# taz.de -- Widerstand gegen Rot-Grün-Rot in Berlin: Du bist nie gut genug
> Linke, Grüne und SPD sollten sich dem medialen Dauerfeuer beugen und ihre
> Bemühungen um ein Linksbündnis in Berlin aufgeben. Es ist aussichtslos.
(IMG) Bild: Diesem Anfang wohnt kein Zauber inne: Werner Graf (Grüne), Elif Eralp (Linke) und Steffen Krach (SPD) nach Sondierungen in Berlin
Deutschland steht kopf, seit Tagen schon. Ein drohendes Linksbündnis in
Berlin bereitet vielen Menschen große Sorge. Wird es an der Frage
scheitern, ob eine [1][Hinterbänklerin in der Linken-Fraktion] des Berliner
Abgeordnetenhauses Platz nimmt oder nicht?
Das hat Berlins SPD-Chef Steffen Krach am Mittwochabend bei [2][Markus
Lanz] zur Voraussetzung für eine Koalition mit der Linken gemacht. Oder
wird dieses Bündnis an Fotos von Linken-Politikern mit einem
palästinensischen [3][Rentner und Politik-Aktivisten scheitern, dem
Hamas-Sympathien nachgesagt werden?]
Oder an der [4][Unachtsamkeit eines Mitarbeiters von Elif Eralp], der ein
Word-Dokument mitsamt vertraulichen Anmerkungen an den Spiegel
weitergeleitet hat?
Das könnte sein, denn solche Dinge werden seit Wochen zu nationalen
Schicksalsfragen aufgeblasen. Und das sagt mehr über den Zustand des
deutschen Journalismus und die Priorität mancher Bundespolitiker als über
die Berliner Linkspartei, deren Spitzenkandidatin Elif Eralp oder die
Berliner Landespolitik insgesamt.
## Haltung zur Palästina-Solidarität
Es ist wie ein Fieber, das immer mehr um sich greift. Wie wenig Sympathien
selbst der Spiegel für ein Linksbündnis hegt, hat er deutlich gemacht,
indem er eines vermeintlichen Scoops willen einen groben Vertrauensbruch
beging. Aber er ist mit seiner Abneigung nicht allein. Die Bild-Zeitung,
„NIUS“, der Berliner Tagesspiegel und diverse Bundespolitiker von CDU, CSU
und SPD, ja sogar manche Grüne trommeln seit Wochen gegen Rot-Grün-Rot in
Berlin.
Schon vor der Wahl haben sie eindringlich davor gewarnt und den
[5][Auftritt eines umstrittenen Rappers bei einem linken Bezirksverband
über alle Maßen skandalisiert. ]
Umsonst, es hat nichts genutzt: Die Mehrheit der Berliner Wählerinnen und
Wähler hat nicht auf diese warnenden Stimmen gehört und der Linken in
Berlin – trotz aller von Anfang an schrillen Antisemitismus-Vorwürfe – zu
einem Erdrutschsieg verholfen.
Anders als es die Umfragen vorhergesagt hatten, ließ die Linke die CDU in
der Hauptstadt klar hinter sich zurück und holte in manchen Bezirken jede
zweite Stimme: Das ist Volkspartei-Niveau, von dem die SPD vielerorts nur
noch träumen kann. Das gelang ihr nicht nur, aber auch wegen ihrer Haltung
zur Palästina-Solidarität.
## Worüber man sich wenig empört
Die narzisstische Kränkung, dass die Berliner Wählerinnen und Wähler
partout nicht auf sie gehört haben, ist womöglich ein Grund dafür, warum
manche Hauptstadt-Journalisten nun einfach noch lauter aufdrehen.
Schon vor der Wahl hatte es [6][Robin Alexander] als Skandal bezeichnet,
dass „in der Stadt, wo der Holocaust geplant wurde“, eine Vanessa Emde für
die Linke überhaupt antrete – er machte die Lokalpolitikerin dadurch erst
bundesweit bekannt.
