# taz.de -- Monika Herrmann zu Berlin-Sondierungen: „Jede rot-grün-rote Koalition verfestigt die Demokratie“
> Die grüne Ex-Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg fordert endlich
> inhaltliche Gespräche. Linke, Grüne und SPD sollen Druck von außen
> trotzen.
(IMG) Bild: Die frühere Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann sieht die Grünen als Motor der Verhandlungen über ein Linksbündnis
taz: Frau Herrmann, am Wahlabend freuten Sie sich, dass die Grünen eine
Vermittlerrolle zwischen Linken und SPD einnehmen könnten. Bei der jüngsten
[1][Unterbrechung der Sondierungsverhandlungen] sah es dagegen mehr so aus,
als stehe ihr [2][Fraktionschef Werner Graf] an der Seite von SPD-Chef
Steffen Krach gegen die Linke. Wird die Partei der von ihnen beschriebenen
Rolle noch gerecht?
Monika Herrmann: Werner Graf wird genau dieser Rolle gerecht. Es war ja
abzusehen, dass es zwischen SPD und Linkspartei eine größere Spannung geben
wird. Wenn die SPD tatsächlich die Gespräche beendet hätte, wäre es sehr
schwierig für sie gewesen, wieder an den Verhandlungstisch zurückzukommen.
Eine Unterbrechung war also genau die richtige Entscheidung, um die
Verhandlungen offenzuhalten. Die SPD dabei zu begleiten, ist für mich
nachvollziehbar, denn es geht ja immer auch um Emotionen.
taz: Was erwarten Sie von den Grünen in den nun wieder aufgenommenen
Gesprächen?
Herrmann: Die Rolle, die ich jetzt sehe, ist, dass wir auch Motor der
Verhandlungen sein sollten. Die Vordiskussionen sind geführt, Papiere
geschrieben, Linien gesetzt und alle drei wissen jetzt Bescheid. Es muss
jetzt wirklich losgehen mit den inhaltlichen Gesprächen, wir haben keine
Zeit zu verlieren. Wenn wir es gemeinsam hinbekommen, einen
Koalitionsvertrag abzuschließen, erwarte ich von den Grünen in der
Regierung ein klares Profil, konsequentes Handeln im Sinne der
Zukunftsherausforderungen und natürlich auch, dass wir mit dafür Sorge
tragen, dass Rot-Grün-Rot gelingt und jede Partnerin ihr eigenes
erkennbares Profil halten kann.
taz: Zuletzt hat sich immer wieder die [3][Bundesspitze der Grünen mit
Kritik an der Linkspartei und den Sondierungsgesprächen zu Wort gemeldet].
Wieso hat man da so eine Sorge vor einem Linksbündnis in Berlin?
Herrmann: Eine hoch irritierende Erfahrung für mich ist, mit welchem
Übereifer und zum Teil Schaum vor dem Mund aufgerüstet wurde. Und zwar von
Linken, Grünen und SPD. Jede rot-grün-rote Koalition, jetzt und in der
Zukunft, verfestigt die Demokratie. Wir sehen doch, wie labil und
verführbar die CDU für die extremistische Rechte ist. Was die grüne
Parteispitze da geritten hat – aber auch die von Linkspartei und SPD sind
ständig in Schnappatmung –, ist mir schleierhaft und macht mich echt
sprachlos. Wer immer noch nicht erkennt, was die Zeichen der Zeit sind, ist
vielleicht zu sehr in seiner innerparteilichen Blase verfangen.
taz: Teilen Sie die Sorgen vor der Berliner Linkspartei?
Herrmann: Nein. Wir regieren seit Jahrzehnten mit der Linkspartei und der
SPD im Bezirk und auch in anderen Bezirken. Wir haben auch zusammen das
Land regiert. Die Linke ist allerdings in einem Transformationsprozess. Sie
haben sich wieder auf konsequenten Klassenkampf fokussiert, haben neue,
stärker werdende Gruppen in der Partei. Und der Generationswechsel ist eben
nicht nur ein Generationswechsel, sondern wahrscheinlich auch ein
grundlegender Politikwechsel. Erneuerungen und Beharrungen sind eine sehr
dynamische Mischung. Wohin es am Ende tatsächlich geht, wird sich erst noch
zeigen.
taz: Ist mit der Debatte über Antisemitismus jetzt die größte Hürde für die
Gespräche genommen oder kommt die erst mit der Debatte um die
Vergesellschaftung?
Herrmann: Wenn alle drei Parteien Rot-Grün-Rot wollen, dann finden sich
auch Lösungen. Wenn jemand aber eigentlich doch nicht will, sich dies
jedoch nicht laut zu sagen traut, etwa wegen schlechterer Wahlergebnisse
nach dem Scheitern, wird dieser auch bei jedem Thema Haare in der Suppe
finden.
taz: Wie groß ist die Gefahr, dass die Verhandlungen scheitern?
Herrmann: Wenn sich jetzt alle drei auf das fokussieren, was ihre Aufgabe
ist, nämlich eine Regierung für Berlin zu bauen, dann wird das auch was.
Solange sie sich von der [4][Springer- und CDU-Hetze] und den schrillen
Kommentaren von den politischen Seitenlinien der eigenen Parteien
beeindrucken lassen, wird es allerdings sehr herausfordernd.
taz: Und was passiert dann?
Herrmann: Es gibt natürlich auch andere Varianten. Der sogenannte
Wählerwille ist jedoch eindeutig ein anderer. Wer auf Neuwahlen spekuliert,
auf eine Kenia-Koalition oder eine Minderheitsregierung, vertut kostbare
Zeit mit Spielchen. Die Berliner*innen jedenfalls haben wenig
Verständnis, dass mit diesem Wahlergebnis nicht endlich die unsägliche Zeit
von Schwarz-Rot beendet wird.
15 Oct 2026
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