# taz.de -- Carolin Amlinger über wehrhafte Poltik: „Wir brauchen eine soziale Erneuerung der Demokratie“
       
       > Natürlich müssen wir davon ausgehen, dass die AfD noch aufzuhalten ist,
       > sagt die Soziologin Carolin Amlinger. Ein Gespräch über antifaschistische
       > Politik.
       
 (IMG) Bild: „Die obersten Einkommen müssen viel stärker besteuert werden“: die Publizistin und Soziologin Carolin Amlinger
       
       taz: Frau Amlinger, es ist möglich, dass die AfD in der nächsten
       Landesregierung von Sachsen-Anhalt sitzt. Es wäre eine Zäsur, die AfD
       erstmals in Regierungsverantwortung. Lässt sich der Vormarsch der
       Rechtsextremen überhaupt noch stoppen? 
       
       Carolin Amlinger: Diese Frage wurde schon vor der Wahl diskutiert. Damals
       hofften manche noch, Sachsen-Anhalt könnte zum Labor für eine gelingende
       antifaschistische Politik werden. Nach der Wahl müssen wir festhalten, dass
       es hier trotz des großen zivilgesellschaftlichen Engagements nicht gelungen
       ist, die AfD einzudämmen. Das zeigt zunächst, dass kurzfristige Maßnahmen,
       etwa Protest oder der Aufbau antifaschistischer Infrastrukturen – etwa
       Demokratieinitiativen – den langfristigen Aufstiegstrend der Rechten allein
       nicht aufhalten können.
       
       taz: Ohne die vielen Initiativen und Protestveranstaltungen hätte die AfD
       womöglich noch mehr Stimmen eingeheimst. 
       
       Amlinger: Definitiv. Vor allem hatte das viele Engagement jedoch die sehr
       wichtige Funktion, die klein gewordene, aber immer noch existente
       demokratische Mehrheit aus der politischen Ohnmacht herauszubringen, ihnen
       das Gefühl zu vermitteln, wirkmächtig zu sein, etwas tun zu können. Darüber
       hinaus [1][haben die Initiativen Schutzräume geschaffen], die unter einer
       möglichen AfD-Regierung noch notwendiger werden als sie es bislang schon
       sind.
       
       taz: Sie meinen für Migrant*innen, Personen of Color, linke oder queere
       Menschen? 
       
       Amlinger: Genau. Aber das sind eben nur kurzfristige Maßnahmen. Es braucht
       eine langfristig ausgelegte antifaschistische Politik, um die AfD
       einzudämmen – und zugleich den globalen Aufstieg der radikalen Rechten, der
       ja weder ein ostdeutsches noch ein spezifisch deutsches Phänomen ist.
       
       taz: Klingt super. Aber wie sähe diese antifaschistische Politik konkret
       aus? 
       
       Amlinger: Das wird deutlich, wenn wir uns anschauen, wer die AfD wählt und
       aus welchen Motiven.
       
       taz: In Sachsen-Anhalt waren es viele Menschen, die sich selbst als
       ökonomisch schlecht situiert einschätzen. 
       
       Amlinger: Stimmt. Und das ist kein Zufall. Ein zentrales Muster der
       Nachkriegsgesellschaften hat sich verkehrt: Linke Parteien sind unter
       Arbeiter*innen und auch in der unteren Mittelklasse nicht länger
       dominant, besonders unter jenen nicht, die sich kulturell rechts verorten.
       Diese Verschiebung, die sich in Sachsen-Anhalt auch als ein Protest gegen
       die aktuellen Regierungsreformen artikuliert hat, ist eine Reaktion auf die
       wirtschaftlichen Liberalisierungen der letzten Jahrzehnte. Sie haben die
       Einkommensungleichheit enorm wachsen lassen. Das ist ein zentraler Treiber
       für rechte Parteien in vielen westlichen Demokratien.
       
       taz: Aber die AfD ist doch – wie beispielsweise auch die Republikaner in
       den USA – eine Partei für Besserverdienende. Warum wählen die einfacheren
       Arbeiter*innen gegen ihre objektiven Interessen? 
       
