# taz.de -- Bundestreffen der Jungen Union: Die neue Macht der halb so Wilden
> Zwischen Kanzlercasting und wiederentdeckter Angst vor links sucht die
> Junge Union nach der Zukunft ihrer „neuen“ Mitte. Rot-Grün-Rot in Berlin
> soll geächtet werden.
(IMG) Bild: Da feiert der Nachwuchs: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (M.) im Kreis seiner JU-Fans
Ihr neues Selbstbewusstsein untermauern sie mit wummerndem Bass. Flackernde
Scheinwerfer, düstere Wände: Kurz erinnert es an einen Technoclub. Aber das
ist schnell vorbei, als die Menge beginnt, im Takt zu klatschen. Es ist
Deutschlandtag der Jungen Union in Bonn. Das jährliche Treffen des
Parteinachwuchses von CDU und CSU. Die jungen Wilden sind in diesem Jahr
ein bisschen weniger jung und ein bisschen weniger wild. Sie wollen jetzt
„auf Augenhöhe“ mitbestimmen und mit einer „neuen Mitte“ der Union aus der
Krise helfen.
Das Selbstverständnis der JU hat sich seit dem letzten Jahr gewandelt. Die
Parteijugend hatte lange das erste Rentenpaket der Bundesregierung wegen
der Kosten für spätere Generationen kritisiert. Beim Deutschlandtag 2025
lag sie mit ihrem einstigen Hoffnungsträger Friedrich Merz [1][beim Thema
Rente über Kreuz].
Mittlerweile mischen aber viele JU-Kritiker aus dem vergangenen Jahr selbst
vorn in der Bundespolitik mit – die geplante Rentenreform sehen sie als
ihre Errungenschaft. Die JU drängte deshalb an diesem Wochenende auf ein
Bekenntnis des Kanzlers. Er solle die Vorschläge der Rentenkommission
umsetzen und insbesondere die sogenannte Rente mit 63 abschaffen. Der
Parteinachwuchs verlangte aber abgesehen davon vor allem eines: neue
Visionen.
## Merz, Söder, Wüst und das Nachwuchsumgarnen
Wohl um den Druck auf Merz zu erhöhen, luden sie deshalb nicht nur den
Kanzler, sondern auch mögliche Alternativkandidaten ein. Neben Merz
sprachen der NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst und der bayerische
Ministerpräsident Markus Söder auf der Bühne der JU. Gleich zu Beginn
stellte der JU-Bundesvorsitzende Johannes Winkel zwar klar: „Das hier ist
kein Kanzlercasting.“ Der Eindruck bleibt trotzdem.
Merz selbst gab sich bemüht. Nach dem emotionalen letzten Deutschlandtag
wollte er in seiner Rede am Samstag die Gräben zur JU offenkundig
überbrücken und versicherte, die Vorschläge der Rentenkommission „jetzt
umsetzen“ zu wollen. Er teile die Erwartung, dass ein Gesetzentwurf noch
bis Jahresende vom Kabinett beschlossen und vom Bundestag beraten werde.
Betont oft sprach er von „wir“ und „uns“ und signalisierte damit, dass auch
er die Junge Union auf Augenhöhe sieht.
Auch Wüst und Söder forderten, dass die Rente als Ganzes umgesetzt werden
soll, und lobten die Junge Union. Sie sei das „Powerhouse“ der Partei,
sagte Söder. „Ihr treibt uns an“, sagte Wüst.
Dabei teilte Johannes Winkel ordentlich gegen die Mutterpartei und ihre
Politik aus. „Die CDU macht Politik, als ob wir noch im Jahr 2010 wären“,
bemängelte Winkel, er beklagte die „Resignation“ in der Partei. Winkel
versuchte, die CDU grundsätzlich auf „neue“ Themen einzuschwören, auf eine
„neue“ Debattenkultur und eine „Neu“-Definition der Mitte. Der Fokus solle
auf junge Familien gelegt, diese müssten gezielt unterstützt werden. Alle
anderen Subventionen wolle er streichen.
## Der Umgang mit der AfD
[2][Dem Wunsch nach dem Zukunftsbild] kamen allerdings weder Merz noch Wüst
oder Söder so wirklich nach. Merz versuchte sich an einer Vision für das
Jahr 2040. Wüst forderte, „normale Leute“ müssten sich ein „normales Leben“
leisten können. Söder sprach viel über Innovationen und Hightech, verlor
sich zwischenzeitlich in Schwärmereien für die bayerische Luft- und
Raumfahrttechnik. Das von Winkel gesetzte Thema Familien griffen die
Redner, wenn, dann nur auf Nachfrage auf. Der Applaus für neue Mitte-Ideen
blieb bei allen drei Kandidaten verhalten.
