassen. Das ist die geopolitische Situation, von Rakka bis Algier,
       von Tunis bis Paris.
       
       Und was folgt für die internationale Politik daraus? 
       
       Nach den Anschlägen von Paris sagt die französische Politik, Hauptfeind in
       Syrien ist der IS, auch wenn Diktator Assad große Schuld auf sich geladen
       hat. Und Präsident Hollande sucht wie Obama eine Einigung mit Putin.
       Realpolitik kann teuflisch unmoralisch sein. Aber will man im Kampf gegen
       den IS vorankommen, muss man die Russen einbeziehen. Die Verhandlungen in
       Wien haben eine politische Lösung in Aussicht gestellt. Es gibt keinen
       Masterplan. Man muss hoffen, dass eine Feuerpause zwischen den gemäßigten
       Rebellen und Assad zustande kommt und eingehalten wird. Nur so kann der IS
       zerschlagen werden, um dann später in Wahlen über die Zukunft Syriens zu
       entscheiden. Dazu brauchen wir eine UN-Resolution, die sowohl den Ansatz
       der Friedensgespräche in Wien sichert als auch den Einsatz von Waffengewalt
       gegen den IS völkerrechtlich legitimiert. Und jetzt bleibt mir nur noch zu
       sagen: Inschallah, möge alles besser werden.
       
       20 Nov 2015
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Unfried
 (DIR) Andreas Fanizadeh
       
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       Frankreich, USA, Russland und Großbritannien verbünden sich militärisch
       gegen den „Islamischen Staat“. Allen voran: François Hollande.
       
 (DIR) Syrische Flüchtlinge vor dem Lageso: Zweifel am militärischen Vorgehen
       
       Geflüchtete Syrer in Berlin zeigen sich solidarisch mit den Opfern der
       Anschläge in Paris. Doch die Terrormiliz IS lässt sich nicht von außen
       besiegen.
       
 (DIR) Kommentar Bedrohung durch den Terror: Die Normalität verteidigen
       
       Terroristen wollen einen Gegensatz zwischen dem Westen und dem Islam
       herstellen. Aber generelle Furcht vor Muslimen wäre fatal.
       
 (DIR) Geflüchtete Kinder in der Türkei: Im Visier der Radikalen
       
       Hunderttausende syrische Kinder in der Türkei gehen nicht zur Schule. Viele
       hoffen auf die Rückkehr, andere werden von den Schulen abgewiesen.
       
 (DIR) Ausnahmezustand in Brüssel: Polizei sucht zwei Terroristen
       
       In Brüssel herrscht weiter Angst: Ein Stadtteil-Bürgermeister warnt, zwei
       sehr gefährliche Terroristen seien in der Region.
       
 (DIR) Brüssel im Ausnahmezustand: Terrorwarnung auch am Sonntag
       
       Keine U-Bahn, kein Shopping: Auch am Sonntag gilt in der belgischen
       Hauptstadt die höchste Terrorwarnstufe. Die EinwohnerInnen sollen zu Hause
       bleiben.
       
 (DIR) Maßnahme der belgischen Regierung: Höchste Terrorwarnstufe in Brüssel
       
       Belgien reagiert auf eine Anschlagsdrohung: Die U-Bahnen fahren nicht,
       mehrere Fußballspiele wurden abgesagt. In der Türkei wurden drei
       Terrorverdächtige festgenommen.
       
 (DIR) Ermittlungen nach dem Terror: Möglicher Paris-Mitwisser
       
       Er brüstete sich vor den Anschlägen, etwas werde „passieren“ – jetzt
       ermittelt die Bundesanwaltschaft gegen einen Algerier aus Arnsberg.
       
 (DIR) IS und Islam: Sollten Muslime sich distanzieren?
       
       Nach dem Terror von Paris haben Muslime das Gefühl, sich erklären zu
       müssen. Der Vorwurf: Islam und IS gehören zusammen.
       
 (DIR) Debatte Bedrohung und Terror: Krieg der Angstmacher
       
       Nicht Orte der Macht fielen dem Terror in Paris zum Opfer, sondern Orte des
       Spiels. Die Attacken bedrohen die Vielfalt der Lebensformen.
       
 (DIR) Terrorismus in Frankreich: Attentäter nach Anschlägen gefilmt
       
       In St. Denis wurde eine weitere Leiche gefunden. Die Selbstmordattentäterin
       Hasna Boulahcen wurde erst vor wenigen Monaten radikalisert.
       
 (DIR) Kommentar Hollandes Sicherheitsgesetze: Marine Le Pen freut sich
       
       Die Machtfülle des französischen Präsidenten wächst weiter. Er kann künftig
       die Demokratie außer Kraft setzen. Das könnte böse Folgen haben.