# taz.de -- Die eine Frage: Soll man AfD-Wählern Argumente entgegenhalten?
> Man müsse mit Rechtspopulisten in einen Streit der Argumente treten,
> statt sie zu ignorieren oder auszugrenzen, fordert Winfried Kretschmann.
> Nur wie?
(IMG) Bild: Beschädigtes Wahlplakat der AfD in der Schweriner Innenstadt: Wie mit AfD-Wählern im Gespräch bleiben?
Baden-Württembergs am längsten regierender Ministerpräsident hat [1][in der
letzten wochentaz dafür plädiert, mit Rechtspopulisten in einen Streit der
Argumente zu treten]. Die Strategie des Ignorierens sei gescheitert, sagte
Winfried Kretschmann, genauso die Strategie der Ausgrenzung („Wer Nazis
wählt, ist Nazi“).
Schade eigentlich, denn verdammen und ausgrenzen ist gerade bei unsereinem
sehr beliebt, weil man den Anschein erwecken kann, man engagiere sich,
indem man nichts tut – außer AfD-Wähler so richtig in ihrer Einschätzung zu
bestätigen, dass Liberaldemokraten sie verachten und sie goldrichtig mit
der AfD liegen. „Wir müssen sicher weiter darauf bestehen, dass mit diesen
Leuten nicht zusammengearbeitet wird“, sagt Kretschmann, „aber wir müssen
mit ihnen in die Auseinandersetzung gehen. Und das heißt streiten im
öffentlichen Raum.“
Ja. Aber (anekdotische Evidenz): Wenn man mit einem Wegdriftenden spricht,
dann sagt er häufig gleich, das große Problem der Gegenwart seien „die
Ausländer“. Die würden immer mehr, kriegten Kinder wie die Karnickel, „wir“
dagegen kaum noch welche, und so weiter. Nun argumentiert man, dass es sich
bei seinen „Ausländern“ häufig um Bundesdeutsche handele, um
Migrantenkinder zweiter und dritter Generation, und dass die Gesellschaft
gesteuerte Einwanderung brauche: Ärzte, Pfleger, Facharbeiter, Leute, die
künftig die Dinge am Laufen halten und den Sozialstaat und die Renten
finanzieren. Und dann sagt der andere, dass das Problem „die Ausländer“
seien und dass es so nicht weitergehen könne. Ebenso bei anderen Fragen.
Was macht man da? Auch Kretschmann sieht die Überzeugungskraft des besseren
Arguments in der Krise, aber er ist von jeher der Ansicht, dass
Liberaldemokraten nichts anderes übrig bleibt, als zu argumentieren. Bei
den Parteistrategen, Rechtsradikalen und Rechtsextremen bringt das nichts
und wohl auch nicht bei manchen Leuten, die von ihrer
Medienzusammenstellung total kontaminiert sind.
Meine Hoffnung besteht darin, dass ein relevanter Teil der Leute, die
bereits AfD wählen oder auf dem Sprung dazu sind, noch erreichbar sind. Wer
sie Nazis nennt, wird sie verlieren, wer Demos „gegen rechts“ organisiert,
treibt auch gleich den rechtskonservativen Teil der CDU ins
Illiberal-Autoritäre. Das ist nicht klug.
Es ist essenziell, zwei Gruppen auseinanderzuhalten, nennen wir sie
probehalber a) völkisch und b) rechtsnational. Und damit sind wir bei
[2][Cem Özdemir], Kretschmanns Nachfolger als Ministerpräsident, und
Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), die genau diese Unterscheidung
treffen. Rechtsnational stellt Deutschland über den Rest, könnte aber mit
dem Grundgesetz vereinbar sein, wenn der Volksbegriff nicht rein ethnisch
ist. Völkisch dagegen unterscheidet klar nach Abstammung und nicht nach
Recht, nach Menschen, die dazugehören, und anderen, die es nicht tun und
weniger wert sind. Im Moment sucht Özdemir eine Mehrheit im Bundesrat, die
ein Verfahren beim Bundesverfassungsgericht einleitet, um jene
Landesverbände der AfD zu prüfen, die aus seiner Sicht „eindeutig völkisch“
sind, das meint Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Er
braucht 35 von 69 Stimmen, und die Chance ist da, dass er sie kriegt.
Ich plädiere daher für eine Doppelstrategie: Mit den einen sprechen, die
anderen vor das Bundesverfassungsgericht bringen. Klar kann man sagen, dass
so ein Verbotsverfahren viel zu spät kommt. Aber das hilft nicht. Also,
lasst es uns probieren. Das Gleiche gilt für meinen AfD-Wähler. Er hat ja
einen Punkt, wenn er sagt, dass es „soooo nicht weitergehen“ könne. Das
teile ich. Aber wie dann? Darüber müssen wir sprechen können.
20 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Peter Unfried
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