Auch bei einem anderen Thema hielt sich der Applaus bisweilen in Grenzen.
Von der AfD setzten sich alle Redner scharf ab. Die aktuellen Entwicklungen
in Sachsen-Anhalt benannte aber erst Markus Söder konkret: Wer in
Sachsen-Anhalt für die AfD stimmt, der solle die CDU verlassen. Dort hatte
der Landtag den AfD-Politiker Tobias Rausch zum Landtagspräsidenten
gewählt, ziemlich sicher auch mit Stimmen aus der CDU.
Im Gegensatz zu Merz und Wüst wies Söder auch darauf hin, dass er nicht nur
in der Außenpolitik keine Schnittmengen zwischen CDU und AfD sehe, sondern
etwa auch beim Umgang mit Menschen mit Behinderung. So will die AfD
Inklusionsschulen abschaffen. Söder sagte dazu, nicht ganz dudenkonform:
„Das C in CDU steht nicht für Kommerz, sondern für christlich.“
Die Frage nach dem Umgang mit einer immer stärker werdenden AfD scheint
allerdings innerhalb der JU umstritten: Ein Delegierter sagte, die AfD sei
grässlich, ja. „Aber irgendwann müssen wir angesichts der Umfragen mit
denen reden und bei einigen Themen gibt es durchaus Überschneidungen.“
Auch die bisherige JU-Schatzmeisterin und Bundesvorständin Clara von
Nathusius hatte die Brandmauer zuvor für gescheitert erklärt. Nathusius
trat beim Deutschlandtag gleichwohl unerwartet ab: Während ihrer Amtszeit
wurden Fördermittel abgerufen, die nicht von den Beschlüssen des
Bundesvorstandes gedeckt waren. Die JU musste 350.000 Euro samt Zinsen an
das Familienministerium zurückzahlen und einen Kredit bei der Union
aufnehmen.
## Drohung an die SPD wegen Verhandlungen in Berlin
Balsam für die geplagte Seele junger Konservativer war hingegen die
Auseinandersetzung der Redner mit der Linkspartei. Wer die politische Mitte
stärken wolle, [3][dürfe nicht mit der Berliner Linken koalieren], die
Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig mache, sagte Merz und donnerte
mehrmals in Richtung Grüne und SPD: „Hört auf damit.“ Die etwa 300 jungen
Männer und Frauen im Saal quittierten dies mit Johlen und Klatschen.
Als Reaktion auf die am Samstag abgeschlossenen rot-grün-roten
Sondierungsgespräche in Berlin verabschiedete die JU am Sonntagmorgen einen
Beschluss: Eine Koalition aus SPD und Grünen mit der Linkspartei solle
politisch geächtet werden, die Berliner Landesregierung solle von allen
Informationen des Verfassungsschutzes und des Bundeskriminalamtes
ausgeschlossen werden. Zudem forderten sie ein sofortiges Verbot von
Vergesellschaftungen sowie ein Gremium beim Bund, um Rechtsbrüche im Roten
Rathaus von Berlin zu dokumentieren.
Wenn die SPD in Berlin eine Koalition eingehe, „dann müssen wir uns
überlegen, was das für die Koalition heißt und ob wir mit diesen Leuten
noch zusammenarbeiten“, drohte Winkel bereits zuvor. Was das bedeutet, ließ
er offen – Neuwahlen oder doch eine unionsgeführte Minderheitsregierung?
Merz seinerseits hatte sich für die Koalition mit der SPD und gegen das
„Gerede von einer Minderheitsregierung“ ausgesprochen. „Das gefährdet nicht
nur die Zukunft unseres Landes, sondern auch die Existenz unserer Partei.“
Winkel stärkte Merz dann auch demonstrativ den Rücken. „Vertrauen, das
verloren gegangen ist, kann man bestimmt nicht zurückgewinnen, indem man
wegläuft.“ Es komme jetzt darauf an, Entscheidungen zu treffen. Ideen für
eine neue Mitte sucht die JU vielleicht sowieso woanders. Hört man sich
unter den Delegierten um, dann glaubt kaum jemand, dass Merz noch einmal
antritt. Er habe ja sein Ziel erreicht und sei jetzt Kanzler, meinte einer.
So ganz scheinen aber weder Wüst noch Söder diese Lücken füllen zu können.
18 Oct 2026
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