# taz.de -- Sondierungsstopp in Berlin: Und jetzt?
> Rot-Grün-Rot in Berlin liegt auf Eis. Wieder gibt es Streit über den
> Umgang der Linken mit Antisemitismus. Vor allem die SPD sieht noch
> Klärungsbedarf.
(IMG) Bild: Da war die Stimmung noch besser: Werner Graf (Grüne), Kerstin Wolter (Linke) und Steffen Krach (SPD) bei einem Pressestatement
„Ich bin schon verwundert über die Art und Weise, wie die Gespräche über
ein Linksbündnis unterbrochen wurden“, sagt ein führendes Mitglied der
Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus am Mittwochmorgen. Am Abend
zuvor hatten der Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf und sein SPD-Kollege
Steffen Krach mitgeteilt, „dass wir an dieser Stelle die Sondierungen
unterbrechen müssen“.
War es das jetzt mit einem Bündnis aus Linkspartei, Grünen und SPD in
Berlin? Nein, sagt die Grüne. „Es gibt überhaupt keine Alternative.“ Eine
Koalition mit der CDU, deren Spitzenkandidat Stefan Evers am Mittwoch
betonte, ihre Hand sei ausgestreckt, lehnen die Grünen ab. Auch eine von
der SPD tolerierte Minderheitsregierung komme nicht infrage. Und Neuwahlen
seien erst recht keine Option. „Da gewinnen AfD und CDU, während Grüne,
Linke und SPD deutlich verlieren würden.“
Der Unmut ist groß bei den Grünen, auch wenn er sich nicht unbedingt gegen
den eigenen Spitzenkandidaten richtet. Der grüne Kreisverband
Friedrichshain-Kreuzberg fordert am Mittwochmorgen die „sofortige
Wiederaufnahme der Sondierungsgespräche“. Wenn die drei gewählten
demokratischen Parteien diesen Auftrag nicht annehmen, heißt es,
„verspielen wir womöglich unsere letzte Chance gegen den Faschismus“.
Berlin brauche jetzt den Politikwechsel – „und der geht nur mit Linken,
Grünen und SPD“.
Auch bei den Sozialdemokraten hat sich Unmut angestaut. „Wir alle wollen
Rot-Grün-Rot“, sagt eine Abgeordnete der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus.
„Wie das alles gelaufen ist, ist nicht nachvollziehbar.“
Aber es gibt in der SPD auch Fragen an die Linkspartei. Eine davon lautet:
Gilt die Vereinbarung, die die Verhandlerinnen und Verhandler aller drei
Parteien am Donnerstag vergangene Woche zum Schutz des jüdischen Lebens in
Berlin und dem Bekenntnis zum Existenzrecht Israels vorgestellt haben, auch
für die 45-köpfige Linksfraktion? „Einen Hinweis auf diese Vereinbarung
suchen wir in der Erklärung der Linksfraktion vergeblich“, sagt ein anderes
Mitglied der SPD-Fraktion.
Was genau ist passiert?
Es war bereits nach 20 Uhr, als [1][Elif Eralp] am Dienstag mit gesenktem
Kopf als Letzte aus dem Sitzungssaal der Linksfraktion schlich. Die
Kamerateams hatten bereits abgebaut, auf Frage der taz nach einem Statement
schüttelte die Linken-Spitzenkandidatin für das Amt der Regierenden
Bürgermeisterin nur den Kopf.
Die Ankündigung von Grünen und SPD, die Sondierungen zu unterbrechen,
erreichte die Fraktion kurz vor Sitzungsende – und überraschte sie nicht
nur, sondern erschütterte sie offenbar auch. Eigentlich hätten die
Gespräche am Abend weitergehen sollen.
Zuvor hatte die neue 45-köpfige Fraktion 8 Stunden lang zusammengesessen.
Etwa drei Stunden wurde dabei über die gemeinsame Erklärung diskutiert, in
der sich alle Abgeordneten zum Schutz jüdischen Lebens und zum
Existenzrecht Israels bekennen. Gerungen wurde dabei nach taz-Informationen
vor allem darum, welche Passagen aus den vielen aufgeführten
Parteitagsbeschlüssen zu Nahost noch einmal konkret benannt werden. Ein
zentraler Satz dabei: „Wir stehen zum Existenzrecht Israels und für gleiche
Rechte aller Menschen in Israel.“
In einem Statement noch während der laufenden Fraktionssitzung hatte sich
Eralp noch optimistisch gezeigt. Sie betonte darin, dass die Linke „für den
Schutz jüdischen Lebens“ und der daraus resultierenden Verantwortung stehe.
Über die Sondierungen der vergangenen Tage sagte sie: „Es gab intensive,
aber auch gute Gespräche mit SPD und Grünen. Wir haben viele
Gemeinsamkeiten festgestellt.“
Die „Berliner Vereinbarung“, also die Einigung zwischen Linken, SPD und
Grünen in den Vorab-Sondierungen, die neben einem Bekenntnis zum Schutz
jüdischen Lebens auch einen Mechanismus zum Umgang der Fraktionen bei
Verstößen gegen diese Grundsätze beinhaltet, stand dabei gar nicht zur
Debatte, heißt es von mehreren Abgeordneten der Linken gegenüber der taz.
