# taz.de -- Rot-grün-rote Sondierungen in Berlin: Palästinasolidarische Linke sollten Ja sagen
> Der Kompromiss zum Thema Antisemitismus schmeckt einem Teil der Berliner
> Linkspartei nicht. Dabei ermöglicht er Kritik an Israel und bietet eine
> riesige Chance.
(IMG) Bild: Müssen sich zum Thema Antisemitismus einigen: Vorsitzende der Partei DIE LINKE in Berlin
Nach tagelangen Verhandlungen haben sich Spitzenvertreter:innen der
Linken, der Grünen und der SPD in Berlin [1][auf einen gemeinsamen Umgang
mit Antisemitismus geeinigt]. Der Weg ist frei zu echten Sondierungen – und
somit das vorläufige Scheitern einer links geführten Koalition zunächst
abgewendet. Doch die Zugeständnisse, die dem palästinasolidarischen Teil
der Linken [2][in dem dreiseitigen Dokument] abverlangt werden, sind groß.
Zugleich bietet die Erklärung die Chance, Palästinasolidarität aus dem
Schatten des Antisemitismusvorwurfs in den politischen Mainstream zu
bringen.
Blickt man auf die acht Punkte genauer, wird schnell klar, dass es SPD und
Grüne um weit mehr geht als um die Bekämpfung von Antisemitismus. Vielmehr
ist das Dokument eine umfassende Positionierung, wie sich ein möglicher
Berliner Senat im Israel-Palästina-Konflikt verhalten soll.
So steht nicht nur die Unverhandelbarkeit des Existenzrechts Israels in dem
Papier, sondern auch die Ablehnung eines Boykotts israelischer Hochschulen:
einer Forderung, der sich – angesichts der systematischen Verstrickungen
israelischer Hochschulen in den Genozid in Gaza – viele Berliner
Professor:innen angeschlossen hatten.
Zusätzlich sieht die Vereinbarung einen Ausbau von Polizei und
Verfassungsschutz vor, was nicht anders als ein Festhalten am repressiven
Vorgehen des derzeitigen schwarz-roten Senats zu deuten ist.
Mit den vereinbarten Punkten wollen SPD und Grüne die
palästinasolidarischen Kräfte in der Linken möglichst konkret einhegen.
Diese sehen das Papier als weiteren Versuch, Kritik an Israel zu
unterdrücken.
Doch der Kompromiss bietet auch eine große Chance, endlich konstruktiv über
Israel und Palästina zu sprechen, ohne dass die Debatte von
Antisemitismusvorwürfen erstickt wird. Die im Beschluss vorgesehene
Abgrenzung von der Hamas und anderen Gruppen, die Terrorismus als legitimen
Widerstand gegen die israelische Besatzung ansehen, ist dafür eine dringend
notwendige Voraussetzung.
## Raum für Kritik
Die Vereinbarung lässt dabei noch genügend Raum für Kritik an Israel. „Eine
Zusammenarbeit mit […] Akteuren, die […] die Gewaltspirale weiter
antreiben, schließen wir hingegen entschieden aus“, heißt es in dem
Dokument. Genau genommen dürfte dieser Passus nicht nur für Hamas und PLFP
gelten, sondern auch für Israels Armee und Mitglieder von Netanjahus
Regierung. Auch eine Ansiedlung von israelischen Rüstungsunternehmen, wie
derzeit in Berlin geplant, scheint fragwürdig, wenn man die Punkte des
Papiers ernst nimmt.
Diese klar abgesteckten Rahmenbedingungen könnten zum ersten Mal eine
Parlamentsdebatte darüber ermöglichen, ob Berlin politische Konsequenzen
aus den systematischen Menschenrechtsverletzungen der israelischen
Regierung ziehen will. Daher täte die palästinasolidarische Linke gut
daran, sich an diesen Kompromiss zu halten.
9 Oct 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Regierungsbildung-in-Berlin/!6219895
(DIR) [2] https://gruene.berlin/fileadmin/user_upload/Berliner_Vereinbarung_zum_Start_der_Sondierungen.pdf
## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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