Nach der Wahl donnerte Jörg Thadeusz in den ARD-„Tagesthemen“, ein
Linksbündnis in Berlin komme einem Verrat an den Opfern von Auschwitz
gleich, warum auch immer, und beendete seine bizarre Brandrede mit dem
nationalistisch gemeinten Ausruf „Am Israel Chai“ – „Lang lebe Israel“.
Und der Welt-Kolumnist Harald Martenstein mutmaßte, die Motive weiblicher
Linken-Politiker, sich mit Palästinensern zu solidarisieren, könnten
womöglich sexueller Natur sein. Über diese sexistische Entgleisung und den
Missbrauch des Holocausts zu politischen Zwecken, um ihn gegen die Linke in
Stellung zu bringen, [7][empörten sich wiederum nur wenige]. Denn für
deutsche Top-Journalisten gelten bekanntlich andere Maßstäbe als für
Berliner Lokalpolitiker.
## Ritualisierte Glaubensbekenntnisse
Es ist vermutlich kein Zufall, dass sich vor allem solche Journalisten
besonders heftig über die Linkspartei empören, die in den vergangenen drei
Jahren besonders laut zu Israels Vorgehen im Gazastreifen geschwiegen
haben.
Ihre lauthals vorgetragene Empörung wirkt deshalb auch ein wenig wie eine
Ersatzhandlung. Statt sich darüber zu empören, dass Israel in den
vergangenen drei Jahren mit tatkräftiger Unterstützung von zwei deutschen
Regierungen den Gazastreifen in Schutt und Asche gebombt hat, mehrere
Länder der Region angegriffen und im Libanon und in Syrien seine Grenzen
auf fremdem Staatsgebiet verschoben sowie im Westjordanland [8][den
Siedlungsbau eskaliert] und dabei Tausende Menschen in der Region
vertrieben und getötet hat, empört man sich hierzulande lieber über jene,
die dagegen protestieren, sich dabei auch mal im Ton vergreifen oder übers
Ziel hinausschießen.
Statt sich darüber zu empören, dass die aktuelle, zumindest in Teilen
rechtsradikale israelische Regierung unter Benjamin [9][Netanjahu wie auch
die Mehrheit der Opposition dort eine Zweistaatenlösung, die seit
Jahrzehnten international eingefordert wird, kategorisch ablehnt], empört
man sich lieber über eine einzelne, völlig einflusslose Abgeordnete in
einem Landesparlament, die angesichts dieser Realität für eine
Einstaatenlösung eintritt und keine ritualisierten Glaubensbekenntnisse
ablegen will.
Und statt die deutsche Nibelungentreue zu einem Israel infrage zu stellen,
dessen [10][Regierungschef in Den Haag wegen Kriegsverbrechen und
Verbrechen gegen die Menschlichkeit] und das als Staat [11][sogar wegen
Völkermord angeklagt] ist, werden lieber jene angefeindet, die es wagen,
leise oder auch laute Zweifel am [12][Sinn dieser Staatsräson] vorzubringen
und die nicht so recht glauben, dass das die richtige Lehre aus der
deutschen Geschichte sein soll.
## In der Empörungsfalle
Die Vehemenz, mit der gegen einzelne Abgeordnete der Linkspartei und ihren
Neuköllner Bezirksverband zu Felde gezogen wird, ist völlig
unverhältnismäßig. Als ob der Sicherheit in Berlin wirklich gedient wäre,
wenn sich die Partei von diesen Leuten distanzieren würde (was sie längst
getan hat) und es einen Unterschied ums Ganze machen würde, ob eine
einzelne Abgeordnete wie Vanessa Emde nun in der Berliner Linken-Fraktion
sitzt oder nicht.
Es ist absurd. Doch in den „Tagesthemen“ muss sich Steffen Krach
rechtfertigen, warum seine SPD dort nicht lieber wieder mit der CDU
koaliert. Mit einer CDU wohlgemerkt, die in ihrer Regierungszeit in Berlin
für zahlreiche Skandale verantwortlich war, weil sie [13][Gelder für den
Kampf gegen Antisemitismus an fragwürdige Projekte von Parteifreunden
verteilt hat.] Von einem Berliner CDU-Bürgermeister, der lieber Tennis
spielen ging, als sich um seine Stadt zu kümmern, in der ganze Viertel
aufgrund eines Stromausfalls in der Dunkelheit versanken, ganz zu
schweigen.
