# taz.de -- Deutschlandtag der Jungen Union: Systematische Leerstellen
       
       > Die Junge Union fieberte dem Auftritt des Kanzlers entgegen. Klar wurde,
       > welche Themen sowohl Merz als auch die jungen Konservativen ausklammern.
       
 (IMG) Bild: Friedrich Merz und Johannes Winkel beim Deutschlandtag der Jungen Union: Kein Wort zur Vermögensungleichheit
       
       Der Parteitag der Jungen Union ist kein Wohlfühltermin. Nicht für Menschen,
       die politisch links stehen, aber auch nicht für ehemalige neoliberale
       Einpeitscher wie den aktuellen Bundeskanzler. Friedrich Merz wurde vom
       CDU-Nachwuchs als Oppositionsführer einst wie ein Heilsbringer verehrt.
       Nun, da er sich als Kanzler bewähren darf, ist die Enttäuschung groß. Die
       Zustimmung in der Bevölkerung zur CDU und zum Kanzler sackt immer weiter
       ab. Dabei ist auch die Junge Union Teil des Problems. Indem sie auf CDU pur
       setzt, ignoriert sie die große Vermögensungleichheit im Land und die
       gefährlichen Folgen einer sozialen Kürzungspolitik.
       
       [1][Dem Auftritt des Kanzlers am Samstag hatten viele Jungunionisten
       entgegengefiebert.] Würde Friedrich Merz, der ihre Rentenforderungen im
       vergangenen Jahr so schnöde abgewiesen hatte, wieder auf sie zukommen?
       Würde er zudem einen Weg skizzieren, wie die Mutterpartei aus der
       gegenwärtigen Krise und zu ihrer alten Stärke als Volkspartei zurückfindet?
       Bei ersterem Punkt versuchte Merz, die Junge Union im gewohnten
       Entscheidermodus zu beeindrucken: Er wolle, [2][dass die Vorschläge der
       Rentenkommission, so wie sie auf dem Tisch liegen, umgesetzt werden.] Er
       will, aber kann er? Die Restzweifel waren spürbar.
       
       Der zweite Wunsch, der nach strategischer und inhaltlicher Führung, blieb
       unerfüllt. Merz probierte sich zwar am Bild von Deutschland im Jahr 2040 –
       ein Land, in dem man lieben kann, wen man will und leben, wo man will, in
       dem man malocht und damit den Kredit fürs Häuschen abbezahlt. Dieses Bild
       war selbst für die Pullunderträger von der Jungen Union etwas zu bieder.
       
       Der Vorsitzende der Jungen Union, Johannes Winkel, versuchte es mit einem
       etwas größeren Gesellschaftsentwurf, in dem er die politische Mitte und
       künftige Auseinandersetzungen umriss. Doch auch dieses Bild wies auffällige
       Leerstellen auf: Kein Wort zur Vermögensungleichheit, zum Klimawandel und
       zu den Ursachen der tiefen Demokratieverdrossenheit. Stattdessen Abgrenzung
       gegen Rechtsextreme – Gottseidank! – und – Ach Gott! – gegen die
       Linkspartei. In den Attacken auf diese und im Glauben, dass die Demokratie
       von links ebenso bedroht sei wie von rechts, sind sich Merz und die Junge
       Union immerhin einig.
       
       Im Kern ist die Junge Union eigentlich nichts anderes als eine Ansammlung
       [3][Merzscher Glaubenssätze]: Den Klimawandel bekämpft man mit
       Technologieoffenheit, der Sozialstaat ist unbezahlbar, und gerecht ist eine
       Welt, in der die Jungen nicht zu viel für die Alten zahlen müssen. Das
       riesige Gefälle zwischen einem 20-jährigen Milliardär, der geerbt hat, und
       einem 20-jährigen ohne Schulabschluss, dessen Eltern in Armut leben, ist
       für die Jungunionisten vernachlässigbar. Alles eine Frage von
       Anstrengungsbereitschaft und dem Willen sich hochzuarbeiten.
       
       Dass damit systematische Konflikte ungelöst bleiben und dem einzelnen
       Menschen die Schuld am Scheitern zugeschoben wird, dass so die Wahrnehmung
       von Ohnmacht und Ausgeliefertsein steigt und das Vertrauen in die
       Wirksamkeit von Politik sinkt, dafür sind Merz und die Junge Union blind.
       Und scheinen deshalb auch nicht zu bemerken, wie sie den Verdruss über die
       Demokratie selbst befördern, die sie doch eigentlich schützen wollen.
       
       18 Oct 2026
       
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