Parteiintern war sie auf viel Kritik gestoßen, etwa hinsichtlich der Frage,
ob damit der Linken die [2][IHRA-Definition zu Antisemitismus] aufgedrückt
werde, die auch bestimmte Formen der Israelkritik als antisemitisch
einordnet. Die Partei lehnte diese Definition ab. Auch die verabredete
Stärkung von Polizei und Verfassungsschutz hatte Unmut erzeugt.
Doch ein Abrücken von dem Kompromiss mit SPD und Grünen will bei der Linken
niemand erkennen. Die „Berliner Vereinbarung“ werde Teil eines Gesamtpakets
zu den Sondierungsergebnissen sein, über die der Parteitag der Linken in
zwei Wochen entscheiden will. „Sie hat natürlich weiter eine bindende
Kraft, wenn wir eine Koalition bilden“, heißt es von einem Abgeordneten.
## Welche Nebenabsprachen gab es
Womöglich liegt der Knackpunkt und der Grund für den Stopp der Sondierungen
genau an diesem Punkt. Und nicht an einer Personalie, die zuvor immer
wieder genannt worden war. „Vanessa Emde war kein Thema in der
Fraktionssitzung am Dienstag“, sagt eine Grüne. Gleiches ist aus der SPD zu
hören.
Emde, die ihren Wahlkreis in Neukölln mit 46,2 Prozent direkt gewonnen
hatte, hatte auf einer Kundgebung im Mai erklärt, Staaten hätten kein
Existenzrecht. Für SPD und Grüne ist damit klar, dass Emde das
Existenzrecht Israels leugnet. Auch vor der konstituierenden
Fraktionssitzung der Linken am Dienstag hatten sie ihre Forderung nach
einem Fraktionsausschluss von Emde erneuert.
Im ZDF-„Morgenmagazin“ hatte [3][Grünenchef Felix Banaszak] noch erklärt,
der Ausschluss Emdes sei Voraussetzung für den Eintritt seiner Partei in
Sondierungsgespräche gewesen Doch SPD und Grüne in Berlin ruderten danach
ein Stück zurück. Dass Emde, die die Erklärung der Fraktion unterschrieb,
Teil der Linksfraktion bleibe, sei nicht der Grund für die Unterbrechnung
der Sondierungen, heißt es.
Ähnlich äußerte sich auch die Grüne Co-Parteichefin Nina Stahr. „Dass
Vanessa Emde ein Stück weit eine Person ist, an der es Kritik gab, das war
klar“, sagte Stahr dem Inforadio des RBB. „Aber wir haben sehr klar gesagt,
wir haben hier eine gemeinsame Erklärung und die muss die Basis unseres
Zusammenarbeitens sein.“
Zuvor war über Nebenabsprachen spekuliert worden, die die Verhandlerinnen
und Verhandler in den vier Vorsondierungen getroffen hätten. Dabei soll die
Linke gegenüber SPD und Grünen einen Fraktionsausschluss von Emde ins
Gespräch gebracht haben. Bei der Vorstellung der „Berliner Vereinbarung“
war davon am vergangenen Donnerstag aber keine Rede gewesen. Auch in der
Vereinbarung selbst wird Emde nicht namentlich erwähnt.
## Die Tür steht noch ein wenig offen
Ob und wie es nun weitergeht, war am Mittwoch offen. Zumindest an den
Grünen soll es nun nicht mehr scheitern. Am Mittag erklärte der
Landesverband: „Wir wollen Rot-Grün-Rot. Wir wollen uns mit der SPD und der
Linkspartei einsetzen für bezahlbares Wohnen, für eine echte Verkehrswende,
echten Klimaschutz, der sozial gestaltet ist.“ Entscheidend sei, „dass
unsere gemeinsame Berliner Erklärung gegen Antisemitismus gilt“.
Die SPD hingegen sieht weiter Klärungsbedarf. Die Landesvorsitzenden
Bettina König und Steffen Krach erklärten, die Berliner Vereinbarung sei
eine „Grundvoraussetzung für den Einstieg in die Sondierungen“ gewesen:
„Diesen Weg hat die Linke gestern verlassen und ein eigenes Papier gemacht,
das keinen Bezug auf die gemeinsame Vereinbarung nimmt und wesentliche
Bestandteile daraus nicht berücksichtigt.“ Es gehe „schlicht um
Verlässlichkeit und Vertrauen“. Die Linke müsse nun „deutlich machen, wie
sie zu unserer Vereinbarung steht und auf den verabredeten gemeinsamen Pfad
zurückkehren will, um unsere Sondierungen fortzusetzen“.
14 Oct 2026
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