# taz.de -- Vorschlag der EU-Kommission: Kanada könnte „assoziiertes EU-Mitglied“ werden – was heißt das?
> Kanada will engere Beziehungen zur EU. Nun steht der Vorschlag für ein
> neues Modell im Raum. Und Donald Trump schäumt. Die wichtigsten Fragen
> und Antworten.
(IMG) Bild: EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen, EU-Parlamentspräsidentin Roberta Metsola und der kanadische Premier Mark Carney: „Natürlich ohne Stimmrecht“
Es ist ein Novum, in vieler Hinsicht. Unter großem Applaus betritt der
kanadische Ministerpräsident Mark Carney am Mittwoch das Plenum des
Europäischen Parlaments in Straßburg, hört als erster amtierender Premier
überhaupt zu, wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen den
Parlamentariern in ihrer [1][Rede „State of the European Union“ ihre
politischen Pläne] für das kommende Jahr skizziert. Hört zu, wie etwas
vorgeschlagen wird, was es so noch nicht gibt: Kanada könnte „assoziiertes
EU-Mitglied“ werden. Was steckt dahinter?
Was ist eine assoziierte EU-Mitgliedschaft?
„Wir wollen die Beziehung zu [2][Kanada] auf das höchstmögliche Niveau
bringen“, kündigte von der Leyen in ihrer Rede an. In Richtung Carney sagte
sie: „Lieber Mark, ich hatte erwähnt, dass wir unsere Partnerschaften
dringend neu denken müssen. Dabei möchte ich mit dir gemeinsam darauf
hinarbeiten, dass Kanada das erste assoziierte Mitglied der EU wird.“ Was
genau ein assoziiertes Mitglied sein soll, ließ von der Leyen offen.
„Niemand weiß wirklich, was das bedeutet“, zitiert die Nachrichtenagentur
Reuters einen EU‑Diplomaten. In EU-Kreisen gebe es die Befürchtung, dass
die Kommissionschefin Dinge verspreche, die sie am Ende nicht einhalten
könne. Denn über Erweiterungspolitik entscheiden allein und einstimmig die
Mitgliedstaaten. Die EU-Kommission kann lediglich Empfehlungen aussprechen.
Laut der Politikwissenschaftlerin Laura von Daniels von der Stiftung
Wissenschaft und Politik könnte eine assoziierte Mitgliedschaft bedeuten,
dass Kanada zukünftig an EU-Gipfeln teilnimmt. „Allerdings natürlich ohne
Stimmrecht“, sagte sie dem Deutschlandfunk. Eine solche Mitgliedschaft
könne auch bedeuten, einen Beobachterposten bei den EU‑Institutionen wie
Kommission, Parlament und Rat innezuhaben oder „dass einzelne EU-Programme
für Kanada geöffnet werden“, so von Daniels. Kanada ist bereits dem
Rüstungsbeschaffungsprogramm „Safe“ beigetreten und nimmt an Projekten der
gemeinsamen EU-Verteidigungsarbeit Pesco teil.
Eine assoziierte Mitgliedschaft ist auch bei der Ukraine im Gespräch.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte diesen Vorschlag im vergangenen
Mai geäußert, da das Land im Kriegszustand nicht der EU beitreten kann.
Demnach solle Kyjiw an Gipfeln und Ministerräten teilnehmen dürfen,
Rederecht haben, aber kein Stimmrecht. Ähnliches schlug Merz für die
Westbalkanstaaten vor. Umgesetzt wurde dies aber bislang nicht – viele
Mitgliedstaaten sehen solche Zwischenmitgliedschaften skeptisch.
Ist eine EWR-Mitgliedschaft auch eine Option?
Eine Alternative zu einer EU-Mitgliedschaft ist der Beitritt zum
Europäischen Wirtschaftsraum (EWR). Der EWR ist eine Freihandelszone, der
alle 27 EU-Länder angehören sowie drei Staaten der Europäischen
Freihandelsassoziation (Efta): Norwegen, Liechtenstein und Island. Einzig
Efta-Mitglied Schweiz gehört nicht zum EWR.
Wer Zugang zum EWR hat, bekennt sich zu den „vier Grundfreiheiten“ des
europäischen Binnenmarktes: freier Verkehr von Waren, Personen,
Dienstleistungen und Kapital. Damit müssen sich die drei Efta-Staaten an
alle EU-Regeln halten, ohne sie selbst mitbestimmen zu können.
Ausgeklammert sind lediglich die Bereiche Agrar- und Handelspolitik.
Laut Efta-Vertrag kann „jeder Staat“ der Organisation beitreten, wohingegen
im EWR-Abkommen von „europäischen Staaten“ die Rede ist.
Ob eine Efta- beziehungsweise eine EWR-Mitgliedschaft für Kanada
interessant sein könnte, ist fraglich. Expert:innen gehen davon aus,
dass Kanada vor allem dem Prinzip der Personenfreizügigkeit ablehnend
gegenübersteht.
Einen vereinfachten Zugang zum europäischen Markt hat Kanada zudem bereits
durch ein gemeinsames Handelsabkommen mit der EU. „Ceta“ wurde im Oktober
2016 unterzeichnet, seit 2017 wird es vorläufig angewendet, da es noch
nicht alle Mitgliedstaaten national ratifiziert haben.
Könnte Kanada überhaupt EU-Vollmitglied werden?
