# taz.de -- AfD-Fans im eigenen Umfeld: Ihr Deutschland ist nicht mein Deutschland
       
       > Unsere Autorin hat jahrelang versucht, AfD-Fans in ihrem westdeutschen
       > Umfeld zu verstehen – vergeblich. Daher ist jetzt Schluss mit der
       > Einfühlsamkeit.
       
 (IMG) Bild: Jägerzaun und Konifere sind Deutschland, aber was ist Deutschland sonst noch?
       
       Zwei Menschen kenne ich, ziemlich gut sogar, die sich mir als AfD-Wähler zu
       erkennen gaben. Beide zählen zu meinem näheren bis weiteren persönlichen
       Umfeld. Viele gemeinsame Erlebnisse, Hochs und Tiefs, verbinden mich mit
       ihnen, und der Einfachheit halber nenne ich sie hier jetzt die AfD-Boys.
       
       Bei den AfD-Boys handelt es sich um zwei erwachsene Männer westdeutscher
       Herkunft, beide mit einer weitgehend sorgenfreien Mittelschichts-Existenz
       gesegnet und abseits von jedem Großstadtschmodder wohnend, in beeindruckend
       „sauberen“ und „sicheren“ Kleinstädten.
       
       Bei dem einen hat mich die Hinwendung zur AfD nicht sonderlich überrascht,
       so bitter das klingt (ich habe jenen Menschen ansonsten ja recht gern). Bei
       ihm gehe ich davon aus, dass er sich das 96 Seiten lange
       AfD-Grundsatzprogramm niemals in Gänze reingezogen hat. Griffige Formeln
       wie „Remigration“ oder „Alles für die Heimat“ genügen ihm vollkommen, wie
       mir scheint.
       
       Vor längerer Zeit ist er mal für eine Weile an den Ausläufern einer
       weltbekannten Psycho-Sekte herumgetänzelt. Für das, was ich
       „Irrationalitäten“ nenne, war er schon immer ansprechbarer als die meisten
       anderen Menschen, mit denen ich mich freiwillig umgebe – daher meine nur
       moderate Überraschung, als er mir erstmals erzählte, wie sehr die AfD ihn
       anmacht. Etwa zehn Jahre ist das jetzt her.
       
       ## Die AfD-Boys verstehen versuchen
       
       Im zweiten Fall hat mich das AfD-Bekenntnis mehr erschüttert. Regelrecht
       umgehauen hat es mich sogar, da jener Boy und ich einst eine Menge
       Geschmäcker und Ansichten miteinander teilten (oder: bloß zu teilen
       schienen?). Im ersten Moment hielt ich sein, nun ja, Polit-Geständnis für
       eine neckische Provokation, einen kleinen Test, wie ich darauf reagieren
       würde. Aber: Nein – kein Test, kein Scherz. „Deutschland den Deutschen“:
       Was an diesem Gedanken so verkehrt sei, fragte er mich. Kein anderes Land
       gebe es im Universum, dessen Bevölkerung sich so dermaßen selbst verachte
       wie die Deutschen, meinte der Boy.
       
       Zunächst versuchte ich noch, es vor allem tragisch zu finden. [1][Ein Song
       der Band Die Sterne] schoss mir in den Sinn und ging mir dann für einige
       Wochen nicht mehr aus dem Kopf: „Wo fing das an? Was ist passiert? Was hat
       dich bloß so ruiniert?“
       
       Bald musste ich aber feststellen, dass dieser AfD-Boy keineswegs ein
       bemitleidenswerter Verirrter (ergo: vielleicht doch noch irgendwie zu
       retten) ist, auch kein Protestwähler, sondern ein beinhart Überzeugter.
       Akademisch gebildet ist er und kennt sich auch in der intellektuellen
       Hinterzimmerlandschaft der AfD bestens aus, „Schnellroda“ die
       „Schwarz-Rot-Gold-Akademie“ und so weiter. Nur zu gut weiß er also, worauf
       er sich da eingelassen hat.
       
