# taz.de -- Linkspartei Berlin-Neukölln: Nele möchte eine Jahia-Sinwar-Straße
       
       > Es wird ernst in Berlin: Besuch in einer Basisgruppe der Neuköllner
       > Linkspartei. Eine Glosse.
       
 (IMG) Bild: Lulu räuspert sich. „Genoss*innen, wir müssen über die Finanzen reden“
       
       Ende Oktober in Berlin, es ist endlich so weit: Linke, Grüne und SPD haben
       sich auf den Beginn von Koalitionsverhandlungen geeinigt. Die Euphorie beim
       Treffen des Neuköllner Bezirksverbands der Linkspartei ist groß.
       
       Nele, 23, Masterstudentin [1][der Intersektionalität an der FU Berlin],
       meldet sich: „Wir müssen einen Grassroot-Punkt machen. Wie wär’s, wenn wir
       die Schlesische Straße drüben in Kreuzberg in „Jahia-Sinwar-Straße“
       umbenennen? Als Respektsbekundung für den [2][palästinensischen Märtyrer]!“
       
       Allgemeine Zustimmung und „Whoowhoo“-Rufe. „Damit“, fährt Nele fort,
       schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe. Denn was sollen diese
       geschichtsrevisionistischen Straßennamen eigentlich? Schlesien ist doch
       längst polnisch!“
       
       Lulu, 21, Informatikstudentin, hat sich seit dem Wahlsieg in die
       Landesgesetze eingelesen und hat Einwände: „Ein Berliner Gesetz schreibt
       vor, dass bei Straßenumbennungen weiblich gelesenen Personen der Vorzug
       gegeben werden muss. Und Sinwar ist, also war, männlich gelesen, oder?“
       Nachdenkliches Nicken bei den anderen.
       
       „Wassermelonen!“, ruft Paul, 20, Lehramtsstudent. „Wir schreiben ins
       Schulgesetz, dass Wassermelonen verpflichtender Nachtisch in den
       Schulhorten und den Kitas sein müssen. Wassermelonen [3][als Zeichen der
       Solidarität mit Palästina!]“ Lulu, zweifelnd: „Ist das nicht zu krass? Also
       für die jüdischen Schüler*innen?“
       
       „Nein“, sagt Paul bestimmt. „Pädagogik geht über den Unterricht hinaus.
       Wenn die jungen Juden die Melonen nicht haben wollen, geben sie sie eben
       dem Tischnachbarn. Und die Eltern haben doch bestimmt das Geld für ein
       Hanuta.“
       
       ## Melonen für alle, aber nur Bio
       
       Uli, Ende fünfzig, PDS-Veteran und Strategie-Haudege, will auch etwas
       sagen: „Wir kommen den Grünen entgegen und schreiben rein, dass die Melonen
       nur bio sein dürfen. Und gleichzeitig geben wir ’ne Pressemitteilung raus,
       dass der Schutz jüdischen Lebens für uns stets oberste Priorität hat.“ Nele
       knufft ihn leicht an der Schulter. „Mensch Uli, du bist zwar ein alter
       Mansplainer, aber das mit dem Bio ist richtig schlau!“
       
       Lulu räuspert sich. „Genoss*innen, wir müssen über die Finanzen reden.“
       Genervtes Aufstöhnen in der Runde. „Die 20 Milliarden Euro, die die
       Vergesellschaftung der Wohnungskonzerne kosten dürfte, müssen ja irgendwo
       herkommen, und ihr kennt die Finanzlage Berlins“, sagt sie und blickt von
       ihrem Laptop hoch. „Du weißt doch, dass wir die Enteignungen von den
       laufenden Mieten bezahlen wollen“, sagt Paul ärgerlich. „Aber das wird
       nicht reichen, die Mieten wollen wir ja senken“, ist Lulus trockene
       Antwort.
       
       „Wir kommen hier irgendwie nicht weiter, sagt Nele. „Ich wollte noch was zu
       Ferat Koçak sagen, meldet sich plötzlich ein anderer Genosse. „Nein,
       Schluss für heute“, sagt Uli, der noch die autoritäre Gesprächsführung aus
       PDS-Zeiten draufhat.
       
       Alle Genoss*innen stellen ihre Club-Mate-Flaschen in den Getränkekasten
       ab. Nele zieht beim Rausgehen ihre Kufija enger um den Hals, denn es ist
       merklich kälter in Berlin geworden.
       
       1 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.fu-berlin.de/studium/studienangebot/master/gender-intersektionalitaet-politik/index.html
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Yahya_Sinwar
 (DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Wassermelone_als_pal%C3%A4stinensisches_Symbol
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Gunnar Hinck
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Kolumne übrigens
 (DIR) Antizionismus
 (DIR) Gaza
 (DIR) Die Linke
 (DIR) Berlin-Neukölln
 (DIR) Die Linke in Berlin
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Rot-grün-rote Sondierungen in Berlin: Palästinasolidarische Linke sollten Ja sagen
       
       Der Kompromiss zum Thema Antisemitismus schmeckt einem Teil der Berliner
       Linkspartei nicht. Dabei ermöglicht er Kritik an Israel und bietet eine
       riesige Chance.
       
 (DIR) Organisierte Kriminalität und Politik: Ungebetene Gäste
       
       Mafia-Bosse und Großkriminelle suchen gerne die Nähe zu Politikern. Darüber
       könnte der Berliner Linken-Politiker Ferat Koçak jetzt straucheln.
       
 (DIR) Antisemitismus-Streit in der Linken: An Koçak spaltet sich die Linkspartei
       
       Die Linke streitet über den Umgang mit ihrem Abgeordneten Ferat Koçak.
       Gefährden die Antisemitismusvorwürfe die rot-rot-grüne Regierungsbildung in
       Berlin?
       
 (DIR) Berliner Linkspartei: Probleme in der dritten Reihe
       
       Ohne Gegenstimme ist die Berliner Linken-Spitzenkandidatin Eralp zur
       Fraktionschefin gewählt worden. Doch Konflikte drohen nicht nur wegen eines
       Ausschlussantrags.