# taz.de -- Kampagne gegen die Linke: Raus aus dem Opfermodus
> Dass ein linkes Regierungsbündnis in Berlin seine Gegner auf den Plan
> rufen würde, war vorhersehbar. Sich darüber zu beklagen, ist keine
> Strategie.
(IMG) Bild: Auf der Wahlparty im Festsaal Kreuzberg: Einen halben Abend lang haben Linke den Wahlsieg in Berlin gefeiert
Einen halben Abend lang haben Linke in der Linkspartei, Linke in den
sozialen Medien und Linke in linken Tageszeitungen [1][den Wahlsieg der
Linken in Berlin gefeiert]. Dann schalteten große Teile von ihnen auch
schon um in den Opfermodus: Eine miese Kampagne mache alles kaputt, eine
Querfront von ganz rechts bis Mitte-links diffamiere eine ganze Partei.
Unfair!
Ja, guten Morgen auch. Womit haben sie denn gerechnet? Dass progressive
Kräfte, die Erfolg zu haben drohen, mächtigen Gegenwind bekommen, ist nicht
neu. Dass interessierte Kreise berechtigte Kritikpunkte instrumentalisieren
und unberechtigte herbeifantasieren, darf niemanden überraschen. Die Linke
hat das schon erlebt, als sie in Berlin als Juniorpartner mitregierte und
in Thüringen den ersten linken Ministerpräsidenten stellte. Bei den Grünen
konnte sie es beobachten, als diese im Bund auf dem Weg zur stärksten Kraft
schienen. Es gibt Erfahrungen zum Umgang mit solchen Situationen. Die
wichtigste: Miese Kampagnen wird man nicht dadurch los, dass man sich
möglichst bitterlich über sie beklagt.
Hilfreicher ist es, unnötige Angriffsfläche von vornherein zu vermeiden.
Der Aufstieg der Grünen geriet schon lange vor der berüchtigten
Heizhammerkampagne ins Stocken, und zwar im Bundestagswahlkampf 2021
[2][wegen Plagiaten in einem Buch von Annalena Baerbock]. Die Kritik an ihr
war in Teilen maßlos, aber maßlose Kritik kann es auch nur da geben, wo es
einen Anlass für maßvolle Kritik gibt. Wer keine Kapazitäten hat, um ein
ordentliches Buch zu schreiben, sollte es lassen. Die Grünen lernten daraus
und professionalisierten sich. Auch im nächsten Wahlkampf haben sie
beileibe nicht alles richtig gemacht, aber so einen Fehler leisteten sie
sich nicht noch mal.
Dabei sind geklaute Sätze in einem mittelmäßigen Sachbuch nichts gegen den
Angriffspunkt, den die Linke aktuell liefert. [3][Es war naheliegend, dass
Kritiker*innen am Wahlabend einen Bezirksverband in den Blick nehmen,
der für die Verharmlosung antiisraelischen Terrors und organisierter
Kriminalität bekannt ist.] Es ist übrigens auch nicht verwerflich. Eine
Parteiführung darf so einen Verband nicht einfach machen lassen. Zumindest
dürfte sie Maßnahmen verlangen, die das Risiko eines Eklats an einem der
wichtigsten Abende der Parteigeschichte minimieren – angefangen bei einer
harten Türpolitik für die Wahlparty.
In einer Partei, in der Disziplin keine übergeordnete Rolle spielt, kostet
das Kraft. Aber noch mehr Kraft kostet es, den jetzt angerichteten Schaden
irgendwie zusammenzukehren. Und wer wirklich regieren will, muss mit seinen
Kräften haushalten. Es gibt schließlich nicht nur die unnötige
Angriffsfläche, sondern auch die nötige. Wer in Politikfeldern wie der
Mietenpolitik einen radikalen Wandel will, wird auch dafür mächtigen
Gegenwind von denen bekommen, die ihn nicht wollen. Auch dagegen hilft kein
Selbstmitleid. Dagegen muss man dann wirklich stehen.
25 Sep 2026
## LINKS
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## AUTOREN
(DIR) Tobias Schulze
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