# taz.de -- Referendum in Kanadas Provinz Alberta: Keine Abspaltung, aber ein Zeichen an die Regierung
> Die Bevölkerung in Kanadas Provinz Alberta hat gegen ein
> Abspaltungsreferendum entschieden. Ein Warnsignal für Ottawa war die
> Abstimmung dennoch.
(IMG) Bild: Schilder mit der Aufschrift „Forever Canadian“ in der kanadischen Provinz Alberta: die viertgrößten nachgewiesenen Ölreserven der Welt
Kanadas größte Ölprovinz Alberta hat am Montag darüber abgestimmt, ob sie
den Austritt aus dem Land einleiten soll. Alberta, in den Prärien nördlich
von Montana gelegen, stellte seine Zugehörigkeit zu Kanada in einem
Referendum mit zehn Fragen zur Abstimmung – gerade zu einem Zeitpunkt, an
dem das Land versucht, geschlossen gegen den Druck seines südlichen
Nachbarn zu stehen.
Am frühen Dienstagmorgen stand das Ergebnis zur Abspaltung ziemlich fest.
Nachdem etwa ein Fünftel der Stimmzettel ausgezählt war, hatten sich rund
77 Prozent für den Verbleib ausgesprochen. In Großstädten wie den
Wahlkreisen von Calgary erreichte das „Remain“-Lager bis zu 93 Prozent. Die
Gemeinden der First Nations, in denen die Wahlbeteiligung höher ausfiel als
erwartet, stimmten geschlossen für den Verbleib. Auch in den ländlichen
Gebieten und Kleinstädten Albertas gewann die „Remain“-Stimme, wenn auch
mit deutlich geringerem Abstand.
„Ein ‚Ja‘ wäre in dieser Phase noch kein ‚Ja‘ zum Austritt aus Kanada
gewesen“, erklärt Adrienne Davidson, außerordentliche Professorin für
Politikwissenschaft an der McMaster University, gegenüber der taz. „Es
hätte lediglich die Unterstützung für ein zukünftiges Referendum über den
Austritt aus Kanada signalisiert.“
Alberta ist fast doppelt so groß wie Deutschland, hat aber nur etwas mehr
als fünf Millionen Einwohner und verfügt über die viertgrößten
nachgewiesenen Ölreserven der Welt. Dieser Reichtum schürt den Unmut. Viele
Albertaner haben das Gefühl, dass ihr Geld über Ausgleichszahlungen – eine
Art kanadischer Länderfinanzausgleich – nach Osten in die Hauptstadt
fließt, während sie kaum Einfluss auf die Entscheidungen haben, die ihre
Provinz prägen, wie zum Beispiel Klimavorschriften, die als feindlich
gegenüber ihrer reichen Ölindustrie angesehen werden, oder liberale
Bundesregierungen, die sie nie wählen.
## Abstimmen, um ein Zeichen zu setzen
Dies ist nicht Kanadas erste Bewährungsprobe für den Zusammenhalt. 1995
hätte Kanadas große französischsprachige Provinz [1][Québec beinahe für die
Unabhängigkeit gestimmt], und in diesem Monat kehrte die Parti Québécois
dort mit dem Versprechen eines dritten Referendums an die Macht zurück.
Dennoch unterscheiden sich die beiden Bewegungen erheblich. Die Bewegung in
Québec sei eine nationalistische, sagt Politikwissenschaftlerin Davidson,
ähnlich wie jene in [2][Katalonien] oder [3][Schottland]. Albertas
Separatismus hingegen speist sich aus wirtschaftlichen, ideologischen und
institutionellen Missständen, hat keine Partei im Parlament und kein Mandat
der Bevölkerung.
Stattdessen gelangte die Frage der Abspaltung durch eine Hintertür auf den
Stimmzettel. Danielle Smith, die Premierministerin an der Spitze der
Regierung von Alberta, erleichterte die Einleitung von Bürgerreferenden,
und die Separatisten sammelten bald 300.000 Unterschriften.
Dann stoppte ein Gericht ihre Petition: Die Provinz hatte es versäumt, die
First Nations zu konsultieren, deren Vertragsrechte durch eine Abspaltung
bedroht wären. Also formulierte Smith selbst eine abgeschwächte
Fragestellung. Der separatistische Anwalt Jeffrey Rath verspottete diese
als „ein Referendum darüber, ob ein Referendum stattfinden soll“.
Genau diese Mäßigung könnte jedoch der springende Punkt sein. Viele, die
den Weg der Abspaltung unterstützen, wollen gar nicht weg, sondern schlicht
ein Zeichen an Ottawa senden. Der 21-jährige Student Hayden Chann etwa
stimmte für das Referendum, ohne die Unabhängigkeit zu wollen, damit die
Menschen „die echte Möglichkeit haben, wirklich abzustimmen“, erklärte er
der taz.
## Trump-Regierung an der Seite der Separatisten
Und dann ist da noch die Trump-Regierung in Washington. Albertas
Separatisten-Führer trafen sich im vergangenen Jahr dreimal mit Vertretern
des US-Außenministeriums, und der US-Finanzminister ging sogar so weit,
Alberta als „natürlichen Partner“ zu bezeichnen. Gleichzeitig haben die
US-Zölle in Höhe von 50 Prozent weite Teile Kanadas hart getroffen, während
Albertas Öl und Gas verschont blieben.
Kanadas Premier Mark Carney erkennt darin ein Muster. „Manche außerhalb
unserer Grenzen arbeiten daran, uns zu spalten, damit sie uns beherrschen
können“, warnte er. Viele Wähler spüren das ebenfalls. „Es scheint zum
absolut ungünstigsten Zeitpunkt zu passieren“, sagte Dave Malka, ein
Beamter in Edmonton. Für Washington ist selbst eine gescheiterte Abstimmung
nützlich, da ein in sich gespaltenes Kanada aus einer Position der Schwäche
heraus verhandelt.
Unabhängig von den Zahlen warnt Politologin Davidson vor einer Spaltung,
die sich über Jahre hinweg verfestigen könnte. Sie sagt: „Die Ergebnisse
werden sich weiterhin in der Provinzparteipolitik, bei Führungswahlen, in
einer zunehmenden ideologischen Polarisierung und in einem schwindenden
Vertrauen in die Institutionen niederschlagen – auf eine Weise, die die
kanadische Demokratie und Einheit weiterhin untergraben könnte.“
Die Frage war nie nur, ob Alberta austritt, sondern was Kanada bieten muss,
um es zu halten.
20 Oct 2026
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## AUTOREN
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