Laut Artikel 49 des EU-Vertrags kann theoretisch „jeder europäische Staat“,
der die EU-Werte achtet, Mitglied werden, sofern er die politischen,
rechtlichen und wirtschaftlichen Beitrittskriterien erfüllt. Viele
argumentieren daher, dass eine Vollmitgliedschaft Kanadas rechtlich gar
nicht möglich ist.
Allerdings: Was genau „europäischer Staat“ bedeutet, ist nicht näher
definiert. Eine rein geografische Zuschreibung ist zumindest nicht gemeint,
denn EU-Mitglied Zypern gehört geografisch komplett zu Asien. Vielmehr ist
eine „kulturelle Zugehörigkeit“ ausschlaggebend, für die es aber wiederum
keine Definition gibt.
Deswegen könnte man beispielsweise argumentieren, dass laut Zensus rund 50
bis 60 Prozent der Kanadier:innen angeben, europäische Wurzeln zu
haben, die „kulturelle Zugehörigkeit“ also gegeben ist. In der
Vergangenheit hat die EU immer wieder gern in die juristische Trickkiste
gegriffen, um politisch Gewolltes doch irgendwie umzusetzen.
Allerdings: Marokkos Antrag auf EU-Mitgliedschaft scheiterte in den 1970er
Jahren. Dem nordafrikanischen Königreich wurde als Begründung genannt, kein
europäischer Staat zu sein. Dies kann jedoch auch ein vorgeschobenes
Argument gewesen sein. Oder eine diplomatische Absage, da Marokko auch
weitere Beitrittskriterien nicht erfüllte.
Sollte Kanada ein richtiges EU-Mitglied mit Stimmrecht werden, würde dies
die Machtverhältnisse in Brüssel erheblich verschieben. Gemäß der
Einwohnerzahl wäre Kanada nach Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien
das fünftgrößte Land – mit einer entsprechenden Stimmmacht. Es wäre zudem
die viertgrößte Volkswirtschaft und definitiv ein Nettozahler im
EU-Haushalt.
Was will Kanada?
Premierminister Mark Carney hatte vor wenigen Tagen erklärt, sein Land
strebe eine „einzigartige Allianz“ mit der EU an, jedoch keine
Vollmitgliedschaft.
„Die Hürden dafür sind auch sehr hoch“, sagt Politikwissenschaftlerin von
Daniels. „Das ist einem so rationalen Planer wie Mark Carney natürlich
völlig klar.“ Letztlich gehe es Kanada darum, die enorme
[3][wirtschaftliche Abhängigkeit von den USA] reduzieren.
Die Idee der assoziierten Mitgliedschaft sei laut einem kanadischen
Beamten, den das Brüsseler Nachrichtenportal Politico zitiert, aber von
Brüssel ausgegangen und kein Vorschlag Carneys.
An diesem Donnerstag sprach der kanadische Premier vor dem Europaparlament.
Darin gab er sich offen für die Idee einer Art EU-Sondermitgliedschaft für
sein Land. „Wir begrüßen diesen Vorstoß“, sagte er in seiner Rede.
Und wie reagiert Donald Trump?
Erwartbar. Der US-Präsident hat der EU mit einem Handelsstopp im Fall einer
engeren Partnerschaft mit Kanada gedroht. „Ich halte das für lächerlich“,
sagte Trump am Mittwoch Journalist:innen zu dem Plan der EU-Kommission.
„Wenn sie das tun und ich das auch nur im Geringsten als feindseligen Akt
betrachte, werde ich sehr hohe Zölle verhängen oder den Handel mit Europa
einstellen.“
17 Sep 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Rede-zur-Lage-der-EU/!6213605
(DIR) [2] /UN-Resolution-fuer-bessere-Weltkarten/!6210649
(DIR) [3] /USA-kuendigen-Einfuhrverbot-fuer-einige-kanadische-Waren-an/!6211657
## AUTOREN
(DIR) Eva Fischer
## TAGS
(DIR) EU-Erweiterung
(DIR) Mark Carney
(DIR) Europäische Union
(DIR) CETA
(DIR) Europäische Kommission
(DIR) Kanada
(DIR) Ursula von der Leyen
(DIR) GNS
(DIR) Reden wir darüber
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Kanada als Sehnsuchtsland: Oh, wie schön ist Kanada
Kanada ist in. Was steckt hinter den Phantasien, die sich mit dem
zweitgrößten Staat der Erde verbinden? Und können wir wirklich beste
Freunde werden?
(DIR) Kanadas Premier im Europaparlament: Endlich ein begeisterter EU-Fan
Mark Carney beschwört in Straßburg eine tiefe Partnerschaft Kanadas mit der
EU. Das trifft sowohl in Europa als auch den USA einen Nerv.
(DIR) Rede zur Lage der Union: Von der Leyen überspannt den Bogen
In ihrer Rede zur Lage der Union lässt die EU-Kommissionspräsidentin viele
Fragen offen. Wohin Europa mit ihr steuert, bleibt unklar.
(DIR) Rede zur Lage der EU: Die Pläne der Ursula von der Leyen
Die EU-Kommissionspräsidentin hat ihre jährliche Rede vor dem EU-Parlament
gehalten. Es ging um ein Social-Media-Verbot für Kinder, Verteidigung,
Hitze und Kanada.
(DIR) Welthandel: EU will lernen, China entgegenzutreten
Jahrelang bremste Deutschland, doch nun wächst in der EU die Bereitschaft,
sich mit Protektionismus gegen China zu wehren. Pekings Reaktionen sind
absehbar.