Doch viele in Medien und Politik sind in der Empörungsfalle gefangen und
kommen da nicht mehr raus. Sie werden weiter, in Berlin-Neukölln und
anderswo, nach jedem nur möglichen Anlass suchen, der Anstoß erregen
könnte, und dabei nicht lockerlassen, bis ein Berliner Linksbündnis
endgültig zu Fall gebracht worden ist, jetzt oder später.
Wenn die Mitgliedschaft der Juristin Elif Eralp in der Roten Hilfe oder die
Frisuren des Spitzenpersonals ihrer Partei dafür nicht ausreichen
(Stichwort: „Problem-Pony“), dann wird es eben etwas anderes sein –
irgendetwas wird sich schon finden. Selbst wenn die Linkspartei eine
Vanessa Emde, einen Ferat Koçak und den gesamten Neuköllner Bezirksverband
aus ihren Reihen ausschließt, einen heiligen Eid auf die deutsche
Staatsräson schwört, ihre Vergesellschaftungsträume aufgibt und sich in
„Die Mitte“ umbenennt: Es wird nie genug sein.
## Als wäre nichts gewesen
Es wäre deshalb besser, die Bemühungen um ein Linksbündnis in Berlin
aufzugeben. Sollen sich Grüne, SPD und CDU doch zu einer Koalition der
Wahlverlierer zusammenraufen – dann hätte die liebe Presse ihre Ruh'.
Das wäre vielen rechten Leitmedien vermutlich zwar immer noch zu links.
Aber dann könnten Friedrich Merz und seine Minister weiter nach Israel
reisen und dort ungestört Fotos von sich mit Benjamin Netanjahu machen
lassen – das erregt hierzulande weit weniger Empörung als Fotos von
Linken-Politikern mit palästinensischen Aktivisten, die mit Gewalt verbal
kokettieren, statt sie aktiv und im großen Maßstab auszuüben.
Dann könnte Deutschland weiter ungestört [14][Waffen nach Israel liefern],
ohne dass eine Landesregierung dagegen leise Einwände erhebt, und vor dem
Roten Rathaus in Berlin könnte wieder – wie bis vor knapp einem Jahr –
ungestört eine israelische Fahne flattern, als wäre nichts gewesen.
Den vielen überwiegend jungen, weiblichen und migrantischen Wählerinnen und
Wählern, die der Linken in Berlin im September ihre Stimmen gegeben haben,
sagt man dann einfach: Pech gehabt! Aber das sind wir [15][der deutschen
Staatsräson schuldig].
30 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Streit-um-Berliner-Linken-Abgeordnete/!6225627
(DIR) [2] https://www.zdf.de/video/talk/markus-lanz-114/markus-lanz-vom-28-oktober-2026-100
(DIR) [3] /Der-Spiegel-und-Elif-Eralp/!6225976
(DIR) [4] /Aktuelle-Debatte-um-Spiegel-Text-zu-Elif-Eralp-Am-Ende-sind-alle-so-schlau-wie-vorher/!6226061
(DIR) [5] /Debatte-nach-Wahlsieg/!6211074
(DIR) [6] https://x.com/robinalexander_/status/2110046258857689366
(DIR) [7] https://www.instagram.com/p/Dd1s1hhClcC/
(DIR) [8] /550-Siedlungen-im-Westjordanland/!6225729
(DIR) [9] /Israel-nach-der-Knesset-Wahl/!6223175
(DIR) [10] /IStGH-erlaesst-Haftbefehl-gegen-Netanjahu/!6048927
(DIR) [11] /Krieg-im-Gazastreifen/!6101568
(DIR) [12] /Deutsche-Israelpolitik/!6146623
(DIR) [13] /Folgen-der-CDU-Foerdergeldaffaere/!6219701
(DIR) [14] /Wieder-deutsche-Waffen-fuer-Israel/!6130470
(DIR) [15] /Im-Namen-der-Staatsraeson/!6191721
## AUTOREN
(DIR) Daniel Bax
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