# taz.de -- Der CDU-Chef beim Parteinachwuchs: „Herr Merz, wann bitten Sie um Ihre Entlassung?“
> Der Kanzler und die Junge Union versuchen sich wieder anzunähern. Das
> klappt bedingt. Aber auch der mögliche Konkurrent überzeugt nicht ganz.
(IMG) Bild: Sie wollen wieder ins Gespräch kommen – Friedrich Merz und Johannes Winkel beim Deutschlandtag der Jungen Union
Auf Botschaften zwischen den Zeilen versteht sich der CDU-Parteinachwuchs.
Zu den Klängen von „Storm II“ von Genera8ion & Yung Lean läuft Friedrich
Merz beim Deutschlandtag der Jungen Union in den Konferenzsaal ein. Um es
vorwegzunehmen: Nein, ein erneuter Sturm der Entrüstung, wie vor einem Jahr
in Baden-Württemberg, brandete dem Kanzler an diesem Samstag in Bonn nicht
entgegen. Aber die Zweifel an ihm bleiben.
Der Applaus nach seiner fast einstündigen Rede war bestenfalls lauwarm und
einer der Jungunionisten, die sich im Anschluss zu Wort meldeten, fragte
Merz: „Sie haben leider viel Vertrauen verspielt“ – wann er endlich die
Konsequenzen aus den schlechten Zustimmungswerten ziehe und den
Bundespräsidenten um seine Entlassung bitte? Ein Raunen ging durch den
Saal, vereinzelter Beifall, aber auch pikierte Gesichter.
Die Erwartungen an den Auftritt des Bundeskanzlers waren hoch. Nachdem
dieser dem Parteinachwuchs im vergangenen Jahr gefühlt den Mittelfinger
gezeigt hatte – [1][damals lagen Merz und die Junge Union beim Thema Rente
überkreuz] – hofften nun viele darauf, dass der Kanzler wieder auf seine
einstige Fanbase zugeht.
Die Parteijugend drängte vor allem auf ein Bekenntnis des Kanzlers, dass
der die von der Rentenkommission erarbeiteten Vorschläge umsetzt und
insbesondere die sogenannte Rente mit 63 abschafft. Der mit starken 95
Prozent im Amt bestätigte JU-Bundesvorsitzende Johannes Winkel hatte die
Latte am Freitag noch einmal bewusst hoch gelegt und sich direkt an Merz
gewandt: „Lieber Herr Bundeskanzler, Sie haben die Chance, die sich einer
politischen Generation nur einmal bietet: Setzen Sie dieses Gesamtpaket
um.“
## Dann kehrt hoffentlich Ruhe ein
Merz bemühte sich, die atmosphärischen Gräben zu überbrücken und
versicherte: „Diese (Vorschläge der Rentenkommission, Anm.d.Red.) wollen
wir jetzt umsetzen.“ Er teile die Erwartung der Jungen Union, dass ein
Gesetzentwurf noch bis Jahresende vom Kabinett beschlossen und vom
Bundestag beraten werde.
Ansonsten verzichtete der Kanzler in Bonn bewusst oder unbewusst auf große
Ankündigungen und neue Versprechen und beschränkte sich darauf, zu
versichern, dass er die versprochenen Reformen durchziehen wolle. Wenn man
den Reformprozess abgeschlossen habe, dann werde auch wieder mehr Ruhe
einkehren, hoffte Merz.
Sollte es der Union allerdings nicht gelingen, das Wachstum der
Volkswirtschaft wieder nachhaltig anzukurbeln und die Sozialsysteme
zukunftsfest zu machen, „dann haben wir bei der nächsten Bundestagswahl
keine Chance.“ Damit verknüpft Merz sein eigenes Schicksal mit dem der
Partei.
Ganz verloschen war die Begeisterung des Parteinachwuchses für den
einstigen Hoffnungsträger aber nicht, insbesondere, als der gegen die
Linkspartei und den Koalitionspartner, die SPD, austeilte. Wer die
politische Mitte stärken wolle, dürfe nicht mit der Berliner Linken
koalieren, die Antisemitismus wieder gesellschaftsfähig mache, sagte Merz
und donnerte mehrmals in Richtung von Grünen und SPD: „Hört auf damit.“ Die
etwa 300 jungen Männer und Frauen im Saal quittierten dies mit Johlen und
Klatschen.
## Die SPD auf ihren Platz verweisen
Grundsätzlich bekannte sich Merz zur Koalition mit der SPD und wandte sich
gegen das „Gerede von einer Minderheitsregierung“. „Das gefährdet nicht nur
die Zukunft unseres Landes, sondern auch die Existenz unserer Partei –
deshalb hören wir bitte auf, darüber zu sprechen.“ Gleichwohl dürfe man
aber auch nicht alles akzeptieren und müsse dem Koalitionspartner
entgegentreten, wenn er etwa „unsere Politik als unmenschlich bezeichnet.“
Das bezieht sich auf die Aussage von Mecklenburg-Vorpommerns
Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD), die das „unmenschliche
Verhalten“ der CDU gegenüber Bärbel Bas öffentlich gerügt hatte. Die
SPD-Vorsitzende und Arbeitsministerin war Anfang der Woche zurückgetreten.
[2][Seitdem knirscht es in der Koalition hörbar].
