# taz.de -- Möglicher Nachfolger für Friedrich Merz: Wüst of Change
> Der Deutschlandtag der JU gilt als Bühne für Kanzlerambitionen. Auch
> Hendrik Wüst hat dort gesprochen. 2027 könnte er NRW weiterregieren. Und
> dann Berlin?
(IMG) Bild: Auf großer Reise: NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst am Bosporus
Der junge Mann, ganz in Schwarz gekleidet, beantwortet lächelnd die Fragen
seines Gegenübers. Der ist gut einen Kopf größer und trägt zum Anzug
Krawatte. Der junge Mann ist İlkay Gündoğan, ein Weltstar, ehemaliger
Kapitän der deutschen Nationalmannschaft, Spieler von Galatasaray Istanbul.
Der andere ist sein Fan aus Düsseldorf, Hendrik Wüst, der Ministerpräsident
von Nordrhein-Westfalen. Er stellt an diesem Abend in einer Villa in
Istanbul nicht nur Fragen, sondern verleiht Gündoğan auch eine
Verdienstmedaille seines Landes.
Jede Menge Fotos von dem Treffen kursieren später in der digitalen Welt:
der Landespolitiker Wüst im lockeren Austausch mit dem internationalen
Fußballstar. Wüst weiß um die Macht solcher Bilder. Seine dreitägige Reise
in die Türkei wird auch wegen dieser Szenen zu einem Ereignis, das
bundesweit wahrgenommen wird.
Wüsts Delegation samt Medien- und Unternehmensvertreter:innen füllt
fast den ganzen Linienflieger von Düsseldorf nach Ankara. Er trifft den
türkischen Staatspräsidenten und die halbe Regierung, spricht mit Gündoğan
und Gastarbeiter:innen. Wüst beteuert, er mache lediglich seinen Job als
Ministerpräsident. Aber ginge das nicht auch eine Nummer kleiner? Oder
macht Wüst hier, was hinter vorgehaltener Hand sowieso alle meinen: eine
Kanzlerprobereise im Billigflieger?
Warum auch nicht. Die Koalition ist zerrüttet, [1][der Kanzler
angeschlagen,] in der CDU gärt es. Die katastrophalen Landtagswahlen in
Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern haben die Partei schwer
getroffen. Seit Wüst 2023 „den grassierenden Sofortismus“ und „elitären
Wunsch nach Radikalreformen“ [2][in der FAZ kritisierte] – und damit auch
Friedrich Merz –, gilt der nordrhein-westfälische Ministerpräsident vielen
in der Partei als Hoffnungsträger; selbst in der Jungen Union, der einst
stabilen Merz-Fankurve.
Könnte Wüst tatsächlich bald Merz im Kanzleramt ablösen – womöglich gar die
CDU aufrichten, die Koalition einen und Deutschland in eine prosperierende
Zukunft führen?
## Auch Merz galt einst als Hoffnungsträger
Der finanzpolitische Sprecher der Union im Bundestag, Fritz Güntzler, ist
zurückhaltend. „Friedrich Merz durch Hendrik Wüst zu ersetzen, ist wie der
Wechsel von Julian Nagelsmann zu Jürgen Klopp. Ein Trainerwechsel ersetzt
keine Mannschaftsleistung. Und die Herausforderungen bleiben auch die
gleichen.“
Güntzler wird parteiübergreifend geschätzt – als Fachpolitiker, aber auch
als Mannschaftskapitän des FC Bundestag, des Parlamentsfußballteams. Auf
Merz sei von Anfang an zu viel projiziert worden, sagt Güntzler. Das
Gleiche drohe auch Wüst.
Es ist gerade mal fünf Jahre her, da galt Merz selbst als der
Hoffnungsträger in der CDU. Einer, der die Partei nach Jahren der
empfundenen Beliebigkeit unter Angela Merkel wieder auf ihren konservativen
Markenkern zurückführen sollte. CDU pur, versprachen Merz und sein Trupp,
die wie in die Jahre gekommene Jungunionisten ins Kanzleramt einfielen.
Dort müssen sie nun feststellen, dass die Erde sich nicht schneller dreht,
nur weil man forsche Ansagen macht. Und dass die konservative Mitte
zwischen einer stramm rechten, vor Kraft strotzenden AfD und einer
erstarkenden Linkspartei inzwischen verdammt dünn besiedelt ist.
