# taz.de -- Kanada als assoziiertes EU-Mitglied: Mehr als nur Streit um Worte
       
       > Die EU und Kanada wollen enger kooperieren. Aber wie diese Verbindung
       > genannt werden soll, ist in der europäischen Politik umstritten.
       
 (IMG) Bild: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen spricht am 29. Oktober in Montréal vor dem EU-Kanada-Gipfel
       
       Ursula von der Leyen kann ganz schön stur sein. Kurz nach ihrer Landung in
       Montréal, wo am Donnerstag und Freitag der EU-Kanada-Gipfel stattfindet,
       setzte die Präsidentin der EU-Kommission einen Tweet ab, der für Furore
       sorgte. Sie wolle Kanada noch enger an Europa binden und das
       nordamerikanische Land zu einem [1][„assoziierten Mitglied“ der EU] machen,
       schrieb von der Leyen auf „X“.
       
       Dabei weiß die CDU-Politikerin nur zu gut, dass Bundeskanzler Friedrich
       Merz die „assoziierte Mitgliedschaft“ Kanadas ablehnt – der CDU-Chef hat
       den [2][Begriff für die Ukraine reserviert]. Auch andere Länder wie
       Frankreich sträuben sich dagegen, Kanada einen Sonderstatus zu verleihen,
       der im EU-Recht gar nicht vorgesehen ist. Der Streit hat sogar die
       Vorbereitung des Gipfels überschattet.
       
       Doch als sich von der Leyen, EU-Ratspräsident António Costa und der
       kanadische Regierungschef Mark Carney am Donnerstag in Montréal trafen,
       waren die dunklen Wolken wie weggeblasen. Wie man die Zusammenarbeit nennt,
       sei letztlich egal, meinte Carney: „Worauf es ankommt, ist der Unterschied,
       den es für das Leben von Kanadiern machen wird.“ Kanada werde durch die
       Kooperation mit der EU „zu einer unabhängigeren, souveräneren Nation“.
       
       ## Allianz gegen Donald Trump
       
       Das ist auf den übermächtigen Nachbarn USA und dessen übergriffigen
       Präsidenten Donald Trump gemünzt. Trump hat Kanada gedroht und mit
       Strafzöllen überzogen. Carney möchte die Kooperation mit den Europäern
       nutzen, um Trump in die Schranken zu weisen und vielleicht sogar eine
       Allianz der „Mittelmächte“ zu schmieden – gegen die übermächtigen USA, aber
       auch gegen Russland und China.
       
       Dass Carney dabei ausgerechnet auf die EU setzt, mag verwundern.
       Schließlich haben sich die Europäer im Zollstreit von Trump über den Tisch
       ziehen lassen und einen schlechten Deal akzeptiert. Auch im Ukrainekrieg
       ist die EU von den USA abhängig, wie der Streit um Patriots und Starlink
       gezeigt hat. Allerdings dauert der Flirt zwischen Kanadiern und Europäern
       nun schon einige Monate.
       
       In einer [3][Rede im Europaparlament in Straßburg im September] hat Carney
       sogar eine Art Liebeserklärung abgelegt. Nicht nur die gemeinsame
       Geschichte verbinde die beiden Blöcke, auch wirtschaftlich und militärisch
       sei man ein „perfect Match“. Als Beispiele nannte er das
       [4][Handelsabkommen Ceta], das allerdings noch nicht von allen EU-Staaten
       ratifiziert wurde, und die Hilfe für die Ukraine.
       
       ## Ökonomisch engere Verzahnung
       
       Bei ihrem zweitägigen Gipfeltreffen wollen Kanada und die EU ihre
       Zusammenarbeit weiter ausbauen. In Montréal soll ein digitales
       Handelsabkommen vorgestellt werden, das schnellere und günstigere
       Online-Transaktionen ermöglicht. Der Entwurf für eine Gipfelerklärung sieht
       zudem eine vertiefte Zusammenarbeit bei der Infrastruktur für künstliche
       Intelligenz und bei deren Regulierung vor.
       
       Kanada könnte sich auch dem europäischen Navigationssystem Galileo
       anschließen, das eine Alternative zum US-System GPS bietet. Die EU wiederum
       ist an den kanadischen Vorkommen sogenannter seltener Erden interessiert.
       Die Europäische Investitionsbank erwägt, Geld in kanadische
       Rohstoffprojekte zu stecken. Brüssel und Ottawa prüfen auch den Aufbau
       gemeinsamer strategischer Vorräte.
       
       Man werde eine „Allianz für die Zukunft“ schmieden, sagten EU-Diplomaten.
       Sogar für den Streit über die „assoziierte Mitgliedschaft“ haben sie eine
       Lösung gefunden: Das Ziel sei eine „immer engere Anbindung“ Kanadas an die
       EU „ohne Vollmitgliedschaft“, heißt es im Gipfel-Entwurf. Damit kann dann
       wohl auch von der Leyen leben – von Vollmitgliedschaft war ohnehin nie die
       Rede.
       
       29 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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