# taz.de -- Aufschwung der Populisten: Die Demokratie hat eine Zukunft
> Sie hat es zu gut gemeint, die Anspruchshaltungen angekurbelt und
> schließlich enttäuscht. Doch es ist nicht die Aufgabe der Demokratie, zu
> liefern.
Wie um alles in der Welt können wir die Machtergreifung der Populisten noch
verhindern? So lautet die ewig wiederholte Frage, die unaufhörlich in
Debattierrunden, Feuilletons, Leitartikeln, selbst am stillen
Frühstückstisch gestellt wird und die die Antwort schon in sich beinhaltet:
Es ist zu spät. Wir können uns nur noch fürchten.
Es ist eine Resignationsfrage, die das befürchtete Phänomen auf dem Wege
einer self-fulfilling prophecy noch verstärkt. Je größer die Panik, desto
feixender sitzen die Populisten im Gebüsch. Angst machen ist ihr
Geschäftsmodell. Und das ist in einer hysterisierten Gesellschaft sehr
erfolgreich. Interessant werden Fragen erst, wenn wir sie nicht aus der
Verhinderungslogik, sondern aus der Lösungsposition formulieren, in der wir
das Phänomen in anderen Zusammenhängen, nämlich denen der wahrscheinlichen
Zukunft, sehen lernen.
Etwa so: Welche Art von Demokratie wäre nötig, um die radikal veränderten
Bedingungen unserer heutigen Welt zu beantworten? Oder so: Wie kam es
eigentlich, dass der Rechtsradikalismus im Jahr 2035 so gut wie keine Rolle
mehr spielte? Welche Zauberkräfte waren da am Werk? Lassen Sie es uns
versuchen: „Verzaubern“ wir die Demokratie in Richtung Zukunft. Und
verwandeln wir dabei unser Denken von Angst in Konstruktivität.
Die Antwort auf das rechtsradikale Drama weist auf einen fundamentalen
Wandel der Welt hin, bei dem Ökonomie und Politik eine Nebenrolle spielen.
Die Demokratie, wie wir sie kennen, ist aus der Zeit gefallen. Ihre
Regelsysteme stammen aus einer Epoche, als Klassen, Schichten, konsistente
Milieus noch die Gesellschaft dominierten und Informationsströme noch
gänzlich anders strukturiert waren.
## Ein inneres Paradox
Demokratie, wie wir sie kennen, funktionierte ziemlich gut in einer Umwelt
von Knappheit bei hohen Versprechungen, aber nicht mehr so gut in einer
überoptimierten Welt, in der es Millionen von Möglichkeiten gibt, von denen
keine mehr eine wirkliche Lösung verspricht. Die Demokratie ist in ein
inneres Paradox geraten. Sie erzeugt immer mehr Rechte für den Bürger, vor
allem Einspruchs- und Vetorechte, Emanzipationsrechte, Ausgleichsrechte,
Gerechtigkeitsrechte.
Sie kümmert sich mit immer feiner strukturierten Gesetzen um die Beilegung
von Interessen- und Sozialkonflikten und immer mehr auch um die Lebenslagen
ihrer Bürger. Sie ist darin seit Jahrzehnten überaus erfolgreich. Aber
gerade dadurch zieht sie immer mehr Misstrauen, Ansprüche, Enttäuschungen
und schlechte Laune auf sich. Entlarvend ist die Forderung: Politik soll
endlich liefern! So eine Formulierung hätte man in den Sechziger-,
Siebziger-, Achtziger-, Neunzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts nicht
benutzt.
Damals war Demokratie kein Lieferservice, sondern etwas, das man durch
eigenes Handeln auf der Straße oder an der Wahlurne, aber auch im
Persönlichen erkämpfte. Eine andere verbreitete Formel lautet: Die Politik
muss endlich, endlich die Probleme lösen, dann haben die Rechten keine
Existenzberechtigung mehr! Wirklich? Was wäre, wenn es gar nicht um
Lösungen ginge? Sondern vielmehr um die Steigerung und das Erzeugen von
Problemen – zum Ziel der Machtübernahme?
