# taz.de -- Vor dem EU-Kanada-Gipfel: Kanada wird vorerst kein assoziiertes EU-Mitglied
       
       > Kanzler Merz und andere Regierungschefs bremsen von der Leyens
       > Kanada-Pläne. Geplante Zusagen für eine engere Anbindung des Landes
       > werden abgeschwächt.
       
 (IMG) Bild: Kanzler Friedrich Merz (CDU) hat EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen (r.) zurückgepfiffen
       
       dpa | EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ist mit ihrem
       [1][Vorstoß für eine assoziierte EU-Mitgliedschaft Kanadas] vorerst
       gescheitert. Wie die Deutsche Presse-Agentur von Diplomaten in Brüssel
       erfuhr, sorgten Bundeskanzler Friedrich Merz und mehrere andere Staats- und
       Regierungschefs von EU-Ländern dafür, dass die Begriffe „assoziierte
       Mitgliedschaft“ und „assoziiertes Mitglied“ aus dem Entwurf für die
       geplante Abschlusserklärung des an diesem Donnerstag beginnenden
       EU-Kanada-Gipfels gestrichen wurden. Auch [2][ursprünglich vorgesehene
       weitreichende Zusagen zur Finanzmarktintegration und gegenseitigen
       Vorzugsbehandlung] bei Maßnahmen zur wirtschaftlichen Sicherheit wurden
       abgeschwächt.
       
       Stattdessen ist jetzt im Text davon die Rede, dass man bis zum
       EU-Kanada-Gipfel im kommenden Jahr ein Konzept für eine „immer engere
       Anbindung Kanadas an die EU“ entwickeln will. Er wurde am Mittwochabend in
       einem schriftlichen Verfahren von den EU-Staaten angenommen und soll am
       Freitag zum Abschluss des zweitägigen Gipfels in Montreal veröffentlicht
       werden.
       
       ## Vorstoß sorgte für viel Aufmerksamkeit
       
       Bei dem Treffen in Montreal hatte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der
       Leyen die „assoziierte Mitgliedschaft“ Kanadas eigentlich offiziell auf den
       Weg bringen wollen. Sie hatte sie zuvor im September in einer [3][Rede im
       Beisein des kanadischen Premierministers Mark Carney] vorgeschlagen und
       damit für viel Aufmerksamkeit gesorgt. An dem Gipfel in Montreal nehmen
       neben Carney und von der Leyen auch noch EU-Ratspräsident António Costa
       sowie etliche EU-Kommissarinnen und Kommissare teil.
       
       ## Mitgliedstaaten kritisierten vages Konzept
       
       Als Grund für den Widerstand von Mitgliedstaaten gegen die Verwendung des
       Begriffes „assoziierte Mitgliedschaft“ nannten EU-Diplomaten die unklare
       Bedeutung des geplanten Sonderstatus und die unzureichende vorherige
       Abstimmung der Kommission mit dem Rat der Mitgliedstaaten. Zudem wurde es
       als problematisch angesehen, dass der Begriff auch schon im Zusammenhang
       mit dem EU-Beitrittsprozess der Ukraine verwendet wird.
       
       So hatte Bundeskanzler Merz im Juni für die Ukraine eine „assoziierte
       Mitgliedschaft“ als Zwischenschritt auf dem Weg zum regulären EU-Beitritt
       vorgeschlagen. Nach seinen Vorstellungen könnte die Ukraine so schon vor
       dem Beitritt regelmäßig an Gipfeltreffen oder Fachministerräten teilnehmen.
       
       ## Von der Leyen und Merz verwendeten Begriffe unterschiedlich
       
       Von der Leyen nutzte den Begriff dann im September offensichtlich
       unabgesprochen mit Merz ganz anders. Aus ihrer Sicht sollte er im
       Zusammenhang mit Kanada deutlich machen, dass ein Nicht-EU-Land ohne
       rechtliche Beitrittsmöglichkeit so eng wie möglich an die EU angebunden
       wird. Grundsätzlich ist vorgesehen, dass beide Seiten ihre Politik etwa bei
       Energie, Klimaschutz, Technologie und Sicherheit noch stärker aufeinander
       abstimmen. Zudem soll Kanada umfassender an EU-Programmen für Forschung,
       Bildung und Verteidigung beteiligt werden.
       
       Allgemeines Ziel ist es dabei, gemeinsame Interessen wirksamer zu vertreten
       und Abhängigkeiten von anderen Staaten zu verringern. Hintergrund ist auch
       der Vertrauensverlust in die USA unter Präsident Donald Trump.
       Zollkonflikte und territoriale Ansprüche Trumps haben auf beiden Seiten des
       Atlantiks Zweifel an der Verlässlichkeit des bisherigen Partners verstärkt.
       
       Trump hatte den Vorstoß für eine assoziierte EU-Mitgliedschaft Kanadas in
       einer ersten Reaktion als lächerlich bezeichnet. Für den Fall, dass es als
       „feindseliger Akt“ US-Interessen schaden sollte, drohte er mit
       Konsequenzen. Er würde dann hohe Zölle verhängen oder den Handel mit Europa
       in vielen Bereichen einstellen, warnte er.
       
       ## Kommission wollte Zeitplan für assoziierte Mitgliedschaft
       
       In einem früheren Entwurf für die Abschlusserklärung des EU-Kanada-Gipfels
       hatte es konkret geheißen, dass Kanada künftig als „assoziiertes Mitglied
       der Union“ am Austausch und an Konsultationen zu wichtigen politischen und
       regulatorischen Initiativen teilnehmen werde. „Der vollständige Umfang
       dieser assoziierten Mitgliedschaft wird bis zum EU-Kanada-Gipfel 2027
       festgelegt“, hieß es weiter.
       
       Auch einige wirtschaftliche Zusagen waren ursprünglich stärker geplant.
       Statt sich bei Maßnahmen zur wirtschaftlichen Sicherheit eine günstige
       Behandlung zuzusichern, wollen beide Seiten nun lediglich versuchen,
       negative Auswirkungen aufeinander möglichst zu begrenzen. Das ausdrückliche
       Ziel einer stärkeren Integration der Finanzmärkte entfiel ebenfalls. Neben
       Deutschland hatten laut Diplomaten unter anderem auch Italien und
       Frankreich Bedenken gegen den ursprünglichen Text geäußert.
       
       ## Carney: Es kommt nicht auf Bezeichnungen an
       
       In diesem dominiert nun der bislang vor allem von Carney genutzte Begriff
       „Allianz für die Zukunft“. Mit ihr wollen beide Seiten Handelshemmnisse
       abbauen, Investitionen erleichtern und sicherstellen, dass wichtige
       Rohstoffe, Medikamente und Technologien auch in Krisenzeiten verfügbar
       bleiben. Ein neuer Wirtschaftsrat soll Unternehmen beider Seiten
       zusammenbringen. Zudem ist laut dem Text auch eine Untersuchung zu der
       Frage vorgesehen, ob zusätzliche Flüssiggasexporte aus Kanada nach Europa
       machbar sind.
       
       Carney maß der Streichung des Begriffes assoziierte Mitgliedschaft zunächst
       keine große Bedeutung bei. Er sagte zu dem Streit in der EU: „Es kommt
       nicht auf bestimmte Bezeichnungen oder Begrifflichkeiten an. Entscheidend
       ist, welchen Unterschied das für das Leben der Kanadierinnen und Kanadier
       machen wird.
       
       29 Oct 2026
       
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