Dass sich das Verhältnis zwischen den zwei Parteien entspannt, ist nach
diesem Auftritt wohl nicht zu erwarten. Denn Merz sagte auf Nachfrage, es
müsse klar werden, „wer der größere und wer der kleinere Koalitionspartner
ist.“ Sein Versuch, die Sozialdemokraten zum Kellner zu degradieren, dürfte
bei diesen nicht gut ankommen.
Wohl aber bei der Jungen Union. So bat Manuel Knoll, Landesvorsitzender der
JU Bayern, den Kanzler: Wenn Merz jetzt die Reformen gegen die SPD
durchziehe, „dann wollen wir sie unterstützen“. Ein Wunsch nach CDU pur und
nach dem alten Merz.
## Auch die CDU soll Subventionen kürzen
Die Junge Union, die sich als Motor und Antreiber der Mutterpartei
begreift, empfing den Kanzler mit ausgeprägtem Selbstbewusstsein. Man sei
längst kein Kanzlerwahlverein mehr, hatte Winkel in einer Pressekonferenz
vor Beginn des Deutschlandtages gesagt und teilte auch in seiner Rede
ordentlich gegen die Union und ihre Politik aus. „Die CDU macht Politik,
als ob wir noch im Jahr 2010 wären“, bemängelte Winkel, er beklagte die
„Resignation“ in der Partei und Reformen, die den Namen nicht verdienten.
Gesundheit – ein Sparpaket, Pflege – ein Belastungsgesetz, die einzig
richtige Reform sei die Rentenreform. Und die hätte es ohne die JU nicht
gegeben.
Winkel versuchte den Bogen nach vorn zu schlagen und die CDU grundsätzlich
auf „neue“ Themen einzuschwören, auf eine „neue“ Debattenkultur und eine
„Neu“-Definition der Mitte. Alles neu also? Nicht ganz. Dass die Union
Familien in den Mittelpunkt ihrer Politik stellen soll, ist kein
grundsätzlich revolutionärer Gedanke. Winkel forderte aber, für eine gute
Familienpolitik auch Subventionen zu streichen, etwa für Agrar-Diesel, die
Gastrosteuer, den Tankrabatt und „die NGO-Industrie“.
Von der AfD setzte sich der JU-Vorsitzende scharf ab – solange diese
völkische Positionen beziehe, werde man nicht mit ihr zusammenarbeiten –
„Das ist für mich eine Frage des Charakters und nicht der Umfragewerte.“
Ein Delegierter war da vorsichtiger. Die AfD sei grässlich, ja, „aber
irgendwann müssen wir angesichts der Umfragen mit denen reden und bei
einigen Themen gibt es ja durchaus Überschneidungen.“
Die aktuellen Entwicklungen in Sachsen-Anhalt? Kein Thema auf dem
Deutschlandtag. Balsam für die geplagte Seele junger Konservativer war die
Auseinandersetzung mit der Berliner Linken, die nicht nur der Kanzler
betrieb. Sollten SPD und Grüne eine Koalition mit der Linken in Berlin
eingehen, „dann müssen wir uns überlegen, was das für die Koalition heißt
und ob wir mit diesen Leuten noch zusammenarbeiten“, droht auch Winkel. Was
das bedeutet, ließ er offen – Neuwahlen oder doch eine unionsgeführte
Minderheitsregierung?
Gleichzeitig stärkte Winkel aber Merz demonstrativ den Rücken. „Vertrauen,
das verloren gegangen ist, kann man bestimmt nicht zurückgewinnen, indem
man wegläuft.“ Es komme jetzt darauf an, Entscheidungen zu treffen.
Immerhin, ein Vertrauensvorschuss. „Am Ende einer Wahlperiode wird
zusammengezählt“, antwortete Merz knapp auf die Frage nach seinem
Rücktritt. Hörte man sich unter den Delegierten um, dann glaubte ohnehin
kaum jemand, dass Merz noch einmal antritt. Er habe ja sein Ziel erreicht
und sei jetzt Kanzler, meinte einer.
## „Reißt euch zusammen“
[3][Am Vortag hatte die Junge Union bereits Hendrik Wüst] empfangen, und
zwar mit der musikalischen Grußbotschaft von DJ Axwell: „You should know
that, baby, you’re the best“. Vielleicht eine Anspielung auf die
hartnäckigen Gerüchte, Wüst könnte selbst als Kanzler einspringen und die
Lücke füllen, die seit dem letzten Deutschlandtag zwischen Merz und JU
klafft. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident formte zu Beginn
seines Auftritts ein kleines Herz mit den Händen.
Wüst lobte zwar gleich zu Beginn: Die JU gebe ihm in diesen Zeiten Mut,
„ihr treibt uns an“. Die JU sei der „Zukunftsmotor“ der Union. Seine Kritik
an Merz und der Bundesregierung blieb aber zurückhaltend. Wüst räumte ein,
es seien „Fehler gemacht worden und Vertrauen verloren gegangen“,
appellierte aber in Richtung Berlin: „Reißt euch zusammen, es muss
gelingen, dass wir nach vorne schauen“.
So ganz erreichte aber auch Wüst nicht die Herzen der Jungen Union. Diese
Rede habe „er so wahrscheinlich auch schon mal woanders gehalten“, meinte
ein Delegierter aus Bremen. Es habe ihm etwas Dynamik gefehlt.
Am Sonntag erwartet die JU Markus Söder auf der Bonner Bühne. Mal sehen, ob
es dem bayerischen Ministerpräsidenten und versierten Bierzelt-Redner
gelingt, beim Parteinachwuchs mehr Begeisterung zu entfachen.
17 Oct 2026
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