       Bei beiden AfD-Boys habe ich mir aufrichtig Mühe gegeben, ihre Standpunkte
       zu verstehen und ihnen meine zu vermitteln. Verstehen wollte ich, um meine
       Argumente zu schärfen, mit denen ich dann im nächsten Schritt zum Angriff
       übergehen wollte. Ohne Gekeife, versteht sich. Zivilisiert, smart,
       rational.
       
       „Mit Rechten reden“ hieß ein viel diskutiertes Sachbuch, das 2017 erschien,
       kurz nachdem Boy eins mir seine AfD-Verehrung anvertraut hatte. Besagtes
       Buch las ich nicht, den Titel fand ich problematisch. Und trotzdem
       versuchte ich genau das: Mich nicht affektiert, überheblich,
       besserwisserisch, hypermoralisch aufgeblasen „abzuwenden“, sondern wirklich
       herauszufinden, wie es dazu kommen konnte, dass die AfD-Boys und ich, die
       wir allesamt aus derselben sozioökonomischen und alltagskulturellen Suppe
       stammen, dem westdeutschen Kleinbürgertum, zu so unterschiedlichen
       Schlüssen kommen konnten.
       
       Einmal besuchte ich AfD-Boy eins in seinem Kleinstadtidyll, wir spazierten
       durch die blank geputzte Fußgängerzone, die Sonne schien, doch die
       Mundwinkel des Boys hingen ihm bis unters Kinn. „Hier Pizza, da Döner, da
       ein Thai – und jetzt auch noch ein Syrien Grill“, greinte er. „Sei doch
       froh“, sagte ich, „stell dir vor, all diese Läden stünden leer, wie an so
       vielen anderen Orten.“ Worauf der AfD-Boy bloß zornig schnaufte. „Es
       verbietet den Deutschen ja keiner, ihre eigenen Lokale zu eröffnen“ oder
       etwas in der Art sagte ich dann noch. So in etwa gingen sie los, unsere
       Deutschland-Gespräche.
       
       Der zweite AfD-Boy behauptete, er, ich, „wir alle“ seien in einer
       „Meinungsdiktatur“ gefangen. Worauf ich das als rechtsextremistisch
       eingestufte Magazin Compact erwähnte. „Eben! Nancy Faeser hat’s verboten!“,
       rief der Boy. „Eben“, rief ich zurück, „und das Bundesverwaltungsgericht
       hat das Verbot gekippt, weshalb du das Blatt ungehindert überall kaufen
       kannst, während Nancy Faeser längst nicht mehr Bundesinnenministerin ist.“
       
       Verständnislos blickte der AfD-Boy mich mit seinen himmelblauen Augen an.
       „Legislative, Exekutive, Judikative – checks and balances – und eine freie
       Presse on top“, sagte ich, „so läuft das nun mal in der liberalen
       Demokratie, die deine Parteikumpels am liebsten abschaffen würden“, sagte
       ich.
       
       „Nimm’s mir nicht übel, aber für mich ist das Gespräch hier beendet“, sagte
       der AfD-Boy.
       
       So oder so ähnlich – auf jeden Fall unbefriedigend – endeten letztlich alle
       unsere Politikgespräche der vergangenen Jahre.
       
       ## Normative Ideen gegen emotionales Kapital
       
       Schmerzlich musste ich einsehen: An einem Austausch sachlicher Argumente
       sind die AfD-Boys nicht interessiert. Fast immer lief es bei ihnen auf
       diffus wühlende Gefühle hinaus. Exakt so haben die beiden es mir auch
       bestätigt, jeder auf seine Art. Ums „Deutschsein“ gehe es ihnen vor allem,
       und das sei in der Tat vor allem ein „Gefühl“: Ungefähr so haben beide es
       formuliert.
       
       Und selbst an diesem merkwürdig breiigen Punkt wollte ich den Austausch
       noch ernsthaft und sachlich fortführen. Ich brachte den Habermas’schen
       Verfassungspatriotismus ins Spiel, als Gegenentwurf zum völkischen Begriff
       der Nation – doch spätestens an dieser Stelle drehten sich die AfD-Boys
       nicht nur weg, sie verschränkten auch ihre Arme. „Du hast halt deine
       Meinung, ich hab meine.“ Mehr als diese erschütternd hohle Nichtaussage kam
       da am Ende nicht, nicht mal vom akademisch gebildeten AfD-Boy.
       