Politik ist Teil eines allgemeinen Konsumismus geworden, eines
Anspruchssystems, das von Liefersicherheit und Bequemlichkeit ausgeht. Mit
unserer Stimme votieren wir nicht für Ideen oder Zukünfte, sondern für
pünktliche Lieferung, und zwar tadellos. Alles muss immer billiger werden.
Aber in super Qualität! Die Versprechen kommen in immer kürzeren Abständen
auf den Markt und erreichen immer schneller ihr Verfallsdatum.
## Öfter dagegen als dafür
Die Endform einer überreifen Demokratie ist die Vetokratie. Die Herrschaft
der Verhinderung. Die Demokratie ist in ihrem Kern nichts anderes als eine
Erfindung zur Verhinderung von unkontrollierter Macht. Die checks and
balances, die Gewaltenteilung, sollen nichts anderes bewirken, als
dauerhafte Herrschaft unmöglich zu machen. Deshalb sind die Wahlen in ihrem
Kern immer zuerst Abwahlen. Doch die Regierung wird durch die Opposition
nicht mehr besser.
Und die Opposition durch ihr ständiges Nörgeln nicht klüger, sondern
allenfalls gemeiner und damit effektiver. Im Wechselspiel der Kräfte und
Ideen entstehen keine neuen Kompetenzen mehr. An die Stelle einer
Machtkontrolle tritt die generelle Herstellung von Ohnmacht. Das Hohnlachen
auf den Bänken der Populisten zielt genau auf diese Schwachstelle: Ihr
könnt ja gar nichts! Ihr seid Versager, Eliten, die sich nur um ihren
eigenen Klüngel kümmern.
Von allen Bedingungen der Demokratie hat sich die mediale Situation wohl am
meisten verändert. Der große Bruch kam in den Jahren 2012 und 2013, als die
sozialen Medien auf ein anderes Geschäftsmodell umstiegen. Waren sie
ursprünglich dafür konstruiert, neuen Zusammenhalt zu organisieren –
Individuen in gemeinsamen Interessen zu vernetzen –, begann man nun,
Überschriften, Inhalte aller Art auf ihre Klickzahlen, also auf ihre
Aufmerksamkeitsintensität zu testen.
Das Geschäftsmodell der Onlinewerbung verlangte, dass jeder User (ein Wort
aus dem Drogenmilieu) immer länger auf den Plattformen verblieb. Es ging
nun nicht mehr um den Zugang zu Informationen und Verständigungen zwischen
Menschen, sondern um die Erregung und die Empörung. Digitale Medien wurden
zu Suchtmedien umgebaut. Gleichzeitig schuf der Like-Button von Facebook
eine neue Kultur der spontanen Gruppenbildung. Rasend schnell konnten sich
nun große Meinungs- und Stimmungsmobs zusammenfügen. Die Grundlagen der
Shitstormkultur waren geschaffen.
## Stramm an der Links-Rechts-Achse
Wahlkämpfe sind in der neuen Medienwelt kaum noch etwas anderes als
gesteuerte Shitstorms, in denen es vor allem darum geht, Skandale zu
erzeugen. Politikerinterviews sind wenig mehr als „Verhöre der
Unfähigkeit“. In dieser Situation kann das Politische, das ja immer auf das
Graduelle, das Langfristige, das Zukünftige, das Kooperative und
Reformative ausgerichtet ist, keinen Platz mehr finden. Alles, was zählt,
sind aufgehetzte Emotionen, die sich viral verbreiten können.
Demokratie und Politik sind bis heute in die Polaritäten „links“ und
„rechts“ eingeschweißt. Einer der Gründe, weshalb wir uns so schwertun mit
dem Populismus, ist, dass wir uns immer noch an diesem Kategoriensystem
festklammern, das längst seinen Sinn verloren hat. Wie kleine
Ideologieroboter stellen wir uns an der Rechts-links-Achse auf, die so
etwas geworden ist wie eine Identitätsbarrikade: Bin ich links, bist du
immer rechts von mir. Ich weiß, dass ich rechts bin, weil du links bist!
