# taz.de -- Nach linkem Wahlsieg in Berlin: Schwarz-blaue Panik
> Die Union schießt mit aller Kraft gegen die sich formierende
> rot-grün-rote Regierungskoalition in Berlin. Mit ihrer Kampagne erinnert
> sie an die AfD.
(IMG) Bild: Deutschlandtag bei der Jungen Union: Hetze gegen Links
Wir sind verloren. Die Zäsur steht bevor, der Tabubruch, das Ende von
Demokratie und Rechtsstaat. Alles ist dem Untergang geweiht. Wenn man der
Union und manchen konservativen Journalist*innen zuhört, dann liegt das
aber nicht daran, dass erstmals seit 1945 wieder [1][Rechtsextreme die
höchsten Ämter in deutschen Bundesländern besetzen.] Oder dass konservative
Politiker*innen ihren Beitrag dazu leisten. Sondern daran, dass in
Berlin drei demokratische Parteien entschieden haben, über ein
Regierungsbündnis zu verhandeln.
Eine dieser Parteien hat allzu lange keinen konsequenten Umgang gefunden
mit antisemitischen und terrorverherrlichenden Positionen unter den eigenen
Leuten. Kritik daran ist notwendig. Das aber, was gerade etwa von Seiten
der Union täglich in die Welt hinausgeblasen wird, hat damit nichts zu tun.
Es ist eine zunehmend enthemmte Kampagne – und inhaltlich kaum noch von der
AfD zu unterscheiden.
Ein Banner auf dem „Deutschlandtag“ der Jungen Union: eine mit Kufiya
vermummte Person, ein Aufkleber mit dem Namen der Berliner
Linken-Spitzenkandidatin Elif Eralp – daneben der Spruch: „Nie wieder ist
jetzt“.
[2][CSU-Chef Markus Söder fordert eine „Brandmauer nach links“] und eine
„Extremismusklausel“ beim Länderfinanzausgleich – nicht zuletzt wegen der
Berliner Pläne, große Wohnungskonzerne zu vergesellschaften. Berlin dürfe
„nicht zum politischen Experimentierfeld von linksextremen und
clan-kriminellen Milieus werden“, hyperventiliert derweil
Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), und sieht die linke
Verschwörung nicht nur in Deutschland am Werk: Auch bei den [3][Protesten
in Frankreich] träfen sich „Linksextremisten und ein migrantisches Milieu“
auf der Straße, und zwar für einen „bewaffneten Kampf gegen die
freiheitliche Gesellschaft und unseren Lebensstil“.
## KI-generierte Hetze
Und weil die Sondierer*innen das Wahlrecht für lange im Land lebende
Ausländer*innen wollen, fabuliert der ehemalige CDU-Europaabgeordnete
Elmar Brok, die Linke schaffe sich „ihr eigenes Wahlvolk, um mit
antisemitischen Slogans Mehrheiten in Deutschland zu schaffen“.
Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion Potsdam postet auf Instagram derweil
ein Bild des Berliner Roten Rathaus samt Hammer-und-Sichel-Emblem und
Minaretttürmen. „'Judenfrage’ geklärt, jetzt wird enteignet“, steht darauf.
„Damit ist die ‚Brandmauer‘ gefallen!“
Trotz aller Hürden wird eine rot-grün-rote Regierung in Berlin immer
wahrscheinlicher. Und je näher sie rückt, desto mehr radikalisiert sich
offenbar die Union. Ein linker Plan, um das Land zu islamisieren und durch
Migration das Wahlvolk auszutauschen: Selbst die rechtsextreme – und
zutiefst antisemitische – Verschwörungserzählung vom „großen Austausch“ ist
nun offenbar in einem Teil des konservativen Milieus völlig normalisiert,
sei es bei der Union, in der Welt oder der FAZ.