       Mittlerweile ahne ich: Mehr ist da womöglich auch gar nicht herauszufinden.
       
       Der Politikwissenschaftler Johannes Hillje bestätigt diesen Eindruck. Auf
       „emotionalem Kapital“ statt auf „politischen und normativen Ideen“ fuße der
       Erfolg der Neuen Rechten, schreibt Hilje in seinem Buch „Mehr Emotionen
       wagen. Wie wir Angst, Hoffnung und Wut nicht dem Populismus überlassen“-
       Der autoritäre Nationalismus diene seinen Anhängern als „Quelle der Liebe,
       der Hoffnung, des Stolzes und der Selbstwirksamkeit“.
       
       ## Schluss mit der Einfühlsamkeit
       
       Nachdem nicht nur viele kluge Leute, sondern praktisch die halbe Republik
       sich wirklich lange bemüht haben, die Feelings der AfD-Boys und ihrer
       geistigen Brüder und Schwestern irgendwie nachzuvollziehen und darauf
       einzugehen („Wahrscheinlich fühlen sie sich nicht gesehen?“), und nachdem
       auch viele andere Menschen längst das Gleiche festgestellt haben wie ich,
       nämlich, dass [2][„die Kritik verpufft und all die vielen Sachbücher, in
       denen die AfD mit allem soziologischen und politikwissenschaftlichen
       Besteck durchanalysiert wird, nichts bringen“], steige ich jetzt ein für
       alle Mal aus, aus den Deutschland-Gesprächen mit den AfD-Boys.
       
       Bin ich Psychotherapeutin? Sozialpädagogin? Schluss mit der Einfühlsamkeit.
       Schluss auch mit stoischer Sachlichkeit. Hiermit erkläre ich zur
       Abwechslung mal mein deutsches Gefühl zum Mittelpunkt der Welt. Mein
       Deutschland hat folgenden Satz zuoberst in seine Verfassung geschrieben:
       „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist
       Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“
       
       Mein Deutschland erlaubt mir, alles zu sagen, lesen, hören, sehen,
       schreiben, posten, was nicht gegen jenen ersten Verfassungssatz oder andere
       gesetzliche Regeln verstößt.
       
       Mein Deutschland hat mich noch nie dumm angemacht, weil kein deutsches Kind
       aus meinem deutschen Bauch geflutscht ist und wenn sich doch mal jemand
       beschwert hat, hab ich höflich „Gute Besserung!“ gesagt, das war's.
       
       ## Mein Deutschland ist ein anderes
       
       Mein Deutschland ist eines „der Auflockerung, des Europäisch-Werdens“, ein
       Land, das „über Deutschland hinaus Europa will – und zwar ein von der
       Vernunft regiertes, nicht imperialistisches Europa“, wie Klaus Mann schon
       1930 schrieb.
       
       Mein Deutschland ist von folgenden Personen und Orten geprägt: meiner
       Kindergartenfreundin – ungarische Eltern. Meiner Grundschulfreundin –
       Tochter eines deutsch-peruanischen Paars. Meinem ersten Pop-Musik-Kumpel –
       kanadischer Pass. Meiner ersten Liebe – „Gastarbeiter“-Sohn mit
       sizilianischem Hintergrund. Meiner ersten eigenen „Wohnung“ – ein
       Untermietzimmer bei zwei Nigerianerinnen in London, wo ich mich so deutsch
       wie nie zuvor fühlte, was auch daran lag, dass ich als Deutsche beim
       Tanzen, Flirten, Ausgehen immer wieder mit „Heil Hitler!“ begrüßt wurde
       (das ist der britische Humor). Und schließlich: meinem heutigen Zuhause –
       der Weltstadt Wedding, deren Bevölkerung aus ungefähr 150 verschiedenen
       Ländern stammt.
       
       Sollen die AfD-Boys ihren ranzigen Heimat-Eintopf in welcher
       Volksgemeinschaft auch immer schlabbern. Ich bin eine linksliberale
       Globalistin mit kulturbolschewistischen Interessen und hohem feministischen
       Verseuchungsgrad, fürs Mitschlabbern habe ich keine Zeit.
       
       2 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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