## Von Haus aus kein Liberaler
Schwingt nun das Pendel zurück zu jenen, die die CDU eben nicht nur als
konservativ, sondern auch als liberal und christlich begreifen? Die wollen,
dass die Partei auch wieder in andere Milieus ausstrahlt? Wüst wirkt von
Weitem wie eine Rückbesinnung auf die Ära Merkel. Er gilt als moderierend
und verbindlich. Seit fünf Jahren führt er ziemlich geräuschlos eine
schwarz-grüne Koalition.
Dabei ist er von Haus aus kein Liberaler. Der Gymnasiast, in der Abizeitung
als „schwarze Socke“ verspottet, tritt im zarten Alter von 15 Jahren der
Jungen Union bei und kurz darauf, 1992, in die CDU ein. Die
CDU-Nachwuchsorganisation bleibt seine Basis, in ihr und aus ihr heraus
steigt er auf. Und knüpft ein Netzwerk, das ihn bis heute trägt.
Mit Philipp Mißfelder, dem langjährigen Bundesvorsitzenden der JU, war Wüst
eng befreundet. Er soll geweint haben, als er von Mißfelders Tod erfuhr. Im
Jahr 2007 veröffentlichen die beiden zusammen mit Stefan Mappus und Markus
Söder [3][ein Grundsatzpapier für einen modernen bürgerlichen
Konservatismus]. Die vier bekennen sich darin zu einer „deutschen
Leitkultur“ und erklären die „rot-grüne Multi-Kulti-Idee“ für gescheitert.
Keine Gesellschaft könne Menschen anderer kultureller Prägung in beliebiger
Zahl aufnehmen.
Fast 20 Jahre später klingt Wüst in Istanbul ganz anders. Mehrfach betont
er, dass er der erste Ministerpräsident NRWs sei, der in die Türkei reise,
obwohl doch eine Million Menschen türkischer Herkunft in dem Bundesland
lebten, die Kinder und Enkel der Gastarbeiter. Diese Menschen seien viel zu
lange als Problem wahrgenommen worden statt als Chance. Er ehrt Gündoğan,
der sich gegen Anfeindungen und Diskriminierung habe wehren müssen, und
lobt dessen Verdienste um den Zusammenhalt. Fußball stehe für einen
„modernen, weltoffenen Patriotismus“.
## „Alles, was sichtbar ist, folgt einem Plan“
Hat er sich radikal verändert? Wohl kaum. Eher besitzt er ein Gespür für
politische Stimmungen. In der 2023 über ihn erschienenen Biografie urteilen
die Autoren, Wüst habe sich nie als großer Vordenker einen Namen gemacht.
Er sei ein Wandlungskünstler der Macht. „Einer, der den Zeitgeist mit
traumwandlerischer Sicherheit zu lesen versteht.“
Jemand, der Wüst lange kennt, formuliert es freundlicher: „Wüst hat ein
konservatives Standbein und ein liberales Spielbein.“ Und er habe
verstanden, dass die CDU eine Volkspartei sei. Das sei Teil seiner steilen
Lernkurve.
Was Wüst zudem auszeichnet, ist seine Professionalität. Als „maximal
diszipliniert und top vorbereitet“ beschreibt ihn ein:e Parteifreund:in.
„Alles, was sichtbar ist, folgt einem Plan.“ Das bestätigt sich auch in der
Türkei. Wüsts Team, ein kleiner, eingespielter Kreis, dessen strategischer
Kopf der Chef der Staatskanzlei Nathanael Liminski in Düsseldorf ist, hat
die Reise – Orte, Begegnungen und Kulissen – ein Jahr lang geplant. Neben
Erdoğan posiert Wüst im Präsidentenpalast, neben einem ehemaligen
Gastarbeiter vor dem Bosporus.
Es scheint, als mache Wüst keine Fehler – und das ist wohl der
augenfälligste Unterschied zum aktuellen Kanzler. Doch hier gilt: Je näher
man kommt, desto größer werden die Kratzer. Wüsts Bilanz nach fünf Jahren
als Landesvater Nordrhein-Westfalens ist bestenfalls durchwachsen. Die
Arbeitslosenquote liegt hier höher als im Rest der Republik – in
Gelsenkirchen beträgt sie traurige 15,6 Prozent.