## Gemeinsamer Konsens
Viel weniger radikal als die Union sind derweil die Pläne der von ihr so
geschmähten Verhandler*innen. Vergesellschaftung ist als Möglichkeit
immerhin explizit im deutschen Grundgesetz vorgesehen und somit wahrlich
kein Angriff auf eben dieses. Und ein mindestens kommunales Wahlrecht auch
für Nicht-EU-Staatsbürger*innen gibt es in einer ganzen Reihe von
EU-Ländern, ohne dass dort die öffentliche Ordnung zusammengebrochen wäre.
Beim Thema Antisemitismus haben Linke, Grüne und SPD sich auf einen
gemeinsamen Konsens und Mechanismen geeinigt. Ob das reicht und in der
Praxis wirklich gelingt, wird die Linke beweisen müssen. Die Gelegenheit
dazu sollte man ihr lassen.
Die Weltuntergangswarnungen der Union wirken umso skurriler, wenn man
bedenkt, dass die Linkspartei in so mancher Landesregierung sitzt und
gesessen und die in Thüringen sogar angeführt hat. Eben dort trägt die
Partei heute die CDU-geführte Minderheitsregierung unter Mario Voigt mit,
um demokratische Verhältnisse zu stützen.
Verhältnisse, die derzeit an vielen Orten angegriffen werden. Denkt man
zurück an migrationsfeindliche Beschlüsse im Bundestag mithilfe der AfD,
[4][an die Verbannung von Stolpersteinen] zusammen mit Rechtsextremen, an
eine Zusammenarbeit mit der AfD auf Berliner Bezirksebene oder an die Wahl
eines AfDlers zum Landtagspräsidenten, dann ist auffällig, wer daran
regelmäßig mitwirkt: die Union. Die große Gefahr ist, dass hier nicht nur
eine Kampagne völlig überdreht – sondern dass der Boden bereitet wird für
eine Annäherung, die tatsächlich einen Angriff auf die freiheitliche
Gesellschaft darstellt.
23 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Rechtsextremismus/!t5007723
(DIR) [2] /CSU-will-weniger-Geld-zahlen/!6224000
(DIR) [3] /Sozialproteste/!t5014728
(DIR) [4] /Stolpersteine-in-Sachsen/!6215252
## AUTOREN
(DIR) Dinah Riese
## TAGS
(DIR) CDU
(DIR) Junge Union
(DIR) Die Linke in Berlin
(DIR) Schwerpunkt Rot-Grün-Rot in Berlin
(DIR) Antisemitismus
(DIR) GNS
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Rechtsanwalt über AfD-Leak: „Diese Innenansicht hatten wir bisher nicht“
Der auf IT spezialisierte Rechtsanwalt Chan-jo Jun hält den AfD-Leak für
einen möglichen „Gamechanger“. Steckt darin das fehlende Puzzlestück für
ein Verbot?
(DIR) Länderfinanzausgleich: Finanzministerium sieht „Extremismusklausel“ kritisch
Bundesfinanzminister Klingbeil bremst den Vorstoß von CSU-Chef Söder ab,
von Linke oder AfD regierten Bundesländern Mittel vorzuenthalten. Er
verweist auf ein anderes Mittel.
(DIR) Vorstoß aus Bayern: CSU für „Extremismusklausel“ im Länderfinanzausgleich
Mit der „Extremismusklausel“ will die CSU den Ländern weniger zahlen, in
denen künftig AfD und Linke regieren. Jetzt verteidigt auch der
Generalsekretär die Idee.
(DIR) AfD in Mecklenburg-Vorpommern: AfD-Abgeordneter zeigt Neonazi-Geste im Schweriner Landtag
Tommy Thormann ist schon in der Vergangenheit als Rechtsextremist
aufgefallen. Im Landtag von MV knüpft er an seinem ersten Parlamentstag
daran an.
(DIR) Bundestreffen der Jungen Union: Die neue Macht der halb so Wilden
Zwischen Kanzlercasting und wiederentdeckter Angst vor links sucht die
Junge Union nach der Zukunft ihrer „neuen“ Mitte. Rot-Grün-Rot in Berlin
soll geächtet werden.