# taz.de -- Im Namen der Staatsräson: Die Mitte hat den Kampf gegen Antisemitismus verraten
> Statt Judenhass zu bekämpfen, haben konservative und liberale Akteure
> Antiantisemitismus für andere Zwecke instrumentalisiert – mit
> gravierenden Folgen.
(IMG) Bild: Ein demokratischer Kampf gegen Antisemitismus muss pluralistisch, universal, rechtlich konsistent, politisch transparent sein
Deutschland hat die historische Verantwortung, [1][Antisemitismus zu
bekämpfen]. Nach dem 7. Oktober sind [2][antisemitische Angriffe] stark
angestiegen, viele Jüdinnen und Juden in Deutschland fühlen sich seither
zunehmend unsicher. Gleichzeitig haben wirtschaftliche Unsicherheit,
gesellschaftliche Fragmentierung, Wut über israelische Kriegsverbrechen in
Gaza sowie Deutschlands nahezu bedingungslose Unterstützung der
rechtsextremen israelischen Regierung die Feindseligkeit gegenüber Juden in
bestimmten Milieus verstärkt.
Nichts davon rechtfertigt Antisemitismus. Doch um ihn effektiv zu
bekämpfen, müssen wir die Vielschichtigkeit seiner Ursachen anerkennen und
verstehen.
Die größte Gefahr für diesen so wichtigen Kampf gegen Antisemitismus liegt
aber in der Art und Weise, wie er in den vergangenen Jahren politisch
instrumentalisiert wurde. In Berlin haben verschiedene Skandale
offengelegt, wie Antiantisemitismus seitens der politischen Mitte mit
Klientelpolitik und einem konservativen Kulturkampf verflochten ist.
Was eigentlich ein universelles demokratisches Bekenntnis sein sollte,
funktioniert zunehmend als politisches Instrument, um Verbündete zu
belohnen, Kritiker auszugrenzen und Minderheitenstimmen auszuschließen, vor
allem palästinensische und migrantische Communitys.
## 390.000 Euro für fehlende Expertise
Das deutlichste Beispiel ist der [3][Berliner Fördermittelskandal] im
Bereich Antisemitismusbekämpfung. Nach dem 7. Oktober richtete Berlin einen
Sonderfonds in Höhe von 3,4 Millionen Euro für Projekte gegen
Antisemitismus ein. Laut den Feststellungen des Berliner Rechnungshofs war
das Vergabeverfahren jedoch „eindeutig rechtswidrig“. Alle 13 überprüften
Förderungen wurden als unrechtmäßig vergeben eingestuft, durch
intransparente Verfahren und politischen Einfluss unter Beteiligung von
CDU-Politikern wie Dirk Stettner und Christian Goiny.
Laut Recherchen von taz und Tagesspiegel erhielten Organisationen mit wenig
einschlägiger Expertise in der Antisemitismusprävention öffentliche Mittel
in hohen Summen, während politisch vernetzte Akteure privilegierten Zugang
zu Entscheidungsträgern bekamen.
Der aufschlussreichste Fall betraf das Zera Institute, das Berichten
zufolge fast 390.000 Euro erhielt, obwohl es [4][kaum institutionelle
Erfahrung vorweisen konnte], und seine Direktorin Maral Salmassi öffentlich
Rhetorik über den jüdischen Philanthropen George Soros verwendete, [5][die
klassische antisemitische Topoi bediente].
Darin zeigt sich das tiefere Problem, das sich derzeit in Deutschland
herausbildet: Antisemitismusbekämpfung im Sinne der Staatsräson ist zu
einer Form politischen Kapitals geworden. Dadurch hat Antiantisemitismus an
Legitimität verloren und damit auch an Wirksamkeit. Wenn Standards selektiv
angewandt werden und Förderverfahren so intransparent sind, verschwindet
das öffentliche Vertrauen in den Kampf gegen Judenfeindlichkeit.
## Die Mbembe-Affäre war ein Warnsignal
Wie soll der durchschnittliche Bürger echte Antisemitismusprävention von
politischem Klientelismus unterscheiden, wenn solche Institutionen
gefördert werden, die selbst antisemitische Rhetorik bedienen und den
politischen Entscheidern nahestehen?
Bei vielen Menschen ist seit dem 7. Oktober zurecht der Eindruck
entstanden, dass Teile des deutschen politischen Establishments
Antisemitismusvorwürfe vor allem dazu nutzen, um Debattengrenzen in ihrem
Sinne zu definieren und politische Gegner von Diskursräumen auszuschließen.
Insbesondere innerhalb der CDU, aber auch unter zentristischen Liberalen
und Teilen des sogenannten antideutschen Milieus.
Die Zielscheiben sind dabei bemerkenswert konstant. Palästinensische
Organisationen werden von Förderungen ausgeschlossen, postkoloniale
Wissenschaftler*innen öffentlich diffamiert, jüdische
Kritiker*innen israelischer Politik marginalisiert und Universitäten
vermeiden zunehmend kontroverse Veranstaltungen ganz.
Die Affäre um den kamerunischen Historiker Achille Mbembe von 2020, bei der
Felix Klein und rechte Akteure ihm antisemitische Äußerungen vorwarfen,
[6][war ein frühes Warnsignal].
## Dieter Nuhr und der Zentralrat der Juden
Doch nicht nur staatliche Akteure spielen dabei eine Rolle. Zunehmend
belohnen auch offizielle jüdische Institutionen Persönlichkeiten, die sich
nahtlos in diese breitere kulturkämpferische Allianz einfügen. Die jüngste
Entscheidung des Zentralrats der Juden in Deutschland, [7][den
Leo-Baeck-Preis an den Komiker Dieter Nuhr zu verleihen], verdeutlicht
diese Entwicklung.
Nuhr ist aber nicht vorrangig Kämpfer gegen Antisemitismus. Er ist zu einer
der sichtbarsten antiprogressiven Medienfiguren Deutschlands geworden,
häufig verbunden mit Polemiken gegen muslimische Communitys, postkoloniale
Diskurse und progressive Kulturpolitik. Das ist ein hervorragendes Beispiel
dafür, wie der institutionelle Kampf gegen Antisemitismus mit einem
breiteren konservativen Kulturkampf und dem Aufstieg der AfD verschmilzt.
Währenddessen wird der tatsächliche Kampf gegen Antisemitismus immer
schwächer. Das ist nicht nur für Palästinenser*innen oder
Migrant*innen katastrophal, die Zielscheibe dieser Politik sind, sondern
auch für Juden und Jüdinnen.
Manche von beiden Seiten fordern als Lösungsansatz, der Kampf gegen
Antisemitismus oder gegen Rassismus allgemein müsse weniger politisch
geführt werden. Das ist aber absurd. Der Kampf gegen Antisemitismus ist
inhärent politisch. Die Frage ist nicht, ob Politik beteiligt sein sollte,
sondern welche Art von Politik.
Ein demokratischer Kampf gegen Antisemitismus muss pluralistisch,
universal, rechtlich konsistent, politisch transparent sein. Und vor allem:
gelöst sein von einseitiger parteipolitischer Klientelpolitik. Andernfalls
verwandelt Deutschland eine seiner wichtigsten moralischen Verantwortungen
in eine weitere Arena zynischer Machtpolitik.
1 Jul 2026
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