       Amlinger: Weil sie die Gesellschaft, die Demokratie insgesamt, als eine
       Gesellschaft des kollektiven Verlustes wahrnehmen. Selbst wenn sie keinen
       Abstieg hingelegt haben, sorgen sie sich davor, sie haben also eine gewisse
       Statusangst. Diese Angst führen sie allerdings nicht zurück auf die
       gewachsenen Ungleichheiten oder auf die Kürzungspolitik der
       Bundesregierung. Nein, sie projizieren sie auf Migrant*innen. Und
       identifizieren sich selbst sogar mit Leistung und Wettbewerb.
       
       taz: Im Buch „Zerstörungslust: Elemente des demokratischen Faschismus“, das
       Sie zusammen mit dem Soziologen Oliver Nachtwey geschrieben haben,
       bezeichnen Sie die Ursache für diese Projektion als „Nullsummendenken“. Was
       bedeutet das? 
       
       Amlinger: Wenn Menschen die Welt, in der sie leben, nicht mehr als eine
       wahrnehmen, in der die Ressourcen wachsen, sondern schrumpfen, verändert
       sich die Logik sozialer Konflikte. Es geht dann häufig nicht mehr darum,
       wie verteilt wird, sondern darum, wer überhaupt noch mit am Tisch sitzen
       darf. Der Klimawandel befeuert das Bewusstsein noch, dass die eigene
       Zukunft schwindet.
       
       taz: Es genügt also das Versprechen darauf, dass es anderen durch bestimmte
       Politik schlechter gehen wird, um das Gefühl zu entwickeln, einem selbst
       würde es damit besser gehen. Ohne dass das objektiv so sein mag. 
       
       Amlinger: Genau, das ist die Nullsummenlogik: Der Nachteil des anderen ist
       mein Vorteil. Diese affektive Klammer hält die sehr heterogene Wählerbasis
       der AfD zusammen: ökonomisch tatsächlich benachteiligte Menschen,
       insbesondere aus der Arbeiterklasse, die sich von einer gesellschaftlichen
       Schließung mehr Wohlfahrtschauvinismus versprechen. Selbstständige und
       Kleinunternehmer, die sich selbst als leistungsstark wahrnehmen und eine
       verletzte Reziprozität des Gemeinwesens beklagen, die Leistungsschwache
       vermeintlich bevorteilen würde. Menschen aus der oberen Mittelklasse, die
       sich in ihren unternehmerischen Freiheiten eingeschränkt fühlen durch
       Gleichstellungsprogramme, Sozialreformen, Klimapolitik.
       
       taz: Gerade letztere Gruppen haben doch aber in den letzten Jahrzehnten
       eher gewonnen, auch in Sachsen-Anhalt – haben Vermögen angehäuft, wohnen in
       Eigenheimen. 
       
       Amlinger: Auch Menschen, die real aufgestiegen sind, kann die Gesellschaft
       als Verlustrechnung, die zukünftige Sicherung ihres Wohlstands als massiv
       gefährdet erscheinen – obwohl das Eigenheim gebaut ist, der cash bezahlte
       PKW vor der Tür steht. Die in den letzten Monaten drastisch gestiegenen
       Benzinpreise haben etwa ein solches Gefühl der Wohlstandsgefährdung
       verstärkt – und indirekt der AfD in die Hände gespielt.
       
       taz: Und weshalb lassen sich besonders auch junge Menschen von der AfD
       ködern? In Sachsen-Anhalt haben 43 Prozent der unter 25-jährigen die
       Rechtsextremen gewählt. 21 Prozent der gleichen Altersgruppe bei der
       letzten Bundestagswahl. 
       
       Amlinger: Der Satz, „Den Kindern wird es einmal besser gehen“, gilt nicht
       mehr. Für alle, die heute jung sind, [2][ist der soziale Aufstieg durch
       eigene Bildungsinvestitionen nicht mehr so einfach zu absolvieren].
       Entscheidend dafür ist das Vermögen ihrer Eltern. Heißt: Diejenigen, die
       ohnehin schon bessergestellt sind, rücken weiter nach oben. Alle anderen
       bleiben, wo sie sind – und steigen relativ ab. Hier gerät die Realität mit
       den Leistungsnormen in Konflikt, mit denen sich auch die junge Generation
       noch identifiziert. Das erzeugt destruktive Energien.
       
       taz: Die die AfD zu kanalisieren weiß. 
       