Dabei bedient sich rechter Populismus üppig an linken Forderungen und
Politikmustern. Das Beispiel [1][Sarah Wagenknecht] zeigt, wie leichtfüßig
man heute von links nach rechts tänzeln kann, so wie Beispiele wie
Nicaragua, Kuba und so weiter zeigen, wie der Weg des romantischen
Linksseins geradewegs in die Diktatur führen kann.
Ein kleines Land im Norden Europas macht bei dieser binären Logik nicht
mehr richtig mit und hat damit erstaunliche Erfolge. [2][Dänemark] ist
sicher eine der stabilsten und reifsten Demokratien der Welt, ein Produkt
der linksliberalen Ära, wo Individualität, Gemeinsinn und Prosperität immer
mehr zum Gleichklang zu finden schienen. In Dänemark duzen die Menschen
ihre Politiker, schreien sie selten an und halten ihre Demokratie zwar für
verbesserungswürdig, aber nicht für total kaputt.
## Nörgeln nicht angesagt
Die Politik der Parteien schwankt quer durch das Links-rechts-Spektrum wie
ein Betrunkener auf einem dänischen Fährschiff. Die Sozialdemokraten kamen
mit einem knallharten Antimigrationskurs wieder an die Macht, die Rechten
sind teilweise liberal, die Grünen eher unbedeutend, weil sowieso alles
grün ist, und die Liberalen haben gleich mehrere Parteien, die im
Parteienspektrum munter hin und her springen. Alles ist auf eine Art und
Weise so widersprüchlich, dass daraus eine neue Ordnung entsteht:
kooperatistische Demokratie quer über Parteigrenzen hinweg.
Ein Beispiel für intelligenten Reformkooperatismus ist die große
Gesundheitsreform in Dänemark. Zwischen 2018 und 2022 fanden landesweit
Hunderte von Bürgerveranstaltungen statt, in denen das gesamte
Gesundheitssystem konzeptionell umgekrempelt wurde. 45 Kliniken werden nach
und nach geschlossen, stattdessen 18 neue große Exzellenzklinikzentren
gebaut, die miteinander kooperieren und ihre Leistungen ständig verbessern
sollen. In den ländlichen Regionen entstehen Ambulanzstationen für den
schnellen Zugang.
Der Kern dieses Wegs der Politik des Zuhörens ist die Einbeziehung der
Bürger in Verantwortungs- und Selbstverantwortungsprozesse. Man bekämpft
grassierenden Opferkult am besten durch offensive Beteiligungsstrategien.
Verbunden ist das mit einer gewissen Stimmungsdisziplin. Im öffentlichen
Gespräch gilt die Parole: Du musst nicht nörgeln. Schimpfen gegen die
Politik ist weder attraktiv noch verboten. Es kommt einfach nicht an.
Opposition muss nicht immer nur dagegen sein.
Tausende von Beispielen überall auf der Welt zeigen, dass es sehr wohl
möglich ist, das Ich mit dem Wir, die Kultur mit der Politik, die Wünsche
mit den Wirklichkeiten, die Dynamik mit der Differenzierung zu verbinden
und den technischen Fortschritt mit der Lebensqualität. Während Wohlstand
ein statischer Begriff ist und Fortschritt eine Art Drohgebärde beinhaltet
(„Wenn wir das und das nicht tun, bricht „der Wohlstand“ zusammen“),
benennt Prosperität die Potenzialität des Wandels, in der eine Gesellschaft
gelingen kann.
Gewissermaßen ihre Vitalität, immer wieder Neues zu erfinden und damit den
Wohlstand nicht nur zu bewahren, sondern anders zu gestalten.
Prosperierende Gesellschaften, aber auch Individuen sind in der Lage, ihre
Ideen und Narrative zu überprüfen und zu moderieren – und nicht bei jeder
Schwierigkeit in Panik auszubrechen. Wie Demokratie lebt Prosperität von
unserer Fähigkeit zur Fülle, zur geistigen, ökonomischen und politischen
Varianz.
11 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Matthias Horx
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