Das Wirtschaftswachstum dümpelt mit 0,3 Prozent nur bei einem Drittel des
sowieso schon geringen Bundesdurchschnitts herum. Der Regionalverkehr auf
der Schiene ist unfassbar schlecht. Und jede dritte Straßenbrücke im Land
gilt als marode. Eine strahlende Empfehlung für höhere Aufgaben ist Wüsts
Regierungszeit in NRW nicht.
Aber will er überhaupt ins Kanzleramt? Es heißt, zur Jobbeschreibung eines
Ministerpräsidenten gehöre es, solche Ambitionen zu hegen. Und Wüst hat oft
genug bewiesen, dass er einen ausgeprägten Machtwillen besitzt. Als 2010
Vorwürfe im Raum stehen, er habe Firmen gegen Geld exklusiven Zugang zu
Spitzenpolitikern vermittelt, muss er als CDU-Generalsekretär in NRW
zurücktreten. Sieben Jahre später kehrt er als Verkehrsminister ins
Kabinett von Armin Laschet zurück und beerbt diesen 2021 als Landesvater.
Laschet erfährt in der Zwischenzeit, dass man auch als überaus beliebter
Landespolitiker auf der großen Bühne scheitern und über Intrigen in den
eigenen Reihen stolpern kann. Wer den Sprung nach Berlin wagt, braucht
einen inneren wie äußeren Schutzschild. Wüsts wichtigster Schutz ist seine
Vorsicht. Er wagt sich selten aus der Deckung.
In der Türkei weicht er der Frage einer Journalistin aus, ob die Union eine
andere Ansprache in der Migrationspolitik brauche. Er wolle im Ausland
keine innenpolitischen Statements abgeben. Allerdings äußert sich Wüst auch
im Inland kaum dazu, wie er sich etwa Reformen bei Pflege, Rente oder
Gesundheit vorstellt. Wer sich von Wüst inhaltliche Führung erhofft, wird
enttäuscht.
Zu seinen politischen Ambitionen erklärte er kürzlich jedoch recht klar:
„Ich trete für fünf Jahre an. Ich habe keine anderen Pläne.“ An dieses
Wording klammern sich Christdemokraten wie Grüne in der Landeshauptstadt
Düsseldorf. Der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU, Matthias
Kerkhoff, geht davon aus: „Hendrik Wüst wird auch nach 2027
Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen sein, und das für die gesamte
kommende Legislaturperiode.“
Wüst gilt in Nordrhein-Westfalen als unersetzlich. Die Kampagnenplanung der
CDU für die Landtagswahl im April hat längst begonnen – mit ihm im
Mittelpunkt. Auch eine geeignete Nachfolge ist nicht in Sicht.
Fraglich bleibt auch, ob Wüst, der im beschaulichen Rhede aufwuchs und von
dort nie wegzog, in Berlin heimisch werden würde. Der Regierungschef, der
seine Eltern früh verlor, ist erst im März zum zweiten Mal Vater geworden.
Das persönliche Glück und die CDU-Herrschaft über die Staatskanzlei
gleichzeitig aufs Spiel zu setzen, scheint gewagt, zumal für jemanden, der
so vorsichtig agiert wie Hendrik Wüst.
Kann Friedrich Merz sich also erst einmal entspannen? Wenn sich ab Freitag
die Junge Union zum „Deutschlandtag“ in Bonn trifft, werden beide dort
reden, erst Wüst und am nächsten Tag Merz. „Alle spüren, dass sich die
Zeiten geändert haben, und ich bin gespannt, wer die besten Antworten
gibt“, meint der aktuelle Vorsitzende der Jungen Union, Johannes Winkel.
Die Debatte über einen Kanzlertausch sei vorbei.
Traditionell dient der JU-Parteitag dazu, [4][Bewerbungsreden fürs
Kanzleramt] zu halten. Markus Söder hat sich für Sonntag angekündigt.
17 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Krise-der-CDU/!6211098
(DIR) [2] https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/hendrik-wuest-ueber-die-cdu-das-herz-schlaegt-in-der-mitte-18964998.html
(DIR) [3] https://www.welt.de/politik/article1163132/Positionspapier-im-Wortlaut-Warum-die-Union-an-ihre-Wurzeln-denken-muss.html
(DIR) [4] /Deutschlandtag-der-Jungen-Union/!6045064
## AUTOREN
(DIR) Anna Lehmann
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