       Amlinger: Ja, und das auf ganz besondere Weise. Die AfD ist in diesem Sinn
       eine revolutionäre Partei, genauer gesagt: eine nationalrevolutionäre. Sie
       will das demokratische System beseitigen, von dem viele Menschen sich
       entfremdet haben. Der revolutionäre Impetus, der lange Zeit von der Linken
       verkörpert wurde, ist gerade bei den jungen Menschen nach rechts gewandert.
       Hinzu kommt eine transgressive Lust an der Grenzüberschreitung, an der
       Gewalt, mit der man sich selbst ermächtigen kann. Mit der AfD kann man
       seine sozialen Dominanzgefühle ausleben.
       
       taz: Sie und Oliver Nachtwey nennen das „Zerstörungslust“. Noch eine andere
       Lust schien in Sachsen-Anhalt aber sehr bedeutsam gewesen zu sein: die
       Lust, mitzugestalten. Den Leuten wurde versprochen, Geschichte zu
       schreiben, Zukunft zu machen, Teil eines kollektiven, wenn auch exklusiven
       Aufbruchs sein zu können. 
       
       Amlinger: Es wird immer gesagt, dass die Rechte keine Zukunftsvisionen
       anzubieten habe, sondern einfach nur eine leere Vergangenheit
       heraufbeschwöre. Ein stückweit stimmt das natürlich, aber in ihrem
       Bewegungscharakter gibt sie gerade jungen Menschen das Gefühl, in einer
       Endzeit eine Zukunft zu haben. Und zwar nur ihnen, qua Abstammung.
       
       taz: Zukunft für die einen, auf Kosten der Zukunft anderer. 
       
       Amlinger: Genau. Gerade das macht die AfD so gefährlich. Sie ist eben nicht
       nur eine rechtere Version der CDU. Sie will die Gesellschaft grundlegend
       umbauen. Interessant ist, dass sie genau deshalb für viele so attraktiv
       ist. Sie hat das Image der Protestpartei abgelegt und inszeniert sich sehr
       wirkungsvoll als Aufbruch. In einer Gesellschaft, die viele als sich
       schließend wahrnehmen, inszeniert sie die ultimative Schließung als
       Angebot.
       
       taz: Wie sieht sie nun aus, die langfristige Politik dagegen? 
       
       Amlinger: Das ergibt sich negativ aus unserer Analyse. Zunächst kommt es
       darauf an, das Nullsummendenken wieder anders zu politisieren:
       Verteilungskonflikte nicht horizontal zu führen, Ungleichheit nicht
       kulturell auf Migrant*innen zurückzuführen, sondern als vertikalen
       Konflikt zwischen oben und unten.
       
       taz: Was bedeutet das konkret? 
       
       Amlinger: Die enorme Vermögensungleichheit in unserer Gesellschaft müssen
       wir dringend eindämmen. Die obersten Einkommen müssen viel stärker
       besteuert werden, um Mittel für den Ausbau des Sozialstaates und der
       Infrastruktur zu schaffen. Hohe Vermögen und Erbschaften ebenfalls. Wir
       brauchen eine soziale Erneuerung der Demokratie, sodass alle die Chancen
       haben, ein würdevolles Leben zu führen. Zudem braucht es soziale Orte des
       Miteinanders. Offene Treffpunkte, in denen soziale Gruppen zusammenkommen,
       und auf diese Weise Geborgenheit erfahren können – aber eben nicht
       regressiv als sich nach außen abgrenzende Gemeinschaft. In Sachsen-Anhalt
       wurde dahingehend schon vieles erfolgreich erprobt.
       
       taz: Aber wie wollen Sie die vielen zurückholen, die nun schon rechts
       abgedriftet sind? 
       
       Amlinger: Das ist nicht leicht. Klar ist, dass soziale Beschämung nicht
       dazu geführt hat, dass Menschen sich der Rechten wieder abgewendet haben.
       Im Gegenteil, sie haben sich eher bestärkt gefühlt im eigenen Ressentiment.
       Ich glaube gleichzeitig auch nicht, dass man AfD-Wähler*innen in einem
       Gespräch umdrehen kann. Gleichwohl muss man im Gespräch bleiben, ihren
       Sorgen ein Stück weit zuzuhören, diese aber gleichzeitig nicht
       unwidersprochen stehen lassen.
       
       taz: Noch können wir die AfD also stoppen? 
       
       Amlinger: Wir können gar nicht anders, als davon auszugehen, dass die AfD
       aufzuhalten ist. Das ist unsere erste Aufgabe.
       
       14 Sep 2026
       
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